Gedenkschrift für Leonard Nelson

Zu Ehren von Leonard Nelson gab die Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V. (GFA) im Dezember 1928 eine
12-seitige Broschüre heraus.

Mit einem Appell endet darin die kurze Einleitung; sie ist unterschrieben von dem Vorstand der Gesellschaft; d.h. von

Prof. Dr. Franz Oppenheimer,
Prof. Otto Meyerhof,
Dr. Arthur Kronfeld und
Minna Specht

Wir wenden uns an alle, die, unbeschadet einzelner Abweichungen in der philosophischen und sozialen Auffassung, überzeugt sind von der Bedeutung der Persönlichkeit und des Werkes Leonard Nelsons für die Zukunft unserer Kultur, Staatsordnung und Wirtschaft. Wir bitten auch Sie, dieses große Werk der Erziehung nach Ihren Kräften materiell und ideell unterstützen zu wollen, indem Sie in den Kreis der «Freunde der philosophisch-politischen Akademie» mit einem Jahresbeitrage von mindestens 20 Goldmark eintreten. Sie werden dadurch nicht nur an der Erhaltung und dem Ausbau eines erzieherischen Kulturwerks mitwirken, das Bewunderung verdient; sondern Sie werden darüber hinaus dazu helfen, das Andenken eines wahrhaft großen Menschen zu ehren, eines Mannes, dessen volle Bedeutung erst die Zukunft erkennen wird.

Die Broschüre enthält den Aufsatz von Berta Rode „Über die Walkemühle“. Im Kontext des führerschaftlich geführten ISK und der GFA ist dieser Text als authentische, programmatische Schrift zu beurteilen, der zentrale Aspekte der Erziehungs- und Organisationsprinzipien des ISK thematisiert.

Über die Walkemühle

Die Philosophie Leonard Nelsons ist gegründet auf das Selbstvertrauen der Vernunft: auf das Vertrauen des Menschen in seine Erkenntnis, und auf das Vertrauen in die Kraft der menschlichen Natur, sich nach dieser Erkenntnis zu richten. Es wird dem Menschen hier etwas zugetraut: selber die Wahrheit erkennen zu können, und es wird ihm zugleich etwas zugemutet: nach der erkannten Wahrheit zu handeln.

            In jedem Menschen schlummert ursprünglich dieser Geist des Selbstvertrauens. In der Hand des Erziehers liegt es, ihn zu töten oder ihn zu wecken. Der zu Erziehende hat ein Recht darauf, daß dieser Geist in ihm geweckt und nicht getötet wird. Diesen Geist zu wecken und den Weg frei zu halten, daß das Selbstvertrauen sich auch betätigen kann, das ist die Aufgabe des Landerziehungsheims Walkemühle, der internationalen Schule, die Nelson im Jahre 1922 in der Nähe von Kassel gegründet hat.

            In einer autoritätslosen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft sind hier die Lernenden – Arbeiterkinder, junge Arbeiter und Arbeiterinnen – mit ihren Erziehern vereinigt. Wie werden Unterricht und Lehensgemeinschaft ihrer Aufgabe gerecht?

            Der Unterricht der Kinder dadurch, daß die Erzieher mit den Kindern einen Stoff behandeln, den der kindliche Geist bewältigen kann, und dadurch, daß dieser Stoff von den Kindern selbständig erarbeitet wird. Es fehlt in diesem Unterricht jeder tote Gedächtniskram. Die Kinder lernen an der Natur, die sie in reicher Fülle umgibt. Sie werden vertraut mit den Vögeln und den Pflanzen ihrer Umgebung und schulen ihre praktischen Anlagen im Werkunterricht. Im Verkehr mit den Kindern des nahegelegenen Dorfes lernen sie deren Lebensweise kennen. Indem sie an den praktischen Arbeiten der Erwachsenen sich beteiligen, soweit es ihre Kräfte zulassen, und indem sie ihre Rechte ihnen gegenüber vertreten lernen, gewinnen sie ein selbständiges Verhältnis zu dem Leben in einer Gemeinschaft.

            Doch der Lehrstoff ist es nicht so sehr, was die Erziehung in der Walkemühle von der anderer guter Schulen unterscheidet. Sondern der weit bedeutsamere Unterschied liegt darin, daß die Kinder alles, was sie studieren, selber beobachten und danach, gestützt auf ihre eigenen Kräfte, gestalten und verarbeiten, Worauf alles ankommt, ist das Zurücktreten des Lehrerurteils, das unbefangene Sichervordrängen der kindlichen Gedanken- und Gefühlswelt, die sich dann entfaltet und schult an der Eroberung der Umwelt. Die Hauptaufgabe des Erziehers wird hier, über der Auswahl der Aufgaben zu wachen, die Umgebung schön zu gestalten und selber sittlich zu leben. In ähnlicher Weise, natürlich mit entsprechend anderem Stoff, geht der Unterricht der erwachsenen Schüler vor sich. An Stelle des anderswo üblichen Vortrags tritt das selbständige Studium und die Aussprache nach sokratischer Methode, die den Schüler zwingt, seine eigenen Gedanken zu verfolgen, und die ihm zugleich die Möglichkeit gibt, gemeinsam mit den Kameraden die richtige Überzeugung zu suchen und zu finden. In einem solchen Unterricht brechen Phrasen und Angelerntes unter der freien Kritik und dem eigenen besonnenen Urteil zusammen. Aber es gilt, eine harte Arbeit zu leisten, ehe die durcheinander schwirrenden Gedanken geordnete wissenschaftliche Wege einschlagen, Die Naturwissenschaften sind eine gute Vorschule dafür. Naturwissenschaftliche Fragen stehen darum am Eingang der wissenschaftlichen Arbeit und werden erst, nachdem der Schüler einige Sicherheit im selbständigen Denken gewonnen hat, von schwierigeren Fragen aus der Volkswirtschaftslehre, der Geschichte oder der Philosophie abgelöst.

Mindestens ebenso zurückhaltend wie bei den Kindern muß der Lehrer hier mit dem eigenen Urteil sein. Denn durch den Gedächtnisdrill der heute üblichen Erziehung ist den Erwachsenen die Unabhängigkeit des Denkens bereits verloren gegangen, während es bei dem Kinde nur gilt, diese Unabhängigkeit zu erhalten und zu festigen.

Und die Lebensgemeinschaft?

Weil alle Lehrer und Schüler in der Walkemühle sich darin einig sind, daß sie bei hinreichender Anstrengung durch ihr wissenschaftliches Arbeiten nicht nur die Wahrheit finden können, sondern daß ihre Kraft auch ausreicht, der Wahrheit gemäß zu handeln, darum vereinigt die Lehrenden und Lernenden in dieser Schule nicht nur eine geistige Gemeinschaft, sondern zugleich eine Gemeinschaft der Tat, die darin besteht, das eigene Leben nach den erarbeiteten Erkenntnissen zu gestalten. Selber Verantwortung zu übernehmen und sich nicht einfach gängeln zu lassen von Meinungen, Sitten, Gewohnheiten oder auch von äußeren Gewalten, das ist in der Tat das Ziel und der Erfolg dieser Art von Erziehung. Kein Fleisch mehr zu essen, weil es auch ein Recht der Tiere gibt; die Kirche zu bekämpfen, weil sie das Recht des Menschen, zu einem selbständigen geistigen Leben zu erwachen, mit Füßen tritt; also gegen die Ausbeutung jeglicher Art die Kräfte anzuspannen, das ergibt sich für den in dieser Weise Erzogenen als eine unabweisbare Forderung.

            Die heute herrschende Meinung geht dahin, daß eine Erziehung zur Verantwortung nur in einer demokratisch organisierten Gemeinschaft aufgebaut werden könnte. Und doch beruht diese Meinung auf einem Irrtum. Man verkennt dabei, daß das Verantwortungsgefühl sich da nicht entwickeln kann, wo der zu Erziehende nicht die Möglichkeit hat, zu tun, was er für richtig hält. Wie kann ich Verantwortung übernehmen für ein Geschehen, das gar nicht von meiner Einsicht, sondern vom „Willen der Gemeinschaft“ abhängt? Und man verkennt ferner, daß auch die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, nicht genügt, wenn der zu Erziehende sich an Aufgaben begibt, denen er nicht gewachsen ist und an denen er dann meist entweder verzagt oder die ihn, falls er sie dennoch wagt, zur Verantwortungslosigkeit verführen. Wer aber soll die Aufgaben mit ihm auswählen? Wie soll er sich schulen, Verantwortung zu übernehmen? In vernünftiger Weise kann dieses schwere Amt nur in einer führerschaftlichen Organisation geübt werden, d.h. in einer Gemeinschaft, die klar erkennen läßt, wer die Verantwortung trägt, welche Anforderungen das Amt seinem Verwalter auferlegt und wie Erfolge und Mißerfolge verwertet werden. Darum ist die Walkemühle nicht demokratisch, sondern auf dem Grundsatz der Führerschaft aufgebaut. Sie ist so zugleich der Prüfstein für die Möglichkeit einer vernünftigen Führerschaft überhaupt.

Walkemühle, im Februar 1928   -  Berta Rode

(Die Hervorhebungen entsprechen dem Original.)

Rode, Berta
Über die Walkemühle.
In: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie: [1928], S. [5] - [7].

Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V. (Hrsg.)
Nachruf auf Leonard Nelson.
Walkemühle: Gesellschaft der Freunde der philosophisch-politischen Akademie e.V, ohne Jahr [Dezember 1928], [12 Seiten].