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Inhaltsverzeichnis

Der Ausbildungskurs und Bundestag des Internationalen Jugendbundes im August 1925 in der Walkemühle

Wurde Albert Einstein 1925 in die Walkemühle eingeladen – oder war wenigstens mein Vater Willi Schaper da?

Ein Foto des Ausbildungskurses

Das Foto vom Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes (IJB) in der Walkemühle ist eine der seltenen Gruppenaufnahmen von Mitgliedern des IJB. Nachdem ich dieses Foto entdeckte, begann eine sich ausweitende Geschichte.

Privatbesitz, Scan eines Originalabzuges, 10,5 cm x 7,5 cm.

Originalabzug[1]

Das Bild wurde in mehreren Veröffentlichungen reproduziert:

1987 in einem Ausstellungskatalog der Philosophisch-Politischen Akademie
Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson,[2]
1996 zur Illustration eines Aufsatzes über
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes,[3]
1999 als zweites der Bilder des Buches
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie,[4]
2001 auf einer Webseite zu einer Ausstellung Die Münchener ISK-Gruppe,[5]
2016 auf zwei Seiten des umfangreichen Projektes Widerstand in Göttingen des Stadtarchives Göttingen erarbeitet von Rainer Driever.
ISK – Politische Arbeit unter Personalmangel,
Heinrich Düker (Deckname Holzbein).

Die Friedrich-Ebert-Stiftung führt das Bild in ihrem Katalog der Online-Findmittel im AdsD (also dem Archiv der sozialen Demokratie) bei den Bildern zur Walkemühle gleich fünffach auf. Bei Eingabe von Walkemühle in der Suchmaske dieser Seite, werden u.a. die Treffer angezeigt.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung führt fünfmal das Bild in ihrem Katalog der Online-Findmittel im AdsD.

Foto aus dem Nachlass Leonard Nelsons.[6]

Ohne weitere Recherche konnte ich vier Personen auf dem Bild erkennen: Der große Mann stehend in der hinteren Reihe mit weißem Hemd ist Heinrich Düker, davor kniet Nora Block (Platiel), davor sitzt Willi Eichler; an der Hauskante mit verschränkten Armen steht Leonard Nelson. Hedwig Urbann sitzt vorn in der Mitte rechts neben Eichler, wie mir eine alte Bekannte sagte, die selbst noch als Kind 1933 in der Walkemühle war und Hedwig Urbann persönlich kannte.

Die Bauten auf dem Foto sind in der Walkemühle; deutlich ist rechts der nordöstliche Teil des sog. Akademiegebäudes zu sehen. Das Haus links wird häufig als Vater Nelsons Haus bezeichnet.

In dem Münchener Ausstellungskatalog[7] finden sich diese Hinweise:

IJB-Ausbildungskurs 1925 in der Walkemühle: v.l.n.r.: vordere Reihe, sitzend: Willi Eichler; Hedwig Urbann, August Bolte, Fritz Schmalz, Gustav Funke, Frieder May, Werner Kroebel. -
Mittlere Reihe, kniend: De Voss, Erika Borchardt (Metzig), Zeko Torboff, Nora Block (Platiel), Edith Herford, N.N., Kurt Regeler, Berta Rode, N.N.
Hintere Reihe, stehend: Erna Siem, Lisbeth Ebers, Walter Hoops, N.N., Heinrich Düker, Fritz Ihlenfeld, Erich Wenig, Karl Sperling, Leonard Nelson, Hellmut v. Rauschenplat, Willi Metzig, N.N., Adolf Waldmann, Erich Graupe.

30 Personen sind zu sehen; 26 Personen werden namentlich genannt, übrig bleiben viermal N.N.! Wer könnten diese vier N.N. sein?

