Das Bild oben zeigt einen Ausschnitt aus handschriftlichen Aufzeichnungen vom Juli 1945 von Else Schaper. "Auf Wiedersehen Waldkappel!!! Auf in die Walkemühle! ... Und dann halten wir Einzug, und es beginnt ein ganz neues Leben."

Gesamtübersicht der Rubrik "Ereignisse".

Der Ausbildungskurs und Bundestag des Internationalen Jugendbundes im August 1925 in der Walkemühle
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Wurde Albert Einstein 1925 in die Walkemühle eingeladen – oder war wenigstens mein Vater Willi Schaper da?

Ein Foto des Ausbildungskurses

Das Foto vom Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes (IJB) in der Walkemühle ist eine der seltenen Gruppenaufnahmen von Mitgliedern des IJB. Nachdem ich dieses Foto entdeckte, begann eine sich ausweitende Geschichte.

(Foto: Privatbesitz, Scan eines Originalabzuges,
10,5 cm x 7,5 cm)

Das Bild wurde in mehreren Veröffentlichungen reproduziert:

1987 in einem Ausstellungskatalog der Philosophisch-Politischen Akademie
Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson,

1996 zur Illustration eines Aufsatzes über
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes,

1999 als zweites der Bilder des Buches
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie,

2001 auf einer Webseite zu einer Ausstellung Die Münchener ISK-Gruppe,

2016 auf zwei Seiten des umfangreichen Projektes Widerstand in Göttingen des Stadtarchives Göttingen erarbeitet von Rainer Driever.
                ISK – Politische Arbeit unter Personalmangel,
                Heinrich Düker (Deckname Holzbein).

(Angaben zu den Quellen unten.)

Die Friedrich-Ebert-Stiftung führt das Bild in ihrem Katalog der Online-Findmittel im AdsD (also dem Archiv der sozialen Demokratie) bei den Bildern zur Walkemühle gleich fünffach auf. Bei Eingabe von IJB Ausbildungskurs in der Walkemühle in der Suchmaske dieser Seite, werden diese Treffer angezeigt. (Leider kommt beim Aufruf der Seiten des AdsD häufig die Meldung: Der Server unter 10.100.120.204 braucht zu lange, um eine Antwort zu senden.)

Ohne weitere Recherche konnte ich vier Personen auf dem Bild erkennen: Der große Mann stehend in der hinteren Reihe mit weißem Hemd ist Heinrich Düker, davor kniet Nora Block (Platiel), davor sitzt Willi Eichler; an der Hauskante mit verschränkten Armen steht Leonard Nelson. Hedwig Urbann sitzt vorn in der Mitte rechts neben Eichler, wie mir eine alte Bekannte sagte, die selbst noch als Kind 1933 in der Walkemühle war und Hedwig Urbann persönlich kannte.

Die Bauten auf dem Foto sind  in der Walkemühle; deutlich ist rechts der nordöstliche Teil des sog. Akademiegebäudes zu sehen. Das Haus links wird häufig als Vater Nelsons Haus bezeichnet.

Im o.g. Ausstellungskatalog finden sich diese Hinweise:
IJB-Ausbildungskurs 1925 in der Walkemühle: v.l.n.r.: vordere Reihe, sitzend: Willi Eichler; Hedwig Urbann, August Bolte, Fritz Schmalz, Gustav Funke, Frieder May, Werner Kroebel. –
Mittlere Reihe, kniend: De Voss, Erika Borchardt (Metzig), Zeko Torboff, Nora Block (Platiel), Edith Herford, N.N., Kurt Regeler, Berta Rode, N.N. -
Hintere Reihe, stehend: Erna Siem, Lisbeth Ebers, Walter Hoops, N.N., Heinrich Düker, Fritz Ihlenfeld, Erich Wenig, Karl Sperling, Leonard Nelson, Hellmut v. Rauschenplat, Willi Metzig, N.N., Adolf Waldmann, Erich Graupe.

30 Personen sind zu sehen; 26 Personen werden namentlich genannt, übrig bleiben viermal N.N.!
Wer könnten diese vier N.N. sein?

Beim AdsD lautet die inhaltliche Beschreibung etwa bei 6/FOTA007803: vor dem Wohnhaus von Nelson und als abgebildete Personen:
Eichler, Willi; Urbann, Hedwig; Bolte, August; Schmalz, Fritz; Funke, Gustav; May, Friedo; Kroebel, Werner; Borchardt, Erika; Torbov, Zeko; Block-Platiel, Nora; Herfurth, Edith; Praus, Käte; Regeler, Kurt; Rode, Berta; Siem, Erna; Ebers, Liesbeth; Praus, Walter; Düker, Heinrich; Ihlenfeld, Fritz; Wettig, Erich; Nelson, Leonard; Rauschenplat, Hellmut von / später Fritz Eberhard; Metzig, Willi; Schaper, Willi; Waldmann, Adolf; Graupe, Erich; Voß,de.
Das sind 27 Namen; welche drei Namen fehlen? Kein N.N.!

In dem Aufsatz von Behrens-Cobet Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes lautet die Legende zum Bild wieder:
IJB-Ausbildungskurs 1925 in der Walkemühle.
Vordere Reihe sitzend: 1. v. l. Willi Eichler
Hintere Reihe ab r. Hauskante: Leonard Nelson, Helmut v. Rauschenplat, Willi Metzig, Willi Schaper, Adolf Waldmann, Erich Graupe.


Als ich 2014 in dem Aufsatz von Behrens-Cobet das Bild zum ersten Mal sah, wurde ich stutzig: mein Vater Willi Schaper mit 16 Jahren in der Walkemühle ???

Ich fand bald in den Unterlagen meines Vaters je drei Kopien dieses Aufsatzes bzw. eines Aufsatzes von Hildegard Feidel-Mertz Die Walkemühle nach 1945. In dem letzteren wird mein Vater mehrfach erwähnt; die Autorin hat ihn wohl interviewt. Bei anderen Kopien hat mein Vater manchmal Bemerkungen handschriftlich an den Rand geschrieben. Hier gibt es keine!

Im Herbst 2015 fand ich schließlich unter anderen Fotos den Originalabzug des obigen Bildes im Nachlass meines Vaters. Wo kann das Bild hergekommen sein? Denn es stammt nicht aus den Fotoalben meiner Eltern. Das Bild ist offensichtlich von einem Karton abgetrennt; das zeigt die Rückseite:

Während auf der Vorderseite oben sehr schwach erkennbar ist A K 1. – 9.8., ist auf der Rückseite mit Tinte vermerkt: A.–K. d. I.J.B. v. 1.- 9. 8. 1925. Damit ist die Dauer des Ausbildungskurses belegt.

Nachdem links oben auf der Rückseite Reste des Kartons vorsichtig etwas entfernt wurden, ist mit wenig gutem Willen die Schrift mit Kopierstift erkennbar: L Ebers. Das gibt einen Hinweis darauf, wie das Bild zu meinem Vater gekommen sein könnte: Liesbeth Ebers und Walter Hoops – auf dem Bild wohl nebeneinander stehend (hintere Reihe 2. resp. 3. von links) – haben später geheiratet und sind schon vor 1933 in die USA ausgewandert. Von Walter Hoops hat mein Vater in den 1970-er Jahren Pakete mit Unterlagen und Zeitschriften des ISK bekommen. Dazu existieren mehrere Briefe.

Doch: War Willi Schaper schon mit 16 Jahren in der Walkemühle?
In seinen Lebenserinnerungen findet sich kein Hinweis auf einen Besuch 1925 in der Walkemühle, wohl aber eine kurze Notiz auf den ersten Jugendkurs des ISK 1927 dort, bei dem Minna Specht ihn anregte, als Schlosser länger in die Walkemühle zu kommen (S. 28).

Da mein Vater gute Kontakte zu Nora Walter hatte, die von 1982 bis 2001 zweite Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie war, könnte auch über sie ein Hinweis zu der Namensliste zum Foto im Archiv der sozialen Demokratie gegeben worden sein. Vielleicht finde ich dort noch Hinweise auf den Kurs des IJB 1925; vielleicht kann die Frage dann geklärt werden!

Im Bundesarchiv in Berlin (BA Berlin) fand ich im Juli 2016 schließlich die „Liste der Teilnehmer am Ausbildungskurs 1925“ (BArch N 2210/257, fol. 1) und die „Teilnehmerliste vom Ausbildungskurs des Internationalen Jugendbundes vom 1. bis 9. August 1925 in der Walkemühle.“ (BArch N 2210/256, fol. 137)

Hier nun eine tabellarische Darstellung dieser Informationen:

30 Personen sind auch auf dem Foto zu sehen.

Beide Listen im BA Berlin sind maschinenschriftlich mit handschriftlichen Markierungen. Sie enthalten neben den Namen auch Beruf, Alter und Adresse der Teilnehmenden. Liste 1 enthält den handschriftlichen Eintrag von Leonard Nelson.

Als Adressen findet sich sechsmal Göttingen Nikolausberger Weg 67, fünfmal Walkemühle bei Melsungen, dreimal Hannover zu Namen, die ich aus Erzählungen meines Vaters – der damals auch in Hannover wohnte – kannte.

Es existieren weiterhin vier Anwesenheitslisten von dem „B.-T. 1925“ (BArch N 2210/256, fol. 11 – 14), also dem 7. Bundestag des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle am 10. 8. 1925 mit insgesamt 73 per eigenhändiger Unterschrift aufgeführten Namen.

Die Einladungsliste

Die handschriftliche Einladungsliste zum Bundestag umfasst 207 Namen, darunter auch Albert Einstein, Henri Barbusse, Käthe Kollwitz, Heinrich Nelson (Vater von Leonard Nelson), Mathilde Specht (Mutter von Minna Specht), Hermann Roos (Mäzen und Förderer des IJB), Max Wolf (Fabrikant und Förderer des IJB). Es handelt sich wohl um die um einige Namen ergänzte Mitarbeiterliste des IJB. [Siehe zu Mitglied / Mitarbeiter weiter unten den Brief von L. Nelson an Z. Torbov] Die Liste enthält weiterhin Eintragungen bzgl. Annahme oder Ablehnung der Einladung und am Ende den Hinweis: Anwesend 111 Pers.. Erna Siem hat die Einladungsliste geschrieben; dies zeigt unzweifelhaft ein Vergleich mit ihrem handschriftlichen Lebenslauf (BArch N 2210/258, fol. 1, 2).

 

 

Die Namen Walter Hoops und Willi Schaper finden sich in keiner der hier erwähnten Listen von 1925! Von daher ist die Anwesenheit dieser beiden Personen zu der Zeit vom 1. - 10. August 1925 in der Walkemühle nicht belegt und die Angabe ihrer Namen bezüglich des obigen Fotos sind möglichst zu löschen.

In der verschickten, gedruckten Einladung zum 7. Bundestag des Internationalen Jugendbundes (BArch N 2210/256, fol. 1, 2) ist ausdrücklich vermerkt: Diese Einladung ist nicht übertragbar: sie ist als Ausweis mitzubringen und den Festordnern auf Verlangen jederzeit vorzuzeigen. […] Das Mitbringen von Gästen ist nicht statthaft. (Hervorhebungen wie im Original) Auch dies ist ein weiterer Hinweis dafür, dass die Genossen Hoops und Schaper nicht anwesend waren.

