Eine vegetarische Seife

Vegetarische Lebensweise gehörte zu den Selbstverpflichtungen im Internationalen-Jugend-Bund (IJB) bzw. Internationalen-Sozialistischen-Kampfbund (ISK) ebenso wie Abstinenz von Nikotin und Alkohol !

Zur Festigung des Vegetarismus gab es manchmal Besuche in Schlachthöfen. Die Hunde in der Walkemühle kriegten Haferflocken und Milch und Bratkartoffeln und ähnliches Zeug. (Schaper, S. 31, s.u.)

Am 24.12.1926 sandte die Dreiturm-Seifenfabrik Viktor Wolf in Schlüchtern diese frohe Botschaft in die Walkemühle:

Zu unserer größten Freude ist es uns endlich gelungen, eine vegetarische Seife herzustellen.

Bild 1

BArch N 2210/419, fol. 196

Hier nun Teile des diesbezüglichen Schriftwechsels und einige Erläuterungen dazu.

Bild 2
BArch N 2210/419, fol. 202
Bild 3, 4, 5
BArch N 2210/419,
fol. 204r, 204v, 203



Quelle: ISK, Mitteilungsblatt des
Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes,
Jg. 3, Heft 10, 4. Umschlagseite, 1928.

Die Erläuterungen

Zu Bild 1:

Eigentümer der Dreiturm-Seifenfabrik Viktor Wolf war 1926 Max Wolf, Mitglied im ISK und Förderer der Walkemühle. Regelmäßige monatliche Spenden von RM 1000 an die Walkemühle sind belegt.

Dr. Hellmut von Rauschenplat leitete seinerzeit mit Minna Specht die Walkemühle.

Dr. Karl Hinkel war ISK-Mitglied und arbeitete in den Dreiturm-Seifen-Werken.

 

Zu Bild 2:

Acis bezieht sich in Schlüchtern sicherlich auf den dortigen Acisbrunnen.

Acis (oder Akis) ist eine Figur in der griechischen Mythologie. Bekannt ist Acis und Galatea von Georg Friedrich Händel.

Die Acis Feinseifen- u. Parfümeriefrabrik A.G. war eine formale Ausgründung innerhalb der Dreiturm-Seifenwerke. Dazu gibt der Text des Briefes in Bild 4 Hinweise.

Zusätzliche Erläuterungen (Hinweis weiter unten.)

 

Zu Bild 3:

Da die Seife mit keinerlei tierischen Bestandteilen hergestellt wurde, trüge sie heute die Bezeichnung vegane Seife.

Lanolin ist eine Bezeichnung für Wollwachs, also „fast“ vegetarisch aber nicht vegan.

Zusätzliche Erläuterungen (Hinweis weiter unten.)

 

Zu Bild 4:

Bzgl. An den Grundstücken, die ja auch zu Gunsten der G.F.A. belastet sind, hat sich gar nichts geändert.

Die G.F.A., also die Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-politischen Akademie e. V. (siehe auch das Literaturverzeichnis zu dieser Seite hatte Max Wolf ein Darlehen gegeben.

Bzgl. … weil die Grossisten natürlich nicht von einer Fabrik kaufen wollen, die die Kundschaft direkt beliefert.

In dem Direktvertriebsnetz von Dreiturm arbeiteten oft Sympathisanten oder Mitgliedes des ISK.

Lieferwagen der Dreiturm-Seifenfabrik
Foto: aus Privatbesitz; auch beim Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA189806.

Zu Bild 5:

Mit Walter Hammer ist der Verleger und Publizist Walter Hammer gemeint (Flake, Schmidt, s.u.).

Mit Schwantje ist Magnus Schwantje gemeint, ein Vorreiter der deutschen Vegetarierbewegung. Sein Name findet sich auf der Einladungsliste zum Bundestag 1924 des IJB in der Walkemühle ebenso wie die Namen Karl Hinkel, Hellmut Rauschenplat und Max Wolf.
(BArch N 2210/252, fol. 79-82)

 

Zusätzliche Erläuterungen:

Zu Bild 2:

Die Unterschriften von rechts:
1.: unbekannt;
2.: Dr. Hinkel;
3.: 8. 1. Rpt.: Rpt ist die Paraphe von Rauschenplat.

 

 

Zu Bild 3:

Der erste Buchstabe ist nicht eindeutig zu bestimmen; es scheint ein „U“ zu sein wie es ähnlich in Unterschriften von HellmUt RaUschnenplat anderswo zu sehen ist. Der zweite Buchstabe sieht einem „R“ sehr ähnlich, das Rauschenplat so am Anfang der folgenden Paraphe oder auch in anderen Dokumenten benutzte.