Beim AdsD lautet die inhaltliche Beschreibung etwa bei 6/FOTA007803:

vor dem Wohnhaus von Nelson und als abgebildete Personen:
Eichler, Willi; Urbann, Hedwig; Bolte, August; Schmalz, Fritz; Funke, Gustav; May, Friedo; Kroebel, Werner; Borchardt, Erika; Torbov, Zeko; Block-Platiel, Nora; Herfurth, Edith; Praus, Käte; Regeler, Kurt; Rode, Berta; Siem, Erna; Ebers, Liesbeth; Praus, Walter; Düker, Heinrich; Ihlenfeld, Fritz; Wettig, Erich; Nelson, Leonard; Rauschenplat, Hellmut von / später Fritz Eberhard; Metzig, Willi; Schaper, Willi; Waldmann, Adolf; Graupe, Erich; Voß,de.

Das sind 27 Namen; welche drei Namen fehlen? Kein N.N.!

In dem Aufsatz von Behrens-Cobet Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes lautet die Legende zum Bild wieder:

IJB-Ausbildungskurs 1925 in der Walkemühle.
Vordere Reihe sitzend: 1. v. l. Willi Eichler
Hintere Reihe ab r. Hauskante: Leonard Nelson, Helmut v. Rauschenplat, Willi Metzig, Willi Schaper, Adolf Waldmann, Erich Graupe.

Als ich 2014 in dem Aufsatz von Behrens-Cobet das Bild zum ersten Mal sah, wurde ich stutzig: mein Vater Willi Schaper mit 16 Jahren in der Walkemühle ??? Ich fand bald in den Unterlagen meines Vaters je drei Kopien dieses Aufsatzes bzw. eines Aufsatzes von Hildegard Feidel-Mertz Die Walkemühle nach 1945[8]. In dem letzteren wird mein Vater mehrfach erwähnt; die Autorin hat ihn wohl interviewt. Bei anderen Kopien hat mein Vater manchmal Bemerkungen handschriftlich an den Rand geschrieben. Hier gibt es keine!

Im Herbst 2015 fand ich schließlich unter anderen Fotos den Originalabzug des obigen Bildes im Nachlass meines Vaters. Wo kann das Bild hergekommen sein? Denn es stammt nicht aus den Fotoalben meiner Eltern. Das Bild ist offensichtlich von einem Karton abgetrennt; das zeigt die Rückseite: Während auf der Vorderseite oben sehr schwach erkennbar ist A K 1. – 9.8., ist auf der Rückseite mit Tinte vermerkt: A.–K. d. I.J.B. v. 1.- 9. 8. 1925. Damit ist die Dauer des Ausbildungskurses belegt.

Nachdem links oben auf der Rückseite Reste des Kartons vorsichtig etwas entfernt wurden, ist mit wenig gutem Willen die Schrift mit Kopierstift erkennbar: L Ebers. Das gibt einen Hinweis darauf, wie das Bild zu meinem Vater gekommen sein könnte: Liesbeth Ebers und Walter Hoops – auf dem Bild wohl nebeneinander stehend (hintere Reihe 2. resp. 3. von links) – haben später geheiratet und sind schon vor 1933 in die USA ausgewandert. Von Walter Hoops hat mein Vater in den 1970-er Jahren Pakete mit Unterlagen und Zeitschriften des ISK bekommen. Dazu existieren mehrere Briefe.

Doch: War Willi Schaper schon mit 16 Jahren in der Walkemühle? In seinen Lebenserinnerungen findet sich kein Hinweis auf einen Besuch 1925 in der Walkemühle, wohl aber eine kurze Notiz auf den ersten Jugendkurs des ISK 1927 dort, bei dem Minna Specht ihn anregte, als Schlosser länger in die Walkemühle zu kommen [9]
In den Erinnerungen an Leonard Nelson vom Dezenber 1984 berichtete Willi Schaper, dass er im Juli 1927 in die Walkemühle ging, also nioch nicht 1925!

Da mein Vater gute Kontakte zu Nora Walter hatte, die von 1982 bis 2001 zweite Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie war, könnte auch über sie ein Hinweis zu der Namensliste zum Foto im Archiv der sozialen Demokratie gegeben worden sein. Vielleicht finde ich dort noch Hinweise auf den Kurs des IJB 1925; vielleicht kann die Frage dann geklärt werden!