 

Wieso Albert Einstein?

Ausschnitt aus Seite 2 der Einladungsliste zum 2. Bundestag des IJB in der Walkemühle am 10. 8. 1925; (BArch N 2210/256, fol. 5 )

In der Einladungsliste findet sich unter der Lfd.Nr. 38 der Name Albert Einstein, versehen mit einem roten Haken. Ein roter Haken findet sich z.B. nicht bei zwei Namen mit dem Wohnort Zürich resp. Kopenhagen. Das weist darauf hin, dass Einstein eingeladen wurde, er aber – wie aus den hinteren Spalten der Liste zu entnehmen ist – die Einladung weder angen. noch abgelehnt hat.

Torbov [Torbov, 2005, S. 61; Torbov, 1985, S. 70] erwähnt Einstein als Mitglied im Freundes-Rat des Internationalen Jugendbundes (ca. 1918). Später, 1932, gehörte Einstein zu den Unterzeichnern des dringenden Apells zur Kooperation von SPD und KPD bei der Reichstagswahl vom Juli 1932, der von Zeitung des ISK Der Funke initiiert und am 25. Juni 1932 veröffentlich wurde.

 

Fazit:

Albert Einstein wurde 1925 in die Walkemühle eingeladen, nicht aber Willi Schaper, der jedoch von 1927 bis 1930 und von 1945 bis 1952 in der Walkemühle arbeitete und lebte.

 

Dokumente zum Ausbildungskurs und Bundestag des Internationalen Jugendbundes 1925

im Bundesarchiv in Berlin im Nachlass Nelson: BArch N 2210.

Diese Dokumente sind – soweit bekannt – bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet worden! Es handelt sich um ca. 600 Seiten, die zu etwa 80% mit Schreibmaschine geschrieben sind. Die handschriftlichen Seiten sind fast alle sehr sorgfältig beschrieben und somit gut lesbar.

Der Ordner BArch N 2210/256 (136 Seiten) enthält u a.

die Einladung zum 7. Bundestag des IJB, den Tagesplan, das Anmeldeformular sowie Anmeldungs- bzw. Anwesenheitslisten. Weiterhin sind neben diversen Berichten über Ortsgruppen des IJB Reden enthalten von: (Die Zahlen geben die Seitennummerierung im Ordner an.)

Nora Block 26-28
Feuerrede
Rudolf Küchemann29-37
Der sozialistisch-dissidentische Lehrer-Kampfbund (L.K.B.).
Willi Eichler 38-53
U.a. zum L.K.B. und zur Kirchenaustrittsbewegung.
Zeko Torboff56-62
Zur Situation in Bulgarien.
Leonard Nelson 85-99
Einstimmung auf den Bundestag.
Heinrich Nelson 100-136
Über Beethoven.

Der Ordner BArch N 2210/257 (396 Seiten) enthält u a.:

Teilnehmerlisten und Reden von:

Erich Graupe36-77
Wo ist die Quelle aller Not?
Willi Eichler84-138
Zu den Zielen des IJB.
Hellmut Rauschenplat 159-214
Führerschaft und Gefolgschaft.
Nora Block 226-268
Die Erziehungsgemeinschaft.
Heinrich Düker 282-311
Über die persönlichen Bindungen.
Fritz Schmalz 321-360
Unsere politischen Aufgaben.

Daneben enthält der Ordner jeweils auch die Protokolle über die Aussprachen zu diesen Reden.

Es war offensichtlich geplant die Reden zu publizieren. Zu jeder Rede gibt es nämlich jeweils eine persönlich unterzeichnete Erklärung folgenden Wortlautes:

Ich erkläre hiermit, dass ich auf alle Autorenrechte in bezug auf meine Rede auf dem Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes zu Gunsten der Bundesleitung verzichte.

Walkemühle, den … August 1925.

Unterschrift: ……………………….

 

Die Reden liegen als überarbeitete, druckreife Typoskripte vor. Vermutlich kam es nicht zur Veröffentlichung, da im Herbst 1925 die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss fasste, nach dem eine Mitgliedschaft von IJBlern in der SPD unmöglich wurde. In der Folge wurde daraufhin der Internationale Sozialistische Kampfbund gegründet.

Der Ordner BArch N 2210/258 (81 Seiten) enthält
u a. Berichte und persönliche Eindrücke (meist mehrseitig) und Analysen über den Ausbildungskurs von fast allen Teilnehmern.

 

Texte von Zeko Torboff

Torboff ist die früher gebrauchte, Torbov die heute übliche Schreibweise.

Zeko Torbov widmet den Tagen im August 1925 in der Walkemühle ein ausführliches Kapitel in seinem Buch Erinnerungen an Leonard Nelson [Torbov, 2005, S. 47-60, Torbov, 1985, S. 53-69]:

Der Ausbildungskurs und der Kongress des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle.

Daraus werden nun einige Passagen zitiert. Die Inhaltsverzeichnisse erwähnen schon die wesentlichen Eindrücke Torbovs:

Die Abfahrt am 31. Juli 1925 – Die Landschaft, die alte Walkemühle, die Philosophisch-Politische Akademie und andere Gebäude – Bekanntschaft mit den Kursteilnehmern, mit den Lehrern, der Direktorin Minna Specht und Nelsons Vater – Einzelheiten über den Kurs – Die Abende mit Erna Siem und Heinrich Düker – Der Kongress des Internationalen Jugendbundes – Der Abend und die Feuerrede

Die drei hier ausgewählten Ausschnitte belegen die Dichte der Texte und geben zusätzliche Informationen über die Walkemühle und die Atmosphäre dort.

S. 50

… So kamen wir, ohne es zu merken, in Melsungen an. Jeder, ob Frau oder Mann, trug einen Rucksack und war sportlich angezogen. Keiner trug Kragen oder Krawatten und lange Hosen. Vor dem Bahnhof wartete ,,Ajax“ eine kleine Elektrokarre mit nur einer Plattform für leichtes Gepäck. Einige luden die Rucksäcke auf, „Ajax“ setzte sich in Bewegung und wir gingen hinterher. „Ajax“ auch er ist mit meinen Erinnerungen an Walkemühle verbunden. „Ajax“ fährt nach Melsungen, also kommt Besuch mit Gepäck. Der „mächtige Wagen“ wie man zu scherzen pflegte versorgte [die] Walkemühle mit Lebensmitteln, und alle behandelten ihn wie ein Lebewesen. …

Ajax in der Walkemühle ca. 1930.
Foto: Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA030376
Die Namen der Personen und des Hundes sind bis auf einen unbekannt.
Im Hintergrund ist das Dach des Akademiegebäudes zu erkennen.

S .50

… Die Akademie lag in einem Tal – mit freier Sicht gen Osten und Westen und im Norden und Süden von mit Wäldern bewachsenen Anhöhen umsäumt. Der südlich gelegene Hügel begann unmittelbar an der Straße, die nach [der; RS] Walkemühle führte. Die Straße verlief zwischen den Gebäuden und trennte die alte Walkmühle, die einst den Namen „Walkemühle“ getragen hatte und nun Wohnungs­ und Haushaltsräume barg, von der eigentlichen Akademie, einem großen, neuen Gebäude. [Siehe das Foto oben auf dieser Seite; RS] In dem alten Gebäude der Walkmühle befanden sich auch die Lehrräume der kleinen Zöglinge der Akademie, Kinder im Vorschulalter. Neben der Walkmühle befand sich ein neues Gebäude [auf dem Foto in der Mitte, das sog. Lehrgebäude; RS], wo junge Frauen und Männer im Alter von 15-20 Jahren lernten. Das Gebäude der eigentlichen Akademie [auf dem Foto links hinten, das sog. Akademiegebäude; RS] umfasste Lehrraume, eine Bibliothek und Wohnräume. Hier wurden Kurse mit den Älteren durchgeführt, die aus verschiedenen Teilen des Landes und aus dem Ausland kamen. Die Kurse waren nicht längerfristig, der Unterricht der Jüngeren dagegen dauerte 2-3 Jahre. Durch das weite Terrain der Akademie floss ein kleines Bächlein [das ist eine sehr subjektive, falsche Erinnerung von Torbov; RS], das eine Turbine für Elektrizität antrieb und zur Bewässerung des Gemüsegartens diente. Neben dem Gebäude der Akademie lag der Sportplatz, und in dem Schulgebäude der Jüngeren befanden sich eine Tischlerei, eine Schmiede, Chemie- und Physikräume, alles zur Förderung des Lernprozesses bestimmt. …

S.59

… Die Feuerrede [Feuerrede erklärt sich in den nächsten Sätzen; RS] hielt Nora Block [-Platiel; RS]. Auf dem Hügel, unmittelbar neben dem Gebäude der Akademie, war ein großer Holzhaufen (errichtet worden). Alle an dem Kongress Beteiligten hatten einen großen Kreis gebildet und warteten Hand in Hand auf das Entzünden des Feuers. Ich stand neben Nelson. Als die Flammen hochschlugen, stellte sich Nora Block in die Mitte des Kreises neben das Feuer und hielt die Rede, begeistert und feurig. Ich war wie betäubt. Ich schaute in die Gesichter aller, die von dem großen Feuer angeleuchtet wurden, alle waren ernst und feierlich, aber wiederum so ungezwungen einfach, wie beim Hören des Berichts oder bei ihrer Unterhaltung. In dieser feierlichen Stunde gab es nichts Künstliches, nichts Theatralisches. Man sah, dass jeder den Sinn der Feier verstand und sich schweigsam der Reihe anschloss mit dem Bewusstsein, dass man an etwas Ernstem und Großem teilnahm. …

Der Text der Feuerrede ist erhalten: (BArch N 2210/256, fol. 26-28).

Aus einem Brief Leonard Nelsons an Zeko Torbovs (31. 3. 1925):

S. 20

… Aber fangen Sie noch nichts an, woraus mittelbar oder unmittelbar jemand ein Recht auf so etwas wie Mitgliedschaft ableiten könnte. Dies ist umso notwendiger, als wir seit längerer Zeit die Einrichtung der Mitgliedschaft gar nicht mehr haben. Wir sind tatsächlich, so paradox dies juristisch anmutet, eine Organisation ohne Mitglieder.

Hier in unserer Schule, die die philosophisch-politische Akademie wenigstens im Keim verkörpert, steht über dem Eingang die Inschrift: „Du bist ein Gast wie ich.“ Es gibt bei uns tatsächlich – und so wird es noch auf absehbare Zeit bleiben müssen – nur Gäste, und auch diese müssen, um sich als solche fernerhin zu betrachten, jederzeit durch die Tat beweisen, dass sie sich zu solchen eignen. Es bedarf für uns besonderer Gründe, um jemanden auch nur als Gast zu behalten, und es bedarf keiner solchen für sein Ausscheiden. Das ist freilich, was wir wohl wissen, das Kennzeichen einer Sekte und keiner eigentlichen Partei. Aber keine Bewegung ist in der Geschichte groß geworden – und am wenigsten unter ungeheuren Schwierigkeiten – die nicht den Mut hatte, bewusst das Stadium der Sekte zu durchlaufen. Je mehr wir darauf drängen müssen, so bald wie möglich über dieses Stadium hinaus zu kommen, desto standhafter müssen wir Übereilungen vermeiden und uns gegen den verführenden Rausch von Augenblickserfolgen immun machen. …

 

 

Quellen:

Nachlass Leonard Nelson
Bundesarchiv Berlin, BArch N 2210/256, BArch N 2210/257.

