Das Bild oben zeigt Ausschnitt aus der Handlungsvollmacht von Minna Specht (London) für Theodor Hüpeden und Willi Schaper vom 1. 12. 1945 bzgl. des Wiederaufbaus der Walkemühle.

Die Bewohner der Walkemühle

Die folgenden Angaben bzgl. der Aufenthaltszeiten von Bewohnern in der Walkemühle stammen aus dem Auszug aus dem Melderegister der Gemeinde Adelshausen, Kreis Melsungen, über die von 1921 bis 1933 für die Walkemühle gemeldeten Personen, das 1962 von Max Mayr erstellt wurde. In dem Verzeichnis sind Namen von 193 Personen angeführt. Mayr war lange Jahre als Häftling im KZ Buchenwald sog. Kommandiertenschreiber und bemerkte zu diesem Melderegisterauszug:

Immerhin hatte es uns schon immer gewundert, dass die Gestapo s.Zt. offenbar keinen Gebrauch davon gemacht hat, sonst wären doch viele Prozesse gegen unsere Freunde ganz gewiss kompletter gewesen und anders verlaufen. 

Im März 1933 waren noch 36 Personen in der Walkemühle gemeldet, darunter 22 Kinder. Von den bei Wikipedia erwähnten ISK-Mitgliedern, waren viele auch zu Kursen in der Walkemühle, ohne im Einwohnermeldeverzeichnis extra eingetragen worden zu sein. So kommt z.B. Leonard Nelson in diesem Melderegisterauszug nicht vor.

Mit den seiner Zeit benutzten Bezeichnungen werden hier ausgewählte Bewohner aufgeführt als Schüler, Helfer oder Lehrer.

Schüler waren einerseits schulpflichtige Kinder, teilweise noch im Kindergartenalter; andererseits erwachsene Berufstätige. Erwachsene Schüler mussten ebenso wie die Helfer über aktive politische Erfahrungen verfügen, etwa in Gewerkschaften, im Arbeiter-Abstinenten-Bund oder im Freidenkerverband, bevor sie ausgewählt von lokalen Gruppen des ISK in die Walkemühle kommen konnten mit dem Ziel später als Funktionäre des ISK zu arbeiten.

Helfer waren ausgebildete ArbeiterInnen bzw. HandwerkerInnen, meist Schlosser, Schreiner oder Köchinnen, die, ohne Lohn zu erhalten, in den Werkstätten bzw. der Küche der Walkemühle für den Eigenbedarf des Landerziehungsheims arbeiteten, aber insbesondere auch den Schülern handwerkliche Grundfertigkeiten beibrachten; manche Helfer nahmen zeitweise zusätzlich an Kursen für die erwachsenen Schüler teil.

In der folgenden Liste sind neben den Meldezeiten in der Walkemühle noch wenige Angaben über spätere politische bzw. berufliche Betätigung angeführt. Hinweise zu Emmigration resp. zu Verfolgung während der Nazi-Zeit fehlen auf diesen Seiten. Zu einigen der Genannten gibt es Biografien, deren bibliografische Daten über den jeweiligen Link bei WorldCat leicht erhältlich sind. Durch Eingabe des betrachteten Namens sind ebenfalls zusätzliche Informationen zu finden. Zu fast allen der nun Genannten finden sich auch bei Rüther, S. 551 – 630, teilweise sehr ausführliche biografische Hinweise.

In der offizielen Geschichte der Stadt Melsungen wird auf Seite 233 behauptet:
Obwohl die Bewohner [der Walkemühle am 14. März 1933] sich bei der Machübernahme schnellstens entfernten, wird das Anwesen durch SA und Hilfspolizei erstürmt, besetzt, durchsucht und in Besitz genommen. Da man der Bewohner nicht mehr habhaft werden kann, vergreift man sich an den Toten.
Die in der folgenden Liste fett markierten An- und Abmeldedaten beweisen das Gegenteil von "schneller Entfernung" und "nicht mehr Habhaftmachung".

Lehrer 

Fritz Eberhard, geb. Hellmuth Freiherr von Rauschenplat
18. 11. 1924 – 22. 6. 1925, 12. 10. 1925 – 9. 5. 1933
1948 – 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates, 1949 – 1958 Intendant des Süddeutschen Rundfunks.  
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Biographie: Rückblicke auf Biographie und Werk.

Willi Eichler
14. 6. 1922 – 12. 6. 1923
1947 – 1968 Vorstandsmitglied der SPD, Mitglied des Landtages NRW, des Deutschen Bundestages und der Parlamentarischen Versammlung des Europarates  bis 1953.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Biographie: Ethischer Sozialismus und soziale Demokratie : der politische Weg Willi Eichlers vom ISK zur SPD.

Paul Goosmann
10. 10. 1926 – 13. 6. 1927
1945 – 1974 Professor für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Bremen, später Universität Bremen.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Autobiographie: Erinnerungen eines Bremer Reformpädagogen.

Gustav Heckmann
9. 10. 1927 – 3. 5. 1933
1946 – 1982 Professor für Philosophie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Hannover.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Biographie: Vernunft, Ethik, Politik : Gustav Heckmann zum 85. Geburtstag.

Grete Henry-Hermann
6. 11. 1927 – 3. 5. 1928, 24. 3. 1933 – 20. 4. 1933
1950 – 1966 Professorin für Philosophie und Physik an der Pädagogischen Hochschule Bremen.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.

Hans Lewinski  
8. 5. 1932 – 21. 3. 1933
Rüther, S. 599

Julie Pohlmann
1.3. 1923 – 19. 4. 1933
Rüther,  S. 609

Minna Specht
5. 11. 1923 – 19. 4. 1933
1946 – 1951 Leiterin der Odenwaldschule, ab 1952 Mitarbeiterin im UNESCO-Institut für Pädagogik in Hamburg und im Exekutivausschuss der deutschen UNESCO-Kommission 
Siehe auch die Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. die Seite beim Archiv der sozialen Demokratie.
Biographie: Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).

 

Liselotte Wettig
8. 12. 1927 – 24. 3. 1933
Autorin von: Das Problem der Strafe in der Erziehung.
 

Ludwig Wunder
15. 5. 1921 – 29. 12. 1924
nach 1945 kurzzeitig kommissarischer Bürgermeisters von Michelbach.
Biographie:  Im Kampf gegen die autoritäre Schule - der Reformpädagoge Ludwig Wunder (1878 - 1949).

 

Schüler

Hermann Beermann
29. 2. 1928 – 18. 11. 1929
1962 – 1969 stellvertretender Vorsitzender des DGB.
Siehe diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw.die Seite im Archiv der sozialen Demokratie.

René Bertholet
2. 6. 1928 – 27. 3. 1929, 17. 5. 1930 – 29. 3. 1931
Nach 1944 Mitarbeiter bzw. Leiter des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes und 1950 Gründer von Genossenschaften in Brasilien.
Siehe diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. beim Historischen Lexikon der Schweiz.
Biographie:
René Bertholet (1907-1969)
In: Cahiers d'histoire du mouvement ouvrier. Vol.11-12. p. 140-146, 1995-1996
Digitalisat

Alexander Dehms
24. 5. 1924 – 10. 9. 1927
1951 – 1967 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, 1975 Stadtältester von Berlin.
Siehe auch diese Seite beim Archiv der sozialen Demokratie.

Grete Eichenberg
11. 5. 1931 – 27. 11. 1931
Stadtverordnete in Kassel und später dort lange Jahre ehrenamtliche Stadträtin.
Rüther, S. 554

Allan Flanders
23. 7. 1929 – 30. 3. 1930, 16. 5. 1930 – 13. 10. 1930, 3. 5. 1931 – 2. 12. 1931
1949 Senior Lecturer in Industrial Relations in Oxford, 1964 Fellow Nuffield College Oxford

Hanna Fortmüller/Bertholet
25. 5. 1930 – 29. 3. 1931
Leiterin der Verlage Öffentliches Leben und Europäische Verlagsanstalt.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Rüther, S. 552

Wilhelm Fuhrmann
17. 6. 1929 – 30. 3. 1930
Dezember 1943 bis Dezember 1945 US-Soldat im Pazifikkrieg, später Gewerkschaftssekretär in New York.
Rüther, S. 578 

Werner Hansen, geb. Wilhelm Heidorn
12. 11. 1928 – 26. 3. 1929
1947 – 1956 Vorsitzender des DGB-Bezirks Nordrhein-Westfalen und bis 1969 Mitglied des DGB-Bundesvorstandes.
Biographie: Werner Hansen (1905 – 1972) (pdf)

Mascha Oettli
26. 4. 1928 – 7. 3. 1929, 1. 8. 1930 – 7. 4. 1931
1952 – 1970 Zentralsekretärin der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. im Schweizerischen Sozialarchiv.

Nora Platiel, geb. Eleonore Block
27. 7. 1925 – 8. 9. 1925
1951 Landgerichtsdirektorin in Kassel, 1954 – 1966 Mitglied des Hessischen Landtags, 1960 – 1966 Vorsitzende der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie, diese Seite in der Hessischen Biografie bzw. die Seite die Seite beim Jewish Women’s Archive.
Biographie: Sozialistin - Emigrantin - Politikerin.

Willi Schaper
Treuhänder des ISK für den Wiederaufbau der Walkemühle 1945 – 1948.
25. 7. 1927 – 22. 3. 1930
Rüther, S. 616

Hellmut Schmalz
20. 4. 1925 – 27. 4. 1925
1959 – 1968 Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft.

Nora Walter
2. 5. 1932 – 21. 3. 1933
1982 – 2001 Zweite Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie.
Siehe diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. die Seite im Archiv der sozialen Demokratie.

Willi Warnke
1. 6. 1931 – 19. 4. 1933
1946 – 1972 Stadtverordneter in Kassel, 1967 – 1972 stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher, 1972 Stadtältester von Kassel.
Rüther, S. 627