Das Bild oben zeigt Ausschnitt aus der Handlungsvollmacht von Minna Specht (London) für Theodor Hüpeden und Willi Schaper vom 1. 12. 1945 bzgl. des Wiederaufbaus der Walkemühle.

Gesamtübersicht der Rubrik "Dokumente".

Die Bewohner der Walkemühle

Die folgenden Angaben bzgl. der Aufenthaltszeiten von Bewohnern in der Walkemühle stammen aus dem Auszug aus dem Melderegister der Gemeinde Adelshausen, Kreis Melsungen, über die von 1921 bis 1933 für die Walkemühle gemeldeten Personen, das 1962 von Max Mayr erstellt wurde. In dem Verzeichnis sind Namen von 193 Personen angeführt. Mayr war lange Jahre als Häftling im KZ Buchenwald sog. Kommandiertenschreiber und bemerkte zu diesem Melderegisterauszug:

Immerhin hatte es uns schon immer gewundert, dass die Gestapo s.Zt. offenbar keinen Gebrauch davon gemacht hat, sonst wären doch viele Prozesse gegen unsere Freunde ganz gewiss kompletter gewesen und anders verlaufen. 

Im März 1933 waren noch 36 Personen in der Walkemühle gemeldet, darunter 22 Kinder. Von den bei Wikipedia erwähnten ISK-Mitgliedern, waren viele auch zu Kursen in der Walkemühle, ohne im Einwohnermeldeverzeichnis extra eingetragen worden zu sein. So kommt z.B. Leonard Nelson in diesem Melderegisterauszug nicht vor.

Mit den seiner Zeit benutzten Bezeichnungen werden hier ausgewählte Bewohner aufgeführt als Schüler, Helfer oder Lehrer.

Schüler waren einerseits schulpflichtige Kinder, teilweise noch im Kindergartenalter; andererseits erwachsene Berufstätige. Erwachsene Schüler mussten ebenso wie die Helfer über aktive politische Erfahrungen verfügen, etwa in Gewerkschaften, im Arbeiter-Abstinenten-Bund oder im Freidenkerverband, bevor sie ausgewählt von lokalen Gruppen des ISK in die Walkemühle kommen konnten mit dem Ziel später als Funktionäre des ISK zu arbeiten.

Helfer waren ausgebildete ArbeiterInnen bzw. HandwerkerInnen, meist Schlosser, Schreiner oder Köchinnen, die, ohne Lohn zu erhalten, in den Werkstätten bzw. der Küche der Walkemühle für den Eigenbedarf des Landerziehungsheims arbeiteten, aber insbesondere auch den Schülern handwerkliche Grundfertigkeiten beibrachten; manche Helfer nahmen zeitweise zusätzlich an Kursen für die erwachsenen Schüler teil.

In der folgenden Liste sind neben den Meldezeiten in der Walkemühle noch wenige Angaben über spätere politische bzw. berufliche Betätigung angeführt. Hinweise zu Emmigration resp. zu Verfolgung während der Nazi-Zeit fehlen auf diesen Seiten. Zu einigen der Genannten gibt es Biografien, deren bibliografische Daten über den jeweiligen Link bei WorldCat leicht erhältlich sind. Durch Eingabe des betrachteten Namens sind ebenfalls zusätzliche Informationen zu finden. Zu fast allen der nun Genannten finden sich auch bei Rüther, S. 551 – 630, teilweise sehr ausführliche biografische Hinweise.

In der offizielen Geschichte der Stadt Melsungen wird auf Seite 233 behauptet:
Obwohl die Bewohner [der Walkemühle am 14. März 1933] sich bei der Machübernahme schnellstens entfernten, wird das Anwesen durch SA und Hilfspolizei erstürmt, besetzt, durchsucht und in Besitz genommen. Da man der Bewohner nicht mehr habhaft werden kann, vergreift man sich an den Toten.
Die in der folgenden Liste fett markierten An- und Abmeldedaten beweisen das Gegenteil von "schneller Entfernung" und "nicht mehr Habhaftmachung".

Lehrer 

Fritz Eberhard, geb. Hellmuth Freiherr von Rauschenplat
18. 11. 1924 – 22. 6. 1925, 12. 10. 1925 – 9. 5. 1933
1948 – 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates, 1949 – 1958 Intendant des Süddeutschen Rundfunks.  
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Biographie: Rückblicke auf Biographie und Werk.

Willi Eichler
14. 6. 1922 – 12. 6. 1923
1947 – 1968 Vorstandsmitglied der SPD, Mitglied des Landtages NRW, des Deutschen Bundestages und der Parlamentarischen Versammlung des Europarates  bis 1953.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Biographie: Ethischer Sozialismus und soziale Demokratie : der politische Weg Willi Eichlers vom ISK zur SPD.

Paul Goosmann
10. 10. 1926 – 13. 6. 1927
1945 – 1974 Professor für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Bremen, später Universität Bremen.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Autobiographie: Erinnerungen eines Bremer Reformpädagogen.

Gustav Heckmann
9. 10. 1927 – 3. 5. 1933
1946 – 1982 Professor für Philosophie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Hannover.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Biographie: Vernunft, Ethik, Politik : Gustav Heckmann zum 85. Geburtstag.

Grete Henry-Hermann
6. 11. 1927 – 3. 5. 1928, 24. 3. 1933 – 20. 4. 1933
1950 – 1966 Professorin für Philosophie und Physik an der Pädagogischen Hochschule Bremen.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.

Hans Lewinski  
8. 5. 1932 – 21. 3. 1933
Rüther, S. 599

Julie Pohlmann
1.3. 1923 – 19. 4. 1933
Rüther,  S. 609

Minna Specht
5. 11. 1923 – 19. 4. 1933
1946 – 1951 Leiterin der Odenwaldschule, ab 1952 Mitarbeiterin im UNESCO-Institut für Pädagogik in Hamburg und im Exekutivausschuss der deutschen UNESCO-Kommission 
Siehe auch die Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. die Seite beim Archiv der sozialen Demokratie.
Biographie: Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).

 

Liselotte Wettig
8. 12. 1927 – 24. 3. 1933
Autorin von: Das Problem der Strafe in der Erziehung.
 

Ludwig Wunder
15. 5. 1921 – 29. 12. 1924
nach 1945 kurzzeitig kommissarischer Bürgermeisters von Michelbach.
Biographie:  Im Kampf gegen die autoritäre Schule - der Reformpädagoge Ludwig Wunder (1878 - 1949).

 

Schüler

Hermann Beermann
29. 2. 1928 – 18. 11. 1929
1962 – 1969 stellvertretender Vorsitzender des DGB.
Siehe diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw.die Seite im Archiv der sozialen Demokratie.

René Bertholet
2. 6. 1928 – 27. 3. 1929, 17. 5. 1930 – 29. 3. 1931
Nach 1944 Mitarbeiter bzw. Leiter des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes und 1950 Gründer von Genossenschaften in Brasilien.
Siehe diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. beim Historischen Lexikon der Schweiz.
Biographie:
René Bertholet (1907-1969)
In: Cahiers d'histoire du mouvement ouvrier. Vol.11-12. p. 140-146, 1995-1996
Digitalisat

Alexander Dehms
24. 5. 1924 – 10. 9. 1927
1951 – 1967 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, 1975 Stadtältester von Berlin.
Siehe auch diese Seite beim Archiv der sozialen Demokratie.

Grete Eichenberg
11. 5. 1931 – 27. 11. 1931
Stadtverordnete in Kassel und später dort lange Jahre ehrenamtliche Stadträtin.
Rüther, S. 554

Allan Flanders
23. 7. 1929 – 30. 3. 1930, 16. 5. 1930 – 13. 10. 1930, 3. 5. 1931 – 2. 12. 1931
1949 Senior Lecturer in Industrial Relations in Oxford, 1964 Fellow Nuffield College Oxford

Hanna Fortmüller/Bertholet
25. 5. 1930 – 29. 3. 1931
Leiterin der Verlage Öffentliches Leben und Europäische Verlagsanstalt.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie.
Rüther, S. 552

Wilhelm Fuhrmann
17. 6. 1929 – 30. 3. 1930
Dezember 1943 bis Dezember 1945 US-Soldat im Pazifikkrieg, später Gewerkschaftssekretär in New York.
Rüther, S. 578 

Werner Hansen, geb. Wilhelm Heidorn
12. 11. 1928 – 26. 3. 1929
1947 – 1956 Vorsitzender des DGB-Bezirks Nordrhein-Westfalen und bis 1969 Mitglied des DGB-Bundesvorstandes.
Biographie: Werner Hansen (1905 – 1972) (pdf)

Mascha Oettli
26. 4. 1928 – 7. 3. 1929, 1. 8. 1930 – 7. 4. 1931
1952 – 1970 Zentralsekretärin der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. im Schweizerischen Sozialarchiv.