Philosophisch-Politische Akademie (Hrsg.)
Wie Vernunft praktisch werden kann.
Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson.
Ausstellungskatalog
Frankfurt a. M.: Philosophisch-Politische Akademie, 1987.

Behrens-Cobet, Heidi
Herrschaft der Vernünftigen und Rechtsliebenden.
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes.
In: Ciupke, S. 15-27.

Ciupke, Paul und Franz-Josef Jelich (Hrsg.)
Soziale Bewegung, Gemeinschaftsbildung und pädagogische Institutionalisierung.
Essen: Klartext Verlag, 1996. ISBN 3-88474-520-4.

Inhaltsverzeichnis (pdf)

Feidel-Mertz, Hildegard
Die Walkemühle nach 1945.
In: Ciupke, S. 29-36.

Fischer, Ilse
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie, 1999, S. 185. ISBN 3-86077-805-6.

Hertkorn, Anne-Barb
Die Münchener ISK-Gruppe.
München, Archiv der Münchener Arbeiterbewegung e.V., 2002. Internetseiten.
(Die Betrachtung bzw. die Benutzerführung dieser Seiten ist etwas gewöhnungsbedürftig.)

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: Unveröffentlichtes Typoskript, [1992], 125 Seiten.

Nelson, Leonard
Brief an Dr. Torbov.
Walkemühle, 31. März 1925.
Zitiert nach Torbov, 2005, S. 20.

Torbov, Zeko
Erinnerungen an Leonard Nelson (1924-1929).
Sofia: unveröffentlichtes Typoskript, V+210 Seiten, 1985.

Torbov, Zeko
Erinnerungen an Leonard Nelson (1925-1927).
Herausgegeben, neu übersetzt und mit einer Einleitung von Nikolay Milkov.
Hildesheim: Olms, 2005, LVIII+206 Seiten, 978-3-487-13000-2.

In diesem Buch werden mehrere Briefe Willi Eichlers von 1925 [S. 14, 27, 28, 29] mit der Unterschrift „Martin Hart“ zitiert. Es übersteigt mein Vorstellungsvermögen, dass der vorsichtige, politisch weitsichtige Willi Eichler in der Emigration nach 1933 zur Tarnung das Pseudonym „Martin Hart“ benutzte, mit dem er angeblich schon 1925 Briefe unterzeichnet haben soll. Gibt es die Originale dieser Briefe noch?

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(Diese Seite wurde am 18. 09. 2016 eingefügt und am 06.01.2017 umfangreich erweitert.)

Die „Besetzung“ der Walkemühle am 14. März 1933

Nora Walter

Der März 1933 aus der Erinnerung einer damals Neunjährigen

Weihnachten wurde nicht gefeiert, sondern Sylvester und Neujahr ein „Fest der Tiere“. Wir hängten Nistkästen auf und hörten wohl auch Geschichten über Tiere, es gab ein richtiges Programm für die zwei Tage. Deutlich habe ich noch vor Augen einen langen „Demonstrationszug“ aus Spielzeugtieren, der im Physikzimmer aufgebaut war.

[…]

Im Februar 1933 kam auch meine Schwester Lisa in die Walkemühle, […]

Viel Zeit hatte sie nicht, sich einzugewöhnen, denn nach sechs Wochen, am 14. März 1933 wurde die Walkemühle durch die Nazis geschlossen und beschlagnahmt.

Daran erinnere ich mich sehr deutlich. Wir hatten einen unserer Prüfungstage, die ja so vor sich gingen, daß die Schüler den andern, Kindern und Erwachsenen, darüber berichteten, was sie gelernt hatten. Wir saßen also alle zusammen im Physikzimmer und hörten zu.

Da kam Minna [Specht: RS] herein, ging nach vorn - sie hatte Tränen in den Augen - und sagte nur: „Die Schule ist geschlossen.“ Schon seit Tagen oder sogar Wochen hatten SA-Männer vor dem Haus patrouilliert und unsere Lehrer haben gewiß mit einer solchen Maßnahme gerechnet - uns jüngeren Kindern war das aber nicht so klar geworden. Nun mußten wir alle wieder nach Hause zu unseren Eltern. Mathias Schwer, der alte Gärtner der Walkemühle, der nicht in der Schule wohnte, schenkte mir und wohl allen Kindern ein winterliches Gesamtbild der Mühle, 6 ´ 9 cm, zur Erinnerung. Auf die Rückseite hatte er seinen Namen geschrieben. Ich habe es gut aufgehoben.

Auszug aus:

Walter, Nora
Langweilig war es nicht, mein Leben.
Empelde: unveröffentlichtes Typoskript, [2000]. 144 Seiten und Anhänge.

 

Erinnerung von Minna Specht (1944)

An einem Morgen im März 1933 ergriffen die Nazis von der Walkemühle Besitz. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, von dem aus die Kinder die ungewöhnlichen Vorgänge – Uniformen, Waffen, Kommandos – beobachtet hatten, wurde ich von ihnen mit der bangen Frage empfangen: «Wohin gehen wir nun?» In dieser mißlichen Lage schossen mir verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, und ich sagte dann: «Ich will versuchen, in Dänemark ein neues Heim zu finden.» Mir schwebte ein unklares, aber hoffnungsvolles Bild von einem friedlichen, einfachen Land vor. Die Art, wie die Augen der Kinder aufleuchteten, gab mir das Gefühl, ihnen gegenüber im Wort zu stehen und sie nicht enttäuschen zu dürfen.

Dieser Auszug kann ist mehrfach erwähnt:

Feidel-Mertz, Hildegard (Hrsg.)
Schulen im Exil: die verdrängte Pädagogik nach 1933
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1983. ISBN 3-499-17789-7.
S. 93 ff.

Hansen-Schaberg, Inge
Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).
Untersuchung zur pädagogischen Biographie einer Reformpädagogin.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 1992. ISBN 3-631-44250-5
S. 69, Fn. 248

Nielsen, Birgit S.
Erziehung zum Selbstvertrauen.
Ein sozialistischer Schulversuch im dänischen Exil 1933 - 1938. 
Wuppertal: Hammer 1985. ISBN 3-87294-265-4
S. 45 ff

 

Bericht des Landrats von Melsungen vom 14. 3. 1933

Der Landrat von Melsungen berichtete ausführlich an den Regierungspräsidenten in Kassel und empfahl u.a. dass

„… die Genehmigung zur Aufnahme von grundschulpflichtigen Kindern in der Anstalt wieder zurückgezogen wird, da zweifellos feststeht, dass die geistige Beeinflussung und Erziehung in der Walkemühle im scharfen Gegensatz zu deutschen und christlichen Grundsätzen steht. […] Denn wenn auch die in der Bevölkerung umgehenden Gerüchte über Waffenlager in der Walkemühle, Treffpunkt auswärtiger Kommunisten u.ä. nach dem Ergebnis zweimaliger sorgfältiger Haussuchungen nicht zutreffend sind, so bildet die Walkemühle doch einen sehr unerwünschten Unruheherd. …“

Aus:

HStAM 180 Melsungen 3729, Blatt 6-8

 

Handbuch des Kreises Melsungen 1934

Schon lange war es bekannt, daß das internationale Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen eine kommunistische Brutstätte bildete. Am 14. März erschien staatliche Polizei vor dem Heim, die die Schule mit Unterstützung von Hilfspolizei und SA. besetzte. Die einzelnen Räume der Anstalt wurden durchsucht und mehrere Aktenstücke beschlagnahmt. Nach der Durchsuchung blieb die Walkemühle besetzt. Sie dient jetzt [d.h. 1934] der NSDAP. als politische Führerschule. Die Geschäftsstelle der SA.-Standarte 173 wurde in der Walkemühle untergebracht. Die zahlreichen Räume boten in den ersten Wochen nach der nationalen Erhebung auch Unterkunftsmöglichkeit für politische Schutzhäftlinge, die zu ihrer eigenen Sicherheit gegen die Volkswut hier in Haft genommen wurden.

Kreis Melsungen (Hrsg.)
Handbuch 1934.
Melsungen: Bernecker 1934. Ohne Paginierung.

 

Bericht der Kasseler Post vom 1. 7. 1933

„Das Rüstzeug zum Führer bietet die Amtswalterschule in der Walkemühle“.

Die Zeitung lobte die auf das „beste eingerichteten Räume“ und bemerkte dann
„… eine Bibliothek, die mit 5000 Bänden ausgestattet ist. Viel zersetzendes Material, aber auch wertvolle Bücher sind da zu finden.

Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen. Welcher Geist in dieser kommunistischen Schule herrschte, beweist die Aussage eines neunjährigen Jungen, der Standartenführer Wagner auf eine religiöse Frage antwortete, daß Gottesglaube ein Märchen und Irrwahn der Menschheit sei. […]

Sämtliche Amtswalter des Gaues müssen an den Schulungskursen teilnehmen, ausgenommen die Kreisleiter und Kreisschulungsleiter, die die neugegründete Reichsführerschule in Bernau besuchen.

Lügen in der Presse vom Juni / Juli 1933

- und vom 4. Juli 1933 die Richtigstellung

Der Nachdruck von Artikeln aus der Nazi-Presse von 1933 birgt die Gefahr die dort formulierte Propaganda zu transportieren. Zu dem Ereignis dieser feierlichen Eröffnung liegen aber nicht nur mehrere Artikel aus der lokalen Presse vor, sondern insbesondere eine Richtigstellung, die jedoch damals nicht veröffentlicht werden konnte! Weiterhin enthalten die Zeitungsartikel teilweise – durchaus zutreffende – beachtenswerte Beschreibungen der Räumlichkeiten der Walkemühle und Passagen zur ihrer Geschichte.

Doch auch Sätze wie diese sind zu finden:

… Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen. …

… Wir reichen jedem ehrlichen Deutschen die Hand, aber nicht um uns zu betrügen, sondern um mitzuarbeiten. …

Die Texte werden also nebst einigen – hoffentlich das Verständnis erhöhenden – Anmerkungen wiedergegeben.

Dem Faksimile eines Ausschnitts des Artikels Die Walkemühle bei Melsungen einst und jetzt vom 30. Juni 1933, folgt der leichteren Lesbarkeit wegen eine Opens internal link in current windowAbschrift des Textes. Durch Anklicken erscheint der Ausschnitt vergrößert. In der Abschrift sind jene Stellen grün markiert und durch Markierungen wie [2] bezeichnet, auf die sich jeweils die Absätze in der folgenden Opens internal link in current windowRichtigstellung  von Hermann Roos vom 4. Juli 1933 beziehen.

Hermann Roos war ein großer Förderer der Philosophisch-politischen Akademie. Durch seine großzügigen Spenden konnten 1922 das Akademiegebäude und das Lehrgebäude der Walkemühle gebaut werden. Als englischer Staatsbürger konnte er es sich im Juli 1933 erlauben, eine Richtigstellung bzgl. des Artikels der Kasseler Neuesten Nachrichten zu fordern.

