Der Ausbildungskurs und Bundestag des Internationalen Jugendbundes im August 1925 in der Walkemühle
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Wurde Albert Einstein 1925 in die Walkemühle eingeladen – oder war wenigstens mein Vater Willi Schaper da?

Ein Foto des Ausbildungskurses

Das Foto vom Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes (IJB) in der Walkemühle ist eine der seltenen Gruppenaufnahmen von Mitgliedern des IJB. Nachdem ich dieses Foto entdeckte, begann eine sich ausweitende Geschichte.

(Foto: Privatbesitz, Scan eines Originalabzuges,
10,5 cm x 7,5 cm)

Das Bild wurde in mehreren Veröffentlichungen reproduziert:

1987 in einem Ausstellungskatalog der Philosophisch-Politischen Akademie
Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson,

1996 zur Illustration eines Aufsatzes über
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes,

1999 als zweites der Bilder des Buches
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie,

2001 auf einer Webseite zu einer Ausstellung Die Münchener ISK-Gruppe,

2016 auf zwei Seiten des umfangreichen Projektes Widerstand in Göttingen des Stadtarchives Göttingen erarbeitet von Rainer Driever.
                ISK – Politische Arbeit unter Personalmangel,
                Heinrich Düker (Deckname Holzbein).

(Angaben zu den Quellen unten.)

Die Friedrich-Ebert-Stiftung führt das Bild in ihrem Katalog der Online-Findmittel im AdsD (also dem Archiv der sozialen Demokratie) bei den Bildern zur Walkemühle gleich fünffach auf. Bei Eingabe von IJB Ausbildungskurs in der Walkemühle in der Suchmaske dieser Seite, werden diese Treffer angezeigt. (Leider kommt beim Aufruf der Seiten des AdsD häufig die Meldung: Der Server unter 10.100.120.204 braucht zu lange, um eine Antwort zu senden.)

Ohne weitere Recherche konnte ich vier Personen auf dem Bild erkennen: Der große Mann stehend in der hinteren Reihe mit weißem Hemd ist Heinrich Düker, davor kniet Nora Block (Platiel), davor sitzt Willi Eichler; an der Hauskante mit verschränkten Armen steht Leonard Nelson. Hedwig Urbann sitzt vorn in der Mitte rechts neben Eichler, wie mir eine alte Bekannte sagte, die selbst noch als Kind 1933 in der Walkemühle war und Hedwig Urbann persönlich kannte.

Die Bauten auf dem Foto sind  in der Walkemühle; deutlich ist rechts der nordöstliche Teil des sog. Akademiegebäudes zu sehen. Das Haus links wird häufig als Vater Nelsons Haus bezeichnet.

Im o.g. Ausstellungskatalog finden sich diese Hinweise:
IJB-Ausbildungskurs 1925 in der Walkemühle: v.l.n.r.: vordere Reihe, sitzend: Willi Eichler; Hedwig Urbann, August Bolte, Fritz Schmalz, Gustav Funke, Frieder May, Werner Kroebel. –
Mittlere Reihe, kniend: De Voss, Erika Borchardt (Metzig), Zeko Torboff, Nora Block (Platiel), Edith Herford, N.N., Kurt Regeler, Berta Rode, N.N. -
Hintere Reihe, stehend: Erna Siem, Lisbeth Ebers, Walter Hoops, N.N., Heinrich Düker, Fritz Ihlenfeld, Erich Wenig, Karl Sperling, Leonard Nelson, Hellmut v. Rauschenplat, Willi Metzig, N.N., Adolf Waldmann, Erich Graupe.

30 Personen sind zu sehen; 26 Personen werden namentlich genannt, übrig bleiben viermal N.N.!
Wer könnten diese vier N.N. sein?

Beim AdsD lautet die inhaltliche Beschreibung etwa bei 6/FOTA007803: vor dem Wohnhaus von Nelson und als abgebildete Personen:
Eichler, Willi; Urbann, Hedwig; Bolte, August; Schmalz, Fritz; Funke, Gustav; May, Friedo; Kroebel, Werner; Borchardt, Erika; Torbov, Zeko; Block-Platiel, Nora; Herfurth, Edith; Praus, Käte; Regeler, Kurt; Rode, Berta; Siem, Erna; Ebers, Liesbeth; Praus, Walter; Düker, Heinrich; Ihlenfeld, Fritz; Wettig, Erich; Nelson, Leonard; Rauschenplat, Hellmut von / später Fritz Eberhard; Metzig, Willi; Schaper, Willi; Waldmann, Adolf; Graupe, Erich; Voß,de.
Das sind 27 Namen; welche drei Namen fehlen? Kein N.N.!