Im Bundesarchiv in Berlin (BA Berlin) fand ich im Juli 2016 schließlich die Liste der Teilnehmer am Ausbildungskurs 1925 [10] und die Teilnehmerliste vom Ausbildungskurs des Internationalen Jugendbundes vom 1. bis 9. August 1925 in der Walkemühle.[11]

Hier nun eine tabellarische Darstellung dieser Informationen:

AdsD
6/FOTA007803
Alter

Liste1
N 22 10/257
Liste 2
N 2210/256
nicht in Teilnehmerlisten

Block, Nora
29
+
+

Bolte, August
29
+
+

Borchardt, Erika
19
+
+

Düker, Heinrich
26
+
+

Ebers, Liesbeth
23
+
+

Eichler, Willi
29
+
+

Funke, Gustav
27
+
+

Graupe, Erich
21
+
+

Herfurth, Edith
24
+
+


23


Hoops, Walter
Ihlenfeld, Fritz
22
+
+

Kroebel, Werner
21
+
+

May, Friedo
23
+
+

Metzig, Willi
31
+
+

Nelson, Leonard
43
+



Pfennig, Karl
+
+

Praus, Käte
23
+
+

Praus Walter
23
+
+

Rauschenplat, Hellmut von
28
Rauschenplat, Hellmut
+

Regeler, Kurt
20
+
+

Rode, Berta
20
+
+


20
Rottstock, Willi
+


16


Schaper, Willi
Schmalz, Fritz
28
+
+

Siem, Erna
34
+
+


24
Sperling, Karl
+

Torbov, Zeko
26
Torboff, Zeko
+

Urbann, Hedwig
29
+
+

Voß, de
25
de Vos, Hendrik
+

Waldmann, Adolf
25
+
+

Wettig, Erich
24
+
+


21
Westphal, Charlotte
+

27 Namen

30 Namen
29 Namen


30 Personen sind auch auf dem Foto zu sehen.

Beide Listen im BA Berlin sind maschinenschriftlich mit handschriftlichen Markierungen. Sie enthalten neben den Namen auch Beruf, Alter und Adresse der Teilnehmenden. Liste 1 enthält den handschriftlichen Eintrag von Leonard Nelson.

Als Adressen findet sich sechsmal Göttingen Nikolausberger Weg 67, fünfmal Walkemühle bei Melsungen, dreimal Hannover zu Namen, die ich aus Erzählungen meines Vaters – der damals auch in Hannover wohnte – kannte.

Es existieren weiterhin vier Anwesenheitslisten von dem B.-T. 1925 [12], also dem 7. Bundestag des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle am 10. 8. 1925 mit insgesamt 73 per eigenhändiger Unterschrift aufgeführten Namen.

Die Einladungsliste

Die handschriftliche Einladungsliste zum Bundestag umfasst 207 Namen, darunter auch Albert Einstein, Henri Barbusse, Käthe Kollwitz, Heinrich Nelson (Vater von Leonard Nelson), Mathilde Specht (Mutter von Minna Specht), Hermann Roos (Mäzen und Förderer des IJB), Max Wolf (Fabrikant und Förderer des IJB). Es handelt sich wohl um die um einige Namen ergänzte Mitarbeiterliste des IJB. [Siehe zu Mitglied / Mitarbeiter weiter unten den Brief von L. Nelson an Z. Torbov] Die Liste enthält weiterhin Eintragungen bzgl. Annahme oder Ablehnung der Einladung und am Ende den Hinweis: Anwesend 111 Pers.. Erna Siem hat die Einladungsliste geschrieben; dies zeigt unzweifelhaft ein Vergleich mit ihrem handschriftlichen Lebenslauf [13]. Die Namen Walter Hoops und Willi Schaper finden sich in keiner der hier erwähnten Listen von 1925! Von daher ist die Anwesenheit dieser beiden Personen zu der Zeit vom 1. - 10. August 1925 in der Walkemühle nicht belegt und die Angabe ihrer Namen bezüglich des obigen Fotos sind möglichst zu löschen.

