Richtfeste

– Über die Gefahren des Alkohols und andere Glaubensbekenntnisse

Das Richtfest mit Apfelwein, 20. Oktober 1945

Zur Einstimmung: Berta Rode: Über die Walkemühle (1928)

… Selber Verantwortung zu übernehmen und sich nicht einfach gängeln zu lassen von Meinungen, Sitten, Gewohnheiten oder auch von äußeren Gewalten, das ist in der Tat das Ziel und der Erfolg dieser Art von Erziehung. Kein Fleisch mehr zu essen, weil es auch ein Recht der Tiere gibt; die Kirche zu bekämpfen, weil sie das Recht des Menschen, zu einem selbständigen geistigen Leben zu erwachen, mit Füßen tritt; also gegen die Ausbeutung jeglicher Art die Kräfte anzuspannen, das ergibt sich für den in dieser Weise Erzogenen als eine unabweisbare Forderung. …

Rode, Berta
Über die Walkemühle.
In: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V.. [1928].

Abstinenz von Alkohol und Nikotin gehörten neben dem erwähnten Vegetarismus zu den unabdingbaren Forderungen an ISK-Mitglieder, sind aber in dem Artikel von Berta Rode nicht explizit erwähnt. Der Artikel konnte nicht ohne das Placet von Willi Eichler und Minna Specht als Führern des ISK in einer Gedenkbroschüre zum Tode von Leonard Nelson erscheinen. (RS)

19. September 1945
Grete Eichenberg an Willi Schaper

… Apfelmost bekomme ich 10 Liter für die Mühle. Anfang nächster Woche will ich sie holen…

 

19. Oktober 1945
Anna Beyer an Willi Schaper

… Willi Eichler hat mich gebeten, Dir ein Telegramm zu schicken, um Dir zu sagen, Du solltest keinen Alkohol zum Richtfest ausgeben. Apfelsaft und Kaffee würden genügen. Durch einen Brief von Willa [Eichenberg; RS] hatte er erfahren, dass ihr die Absicht habt, am Richtfest Wein auszuschenken. Es liegt ihm viel daran, dass das nicht geschieht. Leider sind im amerikanisch-besetzten Gebiet noch keine Telegramme erlaubt, ich versuche es deshalb mit einem Brief und hoffe, dass er Euch noch rechtzeitig erreichen wird. …

 

21. Oktober 1945
Willi Schaper an Heinrich Meyer

… Gestern haben wir das erste Richtfest gefeiert. Leider haben wir noch keine Dachziegeln…

 

26. Oktober 1945
Willi Schaper an Anna Beyer

… ich erhielt Deinen Brief leider einen Tag zu spät. Am Tage vorher war das Richtfest und wir haben zwar kein Gelage veranstaltet, aber Obstwein ausgegeben. Ich will das nicht entschuldigen, möchte aber trotzdem die die Situation schildern, in der wir waren. Wir hatten nach langem Bemühen etwas zu essen aufgetrieben. Durch einen Unglücksfall ist uns das aber am Tage des Richtfestes verloren gegangen, und wir standen vor der Tatsache, den Teilnehmern nichts anderes bieten zu können, als Kartoffelsalat und Gemüse, an dem wir aber nicht die geringste Menge Fett bringen konnten. Das Richtfest ist dann trotzdem gut verlaufen. Für mich selbst hat es allerdings einen unangenehmen Beigeschmack behalten.

 

Else Schaper
geschrieben im Herbst 1945

Das Richtfest wird gefeiert mit wunderbar gedeckten Tafeln und Salat, Salat … Knut [mein Bruder, sechs Jahre; RS] trinkt von dem bitteren Wein, er meint, er würde gut schmecken. […]  … und er geht allein zu Weber [Bauern in Adelshausen; RS] um Milch zu holen und die schöne Sahneflasche zum Richtfest landet auf der Landstraße. „Mama, ich hätte sie bestimmt mitgebracht, aber sie ist mir hingefallen.“

 

11. November 1945
Willi Eichler (Welwyn Garden City) an Willi Schaper

Ich bekam, kurz ehe ich Deutschland wieder verliess einen Brief von Villa Eichenberg, in dem er etwas altklug-zynisch mitteilte, dass Ihr für das Richtfest, das damals in einigen Tagen stattfinden sollte, einige Flaschen nicht-alkoholfreien Weins gekauft hättet, die dann ausgeschenkt werden sollten. Ich liess Euch durch Anna B. telegraphieren,

dass wir das keineswegs tun könnten, weil nicht einzusehen ist, warum gerade heute eine Schule sich mit solchen toerichten Angewohnheiten behaften sollte, die sie schon nicht mitmachte, als es in Deutschland weniger schlimm war als heute.

 

29. November 1945           
Willi Schaper an Willi Eichler

… Bei dem Richtfest hab ich tatsächlich einen Fehler gemacht, wie Dir Anna wohl schon mitgeteilt hat. Leider kam Ihr Brief einen Tag zu spät, weil er durch die Zensur ging. Das Fest ist allerdings in ganz bescheidener Weise gefeiert worden und selbstverständlich ist dabei auch niemand aus der Rolle gefallen. Ich werde mit Dir darüber noch sprechen. Nun fehlen noch die Dachpfannen. Augenblicklich will ich versuchen Blech zu bekommen und daraus Dachpfannen pressen zu lassen. …

 

Willi Schaper
in seinen Lebenserinnerungen, diktiert ca. 1990

… Das Lehrgebäude war ausgebrannt und ich war froh, daß ich in Kirchhof einen alten Genossen fand, einen Zimmermeister, der uns den Dachstuhl aufbaute und etwas später habe ich dann noch von Mauser in Waldeck Blechplatten bekommen, um das Haus abzudecken. Für das übliche Richtfest hatten wir leider keinen Apfelsaft oder irgendwelchen anderen Fruchtsaft bekommen, aber ich habe irgendwo Apfelwein aufgetrieben. Damit und mit Kartoffelsalat mit etwas Schmand, den Else in Adelshausen aufgetrieben hatte, wurde das Richtfest gefeiert. Das veranlaßte Anna Beyer, das an Eichler zu berichten und wir bekamen dann einen schriftlichen Rüffel, daß wir da Apfelwein getrunken hatten. …

 

Ein Richtfest von welthistorischer Bedeutung  09.10.1958

Willi Eichler, Mitglied des Parteivorstandes der SPD

Mit dem Tode Pius XII. verliert die katholische Kirche einen ihrer größten Päpste und die Menschheit eine ihrer größten Persönlichkeiten.

[…]

Die ungewöhnliche Größe Pius XII. liegt darin, daß er ein Höchstmaß an Strenge ein seinem hohen Priesteramt verband mit einem Höchstmaß an Bereitschaft politische Realitäten richtig, das heißt illusionslos einzuschätzen und mit ihnen um zugehen. […]

Eichler, Willi
Zum Tode Pius XII.
Bonn: Sozialdemokratischer Pressedienst, 9. Oktober 1958, S. 1.

Vollständig nachzulesen unter: http://library.fes.de/spdpd/1958/581009.pdf

 

Stand: 8. März. 2016