Edelkommunisten in der Provinz –

oder: Die „Brutstätte“ in der Kontinuität der Literatur

Im „Handbuch des Kreises Melsungen 1934“ (s.u.) findet sich eine frühe Erwähnung: „Schon lange war es bekannt, daß das internationale Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen eine kommunistische Brutstätte bildete…“

In der offiziellen „Geschichte der Stadt Melsungen“ (s.u.) ist auf Seite 233 zu lesen:

Weiterhin werden politische Schutzhäftlinge in der Walkemühle inhaftiert. Sie war vor der Machtübernahme Schulungsstätte einer sozialistischen Splittergruppe, des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes" (ISK). Sie galt als Brutstätte für Edelkommunisten. Obwohl die Bewohner sich bei der Machübernahme schnellstens entfernten, wird das Anwesen durch SA und Hilfspolizei erstürmt, besetzt, durchsucht und in Besitz genommen. Da man der Bewohner nicht mehr habhaft werden kann, vergreift man sich an den Toten. Die führende Persönlichkeit der Bewegung, Professor Nelson und ein Arbeiter, die hier begraben liegen, werden mit städtischer Assistenz exhumiert und auf den jüdischen Friedhof überführt.

Unterstreichungen und Formatierung von Ralf Schaper: Die unterstrichenen Feststellungen sind beweisbar falsch! Für die Behauptung mit städtischer Assistenz exhumiert sind schriftliche Quellen nicht bekannt, nur über derartige Planungen dazu. Weiterhin wird der Eindruck erweckt, dass die Exhumierung 1933 vorgenommen wurde im Gegensatz zu vorhandenen Quellen, dass dies nach März 1936 und vor 1939 vollzogen wurde. Über die sonstigen Bewertungen des Autors Schmidt mögen LeserInnen selbst urteilen.

Wie sich Formulierungen wie Brutstätte für Edelkommunisten weitervererben, selbst in sich seriös gebenden Publikationen, lässt sich schön an diesem Beispiel erkennen:

Später kaufte der Lehrer Ludwig Wunder die Mühle und richtete eine sozialistische Schule ein, die bald vom Göttinger Professor Leonard Nelson übernommen wurde. Bekannte Pädagogen an der Schule waren Minna Specht, die später an der Odenwaldschule unterrichtete, und Nora Platiel, welche später Landgerichtspräsidentin und Kommunalpolitikerin in Kassel war.

Am 14. März 1933 wurde die Schule als kommunistische Brutstätte besetzt, und in der Folge die Gauführerschule Kurhessen eingerichtet. Noch vor Einmarsch der Amerikaner im Jahre 1945 wurden die Gebäude angezündet und brannten ab.

Aus einer Brutstätte für Edelkommunisten wird so eine kommunistische Brutstätte; man zitiert ja nicht wörtlich!

Ein kurzer, leichter Blick in LAGIS, das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde, hätte gezeigt, dass Nora Platiel nie Pädagogin war!!! Außerdem wurden nicht „die Gebäude angezündet“, sondern „nur“ die südlich der Landstraße liegenden! Diese westlichen Gebäude der Walkemühle wurden direkt vor den aus westlicher Richtung von Malsfeld her anmarschierenden amerikanischen Truppen am 1. April 1945 von – nach mündlichen Überlieferungen – abziehenden HJ-Gruppen angesteckt.

Sind die übrigen Informationen des Artikels von Herrn Maurer gleichermaßen fundiert recherchiert?

Quellen:

Kreis Melsungen (Hrsg.)
Handbuch 1934.
Melsungen: Bernecker 1934. Ohne Paginierung.

Kurt Maurer
Melsunger Grenzgänge 2008 – 2010.

Mitteilungen des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde Kassel 1834 e.V.
Jg.52, Juli 2011, S. 27 – 32; hier S.31;  Digitalisat

Jürgen Schmidt
Melsungen – Die Geschichte einer Stadt.
Melsungen: Magistrat der Stadt Melsungen 1978.