In dem Aufsatz von Behrens-Cobet Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes lautet die Legende zum Bild wieder:
IJB-Ausbildungskurs 1925 in der Walkemühle.
Vordere Reihe sitzend: 1. v. l. Willi Eichler
Hintere Reihe ab r. Hauskante: Leonard Nelson, Helmut v. Rauschenplat, Willi Metzig, Willi Schaper, Adolf Waldmann, Erich Graupe.


Als ich 2014 in dem Aufsatz von Behrens-Cobet das Bild zum ersten Mal sah, wurde ich stutzig: mein Vater Willi Schaper mit 16 Jahren in der Walkemühle ???

Ich fand bald in den Unterlagen meines Vaters je drei Kopien dieses Aufsatzes bzw. eines Aufsatzes von Hildegard Feidel-Mertz Die Walkemühle nach 1945. In dem letzteren wird mein Vater mehrfach erwähnt; die Autorin hat ihn wohl interviewt. Bei anderen Kopien hat mein Vater manchmal Bemerkungen handschriftlich an den Rand geschrieben. Hier gibt es keine!

Im Herbst 2015 fand ich schließlich unter anderen Fotos den Originalabzug des obigen Bildes im Nachlass meines Vaters. Wo kann das Bild hergekommen sein? Denn es stammt nicht aus den Fotoalben meiner Eltern. Das Bild ist offensichtlich von einem Karton abgetrennt; das zeigt die Rückseite:

Während auf der Vorderseite oben sehr schwach erkennbar ist A K 1. – 9.8., ist auf der Rückseite mit Tinte vermerkt: A.–K. d. I.J.B. v. 1.- 9. 8. 1925. Damit ist die Dauer des Ausbildungskurses belegt.

Nachdem links oben auf der Rückseite Reste des Kartons vorsichtig etwas entfernt wurden, ist mit wenig gutem Willen die Schrift mit Kopierstift erkennbar: L Ebers. Das gibt einen Hinweis darauf, wie das Bild zu meinem Vater gekommen sein könnte: Liesbeth Ebers und Walter Hoops – auf dem Bild wohl nebeneinander stehend (hintere Reihe 2. resp. 3. von links) – haben später geheiratet und sind schon vor 1933 in die USA ausgewandert. Von Walter Hoops hat mein Vater in den 1970-er Jahren Pakete mit Unterlagen und Zeitschriften des ISK bekommen. Dazu existieren mehrere Briefe.

Doch: War Willi Schaper schon mit 16 Jahren in der Walkemühle?
In seinen Lebenserinnerungen findet sich kein Hinweis auf einen Besuch 1925 in der Walkemühle, wohl aber eine kurze Notiz auf den ersten Jugendkurs des ISK 1927 dort, bei dem Minna Specht ihn anregte, als Schlosser länger in die Walkemühle zu kommen (S. 28).

Da mein Vater gute Kontakte zu Nora Walter hatte, die von 1982 bis 2001 zweite Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie war, könnte auch über sie ein Hinweis zu der Namensliste zum Foto im Archiv der sozialen Demokratie gegeben worden sein. Vielleicht finde ich dort noch Hinweise auf den Kurs des IJB 1925; vielleicht kann die Frage dann geklärt werden!

Im Bundesarchiv in Berlin (BA Berlin) fand ich im Juli 2016 schließlich die „Liste der Teilnehmer am Ausbildungskurs 1925“ (BArch N 2210/257, fol. 1) und die „Teilnehmerliste vom Ausbildungskurs des Internationalen Jugendbundes vom 1. bis 9. August 1925 in der Walkemühle.“ (BArch N 2210/256, fol. 137)

Hier nun eine tabellarische Darstellung dieser Informationen:

AdsD
6/FOTA007803
Alter  
 
Liste 1
N 2210/257
Liste 2
N 2210/256
nicht in Teilnehmerlisten
 
Block, Nora 29 + +
Bolte, August 29 + +
Borchardt, Erika 19 + +
Düker, Heinrich 26 + +
Ebers, Liesbeth 23 + +
Eichler, Willi 29 + +
Funke, Gustav 27 + +
Graupe, Erich  21 + +
Herfurth, Edith 24 + +
23 Hoops, Walter
Ihlenfeld, Fritz 22 + +
Kroebel, Werner 21 + +
May, Friedo 23 + +
Metzig, Willi 31 + +
Nelson, Leonard 43 +
21 Pfennig, Karl +
Praus, Käte 23 + +
Praus Walter  23 + +
Rauschenplat, Hellmut von 28 Rauschenplat, Hellmut +
Regeler, Kurt 20 + +
Rode, Berta 20 + +
20 Rottstock, Willi +
Schaper, Willi 16 Schaper, Willi
Schmalz, Fritz 28 + +
Siem, Erna 34 + +
24 Sperling, Karl +
Torbov, Zeko 26 Torboff, Zeko +
Urbann, Hedwig 29 + +
Voß, de 25 de Vos, Hendrik +
Waldmann, Adolf 25 + +
Wettig, Erich 24 + +
21 Westphal, Charlotte +
27 Namen 30 Namen 29 Namen  

30 Personen sind auch auf dem Foto zu sehen.

Beide Listen im BA Berlin sind maschinenschriftlich mit handschriftlichen Markierungen. Sie enthalten neben den Namen auch Beruf, Alter und Adresse der Teilnehmenden. Liste 1 enthält den handschriftlichen Eintrag von Leonard Nelson.

Als Adressen findet sich sechsmal Göttingen Nikolausberger Weg 67, fünfmal Walkemühle bei Melsungen, dreimal Hannover zu Namen, die ich aus Erzählungen meines Vaters – der damals auch in Hannover wohnte – kannte.

Es existieren weiterhin vier Anwesenheitslisten von dem „B.-T. 1925“ (BArch N 2210/256, fol. 11 – 14), also dem 7. Bundestag des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle am 10. 8. 1925 mit insgesamt 73 per eigenhändiger Unterschrift aufgeführten Namen.

Die Einladungsliste

Die handschriftliche Einladungsliste zum Bundestag umfasst 207 Namen, darunter auch Albert Einstein, Henri Barbusse, Käthe Kollwitz, Heinrich Nelson (Vater von Leonard Nelson), Mathilde Specht (Mutter von Minna Specht), Hermann Roos (Mäzen und Förderer des IJB), Max Wolf (Fabrikant und Förderer des IJB). Es handelt sich wohl um die um einige Namen ergänzte Mitarbeiterliste des IJB. [Siehe zu Mitglied / Mitarbeiter weiter unten den Brief von L. Nelson an Z. Torbov] Die Liste enthält weiterhin Eintragungen bzgl. Annahme oder Ablehnung der Einladung und am Ende den Hinweis: Anwesend 111 Pers.. Erna Siem hat die Einladungsliste geschrieben; dies zeigt unzweifelhaft ein Vergleich mit ihrem handschriftlichen Lebenslauf (BArch N 2210/258, fol. 1, 2).

 

 

Die Namen Walter Hoops und Willi Schaper finden sich in keiner der hier erwähnten Listen von 1925! Von daher ist die Anwesenheit dieser beiden Personen zu der Zeit vom 1. - 10. August 1925 in der Walkemühle nicht belegt und die Angabe ihrer Namen bezüglich des obigen Fotos sind möglichst zu löschen.

In der verschickten, gedruckten Einladung zum 7. Bundestag des Internationalen Jugendbundes (BArch N 2210/256, fol. 1, 2) ist ausdrücklich vermerkt: Diese Einladung ist nicht übertragbar: sie ist als Ausweis mitzubringen und den Festordnern auf Verlangen jederzeit vorzuzeigen. […] Das Mitbringen von Gästen ist nicht statthaft. (Hervorhebungen wie im Original) Auch dies ist ein weiterer Hinweis dafür, dass die Genossen Hoops und Schaper nicht anwesend waren.

 

Wieso Albert Einstein?

Ausschnitt aus Seite 2 der Einladungsliste zum 2. Bundestag des IJB in der Walkemühle am 10. 8. 1925; (BArch N 2210/256, fol. 5 )

In der Einladungsliste findet sich unter der Lfd.Nr. 38 der Name Albert Einstein, versehen mit einem roten Haken. Ein roter Haken findet sich z.B. nicht bei zwei Namen mit dem Wohnort Zürich resp. Kopenhagen. Das weist darauf hin, dass Einstein eingeladen wurde, er aber – wie aus den hinteren Spalten der Liste zu entnehmen ist – die Einladung weder angen. noch abgelehnt hat.