Nora Platiel, geb. Eleonore Block
27. 7. 1925 – 8. 9. 1925
1951 Landgerichtsdirektorin in Kassel, 1954 – 1966 Mitglied des Hessischen Landtags, 1960 – 1966 Vorsitzende der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag.
Siehe auch diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie, diese Seite in der Hessischen Biografie bzw. die Seite die Seite beim Jewish Women’s Archive.
Biographie: Sozialistin - Emigrantin - Politikerin.

Willi Schaper
Treuhänder des ISK für den Wiederaufbau der Walkemühle 1945 – 1948.
25. 7. 1927 – 22. 3. 1930
Rüther, S. 616

Hellmut Schmalz
20. 4. 1925 – 27. 4. 1925
1959 – 1968 Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft.

Nora Walter
2. 5. 1932 – 21. 3. 1933
1982 – 2001 Zweite Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie.
Siehe diese Seite bei der Philosophisch-Politischen-Akademie bzw. die Seite im Archiv der sozialen Demokratie.

Willi Warnke
1. 6. 1931 – 19. 4. 1933
1946 – 1972 Stadtverordneter in Kassel, 1967 – 1972 stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher, 1972 Stadtältester von Kassel.
Rüther, S. 627

Aus diesen Texten wurde auf dieser Seite zitiert:

Mayr, Max  
Auszug aus dem Melderegister der Gemeinde Adelshausen;
1962.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie. Nachlass Minna Specht, 1/MSAE 000067.

Rüther, Martin; Uwe Schütz und Otto Dann (Hrsg.)   Deutschland im ersten Nachkriegsjahr. Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46. München: K.G. Saur 1998, ISBN 3-598-11349-8 Schmidt, Jürgen Melsungen – Die Geschichte einer Stadt. Melsungen: Magistrat der Stadt Melsungen 1978.

Gedenkschrift für Leonard Nelson

Zu Ehren von Leonard Nelson gab die Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V. (GFA) im Dezember 1928 eine
12-seitige Broschüre heraus.

Mit einem Appell endet darin die kurze Einleitung; sie ist unterschrieben von dem Vorstand der Gesellschaft; d.h. von

Prof. Dr. Franz Oppenheimer,
Prof. Otto Meyerhof,
Dr. Arthur Kronfeld und
Minna Specht

Wir wenden uns an alle, die, unbeschadet einzelner Abweichungen in der philosophischen und sozialen Auffassung, überzeugt sind von der Bedeutung der Persönlichkeit und des Werkes Leonard Nelsons für die Zukunft unserer Kultur, Staatsordnung und Wirtschaft. Wir bitten auch Sie, dieses große Werk der Erziehung nach Ihren Kräften materiell und ideell unterstützen zu wollen, indem Sie in den Kreis der «Freunde der philosophisch-politischen Akademie» mit einem Jahresbeitrage von mindestens 20 Goldmark eintreten. Sie werden dadurch nicht nur an der Erhaltung und dem Ausbau eines erzieherischen Kulturwerks mitwirken, das Bewunderung verdient; sondern Sie werden darüber hinaus dazu helfen, das Andenken eines wahrhaft großen Menschen zu ehren, eines Mannes, dessen volle Bedeutung erst die Zukunft erkennen wird.

Die Broschüre enthält den Aufsatz von Berta Rode „Über die Walkemühle“. Im Kontext des führerschaftlich geführten ISK und der GFA ist dieser Text als authentische, programmatische Schrift zu beurteilen, der zentrale Aspekte der Erziehungs- und Organisationsprinzipien des ISK thematisiert.

Über die Walkemühle

Die Philosophie Leonard Nelsons ist gegründet auf das Selbstvertrauen der Vernunft: auf das Vertrauen des Menschen in seine Erkenntnis, und auf das Vertrauen in die Kraft der menschlichen Natur, sich nach dieser Erkenntnis zu richten. Es wird dem Menschen hier etwas zugetraut: selber die Wahrheit erkennen zu können, und es wird ihm zugleich etwas zugemutet: nach der erkannten Wahrheit zu handeln.

            In jedem Menschen schlummert ursprünglich dieser Geist des Selbstvertrauens. In der Hand des Erziehers liegt es, ihn zu töten oder ihn zu wecken. Der zu Erziehende hat ein Recht darauf, daß dieser Geist in ihm geweckt und nicht getötet wird. Diesen Geist zu wecken und den Weg frei zu halten, daß das Selbstvertrauen sich auch betätigen kann, das ist die Aufgabe des Landerziehungsheims Walkemühle, der internationalen Schule, die Nelson im Jahre 1922 in der Nähe von Kassel gegründet hat.

            In einer autoritätslosen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft sind hier die Lernenden – Arbeiterkinder, junge Arbeiter und Arbeiterinnen – mit ihren Erziehern vereinigt. Wie werden Unterricht und Lehensgemeinschaft ihrer Aufgabe gerecht?

            Der Unterricht der Kinder dadurch, daß die Erzieher mit den Kindern einen Stoff behandeln, den der kindliche Geist bewältigen kann, und dadurch, daß dieser Stoff von den Kindern selbständig erarbeitet wird. Es fehlt in diesem Unterricht jeder tote Gedächtniskram. Die Kinder lernen an der Natur, die sie in reicher Fülle umgibt. Sie werden vertraut mit den Vögeln und den Pflanzen ihrer Umgebung und schulen ihre praktischen Anlagen im Werkunterricht. Im Verkehr mit den Kindern des nahegelegenen Dorfes lernen sie deren Lebensweise kennen. Indem sie an den praktischen Arbeiten der Erwachsenen sich beteiligen, soweit es ihre Kräfte zulassen, und indem sie ihre Rechte ihnen gegenüber vertreten lernen, gewinnen sie ein selbständiges Verhältnis zu dem Leben in einer Gemeinschaft.

            Doch der Lehrstoff ist es nicht so sehr, was die Erziehung in der Walkemühle von der anderer guter Schulen unterscheidet. Sondern der weit bedeutsamere Unterschied liegt darin, daß die Kinder alles, was sie studieren, selber beobachten und danach, gestützt auf ihre eigenen Kräfte, gestalten und verarbeiten, Worauf alles ankommt, ist das Zurücktreten des Lehrerurteils, das unbefangene Sichervordrängen der kindlichen Gedanken- und Gefühlswelt, die sich dann entfaltet und schult an der Eroberung der Umwelt. Die Hauptaufgabe des Erziehers wird hier, über der Auswahl der Aufgaben zu wachen, die Umgebung schön zu gestalten und selber sittlich zu leben. In ähnlicher Weise, natürlich mit entsprechend anderem Stoff, geht der Unterricht der erwachsenen Schüler vor sich. An Stelle des anderswo üblichen Vortrags tritt das selbständige Studium und die Aussprache nach sokratischer Methode, die den Schüler zwingt, seine eigenen Gedanken zu verfolgen, und die ihm zugleich die Möglichkeit gibt, gemeinsam mit den Kameraden die richtige Überzeugung zu suchen und zu finden. In einem solchen Unterricht brechen Phrasen und Angelerntes unter der freien Kritik und dem eigenen besonnenen Urteil zusammen. Aber es gilt, eine harte Arbeit zu leisten, ehe die durcheinander schwirrenden Gedanken geordnete wissenschaftliche Wege einschlagen, Die Naturwissenschaften sind eine gute Vorschule dafür. Naturwissenschaftliche Fragen stehen darum am Eingang der wissenschaftlichen Arbeit und werden erst, nachdem der Schüler einige Sicherheit im selbständigen Denken gewonnen hat, von schwierigeren Fragen aus der Volkswirtschaftslehre, der Geschichte oder der Philosophie abgelöst.

Mindestens ebenso zurückhaltend wie bei den Kindern muß der Lehrer hier mit dem eigenen Urteil sein. Denn durch den Gedächtnisdrill der heute üblichen Erziehung ist den Erwachsenen die Unabhängigkeit des Denkens bereits verloren gegangen, während es bei dem Kinde nur gilt, diese Unabhängigkeit zu erhalten und zu festigen.

Und die Lebensgemeinschaft?