8. 1. 27. Rpt.: Rpt Paraphe von Rauschenplat.

Nelson war Führer des ISK, Eichler damals sein Sekretär.

 

Zu Bild 5:

Mit herzlichem Gruss auch an Nelson

Dein Karl Hinkel

 

Max Wolf ist Aktionär der Acis, und zwar ist
die A.G. sein vollst. Eigentum. Nach
Außen darf dies allerdings nicht in
Erscheinung treten. (Streng vertraulich!)
Ich selbst gehöre offiziell nicht mehr der
Firma Victor Wolf an.

                                               D. O.

Wer „D.O.“ ist, konnte nicht geklärt werden.

Anlage.

Herzliche Grüße

                               Max Wolf

 

Quellen und Zitate

Nachlass Leonard Nelson

Bundesarchiv Berlin, BArch N 2210/419

 

Flake, Axel, Heiko Schmidt
Der in Elberfeld geborene Verleger und Publizist Walter Hammer (1888 – 1966).
Ein Beitrag zu Jugendbewegung, Pazifismus und Widerstand.
Geschichte im Wuppertal, 14, 2005, S. 60-94.

Daraus S. 76:

… Hammer gehörte auch zu den Mitunterzeichnern eines ISK-Flugblattes im Jahr 1932. In Dänemark traf er nun Minna Specht wieder, in der Weimarer Republik prominentes ISK-Mitglied und Leiterin des berühmten Landerziehungsheims „Walkemühle“ in Melsungen bei Kassel und war oft zu Gast in der dänischen Neugründung. …

 

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: unveröffentlichtes Typoskript, [1992], 125 Seiten.

Daraus S. 31:

… Eines Tages hatte ich etwa einen halben Eimer voll toter Forellen, die durch irgendeinen Abfluß in der Pfieffe an Land gekommen waren. Die Hunde wurden natürlich auch vegetarisch ernährt. Sie kriegten Haferflocken und Milch und Bratkartoffeln und ähnliches Zeug. Als der Hund schon von weitem diesen Eimer mit Forellen witterte, sträubte er sein Fell und er ging wie ein Berserker auf den Eimer los. Ich glaube, er hat die Forellen alle auf einmal gefressen. …

 

S. 34:

… Im Sommer 1929 fand eine Tagung der GFA, der Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie, statt, auf der Franz Oppenheimer gesprochen hat, und ich sehe ihn noch da stehen, wie er die Finger seiner beiden Hände ineinander greifen ließ, und er sagte, daß Nelson eine volkswirtschaftliche Grundlage für seine Philosophie suchte und er suchte einen philosophischen Überbau für seine Volkswirtschaftslehre. Daß sie sich getroffen hätten und so, wie die Zahnräder eines Getriebes ineinander greifen, so paßten ihre beiden Lehren ineinander. Auf dieser Tagung sprach auch Max Wolf, der Seifenfabrikant aus Schlüchtern, der unser Hauptgeldgeber war, und ich erinnere mich, daß er sagte, genauso, wie er seine Steuern an den Staat abzuführen hätte, führte er auch monatlich das Geld an die Walkemühle ab. …

 

S. 36-37:

… 1928, ich glaube es war im August, machte eine Schülergruppe mit Gustav Heckmann eine Exkursion in den Betrieb von Max Wolf in Schlüchtern. Ich wurde auch dazu eingeladen und es war für mich nicht uninteressant, die Seifenproduktion kennenzulernen. Ich kam gewissermaßen in die Strafabteilung, nämlich in die Seifenpulverproduktion. Das Leben war da ganz besonders unangenehm wegen des Staubes, der erhebliche Nasenreizung verursachte. Obwohl den Leuten dort Atemschutzmasken zur Verfügung gestellt wurden, benutzte sie kaum jemand. Die Leute banden sich ein Taschentuch lose über die Nase, was natürlich nicht den angestrebten Zweck erfüllte. …

[…]

… Mit Max Wolf hatte ich eines Abends auf seine Einladung hin in seiner Villa ein hochinteressantes Gespräch. In Rußland hatte man damals u.a. das Problem, ob man Organisatoren oder Spezialisten ausbilden sollte. Darüber haben wir lange gesprochen. Aber das Wichtigste für mich war bei diesem Gespräch, daß Max Wolf davor warnte, zu große Hoffnungen zu setzen auf die Verteilung des Eigentums. Er sagte mir u.a., bei gleichmäßiger Verteilung seines (Max Wolf´s) Eigentums bekäme jeder seiner Arbeiter 10 Mark im Monat mehr. …

Gustav Heckmann und Max Wolf.
Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA029914

Wittrock, Christine
Saubere Geschäfte, weiße Westen und Persilscheine.
Die Geschichte der Seifenfabriken in Schlüchtern und Steinau seit 1825.
Hanau: CoCon-Verlag, 2002, 176 Seiten, 978-3-928100-90-8.

