In dieser Schule braucht man nicht zu lügen.

Leonard Nelson formulierte in dem Artikel Über das Landerziehungsheim Walkemühle den Satz: In dieser Schule braucht man nicht zu lügen. Das ist der wohl am meist zitierte Satz von Nelson.

Der Artikel wurde abgedruckt in:

Die Tat

Monatsschrift für die Zukunft deutscher Kultur.
Jena, Jg. XVII, Heft 11, Februar 1926; S. 870.
Sonderdruck aus dem Februarheft 1926.

Die Gesammelten Schriften Nelsons enthalten den Artikel:

Nelson, Leonard
Gesammelte Schriften in neun Bänden.
Hamburg: Felix Meiner, 1970-74.
Achter Band, S. 575 – 578

Hier wird zuerst ein Faksimile des Sonderdrucks des Artikels gezeigt.

Quelle: Bundesarchiv Berlin, Nachlass Nelson, BArch N 2210/48, fol. 113.

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Der leichteren Lesbarkeit wegen folgt eine Abschrift.

Weiter unten gibt es eine (unvollständige) Liste mit Publikationen, in denen der Satz In dieser Schule braucht man nicht zu lügen. wörtlich bzw. sinngemäß zitiert wird.

Über das Landerziehungsheim Walkemühle

          Als mich kurz nach der Revolution der damalige preußische Kultusminister Haenisch um Rat fragte, was er angesichts der trostlosen Finanzlage tun könne, um die notwendigen Reformen des Bildungswesens durchzuführen, schlug ich ihm vor, sämtliche Schulen im Lande (von der Volksschule bis zur Universität) zu schließen. Durch diese einfache Maßnahme würde er, statt die Staatskasse mit neuen Aufwendungen zu belasten, im Gegenteil enorme Geldmittel für sie freimachen und zugleich einen Aufschwung des Geisteslebens herbeiführen, der seinem Namen in der Geschichte Unsterblichkeit sichern würde.

         Wozu braucht man heut die Schule? Man sagt: Um die jungen Menschen in die Gesellschaftsordnung einzuführen. Und in der Tat: Wie würden sich Kinder ohne den kostspieligen und kunstvollen Aufwand der an ihnen geleisteten Arbeit in unsere Gesellschaftsordnung einfügen? Wie könnte also diese selbst überhaupt weiterbestehen? Die Menschen würden sich bewahren, was sie als unverdorbene Kinder mitbringen: Glauben an die Wahrheit, Selbstvertrauen und Rechtsgefühl, wie diese sich äußern in Mut und Beharrlichkeit beim Vertreten der eigenen Überzeugung. Sie würden unbeirrt Lüge »Lüge«, Diebstahl »Diebstahl« und Mord »Mord« nennen, eine Ungezogenheit, die den unabwendbaren Zusammenbruch unserer kunstvoll aufrechterhaltenen Gesellschaftsordnung zur Folge hätte.

Worin besteht in Wahrheit die Überlegenheit der Erwachsenen? Im Übergewicht der physischen Stärke und allenfalls darin, daß sie durch Erfahrung gewitzigt sind.

Diese Überlegenheit können sie gebrauchen, um ihr Urteil und ihren Willen den Kindern aufzuzwingen und damit deren Ehrlichkeit und Mut zu brechen, eine Vergewaltigung, die bereits damit anfängt, daß der Lehrer sein Urteil überhaupt ausspricht.

Dieselbe Überlegenheit könnte auch gebraucht werden, um die Kinder gegen solche Vergewaltigung zu schützen. Das heißt: ihnen eine Freistatt zu schaffen, die es ermöglicht, sie aus unserer Gesellschaftsordnung herauszuführen.

Eine solche Freistatt – für Kinder ohne Unterschied der Nation, Rasse und Klasse – will das Landerziehungsheim »Walkemühle« sein.

Wenn ich – der Aufforderung der Redaktion folgend – von der pädagogischen Eigenart dieser Schule in dem knappen mir zugemessenen Raum überhaupt etwas sagen soll, so kann es daher nur das sein: In dieser Schule braucht man nicht zu lügen.

Ich höre die Schulreformer fragen: Ist das nicht zu wenig?

Darüber zu reden, wird sich lohnen, wenn erst einmal jenes Wenige erreicht ist. Das Wenige nämlich, daß Menschen heranwachsen, die sich die mutige Überzeugungstreue der Kinder bewahren und als Erwachsene dann die erworbene Stärke und Erfahrung nutzen werden, um mit diesem doppelten Rüstzeug die Überzeugung zu verfechten, daß auch ihre Mitmenschen das Recht haben, als ehrliche Menschen aufzuwachsen und zu leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

Zitatstellen

Archiv der sozialen Demokratie
Der Nachlass von Leonard Nelson

Archiv der sozialen Demokratie
Leonard Nelson: Das Landerziehungsheim Walkemühle.

Autorenportrait von Leonard Nelson beim Verlag Meiner: Leonard Nelson

Buchbesprechung:
Der Freidenker. Organ der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz
Zürich: 1. April 1938, Nr. 4, 21. Jahrgang, S. 26.
des Buches:
Leonard Nelson; Willi Eichler; Martin Hart
Leonard Nelson; ein Bild seines Lebens und Wirkens.
Paris, Editions nouvelles internationales, 1938 [©1937]

Draken, Klaus
Sokrates als moderner Lehrer: eine sokratisch reflektierte Methodik und ein ...
Berlin: Lit Verlag, 2010, S. 27.

Draken, Klaus
Sokratische Gesprächspraxis nach L. Nelson und G. Heckmann
– zwischen Philosophie und Politik
Seite 7 in:
Politische Verantwortung in einer globalisierten Welt
Tagung des Fachverbands Philosophie (Bundesverband / Landesverband Hamburg)
in Kooperation mit dem Philosophischen Seminar der Universität Hamburg
und der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW)
21. – 22. September 2012

Ilse Fischer
Minna Specht – eine politische Pädagogin

Hansen-Schaberg, Inge
Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).
Untersuchung zur pädagogischen Biographie einer Reformpädagogin.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 1992, S. 35.

Kamuf, Ullrich
Die philosophische Pädagogik Leonard Nelsons
Meisenheim: Anton Hain, 1985, S. 65.

Nelson, Leonard
Vom Selbstvertrauen der Vernunft: Schriften zur kritischen Philosophie und ihrer Ethik ...
Henry-Hermann, Grete (Hrsg.)
Hamburg: Felix Meiner, 1975, S. 243.

Nelson, Leonard
Gesammelte Schriften in neun Bänden.
Hamburg: Felix Meiner, 1970-74.
Achter Band, S. 575 – 578.

Saar, Stefan Chr.; Andreas Roth, Christian Hattenhauer (Hrsg.)
Recht als Erbe und Aufgabe : Heinz Holzhauer zum 21. April 2005
Berlin : E. Schmidt, 2005, S. 284.

Sösemann, Bernd
Fritz Eberhard: Rückblicke auf Biographie und Werk.
Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2001, S. 72.

Die Liste bedarf der Vervollständigung; Hinweise zur Ergänzung sind daher willkommen.