Das Bild oben im Kopf dieser Seite ist ein Ausschnitt aus der Tafel 6, der Spezialtafel des Amtes Melsungen mit Bezirk der Stadt Melsungen von 1615, siehe dazu diese Seite.

Gesamtübersicht der Rubrik "Beifang".

Eine Schule wird Burg – Die Gauführerschule wird Gauschulungsburg

oder: Eine Führerin ist kein Führer

Die Bezeichnung Gauführerschule Walkemühle findet sich im Jahre 1933 in etlichen Dokumenten der NSDAP oder in Zeitungen.

Bei der Recherche in der Zeitung „Kurhessischer Erzieher“ wurden bei der Suche nach anderen Artikeln zwei Artikel über Tagungen in der „Gauschulungsburg Walkemühle“ gefunden:

 

Die Vorgeschichtstagung am 10./11. Dezember 1938 auf der Gauschulungsburg Walkemühle.

Kurhessischer Erzieher, 83 (1) 1939, S. 10

Bericht über die volkskundliche Tagung am 17./18. Dez. 1938 auf der Gauschulungsburg Walkemühle.

Kurhessischer Erzieher, 83 (2) 1939, S. 58

 

Wieso wird eine Schule eine Burg?

Einen möglichen Hinweis gibt eine andere Stelle wieder im „Kurhessischer Erzieher“:

 

Aus Anordnungen der Reichsleitung wird folgendes bekannt gegeben: „Die Bezeichnung

                                               „Der Führer“

war für uns Nationalsozialisten immer ein unantastbarer Begriff.

Heute ist der Führer der NSDAP. der Führer des gesamten Volkes und damit der Begriff staats- und weltpolitisch eindeutig festgelegt.

Ich ordne daher für die Oberste Leitung der PO. [d.h. Parteiorganisation; RS] an,

daß kein Politischer Leiter, ganz gleich in welcher Stellung innerhalb der Partei oder einer der angeschlossenen Organisationen er tätig ist, das Wort „Führer“ auch nicht in Verbindung mit einem anderen Wort, für sich verwenden darf.

... .

gez. Dr. Ley.

 

In Heft 3 der o.g. Zeitung ist allerding zu lesen:

Das Landjahr braucht Führerinnen.

Für pädagogisch vorgebildete Mädel besteht die Möglichkeit, als Führerin im Mädellandjahr einzutreten.

Mädel, die sich für diese Aufgabe geeignet fühlen, melden sich bei der Landjahrbezirksführerin im Regierungsgebäude in Kassel.

 

Die triviale Erkenntnis, dass eine Führerin kein Führer ist, bestand also auch damals schon.

Das benutzte Textverarbeitungssystem markiert die Worte Landjahr“ und Mädellandjahr“ als möglicherweise fehlerhaft; das Wort Landjahrbezirksführerin“ erhält keinen derartigen Hinweis.

 

 

 

Edelkommunisten in der Provinz –

oder: Die „Brutstätte“ in der Kontinuität der Literatur

Im „Handbuch des Kreises Melsungen 1934“ (s.u.) findet sich eine frühe Erwähnung: „Schon lange war es bekannt, daß das internationale Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen eine kommunistische Brutstätte bildete…“

In der offiziellen „Geschichte der Stadt Melsungen“ (s.u.) ist auf Seite 233 zu lesen:

Weiterhin werden politische Schutzhäftlinge in der Walkemühle inhaftiert. Sie war vor der Machtübernahme Schulungsstätte einer sozialistischen Splittergruppe, des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes" (ISK). Sie galt als Brutstätte für Edelkommunisten. Obwohl die Bewohner sich bei der Machübernahme schnellstens entfernten, wird das Anwesen durch SA und Hilfspolizei erstürmt, besetzt, durchsucht und in Besitz genommen. Da man der Bewohner nicht mehr habhaft werden kann, vergreift man sich an den Toten. Die führende Persönlichkeit der Bewegung, Professor Nelson und ein Arbeiter, die hier begraben liegen, werden mit städtischer Assistenz exhumiert und auf den jüdischen Friedhof überführt.

Unterstreichungen und Formatierung von Ralf Schaper: Die unterstrichenen Feststellungen sind beweisbar falsch! Für die Behauptung mit städtischer Assistenz exhumiert sind schriftliche Quellen nicht bekannt, nur über derartige Planungen dazu. Weiterhin wird der Eindruck erweckt, dass die Exhumierung 1933 vorgenommen wurde im Gegensatz zu vorhandenen Quellen, dass dies nach März 1936 und vor 1939 vollzogen wurde. Über die sonstigen Bewertungen des Autors Schmidt mögen LeserInnen selbst urteilen.