In der verschickten, gedruckten Einladung zum 7. Bundestag des Internationalen Jugendbundes [14] ist ausdrücklich vermerkt: Diese Einladung ist nicht übertragbar: sie ist als Ausweis mitzubringen und den Festordnern auf Verlangen jederzeit vorzuzeigen. […] Das Mitbringen von Gästen ist nicht statthaft.
[Hervorhebungen wie im Original]
Auch dies ist ein weiterer Hinweis dafür, dass die Genossen Hoops und Schaper nicht anwesend waren.

Wieso Albert Einstein?

Ausschnitt aus Seite 2 der Einladungsliste zum 2. Bundestag des IJB in der Walkemühle am 10. 8. 1925[15]

Ausschnitt aus Seite 2 der Einladungsliste zum 2. Bundestag des IJB in der Walkemühle am 10. 8. 1925.[16]

In der Einladungsliste findet sich unter der Lfd.Nr. 38 der Name Albert Einstein, versehen mit einem roten Haken. Ein roter Haken findet sich z.B. nicht bei zwei Namen mit dem Wohnort Zürich resp. Kopenhagen. Das weist darauf hin, dass Einstein eingeladen wurde, er aber – wie aus den hinteren Spalten der Liste zu entnehmen ist – die Einladung weder angen. noch abgelehnt hat.

Torbov [17] erwähnt Einstein als Mitglied im Freundes-Rat des Internationalen Jugendbundes (ca. 1918). Später, 1932, gehörte Einstein zu den Unterzeichnern des dringenden Apells[18] zur Kooperation von SPD und KPD bei der Reichstagswahl vom Juli 1932, der von Zeitung des ISK Der Funke initiiert und am 25. Juni 1932 veröffentlich wurde.

Fazit:

Albert Einstein wurde 1925 in die Walkemühle eingeladen, nicht aber Willi Schaper, der jedoch von 1927 bis 1930 und von 1945 bis 1952 in der Walkemühle arbeitete und lebte.

Dokumente zum Ausbildungskurs und Bundestag des Internationalen Jugendbundes 1925

im Bundesarchiv in Berlin im Nachlass Nelson: BArch N 2210.

Diese Dokumente sind – soweit bekannt – bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet worden! Es handelt sich um ca. 600 Seiten, die zu etwa 80% mit Schreibmaschine geschrieben sind. Die handschriftlichen Seiten sind fast alle sehr sorgfältig beschrieben und somit gut lesbar.


Der Ordner BArch N 2210/256 (136 Seiten) enthält u a.

die Einladung zum 7. Bundestag des IJB, den Tagesplan, das Anmeldeformular sowie Anmeldungs- bzw. Anwesenheitslisten. Weiterhin sind neben diversen Berichten über Ortsgruppen des IJB Reden enthalten von: (Die Zahlen geben die Seitennummerierung im Ordner an.)

Nora Block Feuerrede 26-28
Rudolf Küchemann Der sozialistisch-dissidentische Lehrer-Kampfbund (L.K.B.). 29-37
Willi Eichler U.a. zum L.K.B. und zur Kirchenaustrittsbewegung. 38-53
Zeko Torboff Zur Situation in Bulgarien. 56-62
Leonard Nelson Einstimmung auf den Bundestag. 85-99
Heinrich Nelson Über Beethoven. 100-136

Der Ordner BArch N 2210/257 (396 Seiten) enthält u a.:

Teilnehmerlisten und Reden von:

Erich Graupe Wo ist die Quelle aller Not? 36-77
Willi Eichler Zu den Zielen des IJB. 84-138
Hellmut Rauschenplat Führerschaft und Gefolgschaft. 159-214
Nora Block Die Erziehungsgemeinschaft. 226-268
Heinrich Düker Über die persönlichen Bindungen. 282-311
Fritz Schmalz Unsere politischen Aufgaben. 321-360

Daneben enthält der Ordner jeweils auch die Protokolle über die Aussprachen zu diesen Reden.