Weil alle Lehrer und Schüler in der Walkemühle sich darin einig sind, daß sie bei hinreichender Anstrengung durch ihr wissenschaftliches Arbeiten nicht nur die Wahrheit finden können, sondern daß ihre Kraft auch ausreicht, der Wahrheit gemäß zu handeln, darum vereinigt die Lehrenden und Lernenden in dieser Schule nicht nur eine geistige Gemeinschaft, sondern zugleich eine Gemeinschaft der Tat, die darin besteht, das eigene Leben nach den erarbeiteten Erkenntnissen zu gestalten. Selber Verantwortung zu übernehmen und sich nicht einfach gängeln zu lassen von Meinungen, Sitten, Gewohnheiten oder auch von äußeren Gewalten, das ist in der Tat das Ziel und der Erfolg dieser Art von Erziehung. Kein Fleisch mehr zu essen, weil es auch ein Recht der Tiere gibt; die Kirche zu bekämpfen, weil sie das Recht des Menschen, zu einem selbständigen geistigen Leben zu erwachen, mit Füßen tritt; also gegen die Ausbeutung jeglicher Art die Kräfte anzuspannen, das ergibt sich für den in dieser Weise Erzogenen als eine unabweisbare Forderung.

            Die heute herrschende Meinung geht dahin, daß eine Erziehung zur Verantwortung nur in einer demokratisch organisierten Gemeinschaft aufgebaut werden könnte. Und doch beruht diese Meinung auf einem Irrtum. Man verkennt dabei, daß das Verantwortungsgefühl sich da nicht entwickeln kann, wo der zu Erziehende nicht die Möglichkeit hat, zu tun, was er für richtig hält. Wie kann ich Verantwortung übernehmen für ein Geschehen, das gar nicht von meiner Einsicht, sondern vom „Willen der Gemeinschaft“ abhängt? Und man verkennt ferner, daß auch die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, nicht genügt, wenn der zu Erziehende sich an Aufgaben begibt, denen er nicht gewachsen ist und an denen er dann meist entweder verzagt oder die ihn, falls er sie dennoch wagt, zur Verantwortungslosigkeit verführen. Wer aber soll die Aufgaben mit ihm auswählen? Wie soll er sich schulen, Verantwortung zu übernehmen? In vernünftiger Weise kann dieses schwere Amt nur in einer führerschaftlichen Organisation geübt werden, d.h. in einer Gemeinschaft, die klar erkennen läßt, wer die Verantwortung trägt, welche Anforderungen das Amt seinem Verwalter auferlegt und wie Erfolge und Mißerfolge verwertet werden. Darum ist die Walkemühle nicht demokratisch, sondern auf dem Grundsatz der Führerschaft aufgebaut. Sie ist so zugleich der Prüfstein für die Möglichkeit einer vernünftigen Führerschaft überhaupt.

Walkemühle, im Februar 1928   -  Berta Rode

(Die Hervorhebungen entsprechen dem Original.)

Rode, Berta
Über die Walkemühle.
In: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie: [1928], S. [5] - [7].

Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V. (Hrsg.)
Nachruf auf Leonard Nelson.
Walkemühle: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V, ohne Jahr [Dezember 1928], [12 Seiten].

Die Verfassung der "Kinderrepublik Klein Berlin"

Abschrift:

Quelle: Hessische Hauptstaatsarchiv Nachlass Anna Beyer: HHStAW 1213 31

 

Schul- u. Erholungsheim Walkemühle bei Melsungen, Bez. Kassel
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Verfassung
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der Gemeinde Klein-Berlin in der Walkemühle
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Vorwort.

Die Gemeinde der Berliner Kinder im Schul- u. Erholungsheim Walkemühle gibt sich diese Verfassung, um das Zusammenleben nach gewissen Grundsätzen und Richtlinien festzulegen; sie soll den Weg zeigen, der zu einem freudigen und glücklichen Zusammenleben in der Walkemühle führt.

 

I. Hauptteil, Aufbau der Gemeinde.

Artikel I.      An der Spitze der Gemeinde steht der selbstgewählte Gemeinderat, der mit den Erwachsenen der Heimleitung alle Fragen des Zusammenlebens bespricht und regelt.

Artikel II.     Der Gemeinderat besteht aus 7 Mitgliedern. Jungen und Mädel werden ihrer Anzahl entsprechend in den Rat gewählt.

Artikel III.    Der Gemeinderat wählt für jede Gruppe (Jungen und Mädel) einen Bürgermeister.

Artikel IV.     Der Gemeinderat wird jeden Monat neu gewählt.

Artikel V.      Die Wahl erfolgt in geheimer Abstimmung. Wahlbe-rechtigt sind alle Kinder die das vierte Schuljahr erreicht haben; wählbar sind alle Kinder die das sechste Schuljahr erreicht haben oder 12 Jahre alt sind.

II. Hauptteil. ( Rechte und Pflichten der Kinder )

Artikel VI.     Alle Kinder haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten, niemand soll bevorzugt, niemand benachteiligt werden.

Artikel VII.    Alle Kinder haben das Recht auf Essen, Schlafen und auf Freizeit.

Artikel VIII.   Jedes Kind kann sich beim Gemeinderat beklagen und seinen Schutz in Anspruch nehmen.

Artikel IX.     Alle Kinder haben die Pflicht:

a) sich dieser Gemeinschaft einzuordnen;
b) den Körper zur Erhaltung der Gesundheit sauberzuhalten;
c) dazu gehört auch die Sauberhaltung der Kleidung, der
   Stube und des Heimes;
d) jeder hat die Schule zu besuchen und die ihm aufgetra-
   genen Schularbeiten gewissenhaft auszuführen;
e) an allen Arbeiten, die dem Wohle der Gemeinschaft dienen,
   soweit es seinem Können und seiner Kraft entspricht,
   teilzunehmen;
f) während der festgelegten Liegezeit unbedingste Ruhe zu
   halten;
g) an allen gemeinschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen.

 

Artikel X.      Wer seine Pflichten vergißt, wird vor den Gemeinderat geladen. Der Gemeinderat bespricht in Sitzungen auf welche Art und Weise das betreffende Kind sein Versäumniss wieder gutzumachen hat. Die Beschlüße sind für alle Kinder verbindlich, das heißt, jedes Kind hat die Weisungen des Gemeinderates zubefolgen.

 

III. Hauptteil ( Die Aufgaben des Gemeinderates )

Artikel XI.     Der Gemeinderat regelt und beobachtet das Leben der Kinder und die Durchrührung der im Hauptteil II festgelegten Rechte und Pflichten jedes Kindes. Darunter wird verstanden:

persönliche Sauberkeit

Ordnung in der Stube

Pünktlichkeit

Einteilung und Einhaltung der der Gemeinschaft die-
nenden Hilfsarbeiten ( Bücheraustausch, Küchendienst,

Schulraumordnung )

 

Artikel XII.    Mindestens einmal in der Woche hat der Gemeinderat zusammenzutreten. Die beiden Bürgermeister besprechen jeden Abend die Tagesereignisse mit der Heimleitung.

Artikel XIII.   Alle Wünsche, Vorschläge und Klagen sind dem Gemeinderat vorzulegen, der diese bespricht, einen Beschluß darüber faßt und diesen der Heimleitung vorlegt.

 

Schlusswort     Diese unsere Verfassung tritt mit dem Tage ihrer Annahme und Verkündung in Kraft.

Wir Berliner Kinder hoffen, daß unser Zusammenleben durch diese Verfassung auf das Beste und Angenehmste gefördert wird.

 

Walkemühle, den 14. Februar 1949.

 

 

f.d.Heimleitung:                    f.d.Gemeinderat:

Vollmachten

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 etablierten die Alliierten in ihren Besatzungszonen Militärregierungen. Sie setzten in Städten und Dörfern Bürgermeister als untere Verwaltungsebene ein.

Heinrich Meyer schildert seine ersten  Erfahrungen vom Mai 1945. Einige Ausschnitte von dieser Seite:  http://www.landerziehungsheim-walkemuehle.de/mitte-mai-bis-juli-1945.html

Bei dem neuen Bürgermeister stellte ich mich vor als alter IJB- und ISK-Freund. Der Mann war skeptisch. Es begann bereits das „Zeitalter der Persilscheine“. Er holte einen alten Textil-Arbeiter, Gewerkschafter und SPD-Mann - Gen. Franke. Beiden erzählte ich dann von Minna Specht, von der ich wusste, dass sie mit den Kindern nach Dänemark - flüchten konnte. Weitere Erinnerungen - Zusammentreffen mit Rauschenplat bis 1937/38, ein Besuch in London 1938 bei Maria Hodan. Als ich noch erzählte, dass Erich Graupe in Adelshausen begraben sein müsste, glaubte man mir.

Zunächst besorgte mir der Genosse Bürgermeister einen Ausweis für den Landkreis Melsungen. Mein Plan war, das Anwesen wieder herzurichten und vielleicht als Erholungsheim für die Kinder und Angehörige von KZ-Genossen einzurichten. Zunächst machte ich eine Bestands-Aufnahme.