Wie sich Formulierungen wie Brutstätte für Edelkommunisten weitervererben, selbst in sich seriös gebenden Publikationen, lässt sich schön an diesem Beispiel erkennen:

Später kaufte der Lehrer Ludwig Wunder die Mühle und richtete eine sozialistische Schule ein, die bald vom Göttinger Professor Leonard Nelson übernommen wurde. Bekannte Pädagogen an der Schule waren Minna Specht, die später an der Odenwaldschule unterrichtete, und Nora Platiel, welche später Landgerichtspräsidentin und Kommunalpolitikerin in Kassel war.

Am 14. März 1933 wurde die Schule als kommunistische Brutstätte besetzt, und in der Folge die Gauführerschule Kurhessen eingerichtet. Noch vor Einmarsch der Amerikaner im Jahre 1945 wurden die Gebäude angezündet und brannten ab.

Aus einer Brutstätte für Edelkommunisten wird so eine kommunistische Brutstätte; man zitiert ja nicht wörtlich!

Ein kurzer, leichter Blick in LAGIS, das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde, hätte gezeigt, dass Nora Platiel nie Pädagogin war!!! Außerdem wurden nicht „die Gebäude angezündet“, sondern „nur“ die südlich der Landstraße liegenden! Diese westlichen Gebäude der Walkemühle wurden direkt vor den aus westlicher Richtung von Malsfeld her anmarschierenden amerikanischen Truppen am 1. April 1945 von – nach mündlichen Überlieferungen – abziehenden HJ-Gruppen angesteckt.

Sind die übrigen Informationen des Artikels von Herrn Maurer gleichermaßen fundiert recherchiert?

Quellen:

Kreis Melsungen (Hrsg.)
Handbuch 1934.
Melsungen: Bernecker 1934. Ohne Paginierung.

Kurt Maurer
Melsunger Grenzgänge 2008 – 2010.

Mitteilungen des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde Kassel 1834 e.V.
Jg.52, Juli 2011, S. 27 – 32; hier S.31;  Digitalisat

Jürgen Schmidt
Melsungen – Die Geschichte einer Stadt.
Melsungen: Magistrat der Stadt Melsungen 1978.

 

 

 

Über die Arbeitsmoral von Belasteten –

oder: PG.s bei Ordnungsarbeiten im Juni 1945

Abschriften:

Quelle: Hessisches Staatsarchiv Marburg: HStAM 330 Melsungen B Nr 2434

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Der Bürgermeister                          Melsungen, den 13. Juni 1945

als Ortspolizeibehörde

Herrn

....................

hier   

 

..................Str.Nr...

Auf Anordnung des Herrn Landrat sind ab Donnerstag, den 14.6. (morgen)
für die Dauer von 1- 2 Wochen in der Walkemühle Ordnungsarbeiten
durchführen. Sie sind zur Teilnahme an diesen Arbeiten bestimmt
worden und haben sich morgen früh um 7.15 Uhr pünktlich an der
Nürnbergerlandstrasse bei der Lederfabrik in Arbeitskleidung einzu-
finden. Verpflegung wird in der Walkemühle gewährt.

Die Herren: [Es folgen 14 Namen]

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Der Bürgermeister                          Melsungen, den 22. Juni 1945

als Ortspolizeibehörde

Analoger Brief wie oben mit (handschriftlich angeführten ca.) 10 Namen;
umseitig
:

Durchdruck
          Herrn Meier

                      Walkemühle

zur Kenntnisnahme. Die am Freitag eingesetzte Gruppe
von HJ-Angehörigen soll am Sonnabend wieder aufhören.
Dafür sollen die im umseitigen Schreiben genannten
HJ-Führer am Montag eine Woche arbeiten. Weitere
Ablösung wird im Laufe der nächsten Woche bestimmt werden.
          Melsungen,den 22. Juni 1945
             Der Bürgermeister

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Heinrich Meyer
  Walkemühle                                       Den  26. Juni  1945
_______________

 

An den
Herrn Bürgermeister
der Stadt Melsungen
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Sehr geehrter Herr Bürgermeister  !

Nachdem gestern statt der bestellten  10 Hitler-Jungens
nur 5 zu den Ordnungsarbeiten erschienen sind, ist
heute überhaupt keiner erschienen.
Um ein pünktliches Erscheinen zu gewährleisten, schlage
ist vor, dass die von Ihnen bestimmten Personen sich
jeweils um 7,15 Uhr bei der Polizei in Melsungen stellen.
Ich lasse sie dann durch einen Mann abholen. Auf d iese
Weise hat die Polizei eine unmittelbare Kontrolle, wer sich
der Aufforderung entzogen hat. Die Alt-Pg. waren vorbild-
lich pünktlich und fleissig, was ich hierm it ausdrücklich
hervorheben möchte.

                                  Hochachtungsvoll
                                   gez. H. Meyer

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