Die „Besetzung“ der Walkemühle am 14. März 1933

Nora Walter

Der März 1933 aus der Erinnerung einer damals Neunjährigen

Weihnachten wurde nicht gefeiert, sondern Sylvester und Neujahr ein „Fest der Tiere“. Wir hängten Nistkästen auf und hörten wohl auch Geschichten über Tiere, es gab ein richtiges Programm für die zwei Tage. Deutlich habe ich noch vor Augen einen langen „Demonstrationszug“ aus Spielzeugtieren, der im Physikzimmer aufgebaut war.

[…]

Im Februar 1933 kam auch meine Schwester Lisa in die Walkemühle, […]

Viel Zeit hatte sie nicht, sich einzugewöhnen, denn nach sechs Wochen, am 14. März 1933 wurde die Walkemühle durch die Nazis geschlossen und beschlagnahmt.

Daran erinnere ich mich sehr deutlich. Wir hatten einen unserer Prüfungstage, die ja so vor sich gingen, daß die Schüler den andern, Kindern und Erwachsenen, darüber berichteten, was sie gelernt hatten. Wir saßen also alle zusammen im Physikzimmer und hörten zu.

Da kam Minna [Specht: RS] herein, ging nach vorn - sie hatte Tränen in den Augen - und sagte nur: „Die Schule ist geschlossen.“ Schon seit Tagen oder sogar Wochen hatten SA-Männer vor dem Haus patrouilliert und unsere Lehrer haben gewiß mit einer solchen Maßnahme gerechnet - uns jüngeren Kindern war das aber nicht so klar geworden. Nun mußten wir alle wieder nach Hause zu unseren Eltern. Mathias Schwer, der alte Gärtner der Walkemühle, der nicht in der Schule wohnte, schenkte mir und wohl allen Kindern ein winterliches Gesamtbild der Mühle, 6 ´ 9 cm, zur Erinnerung. Auf die Rückseite hatte er seinen Namen geschrieben. Ich habe es gut aufgehoben.

Auszug aus:

Walter, Nora
Langweilig war es nicht, mein Leben.
Empelde: unveröffentlichtes Typoskript, [2000]. 144 Seiten und Anhänge.

 

Erinnerung von Minna Specht (1944)

An einem Morgen im März 1933 ergriffen die Nazis von der Walkemühle Besitz. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, von dem aus die Kinder die ungewöhnlichen Vorgänge – Uniformen, Waffen, Kommandos – beobachtet hatten, wurde ich von ihnen mit der bangen Frage empfangen: «Wohin gehen wir nun?» In dieser mißlichen Lage schossen mir verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, und ich sagte dann: «Ich will versuchen, in Dänemark ein neues Heim zu finden.» Mir schwebte ein unklares, aber hoffnungsvolles Bild von einem friedlichen, einfachen Land vor. Die Art, wie die Augen der Kinder aufleuchteten, gab mir das Gefühl, ihnen gegenüber im Wort zu stehen und sie nicht enttäuschen zu dürfen.

Dieser Auszug kann ist mehrfach erwähnt:

Feidel-Mertz, Hildegard (Hrsg.)
Schulen im Exil: die verdrängte Pädagogik nach 1933
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1983. ISBN 3-499-17789-7.
S. 93 ff.

Hansen-Schaberg, Inge
Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).
Untersuchung zur pädagogischen Biographie einer Reformpädagogin.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 1992. ISBN 3-631-44250-5
S. 69, Fn. 248

Nielsen, Birgit S.
Erziehung zum Selbstvertrauen.
Ein sozialistischer Schulversuch im dänischen Exil 1933 - 1938. 
Wuppertal: Hammer 1985. ISBN 3-87294-265-4
S. 45 ff

 

Bericht des Landrats von Melsungen vom 14. 3. 1933

Der Landrat von Melsungen berichtete ausführlich an den Regierungspräsidenten in Kassel und empfahl u.a. dass

„… die Genehmigung zur Aufnahme von grundschulpflichtigen Kindern in der Anstalt wieder zurückgezogen wird, da zweifellos feststeht, dass die geistige Beeinflussung und Erziehung in der Walkemühle im scharfen Gegensatz zu deutschen und christlichen Grundsätzen steht. […] Denn wenn auch die in der Bevölkerung umgehenden Gerüchte über Waffenlager in der Walkemühle, Treffpunkt auswärtiger Kommunisten u.ä. nach dem Ergebnis zweimaliger sorgfältiger Haussuchungen nicht zutreffend sind, so bildet die Walkemühle doch einen sehr unerwünschten Unruheherd. …“

Aus:

HStAM 180 Melsungen 3729, Blatt 6-8

 

Handbuch des Kreises Melsungen 1934

Schon lange war es bekannt, daß das internationale Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen eine kommunistische Brutstätte bildete. Am 14. März erschien staatliche Polizei vor dem Heim, die die Schule mit Unterstützung von Hilfspolizei und SA. besetzte. Die einzelnen Räume der Anstalt wurden durchsucht und mehrere Aktenstücke beschlagnahmt. Nach der Durchsuchung blieb die Walkemühle besetzt. Sie dient jetzt [d.h. 1934] der NSDAP. als politische Führerschule. Die Geschäftsstelle der SA.-Standarte 173 wurde in der Walkemühle untergebracht. Die zahlreichen Räume boten in den ersten Wochen nach der nationalen Erhebung auch Unterkunftsmöglichkeit für politische Schutzhäftlinge, die zu ihrer eigenen Sicherheit gegen die Volkswut hier in Haft genommen wurden.

Kreis Melsungen (Hrsg.)
Handbuch 1934.
Melsungen: Bernecker 1934. Ohne Paginierung.

 

Bericht der Kasseler Post vom 1. 7. 1933

„Das Rüstzeug zum Führer bietet die Amtswalterschule in der Walkemühle“.

Die Zeitung lobte die auf das „beste eingerichteten Räume“ und bemerkte dann
„… eine Bibliothek, die mit 5000 Bänden ausgestattet ist. Viel zersetzendes Material, aber auch wertvolle Bücher sind da zu finden.

Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen. Welcher Geist in dieser kommunistischen Schule herrschte, beweist die Aussage eines neunjährigen Jungen, der Standartenführer Wagner auf eine religiöse Frage antwortete, daß Gottesglaube ein Märchen und Irrwahn der Menschheit sei. […]

Sämtliche Amtswalter des Gaues müssen an den Schulungskursen teilnehmen, ausgenommen die Kreisleiter und Kreisschulungsleiter, die die neugegründete Reichsführerschule in Bernau besuchen.