Von Thomas Schattner gibt es in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, Schwalm-Eder Ausgabe, am 30. Juni 2008 zwei Artikel (pdf)

Kaderschmiede in der Mühle – Ab 1. Juli 1933 schulten die Nazis ihre Funktionäre in der Walkemühle bei Melsungen

Jeden Morgen gab es Prügel – Im Keller der Mühle wurden Häftlinge gequält

unter der Überschrift

Vor 75 Jahren: Nazis eröffneten Funktionärsschule samt Folterkeller bei Melsungen

 

Inhaltsverzeichnis

Opens internal link in current windowAbschrift: Die Walkemühle einst und jetzt. Kasseler Neueste Nachrichten, 30. Juni 1933.
Opens internal link in current windowRichtigstellung von Hermann Roos, Kassel, 4. Juli 1933.
Opens internal link in current windowFußnoten bzgl. der Richtigstellung. Kassel, 20. Februar 2017.
Opens internal link in current windowAbschrift: Die Walkemühle wird Amtswalterschule. Kasseler Post, 29. Juni 1933.
Opens internal link in current windowAbschrift: Rüstzeug zum Führer. Kasseler Post, 1. Juli 1933.
Opens internal link in current windowAbschrift: Die Walkemühle als Amtswalterschule. Melsunger Tageblatt, 30. Juni 1933.
Opens internal link in current windowAbschrift: Feierliche Eröffnung der Amtswalterschule. Melsunger Tageblatt, 4. Juli 1933.
Opens internal link in current windowHinweise Hinweise zum Lied Im Hessenland marschieren wir. Kassel, 20. Februar 2017.


Quellen: UB Marburg 065 2 VIII A 1611;
bzw.:
AdsD, Nachlass Minna Specht MSAE000068.


Nr. 150  Dreiundzwanzigster Jahrgang  Kasseler Neueste Nachrichten  Freitag, 30. Juni 1933 / 1. Beilage - Seite 1

br. Bis zum März 1933 bestand der nationalsozialistische Kampf in der Eroberung der Massen. 14 Jahre wurde die Trommel gerührt, wurde Propaganda gemacht, wurden die Massen für die nationalsozialistische Idee gewonnen. Agitation und Propaganda nahmen die Zeit jedes einzelnen Parteigenossen voll in Anspruch. Nur wenige meist führende Parteigenossen hatten Gelegenheit, sich mit den weltanschaulichen Grundlagen und den praktischen Auswirkungen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Diese Lücke gilt es nach Eroberung der Macht, nach der Errichtung des nationalsozialistischen Staates zu schließen.

Der Führer hat angeordnet, daß sämtliche Amtswalter und, Parteigenossen sich einer intensiven Schulung zu unterziehen haben, einer Schulung, die nach der Propaganda der vergangenen Jahre dringend notwendig ist und dazu führen wird, die Organisation zu festigen und stark zu machen für die praktische Durchführung des Nationalsozialismus.

In drei Schulungsgruppen soll den Amtswaltern und Parteigenossen das notwendige Gedankengut vermittelt werden. Die Amtswalter der Gauleitungen und die Kreis - Schulungsleiter werden an drei Schulen unterrichtet, von denen eine die bekannte Reichführerschule in Bernau in der Mark ist. Die Stabswalter der Kreisleitungen, die Ortsgruppenleiter, Zellen- und Blockwarte usw. werden in den Amtswalterschulen in 14tägigen Kursen für ihre Arbeit vorbereitet. Im Gau Kurhessen sind drei Amtswalterschulen vorgesehen, und zwar in Melsungen, in Marburg und in Fulda. Die dritte Schulungsgruppe umfaßt die neu der Bewegung zugeführten Parteigenossen, deren geistige Betreuung und Einführung in den Nationalsozialismus Aufgabe der Ortsgruppenleiter und Stützpunktleiter ist.

Wenn man bedenkt, daß der Gau Kurhessen nicht weniger als 6000 Amtswalter hat, so kann man ermessen, welch ungeheure Arbeit hier in den nächsten Monaten seitens des Gauschulungsleiters Neuburg zu organisieren ist.

Dank dem Entgegenkommen des Gauschulungsleiters Neuburg hatte die Presse gestern nachmittag Gelegenheit, die Gauamtswalterschule I des Gaues Kurhessen, die in der landschaftlich herrlich gelegenen Walkemühle, wenige Kilometer von Melsungen untergebracht ist, eingehend zu besichtigen. Standartenführer Wagner, Besse, und Schulungsleiter Neuburg hatten die Liebenswürdigkeit, uns mit sämtlichen Räumen der vier Gebäude umfassenden Schulungshauses und mit der Geschichte der Walkemühle bekannt zu machen.

Am 28. März wurde die Walkemühle, in der sich bis dahin die Philosophisch-politische Akademie des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes“, der den verstorbenen Göttinger Professor Nelson zu seinem geistigen Führer hat, befunden hatte, von der SA übernommen. Die Philosophisch-politische Akademie[1] war in den rund 10 Jahren ihres Bestehens ängstlich darauf bedacht gewesen, der Oeffentlichkeit jeden Einblick in ihren Schulbetrieb zu verwehren[2]. Was ihr umso leichter war, als sie von den damaligen Regierungen als gemeinnützig anerkannt war.

Unter dem Deckmantel der Fortführung der Kant-Fries’schen Philosophie[3] hatte man hier eine Schule eingerichtet, die junge Menschen bewußt zu kommunistischen Kämpfern heranziehen sollte.

Vielfach waren Findelkinder [4], die von den Jugendämtern westdeutscher Großstädte der Schulleitung zur Ausbildung überlassen wurden; keine Bindung an Heimat und Elternhaus beschwerte diese Kinder, die im Alter von 2–3 Jahren der Schule überwiesen wurden. Umso leichter war es für die Lehrer, jedes vaterländische oder gottesfürchtige Empfinden auszuschalten und so die Kinder zu bewußten Klassenkämpfern heranzubilden.

Die Mittel für die Unterhaltung dieser Schule und Einrichtung von Neubauten notwendig waren, flossen der Schulleitung seitens sogenannter Paten zu.

Einer der eifrigsten Geldgeber war der sich zur Zeit in Schutzhaft befindliche jüdische Seifenfabrikant Viktor Wolff[5] aus Schlüchtern, der nachweislich der vorgefundenen Belege jeden Monat durchschnittlich 1000 RM. zur Verfügung gestellt hat.

Die Geldgeber der Schule waren insbesondere auch im Ausland zu finden, so in England, China, Japan und Australien.

Die Einrichtung dieser rein kommunistischen Zwecken[6] dienenden Anstalt war, das muß offen ausgesprochen werden, eine geradezu vorbildliche. Was man sich nur an schulischen Hilfsmitteln, an technischen Apparaturen denken kann, das war hier dank der großen Geldmittel, die der Schule zur Verfügung standen, in reichem Maße vorhanden. Wir betreten einen Raum, der in Zukunft als Schulungsraum für die Amtswalter gedacht ist, der einst ein chemisch-physikalisches Laboratorium darstellte, in dem jeder Schüler auf seinem Platz eine eigene Gas-, eine eigene Licht- und eine eigene Wasserleitung hatte. In einem Nebenraum wurden Typhus- und Cholera - Bazillen[6] hergestellt und auf ihre Wirksamkeit hin beobachtet. Die Schlosser- und Schreinerwerkstatt, eine Schmiede dienten zur handwerklichen Ausbildung der Schüler und waren mit den feinsten Mechaniker-Drehbänken, Holzbearbeitungsmaschinen, Bohrmaschinen usw. ausgestattet. Ein Turnsaal diente der körperlichen Ertüchtigung; Zeichnungen an den Wänden dieses Saales zeugen davon, daß sich unter den ehemaligen Insassen auch künstlerisch begabte Menschen befanden.

Die Elektrizität wurde für sämtliche vier Gebäude selbst erzeugt, eine Hauptturbine für die Lichtgewinnung, eine kleinere Turbine für die elektrische Heizung sind vorhanden.

War im Sommer mal die Kraft der Pfieffe nicht stark genug, so sorgte ein Rohöl-Motor dafür, daß in der Lichtbelieferung keine Stockung eintrat. Elektrische Brotschneidemaschinen, eine elektrische Waschmaschine, eine elektrische Wäschetrocknungsmaschine, ein Backraum, die vortrefflich eingerichtet Speisekammer, die Ausstattung der Küche, vier Morgen Gärten, ein Musiksaal, die Zimmer der Lehrer und die später eingebauten Kurzimmer für die Paten ließen erkennen, daß diese Anstalt wirklich aufs modernste eingerichtet und in dieser Hinsicht von einer staatlichen Anstalt kaum zu übertreffen war.

Das besondere Interesse des Besuchers lenkt der geräumige Bibliothekssaal auf sich. Bücherregale an sämtlichen Wänden, fast bis zur Decke reichend, gefüllt mit Büchern. Hier finden wir Bücher mannigfaltigen geistigen Ursprungs. Hier sind die Klassiker, die deutschen Romantiker, die Vertreter der Weltliteratur fast vollständig vorhanden,

hier finden wir aber auch ein geistiges Arsenal des Marxismus und Leninismus, hier finden wir ganze Stöße marxistisch-kommunistischer Propagandaschriften[7], die von den Schülern in den Nachbarorten unter der Bauern- und Arbeiterbevölkerung verbreitet wurden.

Wenn diese Bibliothek nicht wäre, wenn sie nicht einen solch geradlinigen Schluß auf den wahren Charakter dieser Anstalt zuließe, so könnte man im Zweifel sein, welcher geistigen Richtung dieses Erziehungsinstitut diente. So aber ist jeder Zweifel ausgeschlossen, so wissen wir, daß dank des Sieges des Nationalsozialismus eine marxistische Brutstätte von staatsgefährlicher Wirksamkeit ausgehoben wurde.

Zur Zeit ist ein Arbeitskommando damit beschäftigt, die Gebäude instand zu setzen. Zimmer- und Schreinerarbeiten, Ausbesserung der Wege, die durch das Hochwasser gelitten haben, gärtnerische Arbeiten werden hier ausgeführt. Standartenführer Wagner, der Schulleiter, hat mit seiner Familie im Gebäude der alten Mühle Wohnung genommen; denn hier sollen nicht nur die Amtswalter unterrichtet werden, sondern eine SA-Führerschule eingerichtet werden, um so das gegenseitige Verständnis zwischen politischer Leitung und SA-Führung, zwischen dem Parteigenossen und dem SA - Mann zu vertiefen. Die Räume werden so hergerichtet, wie sie für eine Amtswalterschule brauchbar erscheinen. Leider war es der ehemaligen Schulleitung gelungen, einen großen Teil des Inventars rechtzeitig vor der Besitzergreifung durch die SA, zu beseitigen[8]. Was an Material noch vorhanden und für die künftigen Schulungszwecke nicht verwertbar ist, wird sorgfältig aufgehoben und vor Vernichtung bewahrt.

Die 5000 Bände umfassende Bibliothek ist zwar nicht mehr vollständig vorhanden, aber birgt doch noch reiche Schätze, die, wie wir hören, unserer Landesbibliothek Marburg zur Verfügung gestellt werden sollen.