Es war offensichtlich geplant die Reden zu publizieren. Zu jeder Rede gibt es nämlich jeweils eine persönlich unterzeichnete Erklärung folgenden Wortlautes:

Ich erkläre hiermit, dass ich auf alle Autorenrechte in bezug auf meine Rede auf dem Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes zu Gunsten der Bundesleitung verzichte.

Walkemühle, den … August 1925.

Unterschrift: ……………………….

Die Reden liegen als überarbeitete, druckreife Typoskripte vor. Vermutlich kam es nicht zur Veröffentlichung, da im Herbst 1925 die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss fasste, nach dem eine Mitgliedschaft von IJBlern in der SPD unmöglich wurde. In der Folge wurde daraufhin der Internationale Sozialistische Kampfbund gegründet.

Der Ordner BArch N 2210/258 (81 Seiten) enthält u a. Berichte und persönliche Eindrücke (meist mehrseitig) und Analysen über den Ausbildungskurs von fast allen Teilnehmern.

Texte von Zeko Torboff

Torboff ist die früher gebrauchte, Torbov die heute übliche Schreibweise.

Zeko Torbov widmet den Tagen im August 1925 in der Walkemühle ein ausführliches Kapitel in seinem Buch Erinnerungen an Leonard Nelson: [19]

Der Ausbildungskurs und der Kongress des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle.

Daraus werden nun einige Passagen zitiert. Die Inhaltsverzeichnisse erwähnen schon die wesentlichen Eindrücke Torbovs:

Die Abfahrt am 31. Juli 1925 – Die Landschaft, die alte Walkemühle, die Philosophisch-Politische Akademie und andere Gebäude – Bekanntschaft mit den Kursteilnehmern, mit den Lehrern, der Direktorin Minna Specht und Nelsons Vater – Einzelheiten über den Kurs – Die Abende mit Erna Siem und Heinrich Düker – Der Kongress des Internationalen Jugendbundes – Der Abend und die Feuerrede

Die drei hier ausgewählten Ausschnitte belegen die Dichte der Texte und geben zusätzliche Informationen über die Walkemühle und die Atmosphäre dort.

S. 50
… So kamen wir, ohne es zu merken, in Melsungen an. Jeder, ob Frau oder Mann, trug einen Rucksack und war sportlich angezogen. Keiner trug Kragen oder Krawatten und lange Hosen. Vor dem Bahnhof wartete Ajax – eine kleine Elektrokarre mit nur einer Plattform für leichtes Gepäck. Einige luden die Rucksäcke auf, Ajax setzte sich in Bewegung und wir gingen hinterher. Ajax – auch er ist mit meinen Erinnerungen an Walkemühle verbunden. Ajax fährt nach Melsungen, also kommt Besuch mit Gepäck. Der mächtige Wagen – wie man zu scherzen pflegte – versorgte [die] Walkemühle mit Lebensmitteln, und alle behandelten ihn wie ein Lebewesen. …
Ajax in der Walkemühle ca. 1930.

Ajax in der Walkemühle, ca. 1930.
Die Namen der Personen und des Hundes sind bis auf einen unbekannt. Im Hintergrund ist das Dach des Akademiegebäudes zu erkennen.[20]