[…]

Ich versuchte bei dem U.S.A.-Ortskommandanten in Melsungen vorsprechen zu dürfen, um mein Anliegen vorzutragen. Nach mehrtägigem Warten wurde ich vorgelassen. Da die verschiedenen Grossobjekte und Betriebe einen Treuhänder zugeteilt bekamen, erbat ich als Treuhänder, für die Walkemühle eingesetzt zu werden. Die Unterhaltung war erst sehr kühl. Ich wurde über meine Vergangenheit befragt. Als ich mich als Anti-Hitler vorstellte, nahm der Offizier die Füsse vom Tisch, schlug mit dem Revolver sehr hart auf den Schreibtisch und schrie laut, dass ich einen Schreck bekam.

Der Interpreter [d.h. Übersetzer; RS] sagte mir:

99,9 % haben für Hitler gestimmt, heute kommen täglich Dutzende von Menschen und erklären. dass sie Anti-Hitler waren, er möchte doch endlich mal einen richtigen, leibhaftigen Nazi kennen lernen. Ich sei doch so einer und soll es doch zugeben.

[…]

Ich bekam ein Dokument als Treuhänder und einen Reise-Ausweis nach Ffm, um meine Frau zu holen.

Am 10. Juli 1945 stellt Heinrich Meyer eine Vertretungsvollmacht für Willi Schaper aus:

Am 20.9.1945 formuliert Willi Eichler eine Bestätigung der Bevollmächtigung für Willi Schaper:

Der benutze Stempel stammt wohl noch aus dem „Dritten Reich“. Dabei wurde – wie auch häufig bei anderen Behörden – das Hakenkreuz in der Mitte des Stempels einfach herausgeschnitten.

Willi Eichler lässt sich am 22 9. 1945 seine Funktion als „Mitglied des Vereins, der der Eigentümer des Grundstücks der Walkemühle bei Melsungen war“ durch den Bürgermeister Eberhard von Adelshausen bestätigen.

Der Internationale Sozialistische Kampfbund bzw. die formal aufgelöste Philosophisch-politischen Akademie, also die Eigentümer des Landerziehungsheimes Walkemühle, wurden gemeinsam von Willi Eichler und Minna Specht geführt.

Im Dezember 1945 stellte Minna Specht noch die folgende Vollmacht aus: Zuerst das ganze Dokument:

Ausschnitt:

Abschrift:

BY THIS POWER OF ATTORNEY  I, MINNA SPECHT (spinster),the legal representative of the Philosophisch-Politische Akademie e. V. at Melsungen, of 33 Green Lane in the Borough of Hendon, London N.W.4

APPOINT THEODOR HÜPEDEN of Kassel and WILLI SCHAPER of Walkemühle, near Melsungen my attorneys for me and in my name to do and execute all or any of the following acts, deeds and things that is to say:

Übersetzung

Abschrift:

V o l l m a c h t .

Ich, Minna Specht zur Zeit wohnhaft in London N.W.4, No. 33 Green Lane, die Vorsitzende der Philosophisch-Politische Akademie e.V. in Melsungen, bevollmächtige hiermit die Herren Theodor Hüpeden in Kassel und Willi Schaper in Walkemühle bei Melsungen, die Interessen dieses Vereins gegenüber Privatpersonen und Behörden, jeder einzeln für sich oder beide gemeinsam in jeder Weise zu vertreten

Aber auch Minna Specht brauchte eine Zertifizierung durch den amerikanischen Konsul in London:

Certificate of Acknowledgement of Execution of Document

J.J. Coyle, Vice Consul of the United States at London, England,

[…]

do herby certify that on this  of 14th of December 1945, before me personally appeared MINNA SPECHT …

In witness whereof I have hereunto set my hand and official seal the day and year last above written

(Signature)

J.J.Coyle

Die Ablösung von Wilhelm Schaper als Treuhänder durch das „Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung“ am 19.1.1949 erfolgte u.a. aus gesundheitlichen Gründen, insbesondere aber aus Meinungsverschiedenheiten über die weitere Verwendung der Walkemühle.

Innenseite

Außenseite des o.g. Papierstückes

mit der Weiterleitung dieses Briefes nach Burgsolms in die Mathes’sche Heilbadeanstalt, wo Wilhelm Schaper damals wegen einer schweren Erkrankung behandelt wurde.

Aus Materialmangel wurden solche Briefe seiner Zeit nur mit einem kleinen Klebestreifen (braun, oben) verklebt und sonst durch Rändelung verschlossen; hier als kleine schwarze Striche neben dem Papierrand zu erkennen.

In dieser Schule braucht man nicht zu lügen.

Leonard Nelson formulierte in dem Artikel Über das Landerziehungsheim Walkemühle den Satz: In dieser Schule braucht man nicht zu lügen. Das ist der wohl am meist zitierte Satz von Nelson.

Der Artikel wurde abgedruckt in:

Die Tat

Monatsschrift für die Zukunft deutscher Kultur.
Jena, Jg. XVII, Heft 11, Februar 1926; S. 870.
Sonderdruck aus dem Februarheft 1926.

Die Gesammelten Schriften Nelsons enthalten den Artikel:

Nelson, Leonard
Gesammelte Schriften in neun Bänden.
Hamburg: Felix Meiner, 1970-74.
Achter Band, S. 575 – 578

Hier wird zuerst ein Faksimile des Sonderdrucks des Artikels gezeigt.

Quelle: Bundesarchiv Berlin, Nachlass Nelson, BArch N 2210/48, fol. 113.

Durch Anklicken des Bildes wird eine Vergrößerung sichtbar.

Der leichteren Lesbarkeit wegen folgt eine Abschrift.

Weiter unten gibt es eine (unvollständige) Liste mit Publikationen, in denen der Satz In dieser Schule braucht man nicht zu lügen. wörtlich bzw. sinngemäß zitiert wird.

Eine vegetarische Seife

Vegetarische Lebensweise gehörte zu den Selbstverpflichtungen im Internationalen-Jugend-Bund (IJB) bzw. Internationalen-Sozialistischen-Kampfbund (ISK) ebenso wie Abstinenz von Nikotin und Alkohol !

Zur Festigung des Vegetarismus gab es manchmal Besuche in Schlachthöfen. Die Hunde in der Walkemühle kriegten Haferflocken und Milch und Bratkartoffeln und ähnliches Zeug. (Schaper, S. 31, s.u.)

Am 24.12.1926 sandte die Dreiturm-Seifenfabrik Viktor Wolf in Schlüchtern diese frohe Botschaft in die Walkemühle:

Zu unserer größten Freude ist es uns endlich gelungen, eine vegetarische Seife herzustellen.

Bild 1

BArch N 2210/419, fol. 196

Hier nun Teile des diesbezüglichen Schriftwechsels und einige Erläuterungen dazu.

Bild 2
BArch N 2210/419, fol. 202
Bild 3, 4, 5
BArch N 2210/419,
fol. 204r, 204v, 203

Die Erläuterungen

Zu Bild 1:

Eigentümer der Dreiturm-Seifenfabrik Viktor Wolf war 1926 Max Wolf, Mitglied im ISK und Förderer der Walkemühle. Regelmäßige monatliche Spenden von RM 1000 an die Walkemühle sind belegt.

Dr. Hellmut von Rauschenplat leitete seinerzeit mit Minna Specht die Walkemühle.

Dr. Karl Hinkel war ISK-Mitglied und arbeitete in den Dreiturm-Seifen-Werken.

 

Zu Bild 2:

Acis bezieht sich in Schlüchtern sicherlich auf den dortigen Acisbrunnen.

Acis (oder Akis) ist eine Figur in der griechischen Mythologie. Bekannt ist Acis und Galatea von Georg Friedrich Händel.

Die Acis Feinseifen- u. Parfümeriefrabrik A.G. war eine formale Ausgründung innerhalb der Dreiturm-Seifenwerke. Dazu gibt der Text des Briefes in Bild 4 Hinweise.

Zusätzliche Erläuterungen (Hinweis weiter unten.)

 

Zu Bild 3:

Da die Seife mit keinerlei tierischen Bestandteilen hergestellt wurde, trüge sie heute die Bezeichnung vegane Seife.

Lanolin ist eine Bezeichnung für Wollwachs, also „fast“ vegetarisch aber nicht vegan.

Zusätzliche Erläuterungen (Hinweis weiter unten.)

 

Zu Bild 4:

Bzgl. An den Grundstücken, die ja auch zu Gunsten der G.F.A. belastet sind, hat sich gar nichts geändert.

Die G.F.A., also die Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-politischen Akademie e. V. (siehe auch das Literaturverzeichnis zu dieser Seite hatte Max Wolf ein Darlehen gegeben.

Bzgl. … weil die Grossisten natürlich nicht von einer Fabrik kaufen wollen, die die Kundschaft direkt beliefert.

In dem Direktvertriebsnetz von Dreiturm arbeiteten oft Sympathisanten oder Mitgliedes des ISK.