Torbov [Torbov, 2005, S. 61; Torbov, 1985, S. 70] erwähnt Einstein als Mitglied im Freundes-Rat des Internationalen Jugendbundes (ca. 1918). Später, 1932, gehörte Einstein zu den Unterzeichnern des dringenden Apells zur Kooperation von SPD und KPD bei der Reichstagswahl vom Juli 1932, der von Zeitung des ISK Der Funke initiiert und am 25. Juni 1932 veröffentlich wurde.

 

Fazit:

Albert Einstein wurde 1925 in die Walkemühle eingeladen, nicht aber Willi Schaper, der jedoch von 1927 bis 1930 und von 1945 bis 1952 in der Walkemühle arbeitete und lebte.

 

Dokumente zum Ausbildungskurs und Bundestag des Internationalen Jugendbundes 1925

im Bundesarchiv in Berlin im Nachlass Nelson: BArch N 2210.

Diese Dokumente sind – soweit bekannt – bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet worden! Es handelt sich um ca. 600 Seiten, die zu etwa 80% mit Schreibmaschine geschrieben sind. Die handschriftlichen Seiten sind fast alle sehr sorgfältig beschrieben und somit gut lesbar.

Der Ordner BArch N 2210/256 (136 Seiten) enthält u a.

die Einladung zum 7. Bundestag des IJB, den Tagesplan, das Anmeldeformular sowie Anmeldungs- bzw. Anwesenheitslisten. Weiterhin sind neben diversen Berichten über Ortsgruppen des IJB Reden enthalten von: (Die Zahlen geben die Seitennummerierung im Ordner an.)

Nora Block 26-28
Feuerrede
Rudolf Küchemann29-37
Der sozialistisch-dissidentische Lehrer-Kampfbund (L.K.B.).
Willi Eichler 38-53
U.a. zum L.K.B. und zur Kirchenaustrittsbewegung.
Zeko Torboff56-62
Zur Situation in Bulgarien.
Leonard Nelson 85-99
Einstimmung auf den Bundestag.
Heinrich Nelson 100-136
Über Beethoven.

Der Ordner BArch N 2210/257 (396 Seiten) enthält u a.:

Teilnehmerlisten und Reden von:

Erich Graupe36-77
Wo ist die Quelle aller Not?
Willi Eichler84-138
Zu den Zielen des IJB.
Hellmut Rauschenplat 159-214
Führerschaft und Gefolgschaft.
Nora Block 226-268
Die Erziehungsgemeinschaft.
Heinrich Düker 282-311
Über die persönlichen Bindungen.
Fritz Schmalz 321-360
Unsere politischen Aufgaben.

Daneben enthält der Ordner jeweils auch die Protokolle über die Aussprachen zu diesen Reden.

Es war offensichtlich geplant die Reden zu publizieren. Zu jeder Rede gibt es nämlich jeweils eine persönlich unterzeichnete Erklärung folgenden Wortlautes:

Ich erkläre hiermit, dass ich auf alle Autorenrechte in bezug auf meine Rede auf dem Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes zu Gunsten der Bundesleitung verzichte.

Walkemühle, den … August 1925.

Unterschrift: ……………………….

 

Die Reden liegen als überarbeitete, druckreife Typoskripte vor. Vermutlich kam es nicht zur Veröffentlichung, da im Herbst 1925 die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss fasste, nach dem eine Mitgliedschaft von IJBlern in der SPD unmöglich wurde. In der Folge wurde daraufhin der Internationale Sozialistische Kampfbund gegründet.

Der Ordner BArch N 2210/258 (81 Seiten) enthält
u a. Berichte und persönliche Eindrücke (meist mehrseitig) und Analysen über den Ausbildungskurs von fast allen Teilnehmern.

 

Texte von Zeko Torboff

Torboff ist die früher gebrauchte, Torbov die heute übliche Schreibweise.

Zeko Torbov widmet den Tagen im August 1925 in der Walkemühle ein ausführliches Kapitel in seinem Buch Erinnerungen an Leonard Nelson [Torbov, 2005, S. 47-60, Torbov, 1985, S. 53-69]:

Der Ausbildungskurs und der Kongress des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle.

Daraus werden nun einige Passagen zitiert. Die Inhaltsverzeichnisse erwähnen schon die wesentlichen Eindrücke Torbovs:

Die Abfahrt am 31. Juli 1925 – Die Landschaft, die alte Walkemühle, die Philosophisch-Politische Akademie und andere Gebäude – Bekanntschaft mit den Kursteilnehmern, mit den Lehrern, der Direktorin Minna Specht und Nelsons Vater – Einzelheiten über den Kurs – Die Abende mit Erna Siem und Heinrich Düker – Der Kongress des Internationalen Jugendbundes – Der Abend und die Feuerrede

Die drei hier ausgewählten Ausschnitte belegen die Dichte der Texte und geben zusätzliche Informationen über die Walkemühle und die Atmosphäre dort.

S. 50

… So kamen wir, ohne es zu merken, in Melsungen an. Jeder, ob Frau oder Mann, trug einen Rucksack und war sportlich angezogen. Keiner trug Kragen oder Krawatten und lange Hosen. Vor dem Bahnhof wartete ,,Ajax“ eine kleine Elektrokarre mit nur einer Plattform für leichtes Gepäck. Einige luden die Rucksäcke auf, „Ajax“ setzte sich in Bewegung und wir gingen hinterher. „Ajax“ auch er ist mit meinen Erinnerungen an Walkemühle verbunden. „Ajax“ fährt nach Melsungen, also kommt Besuch mit Gepäck. Der „mächtige Wagen“ wie man zu scherzen pflegte versorgte [die] Walkemühle mit Lebensmitteln, und alle behandelten ihn wie ein Lebewesen. …

Ajax in der Walkemühle ca. 1930.
Foto: Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA030376
Die Namen der Personen und des Hundes sind bis auf einen unbekannt.
Im Hintergrund ist das Dach des Akademiegebäudes zu erkennen.

S .50

… Die Akademie lag in einem Tal – mit freier Sicht gen Osten und Westen und im Norden und Süden von mit Wäldern bewachsenen Anhöhen umsäumt. Der südlich gelegene Hügel begann unmittelbar an der Straße, die nach [der; RS] Walkemühle führte. Die Straße verlief zwischen den Gebäuden und trennte die alte Walkmühle, die einst den Namen „Walkemühle“ getragen hatte und nun Wohnungs­ und Haushaltsräume barg, von der eigentlichen Akademie, einem großen, neuen Gebäude. [Siehe das Foto oben auf dieser Seite; RS] In dem alten Gebäude der Walkmühle befanden sich auch die Lehrräume der kleinen Zöglinge der Akademie, Kinder im Vorschulalter. Neben der Walkmühle befand sich ein neues Gebäude [auf dem Foto in der Mitte, das sog. Lehrgebäude; RS], wo junge Frauen und Männer im Alter von 15-20 Jahren lernten. Das Gebäude der eigentlichen Akademie [auf dem Foto links hinten, das sog. Akademiegebäude; RS] umfasste Lehrraume, eine Bibliothek und Wohnräume. Hier wurden Kurse mit den Älteren durchgeführt, die aus verschiedenen Teilen des Landes und aus dem Ausland kamen. Die Kurse waren nicht längerfristig, der Unterricht der Jüngeren dagegen dauerte 2-3 Jahre. Durch das weite Terrain der Akademie floss ein kleines Bächlein [das ist eine sehr subjektive, falsche Erinnerung von Torbov; RS], das eine Turbine für Elektrizität antrieb und zur Bewässerung des Gemüsegartens diente. Neben dem Gebäude der Akademie lag der Sportplatz, und in dem Schulgebäude der Jüngeren befanden sich eine Tischlerei, eine Schmiede, Chemie- und Physikräume, alles zur Förderung des Lernprozesses bestimmt. …

S.59

… Die Feuerrede [Feuerrede erklärt sich in den nächsten Sätzen; RS] hielt Nora Block [-Platiel; RS]. Auf dem Hügel, unmittelbar neben dem Gebäude der Akademie, war ein großer Holzhaufen (errichtet worden). Alle an dem Kongress Beteiligten hatten einen großen Kreis gebildet und warteten Hand in Hand auf das Entzünden des Feuers. Ich stand neben Nelson. Als die Flammen hochschlugen, stellte sich Nora Block in die Mitte des Kreises neben das Feuer und hielt die Rede, begeistert und feurig. Ich war wie betäubt. Ich schaute in die Gesichter aller, die von dem großen Feuer angeleuchtet wurden, alle waren ernst und feierlich, aber wiederum so ungezwungen einfach, wie beim Hören des Berichts oder bei ihrer Unterhaltung. In dieser feierlichen Stunde gab es nichts Künstliches, nichts Theatralisches. Man sah, dass jeder den Sinn der Feier verstand und sich schweigsam der Reihe anschloss mit dem Bewusstsein, dass man an etwas Ernstem und Großem teilnahm. …

Der Text der Feuerrede ist erhalten: (BArch N 2210/256, fol. 26-28).