S. 50
… Die Akademie lag in einem Tal – mit freier Sicht gen Osten und Westen und im Norden und Süden von mit Wäldern bewachsenen Anhöhen umsäumt. Der südlich gelegene Hügel begann unmittelbar an der Straße, die nach [der; RS] Walkemühle führte. Die Straße verlief zwischen den Gebäuden und trennte die alte Walkmühle, die einst den Namen Walkemühle getragen hatte und nun Wohnungs­ und Haushaltsräume barg, von der eigentlichen Akademie, einem großen, neuen Gebäude. [Siehe das Foto oben auf dieser Seite; RS] In dem alten Gebäude der Walkmühle befanden sich auch die Lehrräume der kleinen Zöglinge der Akademie, Kinder im Vorschulalter. Neben der Walkmühle befand sich ein neues Gebäude [auf dem Foto in der Mitte, das sog. Lehrgebäude; RS], wo junge Frauen und Männer im Alter von 15-20 Jahren lernten. Das Gebäude der eigentlichen Akademie [auf dem Foto links hinten, das sog. Akademiegebäude; RS] umfasste Lehrraume, eine Bibliothek und Wohnräume. Hier wurden Kurse mit den Älteren durchgeführt, die aus verschiedenen Teilen des Landes und aus dem Ausland kamen. Die Kurse waren nicht längerfristig, der Unterricht der Jüngeren dagegen dauerte 2-3 Jahre. Durch das weite Terrain der Akademie floss ein kleines Bächlein [das ist eine sehr subjektive, falsche Erinnerung von Torbov; RS], das eine Turbine für Elektrizität antrieb und zur Bewässerung des Gemüsegartens diente. Neben dem Gebäude der Akademie lag der Sportplatz, und in dem Schulgebäude der Jüngeren befanden sich eine Tischlerei, eine Schmiede, Chemie- und Physikräume, alles zur Förderung des Lernprozesses bestimmt. …
S. 59
… Die Feuerrede [Feuerrede erklärt sich in den nächsten Sätzen; RS] hielt Nora Block [-Platiel; RS]. Auf dem Hügel, unmittelbar neben dem Gebäude der Akademie, war ein großer Holzhaufen (errichtet worden). Alle an dem Kongress Beteiligten hatten einen großen Kreis gebildet und warteten Hand in Hand auf das Entzünden des Feuers. Ich stand neben Nelson. Als die Flammen hochschlugen, stellte sich Nora Block in die Mitte des Kreises neben das Feuer und hielt die Rede, begeistert und feurig. Ich war wie betäubt. Ich schaute in die Gesichter aller, die von dem großen Feuer angeleuchtet wurden, alle waren ernst und feierlich, aber wiederum so ungezwungen einfach, wie beim Hören des Berichts oder bei ihrer Unterhaltung. In dieser feierlichen Stunde gab es nichts Künstliches, nichts Theatralisches. Man sah, dass jeder den Sinn der Feier verstand und sich schweigsam der Reihe anschloss mit dem Bewusstsein, dass man an etwas Ernstem und Großem teilnahm. …

Der Text der Feuerrede ist erhalten.[21]

Aus einem Brief Leonard Nelsons an Zeko Torbovs vom 31.3.1925

S. 20
… Aber fangen Sie noch nichts an, woraus mittelbar oder unmittelbar jemand ein Recht auf so etwas wie Mitgliedschaft ableiten könnte. Dies ist umso notwendiger, als wir seit längerer Zeit die Einrichtung der Mitgliedschaft gar nicht mehr haben. Wir sind tatsächlich, so paradox dies juristisch anmutet, eine Organisation ohne Mitglieder.
Hier in unserer Schule, die die philosophisch-politische Akademie wenigstens im Keim verkörpert, steht über dem Eingang die Inschrift: Du bist ein Gast wie ich. Es gibt bei uns tatsächlich – und so wird es noch auf absehbare Zeit bleiben müssen – nur Gäste, und auch diese müssen, um sich als solche fernerhin zu betrachten, jederzeit durch die Tat beweisen, dass sie sich zu solchen eignen. Es bedarf für uns besonderer Gründe, um jemanden auch nur als Gast zu behalten, und es bedarf keiner solchen für sein Ausscheiden. Das ist freilich, was wir wohl wissen, das Kennzeichen einer Sekte und keiner eigentlichen Partei. Aber keine Bewegung ist in der Geschichte groß geworden – und am wenigsten unter ungeheuren Schwierigkeiten – die nicht den Mut hatte, bewusst das Stadium der Sekte zu durchlaufen. Je mehr wir darauf drängen müssen, so bald wie möglich über dieses Stadium hinaus zu kommen, desto standhafter müssen wir Übereilungen vermeiden und uns gegen den verführenden Rausch von Augenblickserfolgen immun machen. …

Quellen

Nachlass Leonard Nelson
Bundesarchiv Berlin, BArch N 2210/256, BArch N 2210/257.