Lieferwagen der Dreiturm-Seifenfabrik
Foto: aus Privatbesitz; auch beim Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA189806.

Zu Bild 5:

Mit Walter Hammer ist der Verleger und Publizist Walter Hammer gemeint (Flake, Schmidt, s.u.).

Mit Schwantje ist Magnus Schwantje gemeint, ein Vorreiter der deutschen Vegetarierbewegung. Sein Name findet sich auf der Einladungsliste zum Bundestag 1924 des IJB in der Walkemühle ebenso wie die Namen Karl Hinkel, Hellmut Rauschenplat und Max Wolf.
(BArch N 2210/252, fol. 79-82)

 

Zusätzliche Erläuterungen:

Zu Bild 2:

Die Unterschriften von rechts:
1.: unbekannt;
2.: Dr. Hinkel;
3.: 8. 1. Rpt.: Rpt ist die Paraphe von Rauschenplat.

 

 

Zu Bild 3:

Der erste Buchstabe ist nicht eindeutig zu bestimmen; es scheint ein „U“ zu sein wie es ähnlich in Unterschriften von HellmUt RaUschnenplat anderswo zu sehen ist. Der zweite Buchstabe sieht einem „R“ sehr ähnlich, das Rauschenplat so am Anfang der folgenden Paraphe oder auch in anderen Dokumenten benutzte.

8. 1. 27. Rpt.: Rpt Paraphe von Rauschenplat.

Nelson war Führer des ISK, Eichler damals sein Sekretär.

 

Zu Bild 5:

Mit herzlichem Gruss auch an Nelson

Dein Karl Hinkel

 

Max Wolf ist Aktionär der Acis, und zwar ist
die A.G. sein vollst. Eigentum. Nach
Außen darf dies allerdings nicht in
Erscheinung treten. (Streng vertraulich!)
Ich selbst gehöre offiziell nicht mehr der
Firma Victor Wolf an.

                                               D. O.

Wer „D.O.“ ist, konnte nicht geklärt werden.

Anlage.

Herzliche Grüße

                               Max Wolf

 

Quellen und Zitate

Nachlass Leonard Nelson

Bundesarchiv Berlin, BArch N 2210/419

 

Flake, Axel, Heiko Schmidt
Der in Elberfeld geborene Verleger und Publizist Walter Hammer (1888 – 1966).
Ein Beitrag zu Jugendbewegung, Pazifismus und Widerstand.
Geschichte im Wuppertal, 14, 2005, S. 60-94.

Daraus S. 76:

… Hammer gehörte auch zu den Mitunterzeichnern eines ISK-Flugblattes im Jahr 1932. In Dänemark traf er nun Minna Specht wieder, in der Weimarer Republik prominentes ISK-Mitglied und Leiterin des berühmten Landerziehungsheims „Walkemühle“ in Melsungen bei Kassel und war oft zu Gast in der dänischen Neugründung. …

 

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: unveröffentlichtes Typoskript, [1992], 125 Seiten.

Daraus S. 31:

… Eines Tages hatte ich etwa einen halben Eimer voll toter Forellen, die durch irgendeinen Abfluß in der Pfieffe an Land gekommen waren. Die Hunde wurden natürlich auch vegetarisch ernährt. Sie kriegten Haferflocken und Milch und Bratkartoffeln und ähnliches Zeug. Als der Hund schon von weitem diesen Eimer mit Forellen witterte, sträubte er sein Fell und er ging wie ein Berserker auf den Eimer los. Ich glaube, er hat die Forellen alle auf einmal gefressen. …

 

S. 34:

… Im Sommer 1929 fand eine Tagung der GFA, der Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie, statt, auf der Franz Oppenheimer gesprochen hat, und ich sehe ihn noch da stehen, wie er die Finger seiner beiden Hände ineinander greifen ließ, und er sagte, daß Nelson eine volkswirtschaftliche Grundlage für seine Philosophie suchte und er suchte einen philosophischen Überbau für seine Volkswirtschaftslehre. Daß sie sich getroffen hätten und so, wie die Zahnräder eines Getriebes ineinander greifen, so paßten ihre beiden Lehren ineinander. Auf dieser Tagung sprach auch Max Wolf, der Seifenfabrikant aus Schlüchtern, der unser Hauptgeldgeber war, und ich erinnere mich, daß er sagte, genauso, wie er seine Steuern an den Staat abzuführen hätte, führte er auch monatlich das Geld an die Walkemühle ab. …

 

S. 36-37:

… 1928, ich glaube es war im August, machte eine Schülergruppe mit Gustav Heckmann eine Exkursion in den Betrieb von Max Wolf in Schlüchtern. Ich wurde auch dazu eingeladen und es war für mich nicht uninteressant, die Seifenproduktion kennenzulernen. Ich kam gewissermaßen in die Strafabteilung, nämlich in die Seifenpulverproduktion. Das Leben war da ganz besonders unangenehm wegen des Staubes, der erhebliche Nasenreizung verursachte. Obwohl den Leuten dort Atemschutzmasken zur Verfügung gestellt wurden, benutzte sie kaum jemand. Die Leute banden sich ein Taschentuch lose über die Nase, was natürlich nicht den angestrebten Zweck erfüllte. …

[…]

… Mit Max Wolf hatte ich eines Abends auf seine Einladung hin in seiner Villa ein hochinteressantes Gespräch. In Rußland hatte man damals u.a. das Problem, ob man Organisatoren oder Spezialisten ausbilden sollte. Darüber haben wir lange gesprochen. Aber das Wichtigste für mich war bei diesem Gespräch, daß Max Wolf davor warnte, zu große Hoffnungen zu setzen auf die Verteilung des Eigentums. Er sagte mir u.a., bei gleichmäßiger Verteilung seines (Max Wolf´s) Eigentums bekäme jeder seiner Arbeiter 10 Mark im Monat mehr. …

Gustav Heckmann und Max Wolf.
Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA029914

Wittrock, Christine
Saubere Geschäfte, weiße Westen und Persilscheine.
Die Geschichte der Seifenfabriken in Schlüchtern und Steinau seit 1825.
Hanau: CoCon-Verlag, 2002, 176 Seiten, 978-3-928100-90-8.

Daraus S. 32:

… In den unruhigen Jahren zwischen 1918 und 1933 wurde die Dreiturm-Seifenfabrik ein Auffangbecken für Sozialisten aller Schattierungen: arbeitslose Gewerkschafter, gefeuerte kommunistische Arbeiter, leitende ISK-Mitglieder, sozialdemokratische Familienväter - alle fanden Brot und Arbeit in dem vorbildlich geführten Werk. Für ihre für die damalige Zeit mustergültigen Sozialleistungen war die Dreiturm bekannt: Sie zahlte überdurchschnittliche Löhne und hatte die für damalige Verhältnisse seltene 40-Stunden-Woche eingeführt. Die Arbeiter bekamen im Krankheitsfall bis zu 90 Prozent des Lohnes aus einer Unterstützungskasse und waren den Angestellten mit monatlicher Kündigungsfrist gleichgestellt. Sie erhielten darüber hinaus ein halbes Prozent vom Umsatz als monatliche Prämie, bekamen die Feiertage voll bezahlt und eine beträchtliche Weihnachtsgratifikation. …

Von Christine Wittrock erschienen 2001 zwei Artikel in der Frankfurter Rundschau:

Wittrock, Christine

Der ISK und Max Wolf.

Daraus:

… Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund verpflichtete seine Mitglieder zu besonderer Lebensführung: Einhaltung vegetarischer Lebensweise in Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere, Austritt aus der Kirche, da ihre Glaubenslehre die Menschen entmündige, Abstinenz von Alkohol, dessen Genuss den Vernunftgebrauch einschränke und Abgabe einer rigorosen "Parteisteuer". Der ISK legte keinen Wert auf große Mitgliederzahlen; eine straff geführte, gut geschulte sozialistische Elite war ihm wichtiger.

[…]

Eines der wichtigsten Projekte, die Max Wolf im Rahmen des ISK mit großem Engagement unterstützte und förderte, war das Landeserziehungsheim Walkemühle bei Melsungen, eine linke Reformschule mit Internatscharakter. Der Dreiturmchef Max Wolf verstand sich als Sozialist. Er wollte seinen Reichtum für sinnvolle Aufgaben verwenden. Er gehörte zu den wenigen Wohlhabenden, deren vorrangiges Ziel nicht Profitmaximierung war, sondern Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse: Abschaffung des Elends, der Massenarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verrohung und Verdummung der Menschen. Für dieses Ziel arbeitete und kämpfte er, dafür gab er große Summen seines Geldes aus, dafür wurde er letztlich ins Gefängnis gebracht und aus Deutschland vertrieben. …

 

Wittrock, Christine
Wie den Nazis die Enteignung der Dreiturm-Fabrik gelingt.
Nach den Reichstagswahlen im März 1933 beginnt in Schlüchtern und Steinau der Terror gegen den jüdischen Firmenbesitzer Max Wolf.