Aus einem Brief Leonard Nelsons an Zeko Torbovs (31. 3. 1925):

S. 20

… Aber fangen Sie noch nichts an, woraus mittelbar oder unmittelbar jemand ein Recht auf so etwas wie Mitgliedschaft ableiten könnte. Dies ist umso notwendiger, als wir seit längerer Zeit die Einrichtung der Mitgliedschaft gar nicht mehr haben. Wir sind tatsächlich, so paradox dies juristisch anmutet, eine Organisation ohne Mitglieder.

Hier in unserer Schule, die die philosophisch-politische Akademie wenigstens im Keim verkörpert, steht über dem Eingang die Inschrift: „Du bist ein Gast wie ich.“ Es gibt bei uns tatsächlich – und so wird es noch auf absehbare Zeit bleiben müssen – nur Gäste, und auch diese müssen, um sich als solche fernerhin zu betrachten, jederzeit durch die Tat beweisen, dass sie sich zu solchen eignen. Es bedarf für uns besonderer Gründe, um jemanden auch nur als Gast zu behalten, und es bedarf keiner solchen für sein Ausscheiden. Das ist freilich, was wir wohl wissen, das Kennzeichen einer Sekte und keiner eigentlichen Partei. Aber keine Bewegung ist in der Geschichte groß geworden – und am wenigsten unter ungeheuren Schwierigkeiten – die nicht den Mut hatte, bewusst das Stadium der Sekte zu durchlaufen. Je mehr wir darauf drängen müssen, so bald wie möglich über dieses Stadium hinaus zu kommen, desto standhafter müssen wir Übereilungen vermeiden und uns gegen den verführenden Rausch von Augenblickserfolgen immun machen. …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

Nachlass Leonard Nelson
Bundesarchiv Berlin, BArch N 2210/256, BArch N 2210/257.

Philosophisch-Politische Akademie (Hrsg.)
Wie Vernunft praktisch werden kann.
Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson.
Ausstellungskatalog
Frankfurt a. M.: Philosophisch-Politische Akademie, 1987.

Behrens-Cobet, Heidi
Herrschaft der Vernünftigen und Rechtsliebenden.
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes.
In: Ciupke, S. 15-27.

Ciupke, Paul und Franz-Josef Jelich (Hrsg.)
Soziale Bewegung, Gemeinschaftsbildung und pädagogische Institutionalisierung.
Essen: Klartext Verlag, 1996. ISBN 3-88474-520-4.

Inhaltsverzeichnis (pdf)

Feidel-Mertz, Hildegard
Die Walkemühle nach 1945.
In: Ciupke, S. 29-36.

Fischer, Ilse
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie, 1999, S. 185. ISBN 3-86077-805-6.

Hertkorn, Anne-Barb
Die Münchener ISK-Gruppe.
München, Archiv der Münchener Arbeiterbewegung e.V., 2002. Internetseiten.
(Die Betrachtung bzw. die Benutzerführung dieser Seiten ist etwas gewöhnungsbedürftig.)

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: Unveröffentlichtes Typoskript, [1992], 125 Seiten.

Nelson, Leonard
Brief an Dr. Torbov.
Walkemühle, 31. März 1925.
Zitiert nach Torbov, 2005, S. 20.

Torbov, Zeko
Erinnerungen an Leonard Nelson (1924-1929).
Sofia: unveröffentlichtes Typoskript, V+210 Seiten, 1985.

Torbov, Zeko
Erinnerungen an Leonard Nelson (1925-1927).
Herausgegeben, neu übersetzt und mit einer Einleitung von Nikolay Milkov.
Hildesheim: Olms, 2005, LVIII+206 Seiten, 978-3-487-13000-2.

In diesem Buch werden mehrere Briefe Willi Eichlers von 1925 [S. 14, 27, 28, 29] mit der Unterschrift „Martin Hart“ zitiert. Es übersteigt mein Vorstellungsvermögen, dass der vorsichtige, politisch weitsichtige Willi Eichler in der Emigration nach 1933 zur Tarnung das Pseudonym „Martin Hart“ benutzte, mit dem er angeblich schon 1925 Briefe unterzeichnet haben soll. Gibt es die Originale dieser Briefe noch?

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(Diese Seite wurde am 18. 09. 2016 eingefügt und am 06.01.2017 umfangreich erweitert.)