Die Verfassung der "Kinderrepublik Klein Berlin"

Abschrift:

Quelle: Hessische Hauptstaatsarchiv Nachlass Anna Beyer: HHStAW 1213 31

 

Schul- u. Erholungsheim Walkemühle bei Melsungen, Bez. Kassel
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Verfassung
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der Gemeinde Klein-Berlin in der Walkemühle
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Vorwort.

Die Gemeinde der Berliner Kinder im Schul- u. Erholungsheim Walkemühle gibt sich diese Verfassung, um das Zusammenleben nach gewissen Grundsätzen und Richtlinien festzulegen; sie soll den Weg zeigen, der zu einem freudigen und glücklichen Zusammenleben in der Walkemühle führt.

 

I. Hauptteil, Aufbau der Gemeinde.

Artikel I.      An der Spitze der Gemeinde steht der selbstgewählte Gemeinderat, der mit den Erwachsenen der Heimleitung alle Fragen des Zusammenlebens bespricht und regelt.

Artikel II.     Der Gemeinderat besteht aus 7 Mitgliedern. Jungen und Mädel werden ihrer Anzahl entsprechend in den Rat gewählt.

Artikel III.    Der Gemeinderat wählt für jede Gruppe (Jungen und Mädel) einen Bürgermeister.

Artikel IV.     Der Gemeinderat wird jeden Monat neu gewählt.

Artikel V.      Die Wahl erfolgt in geheimer Abstimmung. Wahlbe-rechtigt sind alle Kinder die das vierte Schuljahr erreicht haben; wählbar sind alle Kinder die das sechste Schuljahr erreicht haben oder 12 Jahre alt sind.

II. Hauptteil. ( Rechte und Pflichten der Kinder )

Artikel VI.     Alle Kinder haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten, niemand soll bevorzugt, niemand benachteiligt werden.

Artikel VII.    Alle Kinder haben das Recht auf Essen, Schlafen und auf Freizeit.

Artikel VIII.   Jedes Kind kann sich beim Gemeinderat beklagen und seinen Schutz in Anspruch nehmen.

Artikel IX.     Alle Kinder haben die Pflicht:

a) sich dieser Gemeinschaft einzuordnen;
b) den Körper zur Erhaltung der Gesundheit sauberzuhalten;
c) dazu gehört auch die Sauberhaltung der Kleidung, der
   Stube und des Heimes;
d) jeder hat die Schule zu besuchen und die ihm aufgetra-
   genen Schularbeiten gewissenhaft auszuführen;
e) an allen Arbeiten, die dem Wohle der Gemeinschaft dienen,
   soweit es seinem Können und seiner Kraft entspricht,
   teilzunehmen;
f) während der festgelegten Liegezeit unbedingste Ruhe zu
   halten;
g) an allen gemeinschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen.

 

Artikel X.      Wer seine Pflichten vergißt, wird vor den Gemeinderat geladen. Der Gemeinderat bespricht in Sitzungen auf welche Art und Weise das betreffende Kind sein Versäumniss wieder gutzumachen hat. Die Beschlüße sind für alle Kinder verbindlich, das heißt, jedes Kind hat die Weisungen des Gemeinderates zubefolgen.

 

III. Hauptteil ( Die Aufgaben des Gemeinderates )

Artikel XI.     Der Gemeinderat regelt und beobachtet das Leben der Kinder und die Durchrührung der im Hauptteil II festgelegten Rechte und Pflichten jedes Kindes. Darunter wird verstanden:

persönliche Sauberkeit

Ordnung in der Stube

Pünktlichkeit

Einteilung und Einhaltung der der Gemeinschaft die-
nenden Hilfsarbeiten ( Bücheraustausch, Küchendienst,

Schulraumordnung )

 

Artikel XII.    Mindestens einmal in der Woche hat der Gemeinderat zusammenzutreten. Die beiden Bürgermeister besprechen jeden Abend die Tagesereignisse mit der Heimleitung.

Artikel XIII.   Alle Wünsche, Vorschläge und Klagen sind dem Gemeinderat vorzulegen, der diese bespricht, einen Beschluß darüber faßt und diesen der Heimleitung vorlegt.

 

Schlusswort     Diese unsere Verfassung tritt mit dem Tage ihrer Annahme und Verkündung in Kraft.

Wir Berliner Kinder hoffen, daß unser Zusammenleben durch diese Verfassung auf das Beste und Angenehmste gefördert wird.

 

Walkemühle, den 14. Februar 1949.

 

 

f.d.Heimleitung:                    f.d.Gemeinderat: