Vollmachten

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 etablierten die Alliierten in ihren Besatzungszonen Militärregierungen. Sie setzten in Städten und Dörfern Bürgermeister als untere Verwaltungsebene ein.

Heinrich Meyer schildert seine ersten  Erfahrungen vom Mai 1945. Einige Ausschnitte von dieser Seite:  http://www.landerziehungsheim-walkemuehle.de/mitte-mai-bis-juli-1945.html

Bei dem neuen Bürgermeister stellte ich mich vor als alter IJB- und ISK-Freund. Der Mann war skeptisch. Es begann bereits das „Zeitalter der Persilscheine“. Er holte einen alten Textil-Arbeiter, Gewerkschafter und SPD-Mann - Gen. Franke. Beiden erzählte ich dann von Minna Specht, von der ich wusste, dass sie mit den Kindern nach Dänemark - flüchten konnte. Weitere Erinnerungen - Zusammentreffen mit Rauschenplat bis 1937/38, ein Besuch in London 1938 bei Maria Hodan. Als ich noch erzählte, dass Erich Graupe in Adelshausen begraben sein müsste, glaubte man mir.

Zunächst besorgte mir der Genosse Bürgermeister einen Ausweis für den Landkreis Melsungen. Mein Plan war, das Anwesen wieder herzurichten und vielleicht als Erholungsheim für die Kinder und Angehörige von KZ-Genossen einzurichten. Zunächst machte ich eine Bestands-Aufnahme.

[…]

Ich versuchte bei dem U.S.A.-Ortskommandanten in Melsungen vorsprechen zu dürfen, um mein Anliegen vorzutragen. Nach mehrtägigem Warten wurde ich vorgelassen. Da die verschiedenen Grossobjekte und Betriebe einen Treuhänder zugeteilt bekamen, erbat ich als Treuhänder, für die Walkemühle eingesetzt zu werden. Die Unterhaltung war erst sehr kühl. Ich wurde über meine Vergangenheit befragt. Als ich mich als Anti-Hitler vorstellte, nahm der Offizier die Füsse vom Tisch, schlug mit dem Revolver sehr hart auf den Schreibtisch und schrie laut, dass ich einen Schreck bekam.

Der Interpreter [d.h. Übersetzer; RS] sagte mir:

99,9 % haben für Hitler gestimmt, heute kommen täglich Dutzende von Menschen und erklären. dass sie Anti-Hitler waren, er möchte doch endlich mal einen richtigen, leibhaftigen Nazi kennen lernen. Ich sei doch so einer und soll es doch zugeben.

[…]

Ich bekam ein Dokument als Treuhänder und einen Reise-Ausweis nach Ffm, um meine Frau zu holen.

Am 10. Juli 1945 stellt Heinrich Meyer eine Vertretungsvollmacht für Willi Schaper aus:

Am 20.9.1945 formuliert Willi Eichler eine Bestätigung der Bevollmächtigung für Willi Schaper:

Der benutze Stempel stammt wohl noch aus dem „Dritten Reich“. Dabei wurde – wie auch häufig bei anderen Behörden – das Hakenkreuz in der Mitte des Stempels einfach herausgeschnitten.

Willi Eichler lässt sich am 22 9. 1945 seine Funktion als „Mitglied des Vereins, der der Eigentümer des Grundstücks der Walkemühle bei Melsungen war“ durch den Bürgermeister Eberhard von Adelshausen bestätigen.

Der Internationale Sozialistische Kampfbund bzw. die formal aufgelöste Philosophisch-politischen Akademie, also die Eigentümer des Landerziehungsheimes Walkemühle, wurden gemeinsam von Willi Eichler und Minna Specht geführt.

Im Dezember 1945 stellte Minna Specht noch die folgende Vollmacht aus: Zuerst das ganze Dokument:

Ausschnitt:

Abschrift:

BY THIS POWER OF ATTORNEY  I, MINNA SPECHT (spinster),the legal representative of the Philosophisch-Politische Akademie e. V. at Melsungen, of 33 Green Lane in the Borough of Hendon, London N.W.4

APPOINT THEODOR HÜPEDEN of Kassel and WILLI SCHAPER of Walkemühle, near Melsungen my attorneys for me and in my name to do and execute all or any of the following acts, deeds and things that is to say:

Übersetzung

Abschrift:

V o l l m a c h t .

Ich, Minna Specht zur Zeit wohnhaft in London N.W.4, No. 33 Green Lane, die Vorsitzende der Philosophisch-Politische Akademie e.V. in Melsungen, bevollmächtige hiermit die Herren Theodor Hüpeden in Kassel und Willi Schaper in Walkemühle bei Melsungen, die Interessen dieses Vereins gegenüber Privatpersonen und Behörden, jeder einzeln für sich oder beide gemeinsam in jeder Weise zu vertreten

Aber auch Minna Specht brauchte eine Zertifizierung durch den amerikanischen Konsul in London:

Certificate of Acknowledgement of Execution of Document

J.J. Coyle, Vice Consul of the United States at London, England,

[…]

do herby certify that on this  of 14th of December 1945, before me personally appeared MINNA SPECHT …

In witness whereof I have hereunto set my hand and official seal the day and year last above written

(Signature)

J.J.Coyle

Die Ablösung von Wilhelm Schaper als Treuhänder durch das „Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung“ am 19.1.1949 erfolgte u.a. aus gesundheitlichen Gründen, insbesondere aber aus Meinungsverschiedenheiten über die weitere Verwendung der Walkemühle.

Innenseite

Außenseite des o.g. Papierstückes

mit der Weiterleitung dieses Briefes nach Burgsolms in die Mathes’sche Heilbadeanstalt, wo Wilhelm Schaper damals wegen einer schweren Erkrankung behandelt wurde.

Aus Materialmangel wurden solche Briefe seiner Zeit nur mit einem kleinen Klebestreifen (braun, oben) verklebt und sonst durch Rändelung verschlossen; hier als kleine schwarze Striche neben dem Papierrand zu erkennen.