Alles in allem empfing der Besucher einen ausgezeichneten Eindruck von der Anstalt, und wir zweifeln nicht daran, daß die Amtswalter der Partei und die SA-Männer, die zu 14tägigen Kursen nach der Walkemühle beordert werden, hier nicht nur eine Fülle geistiger Anregungen empfangen werden, sondern darüber hinaus einen tiefen Einblick von der Schönheit hessischer Landschaft, eine Verinnerlichung ihres Heimatgefühls gewonnen werden. Hoffen wir, daß alle Schüler diese Kurse mit dem Erfolg verlassen, der notwendig ist, um sie zu wahren Führern der Bewegung und damit zu Führern der nationalsozialistischen Deutschlands zu stempeln.

Die feierliche Eröffnung der Amtswalterschule in Anwesenheit des Gauleiters Weinrich ist für Sonntag abend 7 Uhr vorgesehen.

Zu den Bildern:

Oben: Gesamtansicht der Walkemühle
Links: Standartenführer Wagner und Gauschulungsleiter Neuburg im Bibliothekssaal
Rechts: Hier wird die Kraft für die Beleuchtung der vier Gebäude erzeugt.
Sämtliche Bilder sind eigene Aufnahmen der K.R.N.

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Die Richtigstellung

Abschrift nach Kopien aus dem Bundesarchiv Berlin: BArch R 1501 fol. 640; bzw. dem Archiv der sozialen Demokratie Bonn, AdsD, Nachlass Minna Specht 1MSAE000068.

Widerlegung einer Auslese von Behauptungen in den „Kasseler Neuesten Nachrichten“ vom 30. Juni 1933, betreffend die „Walkemühle“.

Zu 1.
Die Philosophisch-politische Akademie1) ist kein Unternehmen des Internationalen sozialistischen Kampf-Bundes (ISK)2), sie ist drei Jahre vor der Gründung des ISK entstanden. Sie beruht auf den wissenschaftlichen Grundlagen, die Nelson3) geschaffen hat, und dient dem Zweck, die sittlichen Forderungen, die die Ethik stellt, in der Erziehung zu verwirklichen. (Siehe Satzung).

Zu 2.
Die Abschliessung der in der Walkemühle geleisteten Erziehungsarbeit vor der Öffentlichkeit beruht allein auf der pädagogischen Erwägung, dass die Erziehungsarbeit in der Stille vor sich gehen muss, und das jede Schaustellung die Bildung des Charakters gefährdet. Die Regierung hatte selbstverständlich vollen Einblick in die Arbeit wie die Akten bezeugen. Ich selber habe – wie viele andere Freunde der Schule – jeder Zeit Zutritt zu ihr gehabt und habe ihre Arbeit kritisch verfolgen können. Aehnlich ging es pädagogisch interessierten Menschen überhaupt, was durch die Tatsache bewiesen wird, dass Kurse mit Lehrern und ähnliche Veranstaltungen stattgefunden haben.

Zu 3.
Die Behauptung, die Kant-Fries’sche Philosophie4) hätte den politischen Zielen nur als Deckmantel gedient, ist grundfalsch. Diese Schule ist überhaupt nur gegründet worden, um der Verwirklichung der Kant-Fries’schen Philosophie willen. Wer sich diese Weltanschauung zueigen gemacht hat, kann, seiner ganzen geistigen und seelischen Anlage nach, gar nicht darauf eingestellt sein, materialistisch-kommunistische Ideen zu vertreten. Als Beleg hierfür möchte ich hinweisen auf das Vorwort, das von Fräulein Minna Specht5) und Dr. Grete Hermann6) zur Einführung in das System der Ethik und Pädagogik7) geschrieben worden ist.

Zu 4.
Kein einziges Findelkind von Jugendämtern westdeutscher Grossstädte ist der Walkemühle überlassen worden. Ein mehrtägiger Elterntag versammelte in jedem Jahr fast alle Eltern in der Schule und knüpfte das Band zwischen Eltern, Kindern und ihren Lehrern.

Religiöses Gefühl ist nicht unterdrückt worden, es herrschte keine gottlose Einstellung.

Zu 5.
Herr Max Wolf8) hat sich niemals in Schutzhaft befunden. Viktor Wolf war sein lange verstorbener Vater. Ich kenne M.W. persönlich und schätze ihn als einen ernsthaften, der Sache der Fries’schen Schule innerlich verbundenen Mann. Er hat der Schule in grosszügiger Weise den genannten monatlichen Betrag geleistet, und es kennzeichnet ihn, dass er niemals beanspruchte hat, der Schule einen Mitarbeiter oder Schüler zuzuweisen. Ich habe meinerseits die gleiche Scheu empfunden, denn die Leiterin sollte unter keinen Umständen sich unter einem Druck fühlen können.
Geldgeber aus Japan und Australien hat es nie gegeben.

Zu 6.
Die stete Wiederholung der Behauptung, dass die Walkemühle „rein kommunistischen Zwecken“9) gedient habe, ist bisher nicht bewiesen worden und kann nicht bewiesen werden. Einer solchen Behauptung steht entgegen: a) die wissenschaftliche Arbeit Nelsons, b) die Schularbeit, die, wie bereits gesagt der Regierung völlig bekannt war, c) das Zeugnis vieler Männer und Frauen, das aus dem Kreise Melsungen beigebracht werden könnte, falls dies gewünscht wird, siehe vor allem auch die Denkschrift der Kasseler Anwälte10).

„Typhus- und Cholera- Bazillen“. Diese Behauptung würde die Ablehnung mit „too silly for words“ verdienen. Aber ich muss wohl doch davon Notiz nehmen und ausdrücklich erklären, dass solche Bazillen niemals in der Walkemühle hergestellt worden sind.

Zu 7.
Die Bemerkung, in der Bibliothek seien ganze Stösse marxistisch-kommunistischer Propaganda-Schriften gefunden worden, widerstreitet der Feststellung, die ein im März vom Polizeipräsidium in Kassel entsandter Beamter, Herr Kriminalassistent Seyffert, gemacht hat. Das Zeugnis dieses Herrn liegt vermutlich noch bei der Regierung in Kassel. In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass in keinem einzigen Heft des „ISK“11) eine Stelle zu finden ist, die den Kommunismus vertritt. Die russische Grenze ist gegen den „ISK“ gesperrt.

Zu 8.
Der Teil des Inventars, den die Schulleitung abtransportieren liess, war das Privateigentum der Mitarbeiter und ist, wie ich von Fräulein Specht5) gehört habe, unter Aufsicht des Kreisleiters der NSDAP, Herrn Wisch aus Melsungen, fortgebracht worden6).

Ich habe Fräulein Specht veranlasst, mit mir nach Kassel zu kommen, um angesichts dieses Zeitungsartikels ebenfalls gehört zu werden. Ausserdem äusserte ich die Bitte mit dem Schreiber (br.) des Artikels (vermutlich der Fabrikbesitzer Dr. Braun12) aus Melsungen) konfrontiert zu werden. In meinem Berliner Protokoll vom 30. Juni habe ich behauptet, dass ein „getrübtes Bild“ betreffs der Walkemühle entstanden sei. Dafür ist der eben behandelte Zeitungsartikel vom 30. Juni ein wohl nicht zu überbietendes Beispiel.

Kassel, 4. Juli 1933.

gez. Hermann Roos13)

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Fußnoten und Hinweise bzgl. dieser „Opens internal link in current windowRichtigstellung

von Ralf Schaper, Kassel, 20. Februar 2017

1) Philosophisch-politische Akademie

2) Internationaler sozialistischer Kampfbund

3) Leonard Nelson

4) Kant-Fries’sche Philosophie

5) Minna Specht war bis zum 19. 4. 1933 in der Walkemühle polizeilich gemeldet.

6) Grete Hermann war bis zum 20. 4. 1933 in der Walkemühle polizeilich gemeldet.

Das mehrfach reproduzierte Foto Minna Specht und Grete Henry-Hermann bringen Dokumente aus der Walkemühle in einen Bank-Safe, Kassel 1933 ist sowohl hier, als auch hier, als auch hier, zu sehen.

Die Formulierung Leider war es der ehemaligen Schulleitung gelungen, einen großen Teil des Inventars rechtzeitig vor der Besitzergreifung durch die SA, zu beseitigen. ist falsch!

In einem Vermerk (HStA Marburg 223/32) vom 7. 11. 1934 im Zusammenhang mit der „Verbringung“ der Bibliothek aus der Walkemühle in die Landesbibliothek Kassel heißt es: In der Walkemühle seien noch nachträglich in einer Kammer (ca. 20 Ctr.) schriftliches Material vorgefunden worden. Ein weiterer Vermerk vom Februar 1936: Auf Veranlassung des Geh. Staatspolizei-Amtes in Berlin wurden durch die Staatspolizeistellen Kassel die handschriftlichen Bestände der ehemalig kommunistischen Walkemühle-Bücherei, die mit den Buchbeständen in die Landesbibliothek überführt waren, beschlagnahmt und sichergestellt. Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um die Unterlagen (7,5m Akten), die jetzt im Bundesarchiv Berlin als Nachlass Nelson einzusehen sind.

7) Einführung in das System der Ethik und Pädagogik

8) Max Wolf.

Im März 1934 wurde Max Wolf in „Schutzhaft“ genommen. Siehe auch diese Seite Eine vegetarische Seife.

9) Dazu Kommunistische Brutstätte

10) Denkschrift der Kasseler Anwälte:
Heussner, Wieser, Niemann, Borgmann:
Verteidigungsschrift und Gutachten anläßlich der Besetzung der Walkemühle und ihrer Durchsuchung auf illegale Literatur und Waffenbesitz am 14. 3. 1933.
Im Archiv der sozialen Demokratie Bonn: AdsD Nachlass Minna Specht, 1/MSAE000068

11) Die Zeitschrift „ISK“.

12) Fabrikbesitzer Dr. Braun:
In Melsungen gibt es zwei Familien Braun, die Fabrikbesitzer sind.

Der hier erwähnte Dr. Braun ist wohl der NSDAP-Gauwirtschaftsberater Dr. Rudolf Braun. Als Inhaber der Uzara-Werke in Melsungen wird R. Braun auch „Uzara-Braun“ genannt.

Der „andere Fabrikbesitzer Braun“, Otto Braun, war 1933 nicht promoviert.

13) Hermann Roos, Schweizer Fabrikant, „geborener Deutscher und seit 1890 englischer Staatsuntertan“, hat 1922 durch enorme Spenden den Bau des Akademie- und des Lehrgebäudes der Walkemühle ermöglicht und auch weiterhin die Philosophisch-politische Akademie finanziell und ideell unterstützt. Die hier wiedergegebene Richtigstellung ist eine Anlage zu diversen Schreiben und Unterlagen, die Roos der Geheimen Staatspolizei Berlin, Dezernat 7, direkt übergeben hat und die auch am 4. Juli an den Regierungspräsidenten in Kassel geschickt wurden (AdsD, Nachlass Minna Specht, 1MSAE000068).

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g. Melsungen, 29. Juni

Als die nationalsozialistische Bewegung am 30. Januar den Staat in Besitz nahm, da war es mit ihr erstes Bestreben, den internationalen Ungeist, der sich im Lande breit machte, und der alles völkische Leben zu überwuchern drohte, mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Zu einer Brutstätte kommunistischer Zersetzungsarbeit hatte sich die Walkemühle bei Adelshausen entwickelt, die in der Inflationszeit aus Privatbesitz in die Hände der „Philosophisch-politischen Akademie“ übergegangen war. Diese wurde von dem Philosophen Nelson, der hier bei der Walkemühle begraben liegt, begründet. Sie wurde zum Sammelbecken aller möglichen geheimnisvollen internationalen Gestalten. Das Gefährlichste war noch, daß dem Lehrer der Anstalt Dr. Wunder, vom Unterrichtsministerium die Erlaubnis zur Unterrichtserteilung an schulpflichtige Kinder erteilt worden war. So konnte man den Geist des Internationalismus ungehindert in jungen Kinderherzen träufeln und eine Seuche verbreiten, die langsam weiterfraß. Überall in den Nachbargemeinden wurden Gottlosenversammlungen abgehalten und Propagandaschriften vertrieben. Es ist kein Zufall, wenn z. B. die Zahl der marxistischen Stimmen noch bei der letzten Reichstagswahl in Adelshausen eine verhältnismäßig hohe war. Von dem Dunkel der Schule ist in die Öffentlichkeit nie viel gedrungen.

Früher hatte die Mühle gewerblichen Zwecken gedient. Hier wurden in den 80er und 90er Jahren die weit und breit bekannten Melsunger Tuche gewebt. 60 bis 70 Arbeiter hatten Beschäftigung und führten mit ihrem kleinen Häuschen ein zufriedenes und auskömmliches Leben. Um die Jahrhundertwende ging die Weberei ein, weil die Fabriken in Melsungen mit ihren maschinellen Einrichtungen in die Höhe wuchsen und sich der mit Handstühlen arbeitende Betrieb nicht mehr halten konnte. Die Mühle wurde zu einer Holzwarenfabrik umgebaut und wechselte mehrmals ihre Besitzer.

Der nahegelegenen Melsunger Stadtwald lieferte das Holz. Hauptsächlich wurden Handleiterwagen fabriziert.

Doch auch dieser Betrieb war für die Dauer nicht zu halten. In den ersten Kriegsjahren wurde die Fabrik stillgelegt. Dann ruhte in ihr jedes schöpferische Leben – bis in der Inflationszeit das internationale Lehrinstitut hier errichtet wurde, das soviel Unheil brachte. Der Hauptgeldgeber war der jüdische Seifenfabrikant Victor Wolff aus Schlüchtern, der laut der noch aufgefundenen Quittungen allmonatlich 1000 Mark gestiftet hat.

Am 28. März wurde die Mühle von SA- und Hilfspolizei besetzt und das Hakenkreuzbanner gehißt. Nachdem die SA den Besitz von der Schule ergriffen hatte, ist sie nun wieder lauteren Zwecken zugeführt worden. Als Amtswalter- und SA-Führerschule soll sie eine Lehrstätte deutschen Führergeistes werden. Auch das Geschäftszimmer der Standarte 178 wurde in der Walkemühle untergebracht. Am Sonntag abend 6 Uhr wird der neue Amtswalter-Kursus, der vom 2. bis 15. Juli dauern soll, festlich eröffnet werden.

Gestern hatte die Kasseler Presse Gelegenheit, die Walkemühle zu besichtigen. Standartenführer Wagner-Besse und Gaugeschäftsführer Neuburg waren den Besuchern liebenswürdige Führer. Die drei Schulen des Gaues, Walkemühle, Marburg und Adelsbeck, die demnächst eröffnet wird, werden im Laufe der Zeit, die 6000 Amtswalter des Gaues in Kursen zusammenfassen. Die Lehrgänge werden 14 Tage dauern und nach eine Pause von acht Tagen werden wieder neue Schüler aufgenommen werden.

Quelle: UB Kassel 37 2º HZ 47

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2. Blatt der Kasseler Post - Sonnabend, den 1. Juli 1933

g. Melsungen, 30. Juni.

Bereits gestern teilten wir mit, daß die Walkemühle in der Nähe Melsungens am Sonntag ihrer neuen Bestimmung als Amtswalter- und SA-Führerschule übergeben wird. Wir gaben auch bereits einige Daten über das Schicksal der Walkemühle.

Wie die Besichtigung ergab, ist die Walkemühle für die Schulung der Amtswalter und SA-Führer sehr geeignet. Alle notwendigen Einrichtungen sind vorhanden. Die hier untergebrachten Kinder der

philosophisch politischen Akademie wurden in allen denkbaren Fächern, sogar im Handwerk, unterrichtet.

Da finden sich neben den üblichen auf das beste eingerichteten und mit Warmwasser und elektrischer Kraft versehenen Wirtschaftsräumen eine Schlosser- und Schreinerwerkstatt, ausgerüstet mit den besten Geräten und Maschinen, eine Turnhalle und ein chemisches Laboratorium. Im Unterrichtszimmer befanden sich neben jedem Schülertisch Wasser-, Licht- und Gasleitung. Außerdem hatte man eine Lichtanlage mit mehreren Turbinen angelegt, die von der vorbeifließenden Pfieffe gespeist wurden. 15 Elektromotoren und ein Dieselmotor sorgten für die nötige Kraft. Ein vier Morgen großer Garten schloß sich den Gebäuden an. In dem eigentlich erst 1932 von der Akademie errichteten Wohngebäude, befindet sich neben vielen Einzelzimmern ein großer Musiksaal und eine Bibliothek, die mit 5000 Bänden ausgestattet ist. Viel zersetzendes Material, aber auch wertvolle Bücher sind da zu finden.

Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen. Welcher Geist in dieser kommunistischen Schule herrschte, beweist die Aussage eines neunjährigen Jungen, der Standartenführer Wagner auf eine religiöse Frage antwortete, daß Gottesglaube ein Märchen und Irrwahn der Menschheit sei.

Für die Amtswalter beginnt der erste Kurs am 2. Juli.

Alle bisherigen Amtswalter sind vorläufig noch kommissarisch eingesetzt. Ihre endgültige Bestätigung erfolgt erst, wenn sie die Führerschule durchgemacht haben.

Durchschnittlich werden 4 bis 6 Stunden Unterricht täglich erteilt.

Als Lehrer sind gewonnen: Rektor Blume-Melsungen Geschichte, Gaubetriebszellenleiter Stock-Kassel Arbeitsfragen, Dr. Müller-Hofgeismar Bauernfragen, Brühmann-Kassel Kassenfragen, Truppführer Beisner-Walkemühle Staatspolitik, Gauobmann des NS-Lehrerbundes Petersohn-Kassel die deutsche Schule, Kampfbundführer Bernhardt-Großalmerode Wirtschaftspolitik. Dr. R. Braun-Melsungen, Handelskammerpräsident, der kommende Ständestaat, v. Baumbach Selbstverwaltung, v. Dörnberg-Hausen hessische und deutsche Geschichte, Standartenführer Wagner Wesen und Aufgaben der SA., Chefredakteur Beinhauer-Kassel Pressefragen, Gauobmann des NS-Ärztebundes Dr. Harrfeldt Vererbungslehre und Bevölkerungspolitik, Stadtrat Moog-Kassel die Selbstverwaltung der Gemeinden, Propagandaleiter Gerland Propaganda, Ortsgruppenleiter Dr. Reinhardt-Melsungen 1. Kommunalpolitik (Etat, Gemeindeverwaltung usw.) 2. Ethik und Politik, Gauschulungsleiter Neuburg Arbeitsdienst, Kreisleiter Wisch-Melsungen Geschichte der NSDAP, Kreisbetriebszellenleiter Schneider-Melsungen Gewerkschaftsfragen, Landtagsabgeordneter Vetter landwirtschaftlicher Fachberater, Ostpolitik und deutsches Bodenrecht, Gauredner Löwie-Landau Führungsarbeit am Sprechabend.

Sämtliche Amtswalter müssen an den Schulungskursen teilnehmen, ausgenommen die Kreisleiter und die Kreisschulungsleiter, die die neugegründete Reichsführerschule in Bernau besuchen.

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30. Juni 1933

Wie bereits berichtet, wird am Sontag abend 6 Uhr in der Walkemühle der erste Amtswalter-Kursus, der vom 2. Juli bis 15. Juli dauern soll, eröffnet. Somit ist die Walkemühle, die früher eine internationale „philosophisch-politische Akademie“ beherbergte, und die am 28. März von der SA. besetzt wurde, wieder lauteren Zwecken zugeführt. Als Amtswalter- und SA.-Führerschule soll sie eine Lehrstätte neuen deutschen Führergeistes werden. Auch das Geschäftszimmer der Standarte 173 wurde in der Walkemühle untergebracht. Alle bisherigen Amtswalter sind vorläufig nur kommissarisch eingesetzt. Ihre volle Bestätigung erfolgt erst, wenn sie die Führerschule durchgemacht haben. Als Lehrpersonal für den ersten Kursus sind gewonnen:

[Diese längere Liste stimmt fast wortwörtlich mit derjenigen im obigen Artikel „Das Rüstzeug zum Führer“ überein. Daher wird hier auf den Abdruck verzichtet. RS]

Quelle: UB Kassel 38 ZA 2211

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3. Juli 1933

Die feierliche Eröffnung der Amtswalterschule Walkemühle gestern abend, an der auch Landrat Freiherr von Gagern und Bürgermeister Dr. Schmidt teilnahmen, bedeutete einen Markstein in der Geschichte des ganzen Gaues Kurhessen der NSDAP. Nachdem Abordnungen der Stürme des Sturmbannes I/173 sowie der Jägersturm (Forstschule) Spangenberg auf dem Hofe der Walkemühle Stellung genommen hatten, traf Gauleiter Weinreich gegen 7 Uhr ein, und wurde begeistert mit Heilrufen empfangen.

Gauschulungsleiter Neuburg begrüßte den Gauleiter, den Kreisleiter und seine Stabswalter sowie die SA.-Männer und die Schulungsteilnehmer. Der Grund und Boden der neuen Schule sei jahrelang eine Brutstätte des Bolschewismus gewesen. Man habe hier versucht, getarnt den Kommunismus in Deutschland vorzubereiten. Heute wehen über diesem Ort die Hakenkreuzfahnen und morgen wird hier die verantwortliche Arbeit der nationalsozialistischen Amtswalter beginnen.

Eine jahrelange Forderung, ein langer Wunsch, so betonte dann Gauleiter Weinrich, der am Nachmittag die Amtswalterschule in Marburg eröffnet hatte, ist mit dem heutigen Tage in Erfüllung gegangen. Wir haben jahrelang ohnmächtig zusehen müssen, wie in dieser Schule deutsche Jugend unter Führung von Juden mit dem Geist des Marxismus verseucht worden ist, und wie diese aufgehetzte Jugend versuchte, sich unserem Vormarsch entgegen zustellen. Deshalb ist es zu verstehen, daß gleich mit Beginn der nationalen Revolution sofort Hand auf dieses Grundstück gelegt wurde. Viele Pgg. konnte bei dem großen Vormarsch den Nationalsozialismus in seinem ganzen Wesen und Wollen nicht immer richtig erfassen. Deshalb ist es eine Notwendigkeit, die Amtswalter zu schulen und ihnen ein Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Wir wissen, daß die Bewegung nach dem 30. Januar gewaltig gewachsen ist, man kann sagen, daß über 2 Millionen neue Mitglieder hinzugestoßen sind. Alle sind mit reinem Herzen und ehrlichen Willen zur Mitarbeit zu uns gekommen. Das eine ist gewiß, wir haben wohl die Macht, aber das größte Werk steht noch vor uns: Arbeit zu schaffen und das Volk freizumachen. Hierbei werden sehr oft unpopuläre Maßnahmen erforderlich sein. Dann muß der Führer wissen: Ich kann mich auf meine Bewegung verlassen. Meine Amtswalter und meine SA.-Männer gehen hinaus ins Land und versuchen die Massen des Volkes zu überzeugen von der nationalsozialistischen Idee. Heute gebe es nur einen Willen in Deutschland und was der Führer mache, sei richtig. Es gibt heute nur einen Mann in der Welt, der der größte ist, das ist Adolf Hitler. Die Klassen- und Parteiengegensätze seien überwunden und an ihre Stelle sei die Partei des Volkes getreten. Wir reichen jedem ehrlichen Deutschen die Hand, aber nicht um uns zu betrügen, sondern um mitzuarbeiten. Wir wollen versuchen, unserem Führer nachzueifern, denn dieser Mann ist trotz seiner Größe der einfache Mann aus dem Volke geblieben. Seine Rede endete mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer und Volkskanzler.