Daraus S. 32:

… In den unruhigen Jahren zwischen 1918 und 1933 wurde die Dreiturm-Seifenfabrik ein Auffangbecken für Sozialisten aller Schattierungen: arbeitslose Gewerkschafter, gefeuerte kommunistische Arbeiter, leitende ISK-Mitglieder, sozialdemokratische Familienväter - alle fanden Brot und Arbeit in dem vorbildlich geführten Werk. Für ihre für die damalige Zeit mustergültigen Sozialleistungen war die Dreiturm bekannt: Sie zahlte überdurchschnittliche Löhne und hatte die für damalige Verhältnisse seltene 40-Stunden-Woche eingeführt. Die Arbeiter bekamen im Krankheitsfall bis zu 90 Prozent des Lohnes aus einer Unterstützungskasse und waren den Angestellten mit monatlicher Kündigungsfrist gleichgestellt. Sie erhielten darüber hinaus ein halbes Prozent vom Umsatz als monatliche Prämie, bekamen die Feiertage voll bezahlt und eine beträchtliche Weihnachtsgratifikation. …

Von Christine Wittrock erschienen 2001 zwei Artikel in der Frankfurter Rundschau:

Wittrock, Christine

Der ISK und Max Wolf.

Daraus:

… Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund verpflichtete seine Mitglieder zu besonderer Lebensführung: Einhaltung vegetarischer Lebensweise in Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere, Austritt aus der Kirche, da ihre Glaubenslehre die Menschen entmündige, Abstinenz von Alkohol, dessen Genuss den Vernunftgebrauch einschränke und Abgabe einer rigorosen "Parteisteuer". Der ISK legte keinen Wert auf große Mitgliederzahlen; eine straff geführte, gut geschulte sozialistische Elite war ihm wichtiger.

[…]

Eines der wichtigsten Projekte, die Max Wolf im Rahmen des ISK mit großem Engagement unterstützte und förderte, war das Landeserziehungsheim Walkemühle bei Melsungen, eine linke Reformschule mit Internatscharakter. Der Dreiturmchef Max Wolf verstand sich als Sozialist. Er wollte seinen Reichtum für sinnvolle Aufgaben verwenden. Er gehörte zu den wenigen Wohlhabenden, deren vorrangiges Ziel nicht Profitmaximierung war, sondern Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse: Abschaffung des Elends, der Massenarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verrohung und Verdummung der Menschen. Für dieses Ziel arbeitete und kämpfte er, dafür gab er große Summen seines Geldes aus, dafür wurde er letztlich ins Gefängnis gebracht und aus Deutschland vertrieben. …

 

Wittrock, Christine
Wie den Nazis die Enteignung der Dreiturm-Fabrik gelingt.
Nach den Reichstagswahlen im März 1933 beginnt in Schlüchtern und Steinau der Terror gegen den jüdischen Firmenbesitzer Max Wolf.

Erwähnenswert im Zusammenhang mit Max Wolf und den Dreiturm-Seifenwerken ist der folgende Artikel:

 

Reifenberg, Bernd
Eine wissenschaftliche Bibliothek als Sammelstelle für indizierte Literatur.
Zur Rückgabe von sechs Büchern an die Erben des deutsch-jüdischen Fabrikanten Max Wolf.
Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz.
Magdeburg: Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, 1, 2001, S. 232-242.
Überarbeitete Fassung vom Januar 2002, pdf.

Daraus S. 3:

… Max Wolf, der Besitzer der Firma, war in das Visier der Nationalsozialisten nicht nur wegen seiner jüdischen Herkunft geraten, sondern auch weil er als engagierter Sozialist bekannt war. Er finanzierte die von dem bereits erwähnten Göttinger Philosophen Leonard Nelson eingerichtete „Philosophisch-politische Akademie“ und die in ihrer Trägerschaft befindliche sozialistische Reformschule Walkemühle bei Melsungen. Wolfs leitende Angestellte waren für den ebenfalls von Nelson gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund tätig, zahlreiche andernorts wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entlassene Personen fanden in der Dreiturm-Seifenfabrik als Reisende (Vertreter) Arbeit. Dass den Beschäftigten des Betriebs eine Bibliothek zur Verfügung stand, die auch politische Literatur umfasste, kann vor diesem Hintergrund nicht verwundern. …

Quelle: ISK, Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen
Kampf-Bundes, Jg. 1, Heft 11, 3. Umschlagseite, 1926.

(Diese Seite wurde am 06.01.2017 eingefügt und wurde am 17.01.2017 ergänzt.)