Erwähnenswert im Zusammenhang mit Max Wolf und den Dreiturm-Seifenwerken ist der folgende Artikel:

 

Reifenberg, Bernd
Eine wissenschaftliche Bibliothek als Sammelstelle für indizierte Literatur.
Zur Rückgabe von sechs Büchern an die Erben des deutsch-jüdischen Fabrikanten Max Wolf.
Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz.
Magdeburg: Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, 1, 2001, S. 232-242.
Überarbeitete Fassung vom Januar 2002, pdf.

Daraus S. 3:

… Max Wolf, der Besitzer der Firma, war in das Visier der Nationalsozialisten nicht nur wegen seiner jüdischen Herkunft geraten, sondern auch weil er als engagierter Sozialist bekannt war. Er finanzierte die von dem bereits erwähnten Göttinger Philosophen Leonard Nelson eingerichtete „Philosophisch-politische Akademie“ und die in ihrer Trägerschaft befindliche sozialistische Reformschule Walkemühle bei Melsungen. Wolfs leitende Angestellte waren für den ebenfalls von Nelson gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund tätig, zahlreiche andernorts wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entlassene Personen fanden in der Dreiturm-Seifenfabrik als Reisende (Vertreter) Arbeit. Dass den Beschäftigten des Betriebs eine Bibliothek zur Verfügung stand, die auch politische Literatur umfasste, kann vor diesem Hintergrund nicht verwundern. …

Quelle: ISK, Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen
Kampf-Bundes, Jg. 1, Heft 11, 3. Umschlagseite, 1926.

(Diese Seite wurde am 06.01.2017 eingefügt und wurde am 17.01.2017 ergänzt.)

Über das Landerziehungsheim Walkemühle

          Als mich kurz nach der Revolution der damalige preußische Kultusminister Haenisch um Rat fragte, was er angesichts der trostlosen Finanzlage tun könne, um die notwendigen Reformen des Bildungswesens durchzuführen, schlug ich ihm vor, sämtliche Schulen im Lande (von der Volksschule bis zur Universität) zu schließen. Durch diese einfache Maßnahme würde er, statt die Staatskasse mit neuen Aufwendungen zu belasten, im Gegenteil enorme Geldmittel für sie freimachen und zugleich einen Aufschwung des Geisteslebens herbeiführen, der seinem Namen in der Geschichte Unsterblichkeit sichern würde.

         Wozu braucht man heut die Schule? Man sagt: Um die jungen Menschen in die Gesellschaftsordnung einzuführen. Und in der Tat: Wie würden sich Kinder ohne den kostspieligen und kunstvollen Aufwand der an ihnen geleisteten Arbeit in unsere Gesellschaftsordnung einfügen? Wie könnte also diese selbst überhaupt weiterbestehen? Die Menschen würden sich bewahren, was sie als unverdorbene Kinder mitbringen: Glauben an die Wahrheit, Selbstvertrauen und Rechtsgefühl, wie diese sich äußern in Mut und Beharrlichkeit beim Vertreten der eigenen Überzeugung. Sie würden unbeirrt Lüge »Lüge«, Diebstahl »Diebstahl« und Mord »Mord« nennen, eine Ungezogenheit, die den unabwendbaren Zusammenbruch unserer kunstvoll aufrechterhaltenen Gesellschaftsordnung zur Folge hätte.

Worin besteht in Wahrheit die Überlegenheit der Erwachsenen? Im Übergewicht der physischen Stärke und allenfalls darin, daß sie durch Erfahrung gewitzigt sind.

Diese Überlegenheit können sie gebrauchen, um ihr Urteil und ihren Willen den Kindern aufzuzwingen und damit deren Ehrlichkeit und Mut zu brechen, eine Vergewaltigung, die bereits damit anfängt, daß der Lehrer sein Urteil überhaupt ausspricht.

Dieselbe Überlegenheit könnte auch gebraucht werden, um die Kinder gegen solche Vergewaltigung zu schützen. Das heißt: ihnen eine Freistatt zu schaffen, die es ermöglicht, sie aus unserer Gesellschaftsordnung herauszuführen.

Eine solche Freistatt – für Kinder ohne Unterschied der Nation, Rasse und Klasse – will das Landerziehungsheim »Walkemühle« sein.

Wenn ich – der Aufforderung der Redaktion folgend – von der pädagogischen Eigenart dieser Schule in dem knappen mir zugemessenen Raum überhaupt etwas sagen soll, so kann es daher nur das sein: In dieser Schule braucht man nicht zu lügen.

Ich höre die Schulreformer fragen: Ist das nicht zu wenig?

Darüber zu reden, wird sich lohnen, wenn erst einmal jenes Wenige erreicht ist. Das Wenige nämlich, daß Menschen heranwachsen, die sich die mutige Überzeugungstreue der Kinder bewahren und als Erwachsene dann die erworbene Stärke und Erfahrung nutzen werden, um mit diesem doppelten Rüstzeug die Überzeugung zu verfechten, daß auch ihre Mitmenschen das Recht haben, als ehrliche Menschen aufzuwachsen und zu leben.

Zitatstellen

Archiv der sozialen Demokratie
Der Nachlass von Leonard Nelson

Archiv der sozialen Demokratie
Leonard Nelson: Das Landerziehungsheim Walkemühle.

Autorenportrait von Leonard Nelson beim Verlag Meiner: Leonard Nelson

Buchbesprechung:
Der Freidenker. Organ der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz
Zürich: 1. April 1938, Nr. 4, 21. Jahrgang, S. 26.
des Buches:
Leonard Nelson; Willi Eichler; Martin Hart
Leonard Nelson; ein Bild seines Lebens und Wirkens.
Paris, Editions nouvelles internationales, 1938 [©1937]

Draken, Klaus
Sokrates als moderner Lehrer: eine sokratisch reflektierte Methodik und ein ...
Berlin: Lit Verlag, 2010, S. 27.

Draken, Klaus
Sokratische Gesprächspraxis nach L. Nelson und G. Heckmann
– zwischen Philosophie und Politik
Seite 7 in:
Politische Verantwortung in einer globalisierten Welt
Tagung des Fachverbands Philosophie (Bundesverband / Landesverband Hamburg)
in Kooperation mit dem Philosophischen Seminar der Universität Hamburg
und der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW)
21. – 22. September 2012

Ilse Fischer
Minna Specht – eine politische Pädagogin

Hansen-Schaberg, Inge
Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).
Untersuchung zur pädagogischen Biographie einer Reformpädagogin.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 1992, S. 35.

Kamuf, Ullrich
Die philosophische Pädagogik Leonard Nelsons
Meisenheim: Anton Hain, 1985, S. 65.

Nelson, Leonard
Vom Selbstvertrauen der Vernunft: Schriften zur kritischen Philosophie und ihrer Ethik ...
Henry-Hermann, Grete (Hrsg.)
Hamburg: Felix Meiner, 1975, S. 243.

Nelson, Leonard
Gesammelte Schriften in neun Bänden.
Hamburg: Felix Meiner, 1970-74.
Achter Band, S. 575 – 578.

Saar, Stefan Chr.; Andreas Roth, Christian Hattenhauer (Hrsg.)
Recht als Erbe und Aufgabe : Heinz Holzhauer zum 21. April 2005
Berlin : E. Schmidt, 2005, S. 284.

Sösemann, Bernd
Fritz Eberhard: Rückblicke auf Biographie und Werk.
Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2001, S. 72.

Die Liste bedarf der Vervollständigung; Hinweise zur Ergänzung sind daher willkommen.

Literatur

Adant, Philippe
Widerstand und Wagemut. René Bertholet – eine Biographie.
Frankfurt a.M.: dipa-Verlag 1996 ISBN 3-7638-0372-6

Becker, Hellmut;  Willi Eichler und Gustav Heckmann (Hrsg.)
Erziehung und Politik. Minna Specht zu ihrem 80. Geburtstag.
Frankfurt a.M.: Verlag Öffentliches Leben 1960.


Behrens-Cobet, Heidi
Herrschaft der Vernünftigen und Rechtsliebenden.
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes.
In: Ciupke 1996, S. 15-27.


Bergmann, Waltari und Heinrich Schulz
Adelshausen 1209-1959.
Heimatgeschichte eines niederhessischen Dorfes.
Adelshausen: Gemeindeverwaltung 1959.

Bertholet, Hanna
Gedanken über die Walkemühle. 
In: Becker: Erziehung und Politik, S. 269-286.