Die feierliche Flaggenhissung und der Gesang des Horst Wesselliedes beschlossen den offiziellen Eröffnungsakt, der von flotten Märschen der Standartenkapelle umrahmt wurde.

Dann richtete noch Standartenführer Wagner eine Ansprache an die SA.-Leute und brachte auf den Gauleiter ein Sieg-Heil aus. Zum Schluß wurde dem Gauleiter von Horst Wagner, dem Sohne des Standartenführers, ein Bild von der Walkemühle, das von dem SA.-Mann Deisner gezeichnet worden ist, mit einem Blumenstrauß überreicht. Mit dem Bekenntnis für Hitler, das mit dem Kampflied: „Im Hessenland marschieren wir“ zum Ausdruck kommt, klang die Feier aus.

Quelle: UB Kassel 38 ZA 2211

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Hinweise zum Lied Im Hessenland marschieren wir

Der Text resp. die Noten des damals wohl allgemein bekannten Liedes Im Hessenland marschieren wir sind im Internet (Suche am 20. 2. 2017) nicht einfach bzw. nur indirekt zu finden:

Hinweise finden sich auf einer Seite www.DeutschesLied.com bzw. im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt, HStAD Bestand R 4 Nr. 3259/1-2.

Auf einer Seite von Riscossa Europea (riscossa (ital.): Rückeroberung, Gegenangriff) mit dem Untertitel Canzoniere per la Riscossa Euopea – Liederbuch für das Europäische Erwachen werden Text und Noten präsentiert zu dem Lied S.A. marschiert - Im deutsches Land marschieren wir. Dazu gibt es die Hinweise: Musica originale di Hermann Albert von Gordon, Verlag B. Schott’s Söhne, Mainz“ bzw. „Varianti … Im Hessenland ….

Zu Hermann Albert von Gordon, der Umdichtung des Textes des sog. Argonnerwaldliedes und der Verwendung der Melodie sowohl durch die NSDAP als auch die KPD und den sog. Edelweißpiraten gibt diese Seite von Wikipedia Auskunft

Wer will, kann sich mit diesen Informationen gegebenenfalls den menschenverachtenden Text des Kampfliedes zusammenreimen!

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Eingestellt am 27. 02. 2017.

Die Walkemühle von Mitte Mai bis Juli 1945

Vier Augenzeugenberichte aus unterschiedlichen Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeiten aufgeschrieben nebst dreier dazu passender Fotos

Heinrich Meyer
Wiedersehen mit der Walkemühle - Mai 1945
Aufgeschrieben im November 1976.

Ich kam in Tages- und Nachtmärschen nach Melsungen. Am 20. April habe ich abgerüstet, irgendwo im Wald südlich von Hamburg die Uniform ausgezogen, bin mit zivilen Brocken ohne Ausweis nach Süden gewandert.

Der Übergang über Werra und Fulda war schwierig. Auf den Brücken standen US-Soldaten - auch befreite polnische Kriegsgefangene - die vermuteten in jedem männlichen Zivilisten einen getarnten SS oder SA-Mann.

Auf dem Wege nach Adelshausen besah ich mir erst die Trümmer der neuen Schule. Später erfuhr ich, dass von der Strasse bezw. der Brücke her US-Panzer auf das grosse Gebäude geschossen haben.

Bei dem neuen Bürgermeister stellte ich mich vor als alter IJB- und ISK-Freund. Der Mann war skeptisch. Es begann bereits das „Zeitalter der Persilscheine“. Er holte einen alten Textil-Arbeiter, Gewerkschafter und SPD-Mann - Gen. Franke. Beiden erzählte ich dann von Minna Specht, von der ich wusste, dass sie mit den Kindern nach Dänemark - flüchten konnte. Weitere Erinnerungen - Zusammentreffen mit Rauschenplat bis 1937/38, ein Besuch in London 1938 bei Maria Hodan. Als ich noch erzählte, dass Erich Graupe in Adelshausen begraben sein müsste, glaubte man mir.

Zunächst besorgte mir der Genosse Bürgermeister einen Ausweis für den Landkreis Melsungen. Mein Plan war, das Anwesen wieder herzurichten und vielleicht als Erholungsheim für die Kinder und Angehörige von KZ-Genossen einzurichten. Zunächst machte ich eine Bestands-Aufnahme.

Die Walkemühle war - wie man mir sagte - zuletzt von einer H-J-Einheit besetzt als Ausbildungslager. Mit dem Näherkommen der US-Truppen setzte man sich ab. In den ersten Tagen nach der Besetzung des Landkreises Melsungen wurden die Räume der Walkemühle von einem Teil der Bevölkerung ausgeplündert Und zwar von den aus dem Ruhrgebiet und Kassel evakuierten Flüchtlingen, die ja nichts hatten und bei den Bauern auf dem Lande notdürftig in Schulen und Scheunen untergebracht waren. Betten, Schränke, Stühle, Textilien auch Öfen wurden regelrecht geplündert.

Ich versuchte bei dem U.S.A.-Ortskommandanten in Melsungen vorsprechen zu dürfen, um mein Anliegen vorzutragen. Nach mehrtägigem Warten wurde ich vorgelassen. Da die verschiedenen Grossobjekte und Betriebe einen Treuhänder zugeteilt bekamen, erbat ich als Treuhänder, für die Walkemühle eingesetzt zu werden. Die Unterhaltung war erst sehr kühl. Ich wurde über meine Vergangenheit befragt. Als ich mich als Anti-Hitler vorstellte, nahm der Offizier die Füsse vom Tisch, schlug mit dem Revolver sehr hart auf den Schreibtisch und schrie laut, dass ich einen Schreck bekam.

Der Interpreter [d.h. Übersetzer; RS] sagte mir:

99,9 % haben für Hitler gestimmt, heute kommen täglich Dutzende von Menschen und erklären. dass sie Anti-Hitler waren, er möchte doch endlich mal einen richtigen, leibhaftigen Nazi kennen lernen. Ich sei doch so einer und soll es doch zugeben.

Der Ortskommandant war - wie ich nachhinein sagen muss, für US-Verhältnisse gebildet. Als ich dann etwas von der Walkemühle als internationale Schule mit humanistischen Zielen erzählte und dass die Schule deswegen aufgelöst wurde, Lehrer und Kinder nach England flüchten mussten, wurde die Situation entspannt, zumal der von dem gleichen Kommandanten eingesetzte Bürgermeister von Adelshausen alle meine Angaben bestätigte.

Ich bekam ein Dokument als Treuhänder und einen Reise­Ausweis nach Ffm, um meine Frau zu holen.

An Pfingstsamstag 1945 kam ich nach Neu-Isenburg. Am anderen Tag holte ich mein zugemauertes Auto aus der Garage. Politische Freunde in Offenbach beschafften mir einen Akku, sowie Zulassung und Benzin sodass ich nach drei Tagen nach Adelshausen fahren konnte.

In Melsungen beschaffte ich mir eine Liste von ehemals aktiven SA-Leuten, etwa 18 Mann. Diese Männer mussten 6 Wochen täglich 8 Stunden Aufräumungsarbeiten auf der Walkemühle leisten.

Die Tagesrationen im Sommer 1945 beliefen sich für den Normal-Verbraucher auf 750 Kalorien. Die ehemaligen SA-Männer mussten für die Trümmer-Beseitigung sich immerhin sehr anstrengen. Ich erhielt für die Trümmer-Beseitiger Sonder-Zuteilungen. Meine Frau kochte täglich einen Schlag Einheits-Suppe für jeden Mann.

Mitte Juli etwa klopfte es eines abends recht laut an der Tür. Da das Türschloss beim Plündern beschädigt wurde, mussten wir die Tür zu unserer provisorischen Wohnung verbarrikardieren. Am Eingang des Hauses war ein Schild " OF LIMITS " angebracht. Soldaten konnten es also nicht sein. Immerhin, von dem Mann der vor der Tür stand, wurden wir sehr energisch angebrüllt - „Wann wir Nazi endlich die Schule räumen wollten.“ So ungefähr wurden meine Frau und ich begrüsst.

Es war René Bertholee und seine Frau Hanna sowie ein Schweizer1), in diplomatischem Rang, die uns so begrüssten. Das Missverständnis klärte sich schnell. Wir sollten bald Hilfe bekommen. Es kamen eine Woche später Hans2) Mayr und Grete Mayr-Eichenberg aus Kassel.

Einige weitere Wochen später kamen Willi Schaper und Frau, die in Hannover und Kassel3) ausgebombt waren und sich bereit erklärten, den Wiederaufbau der Walkemühle vorzunehmen.

Über die Errichtung der Erholungsstätte mit Unterstützung von Colis Suisse4) wird Willi Schaper besser berichten können.

Den 9.11.1976 gez. Heini Meyer

Meyer, Heinrich
Wiedersehen mit der Walkemühle am 15. Mai 1945; 1967.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie. Nachlass Minna Specht, 1/MSAE 000087.

Anmerkungen von Ralf Schaper:

1)  Nach dem nun folgenden, schon im Juni 1945 aufgeschriebenen Brief, war es ein Amerikaner.

2)  Es war Max Mayr.

3) Beide stammten aus Hannover und waren in Kassel am 3. Oktober 1943 ausgebombt.

4)  Zu „Colis Suisse“ siehe etwa ab S. 207 bei

Kägi-Fuchsmann, Regina
Das gute Herz genügt nicht. Mein Leben und meine Arbeit.
Zürich: Verlag Ex Libris 1968.

 

Briefe von Hanna und René Bertholet an Willi Eichler, 14.6.1945 bzw.am 14. 7. 1945.
Aufgeschrieben im Juni und Juli 1945.

... Melsungen

In der Mühle erlebten wir eine große Überraschung: Es war schon jemand da und mit dem Wiederaufbau beschäftigt, nämlich Heini Meyer aus Frankfurt. Die alte Mühle, das Lehrgebäude und der Verbindungsteil sind ausgebrannt (von den Nazis selber), die Akademie hat einen Artillerietreffer, der aber nicht allzu schwer zu reparieren ist. Außerdem ist sie vollkommen ausgeplündert (war verständlich, da sie ja eine Nazieinrichtung geworden war) und völlig verwohnt, weil zuletzt nicht mehr Führerschule, sondern so etwas wie vormilitärische Drillanstalt.