Beyer, Anna
Die Walkemühle berichtet.
Wiesbaden: Hessisches Hauptstaatsarchiv. [1948] Nachlass Anna Beyer 1213 31

Ciupke, Paul und Franz-Josef Jelich (Hrsg.)
Soziale Bewegung, Gemeinschaftsbildung und pädagogische Institutionalisierung.
Essen: Klartext Verlag, 1996. ISBN 3-88474-520-4.

Eberhard, Fritz [Mitverf.]
Erinnerung an Minna Specht. 
Veranstaltung in Hannover am 19. Januar 1980 aus Anlass ihres 100. Geburtstages am 22. Dezember 1979.
Frankfurt a.M.: Philosophisch-Politische Akademie [1980].

Feidel-Mertz, Hildegard (Hrsg.)
Schulen im Exil: die verdrängte Pädagogik nach 1933
Reinbek bei Hamburg : Rowohlt 1983. ISBN 3-499-17789-7.


Feidel-Mertz, Hildegard
Die Walkemühle nach 1945.
In: Ciupke 1996, S. 29-36.


Fischer, Ilse
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie.

Bonn: Archiv der sozialen Demokratie 1999. ISBN 3-86077-805-6

Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V. (Hrsg.)
Nachruf auf Leonard Nelson.
Walkemühle: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V, ohne Jahr [Dezember 1928], [12 Seiten].

Giesselmann, Rudolf
Die Walkemühle in Nordhessen.

Erkundungen der deutschen Zeitgeschichte, zentriert in einem regionalen Brennpunkt.
Wissenschaftliche Hausarbeit eingereicht zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt an beruflichen Schulen gewerblich-technischer Fachrichtung.
Kassel: Gesamthochschule Kassel 1976.

Giesselmann, Rudolf
Geschichten von der Walkemühle bei Melsungen in Nordhessen.
Wirkungsfeld von Minna Specht, Leonard Nelson, IJB und ISK.
Bad Homburg: Zwiebel-Verlag 1997. ISBN 3-9805120-1-0
Diese Fassung als Digitalisat (pdf) ist paginiert; daher richten sich Seitenangaben nach dieser Fassung.
Ein zweites Digitalisat (html).

Goosmann, Paul
Erinnerungen eines Bremer Reformpädagogen.
Fischerhude: Atelier im Bauernhaus [1991]. ISBN 3-88-132-075-X

Haas-Rietschel, Helga und Sabine Hering
Nora Platiel: Sozialistin ? Emigrantin ? Politikerin.
Köln: Bund-Verlag 1990. ISBN 3-7663-2127-7

Heckmann, Gustav
Der Erzieher Minna Specht.
In: Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung, 13, (8) 1961, S. 120-122.

Hansen-Schaberg, Inge
Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).
Untersuchung zur pädagogischen Biographie einer Reformpädagogin.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 1992. ISBN 3-631-44250-5

Hofmann, George F.
The SuperSixth. The History of the 6th Armored Division in World War II.
Louisville (Kentucky): Sixth Armored Division Association 1975.

Kägi-Fuchsmann, Regina
Das gute Herz genügt nicht. Mein Leben und meine Arbeit.
Zürich: Verlag Ex Libris 1968.

Kamp, Johannes-Martin
Kinderrepubliken ? Geschichte, Praxis und Theorie radikaler Selbstregierung in Kinder- und Jugendheimen.

Opladen: Leske und Budrich 1995. ISBN 3-8100-1357-9
Zweite Auflage als Digitalisat (pdf) © 2006 by Martin Kamp


Klär, Karl-Heinz
Zwei Nelson-Bünde:
Internationaler Jugend-Bund (IJB) und Internationaler Sozialistischer Kampf-Bund (ISK) im Licht neuer Quellen.

In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 18 (3) 1982, S. 310 – 360.


Kraas, Andreas
Lehrerlager 1932-1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung.
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2006. ISBN 3-7815-1347-5

Krause-Vilmar, Dietfrid
Das Konzentrationslager Breitenau: ein staatliches Schutzhaftlager 1933/34.
Marburg: Schüren 2000, ISBN 3-89472-158-8
Digitalisat (pdf)
 

Kreis Melsungen (Hrsg.)
Handbuch 1934.
Melsungen: Bernecker 1934. Ohne Paginierung.

Lindner, Heiner
Um etwas zu erreichen, muss man sich etwas vornehmen, von dem man glaubt, dass es unmöglich sei.

Der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK) und seine Publikationen
Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, Historisches Forschungszentrum 2006. ISBN 3-89892-450-5
Digitalisat (html)

Link, Werner
Die Geschichte des Internationalen Jugend-Bundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes (ISK).
Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich.
Meisenheim am Glan: Anton Hain 1964.

Mayr, Max
Auszug aus dem Melderegister der Gemeinde Adelshausen; 1962.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie. Nachlass Minna Specht, 1/MSAE 000067.

Meyer, Heinrich
Wiedersehen mit der Walkemühle am 15. Mai 1945; 1967.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie. Nachlass Minna Specht, 1/MSAE 000087.

Miller, Susanne
Rede zur Erinnerung an Minna Specht.
In: Eberhardt, 1980, S. 19-29.

Nelson, Leonard [1926]
Über das Landerziehungsheim Walkemühle.
In: Die Tat. Monatsschrift für die Zukunft deutscher Kultur, 17 (11) 1926, S. 869.

Nelson, Leonard [1938]
Ein Bild seines Lebens und Wirkens.
Aus seinen Werken zusammengefügt und erläutert von Willi Eichler und Martin Hart.
Paris: Editions nouvelles internationales, 1938.
Darin: Über das Landerziehungsheim Walkemühle. S. 405 - 406.
 

Nelson, Leonard [1971]
Gesammelte Schriften in neun Bänden.

Band 8: Sittlichkeit und Bildung.
Hamburg: Felix Meiner 1971. ISBN 3-7873-0227-1
Darin: Über das Landerziehungsheim Walkemühle. S. 575 - 578.

Nielsen, Birgit S.
Erziehung zum Selbstvertrauen.
Ein sozialistischer Schulversuch im dänischen Exil 1933 - 1938.
Wuppertal: Hammer 1985. ISBN 3-87294-265-4
 

Ogdan, Jechiel und Dieter Vaupel
Sie werden immer weniger!
die Geschichte der jüdischen Gemeinde Spangenberg.
Ringgau: Gajewski 2004. ISBN 3-930342-19-7
 

Pochon, Charles F.
René Bertholet (1907 - 1969).
In: Cahiers d'histoire du mouvement ouvrier, vol. 11-12, 1995 - 1996, p. 140 - 146.
Digitalisat (pdf)

Rode, Berta
Über die Walkemühle.
In: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V.. [1928], S. [5] - [7].

Rüther, Martin und Uwe Schütz, Otto Dann (Hrsg.)
Deutschland im ersten Nachkriegsjahr.
Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46.
München: K.G. Saur 1998, ISBN 3-598-11349-8

Schaper, Else
Die Geschichte unseres Kindes.
Kassel, Waldkappel, Walkemühle: handschriftliche Aufzeichnungen, [1940 - 1973], 84 Seiten.

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: unveröffentlichtes Typoskript, [1992], 125 Seiten.

Schattner, Thomas
Kaderschmiede in der Mühle.
Ab 1. Juli 1933 schulten die Nazis ihre Funktionäre in der Walkemühle bei Melsungen.

Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, 30. 6. 2008, Ausgabe Schwalm-Eder.
Digitalisat (pdf)

Schattner, Thomas
Jeden Morgen gab es Prügel. Im Keller der Mühle wurden Häftlinge gequält.
Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, 30. 6. 2008, Ausgabe Schwalm-Eder.
Digitalisat (pdf)

Schiemann, Heinrich
Verwandtschaft und Freundschaft.
In: Becker, S. 356 - 366.

Schmidt, Jürgen
Melsungen – Die Geschichte einer Stadt.
Melsungen: Magistrat der Stadt Melsungen 1978.
 

Specht, Minna
Education for Confidence. / Erziehung zum Selbstvertrauen.
Englischer Text Education for Confidence in: Specht: Gesinnungswandel, S. 56 - 67.
Deutsche Übersetzung in: Feidel-Mertz: Schulen im Exil, S. 92 - 103.

Specht, Minna
Gesinnungswandel.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 2005, ISBN 3-631-53062-5
 

Specht, Minna und Willi Eichler (Hrsg.)
Leonard Nelson zum Gedächtnis.
Frankfurt a.M. und Göttingen: Verlag Öffentliches Leben, 1953.
 

Walter, Nora
Langweilig war es nicht, mein Leben.
Empelde: unveröffentlichtes Typoskript, [2000]. 144 Seiten und Anhänge.