Meyer hatte sich zum Treuhänder einsetzen lassen und jagt jetzt hinter den gestohlenen Sachen her, die er sich z.T. bezahlen läßt, um mit dem Geld die notwendigen Reparaturen machen zu können, das andere will er tragen, soweit es ihm reicht. Ihm schwebte vor, und für diesen Zweck bekam er auch wohl die Verfügungsgewalt, ein Heim für Kinder von Opfern des Naziterrors darin aufzumachen. Und er wartete täglich auf das Eintreffen Minnas [Specht]. Natürlich war er auch schon froh, daß wir erst mal kamen. Er faßt die Sache außerordentlich aktiv an, hat ein sehr gutes Verhältnis zur Bevölkerung in Adelshausen, die Minna in sehr guter Erinnerung haben und sich sehr deutlich der Abschiedsworte Minnas erinnern: „Entweder sind wir in ein paar Jahren wieder hier, oder wir haben den Krieg, auf den die Nazis zutreiben.“ Da sie recht behalten hat, steht sie nun besonders hoch im Kurs dort. Und alle haben sehr gebeten, die Freunde von der Schule sehr zu grüßen. Sie wollen sehr zum Wiederaufbau helfen. Und Heini Meyer hofft, Einrichtungsgegenstände etc. für den Heimbetrieb herbeischaffen zu können. Natürlich hätte er gern gesehen, daß wir blieben, aber wir hatten nur kurz Zeit. Aber unser amerikanischer Begleiter ging mit zum Kommandanten in Melsungen und bestätigte die Treuhänderschaft von Heini Meyer, so daß er vielleicht es etwas leichter haben wird für den Aufbau. Die Besatzungsbehörden sind selber am Aufbau interessiert, weil sie die Gebäude zunächst brauchen, um Zivilisten dort unterzubringen, die ihre Wohnungen zugunsten der Besatzungstruppen räumen mußten. Man hat aber unserem Freund versprochen, daß diese Benutzung nur von kurzer Dauer sein würde und wir dann über die Gebäude verfügen könnten. Es ist also möglich, daß wir in nicht allzu langer Zeit dort das fragliche Heim einrichten werden. Damit seid Ihr sicherlich einverstanden. Vielleicht werden wir es in Verbindung mit dem hiesigen Arbeiterhilfswerk machen, evtl. mit ein paar Schweizer Sozialfürsorgerinnen. Es wäre natürlich schon gut, wenn auch von dort jemand dazu kommen könnte.

Heinrich und Leonard Nelson hat man auf dem Judenfriedhof in Melsungen beigesetzt. Das werden wir wieder ändern. ...

14 .7. 1945

Lieber Willi! [Eichler; RS]

Hier also die Fortsetzung unseres Berichts. Wir waren in Kassel. Die Gewerkschaftsvorbereitungen scheinen dort im Verhältnis zu anderen Orten noch weit zurück zu sein. Es existieren erst in ganz geringem Maße Betriebsausschüsse. Alles Nähere darüber wirst Du aus einem Bericht entnehmen, den die Genossen für Dich bis zu Renés nächstem Kommen machen wollen.

In Kassel hörte ich, daß Willi Schaper seit einigen Tagen in der Walkemühle sei, um Heini Meyer beim Aufbau zu helfen. Auch Grete Eichenberg fährt einmal pro Woche zum Helfen hin. Als ich in die Walkemühle kam, war ich erstaunt, wie weit vorgeschritten die Arbeiten bereits waren. Das große Loch in der Bibliothek ist wieder geflickt, und zwar sehr geschickt. Durch Vermittlung des Landrats wurden Heini Meyer zehn Nazis zugewiesen, die Aufräumungsarbeit leisten. Ich sah sie in der alten Mühle und im Lehrgebäude arbeiten. Gemäß den Plänen des Bauunternehmers soll das Lehrgebäude bis Ende August wieder aufgebaut und gedeckt sein, was angesichts der heutigen Verhältnisse eine tüchtige Leistung sein würde. Es wird Euch interessieren, daß das Grundstück erweitert ist durch Hinzukaufen (durch die Nazis) von Land von der Domäne. So ist ein großer Platz hinter der alten Mühle, der sich sehr gut für die Anlage eines ordentlichen Sportplatzes eignet. Der Garten hinter der Akademie ist über die Pfieffe hinaus vergrößert worden und ist sehr gut in Ordnung. Da der jetzige Gärtner nicht ehrlich zu sein scheint, wollen die Freunde versuchen, Hildegard Zerbst zu bekommen. Willi Schaper wird jetzt die Aufbauarbeiten weiter leiten, da Heini Meyer zunächst nach Frankfurt zurückgeht. Aber er wird - je nachdem die Verkehrsverhältnisse es zulassen - hin und wieder nach dem Rechten sehen. Willi nimmt diese Aufgabe mit großer Begeisterung auf. Er ist dort mit Frau (Else Schlüter aus Hannover) und seinen beiden Kindern. Heini Meyer hat erreicht, daß die Mühle vorläufig nicht belegt wird mit Zivilisten (u.a. wegen technischer Schwierigkeiten). Durch Vermittlung von Grete Eichenberg sind sie dabei, mit der Stadt Kassel ein Abkommen zu schließen, um in der Walkemühle Kinder unterzubringen, die unter der Obhut der städtischen Fürsorge sind. Drei dieser Kinder sind schon dort, weitere sollen schon in absehbarer Zeit kommen. Die Zimmer oben in der Akademie sind für diesen Zweck bereits hergerichtet, sauber getüncht und mit Betten etc. versehen.

(Die von den Leuten in Adelshausen z.T. gestohlenen Decken hat Heini Meyer dadurch wiederbekommen, daß er die Kinder selber mitgenommen hat zu den betreffenden Leuten, soweit er sie wußte. Außerdem hat er auch von den Einwohnern welche gespendet bekommen.) Bei der Suche nach Hilfskräften für Küche und Haus haben Grete und Heini an unsere Anna [Kothe] gedacht und sie gefragt, ob sie kommen wolle. Die Antwort steht noch aus; sie wird sich mit Jupp [Kappius] darüber beraten. Übrigens würde das Abkommen mit der Stadt Kassel nicht hindern, den ursprünglichen Plan zu verwirklichen, Kinder von Opfern des Nazismus in die Schule zu nehmen und ihnen dort ein wirkliches Heim zu bereiten. Aber da es zur Zeit noch nicht gelingt, diese Kinder zu bekommen (wegen der schlechten Post- und Reiseverbindungen ist es sehr schwer, mit den entsprechenden Menschen und Stellen Fühlung zu nehmen), scheint die jetzige Ausnutzung gegeben.“

Aufgeschrieben im Juli 1945; zu lesen auf den Seiten 75 ff. in:

Rüther, Martin und Uwe Schütz, Otto Dann (Hrsg.)
Deutschland im ersten Nachkriegsjahr.
Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46.
München: K.G. Saur 1998, ISBN 3-598-11349-8.

 

Handschriftliche Aufzeichnungen von Else Schaper
Aufgeschrieben im Juli 1945.

Im Garten ernten wir die ersten Radieschen und den ersten Schnittsalat als wir [in Waldkappel; RS] Besuch bekommen im Juni. Knut im Hemd und kurzer Bux läuft den Papa holen und dann wird gepackt, gepackt; nachdem wir vorher noch die 'Wohnung' gekündigt gekriegt haben durch’s Bürgermeisteramt. Früh am Montagmorgen starten wir; Ralf auf dem Schoß und Knut neben mir, Aufwiedersehen Waldkappel !!! Auf in die Walkemühle! Hochbepackt ist der Wagen; durch Hessisch-Lichtenau geht’s über Spangenberg, Mörshausen. Und dann halten wir Einzug, und es beginnt ein ganz neues Leben.

Der Papa arbeitet im Haus und Knut muss immer „draussen bleiben“, weil so wichtige Besprechungen sind. Und der Papa und die Mama haben so wenig Zeit, obgleich Marianne im Haushalt hilft. Die ersten Kinder kommen, Gertrud, Christa und Hermann!1)  Und Höhndorfs Kinder werden Spielgefährten. Der Peter ist ganz fein, aber Michel krettet Knut oftmals und es gibt manche Träne. Mit den „Anstaltskindern“ – wer hat den Ausdruck wohl geprägt? geht es öfter in den Wald, nach Malsfeld zu Zahnarzt und zum Baden in die Pfieffe. Wenn er [gemeint ist Knut, 6½ Jahre; RS] mit den Mädchen zusammen badet, zieht er jetzt die Hose an, die Mädel sind katholisch, daher der Zwickel! Aber an einem Nachmittag läßt Knut lange auf sich warten, er badet nackend mit der Dorfjugend in der Pfieffe. Dazu braucht er die Buxe nicht.

Schaper, Else
Die Geschichte unseres Kindes.

Kassel, Waldkappel, Walkemühle: handschriftliche Aufzeichnungen, [1940 - 1973], 84 Seiten.

1)   Dies ist eine der seltenen Stellen, an denen Namen von Kindern überliefert sind.

Daher auch die Zuordnung bei den folgenden Fotos, die im Juni 1945 von Else Schaper aufgenommen wurden.

Teile des ursprünglich handschriftlichen Textes sind oben auf dieser Seite zu sehen.

Willi Schaper mit dem unten erwähnten DKW
Die Kinder Christa, Gertrud und Hermann mit Hete und Heinrich Meyer.
Hete und Heinrich Meyer mit Willi Schaper in der Mitte.

Aus den Lebenserinnerungen von Willi Schaper

Aufgeschrieben 1991.

Eines Tages kam Knut dahin und sagte mir: „Da sind Leute da aus Kassel. Du mußt mal kommen.“ Es waren da Grete Eichenberg aus Kassel und Heinrich Meyer aus Neu-Isenburg. Heinrich Meyer war von Hamburg, wo er vom Militär entlassen war, über Melsungen gekommen und hatte sich erinnert, daß da in der Nähe wohl die Walkemühle sei. Er ist ausgestiegen, ging in den Trümmerhaufen der Walkemühle und erreichte von den Amerikanern die Treuhänderschaft dafür.

Unsere Adresse hatte er so bekommen: Er wußte die Anschrift von Grete Eichenberg in Kassel, und sie hat Meyer auf uns aufmerksam gemacht. Vorher war noch eines Tages Bertholet in der Walkemühle erschienen und stellte sich vor als Vertreter der früheren Besitzer. Heinrich Meyer hatte darauf gemeint: „Es wird aber höchste Zeit, daß sich hier jemand sehen läßt.“ Bei Meyers Besuch hatten Else und ich uns dann innerhalb einer Viertelstunde kurz entschlossen, in die Walkemühle zu gehen.

Mit Heinrich Meyer, der einen DKW zur Verfügung hatte, sind wir dann in die Mühle gefahren und hatten noch ein etwas unangenehmes Erlebnis: Vor Spangenberg war eine Kontrolle.

In der Mühle sah ich dann den Trümmerhaufen. Das alte Mühlengebäude war verbrannt, das Lehrgebäude war ausgebrannt, in der Akademie war das Dach beschädigt und in der früheren Bibliothek war ein ziemlich großes Einschußloch von einer Granate.

Nachdem wir eine Transportmöglichkeit bekommen hatten, sind wir ungefähr Ende Juni 1945 in die Walkemühle gezogen.

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: unveröffentlichtes Typoskript, [1992], 125 Seiten.