Wunder, Bernd
Im Kampf gegen die autoritäre Schule - der Reformpädagoge Ludwig Wunder (1878 - 1949):
ein Vertreter der Landerziehungsheimbewegung zwischen H. Lietz, G. Kerschensteiner und L. Nelson.
Hamburg: Verlag Dr. Kovac 2008, ISBN 978-3-8300-3465-0
 

Ziechmann, Jürgen
Theorie und Praxis der Erziehung bei Leonard Nelson und seinem Bund.
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1970.
 

Nachlässe / Archive

Der Nachlass Minna Specht im Archiv der sozialen Demokratie hat einen Bestand von 1,60 lfm und eine Laufzeit von 1915 bis 1976; er umfasst:
„Korrespondenz (u.a. an und von Leonard Nelson); Unterlagen u.a betr. Jugendzeit, Internationaler Jugendbund, Internationaler Sozialistischer Kampfbund, Landerziehungsheim Walkemühle, Emigration (u.a. German Educational Reconstruction), Odenwaldschule; Manuskripte, Rede- und Diskussionsnotizen, Fotoalben; Erinnerungen Dritter an Nelson, Specht und Walkemühle.“

Eine Auswahl benutzter Ordner des Nachlasses Minna Specht:
1/MSAE000036:
Korrespondenz: Briefe an und von Willi Eichler

1/MSAE000070:
Pädagogische und schulpolitische Tätigkeit; Landerziehungsheim Walkemühle Entwicklung nach 1945; Entschädigungsangelegenheit

1/MSAE000073:
Aus dem Leben des Schullandheims Östrupgaard

1/ MSAE000087:
Pädagogische und schulpolitische Tätigkeit; Rückblicke von Schülern, Lehrern und Freunden; Umfrage zur Walkemühle 1973, Erinnerungen auf dem Nelson-Symposion 1976


Im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden befindet sich der Nachlass von Anna Beyer. Er umfasst insgesamt 10 lfm Regalmeter; die Laufzeit ist 1945 bis 1991.
„Bestandsgeschichte:
Nach dem Tod A. Beyers am 15. Mai 1991 gelangte ihr schriftlicher Nachlass - ihr 'Archivmaterial', wie sie selbst das Schriftgut bezeichnete - entsprechend einer testamentarischen Verfügung als Zugang 107/1991 an das Hauptstaatsarchiv (jetzt Abt. 1213).“

Eine Auswahl benutzter Ordner aus dem Nachlass Anna Beyer:

HHStAW Bestand 1213 Nr. 26
Betrieb des Schul- und Erholungsheims Walkemühle bei Melsungen (Helferschule der "Falken"),
Band 2, Laufzeit 1947-1948

HHStAW Bestand 1213 Nr. 27
Betrieb des Schul- und Erholungsheims Walkemühle bei Melsungen (Helferschule der "Falken"),
Korrespondenz: A-O, Laufzeit 1947-1949

HHStAW Bestand 1213 Nr. 28
Betrieb des Schul- und Erholungsheims Walkemühle bei Melsungen (Helferschule der "Falken"),
Korrespondenz: P-Z, Laufzeit 1945-1949

HHStAW Bestand 1213 Nr. 29
Korrespondenz mit den Eltern von Berliner Ferienkindern im Erholungsheim Walkemühle
Laufzeit 1949-1950

HHStAW Bestand 1213 Nr. 31
Betrieb des Schul- und Erholungsheims Walkemühle bei Melsungen (Helferschule der "Falken"),
Band 1, Laufzeit (1928) 1947-1950

Siehe auch das Findbuch im Meta-Archiv für Erwachsenenbildung.

Im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden befinden sich Akten bzgl. des Wiedergutmachungsverfahrens der Philosophisch-Politischen-Akademie wegen der Enteignung der Walkemühle und dem Verlust der dortigen Bibliothek:
HHStAW 518 4511
HHStAW 519 A 554/3

Im Hessischen Staatsarchiv Marburg befinden sich wichtige, teils umfangreiche Akten zum Thema Walkemühle; z.B.:
HStAM, 166, 6437
Erziehungsheim Walkemühle, Kreis Melsungen, 1924-1934.

Nach dem aktuellen Suchsystem der Hessischen Staatsarchive hat diese Akte die Signatur HStAM, 166, 6437.
Bei Giesselmann und Ziechmann wird die Akte folgendermaßen zitiert:
Sonderakten des Regierungspräsidenten zu Kassel betr. das Erziehungsheim Walkemühle, Kreis Melsungen, Band I (1924 - 1934) im Staatsarchiv Marburg, Bestand 166/6437.

HStAM, 180 Melsungen, 2405
Örtliche politische Bewegungen, 1930

HStAM, 180 Melsungen, 3729
Landerziehungsheim Walkenmühle [Walkemühle], 1932-1937.

„Enthält: Schließung des Heims wegen kommunistischer Tendenz sowie Beschlagnahme der Mühle für die Neueinrichtung als Führerschule“; durchgehend nummeriert.

HStAM, 223, 32
[Verhandlungen über die beschlagnahmte] Bibliothek der „Philosophisch- Politischen Akademie der Walkemühle“ bei Melsungen, 1934 – 1950.

HStAM, 330 Melsungen, B 2434
Durchführung von Aufräumungsarbeiten in Schulgebäuden sowie bei der Walkemühle durch ehemalige Angehörige der HJ, 1945 – 1945.

Weblinks

Geschichten von der Walkemühle von Rudolf Giesselmann

Zur Geschichte des Landerziehungsheim Walkemühle. von Rudolf Giesselmann (PDF)

Das Landerziehungsheim Walkemühle beim Archiv der sozialen Demokratie

Die Walkemühle bei der Stolperstein-Initiative-Melsungen 

Überblick über die Geschichte der Walkemühle beim Geschichtsverein-Melsungen

Literatur von und über Minna Specht im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Der Internationale Sozialistische Kampfbund und seine Publikationen von Heiner Lindner

Zum ISK-Aktenbestand beim Archiv der Sozialen Demokratie 

Bei Eingabe des Suchworts „Walkemühle“ auf dieser Seite der Friedrich-Ebert-Stiftung werden 137 Miniaturansichten zu Fotos zum Stichwort Walkemühle aufgelistet, (Stand 23. 2. 2016).
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Danksagung

Vor eineinhalb Jahren entstand bei einem Gespräch in unserer Universitätsbibliothek die Idee einen Artikel über die Walkemühle zu schreiben.

Neben einigen Büchern war der umfangreiche Briefwechsel (seit 1932) meiner Eltern eine wichtige Informationsquelle. Ohne diesen biographischen Bezug hätte ich einen derartigen Artikel nicht schreiben können. Mein Vater war von 1927 bis 1930 in der Walkemühle. Meine Eltern lehnten offen das „Bindungsverbot“ des ISK ab, heirateten 1937 und übernahmen ab Ende Juni 1945 die Leitung des Wiederaufbaus der Walkemühle. Auch dazu existiert ein ausführlicher Briefwechsel.

Die heutigen Recherchemöglichkeiten des Internets und insbesondere die vernetzen Bibliotheken erleichtern die Arbeit; die Universitätsbibliothek ist dabei durch die Fernleihmöglichkeiten ein Tor zur Welt. Das Portal WorldCat stellt einen sehr schnellen Server zur Verfügung, der bequem bibliographischen Daten liefert.

Dank zu sagen ist also der Bibliothek insgesamt als Institution, aber insbesondere drei KollegInnen aus der Bibliothek, die mir Anstöße gaben bzw. mich mit inhaltlichen und formalen Ratschlägen unterstützten.

In den Hessischen Staatsarchiven in Marburg und Wiesbaden lernte ich die mir bis dahin unbekannte Atmosphäre in Archiven kennen; freundliche Rückmeldungen bekam ich aus dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung und aus dem Schweizerischen Sozialarchiv. In diesen Archiven liegt noch umfangreiches Material zum Thema, das einer wissenschaftlichen Analyse wert ist.

Dank gilt auch den Einwohnermeldeämtern in Melsungen, Spangenberg und Waldkappel, die mir zu einigen wenigen, aber wichtigen Daten präzise Auskünfte lieferten.

Ohne meinen Freund von Textklecks, der nicht nur das Design entwarf und die Arbeit der Umsetzung leistete, sondern mich auch immer wieder motivierte, wäre diese Darstellung so überhaupt nicht möglich gewesen.

Schließlich nochmals Dank an meine Eltern und an eine wirklich alte Freundin, die 1933 als sechsjährige erleben musste, wie die SA die Walkemühle besetzte und die vor ca. 25 Jahren meinen Vater motivierte seine Lebenserinnerungen zu diktieren. Nach meiner Kenntnis ist sie die letzte der jetzt noch Lebenden von den 22 Kindern, die damals die Walkemühle verlassen mussten.

Ralf Schaper