Behrens-Cobet, Heidi
Herrschaft der Vernünftigen und Rechtsliebenden.
Das Erwachsenbildungsexperiment des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes.
In: Ciupke 1996, S. 15-27.
1996, S. 19

Ciupke, Paul und Franz-Josef Jelich [Hrsg.]
Soziale Bewegung, Gemeinschaftsbildung und pädagogische Institutionalisierung.
Essen: Klartext Verlag, 1996. ISBN 3-88474-520-4.
Das Inhaltsverzeichnis. [pdf]

Feidel-Mertz, Hildegard
Die Walkemühle nach 1945.
In: Ciupke 1996, S. 29-36.

Fischer, Ilse
Der Bestand Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie.
Bonn: Archiv der sozialen Demokratie 1999. ISBN 3-86077-805-6

Hertkorn, Anne-Barb
Die Münchener ISK-Gruppe.
München, Archiv der Münchener Arbeiterbewegung e.V., 2002.
Internetseiten.
Die Betrachtung bzw. die Benutzerführung dieser Seiten ist etwas gewöhnungsbedürftig.

Nelson, Leonard
Brief an Dr. Torbov.
Walkemühle, 31. März 1925.
In: Torbov, 2005, S. 20.

Philosophisch-Politische Akademie [Hrsg.]
Wie Vernunft praktisch werden kann. Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson.
Ausstellungskatalog.
Frankfurt a. M.: Philosophisch-Politische Akademie, 1987.

Schaper, Willi
Lebenserinnerungen.
Kassel: unveröffentlichtes Typoskript, [1992], [125 Seiten].

Torbov, Zeko
Erinnerungen an Leonard Nelson (1924-1929).
Sofia: unveröffentlichtes Typoskript, V+210 Seiten, 1985.

Torbov, Zeko
Erinnerungen an Leonard Nelson (1925-1927).
Herausgegeben, neu übersetzt und mit einer Einleitung von Nikolay Milkov.
Hildesheim: Olms, 2005, LVIII+206 Seiten, ISBN 978-3-487-13000-2.

In diesem Buch werden mehrere Briefe Willi Eichlers von 1925 [S. 14, 27, 28, 29] mit der Unterschrift Martin Hart zitiert. Es übersteigt mein Vorstellungsvermögen, dass der vorsichtige, politisch weitsichtige Willi Eichler in der Emigration nach 1933 zur Tarnung das Pseudonym Martin Hart benutzte, mit dem er angeblich schon 1925 Briefe unterzeichnet haben soll. Gibt es die Originale dieser Briefe noch?

Die „Besetzung“ der Walkemühle am 14. März 1933

Nora Walter

Der März 1933 aus der Erinnerung einer damals Neunjährigen

Weihnachten wurde nicht gefeiert, sondern Sylvester und Neujahr ein „Fest der Tiere“. Wir hängten Nistkästen auf und hörten wohl auch Geschichten über Tiere, es gab ein richtiges Programm für die zwei Tage. Deutlich habe ich noch vor Augen einen langen „Demonstrationszug“ aus Spielzeugtieren, der im Physikzimmer aufgebaut war.
[…]
Im Februar 1933 kam auch meine Schwester Lisa in die Walkemühle,
[…]
Viel Zeit hatte sie nicht, sich einzugewöhnen, denn nach sechs Wochen, am 14. März 1933 wurde die Walkemühle durch die Nazis geschlossen und beschlagnahmt. Daran erinnere ich mich sehr deutlich. Wir hatten einen unserer Prüfungstage, die ja so vor sich gingen, daß die Schüler den andern, Kindern und Erwachsenen, darüber berichteten, was sie gelernt hatten. Wir saßen also alle zusammen im Physikzimmer und hörten zu. Da kam Minna [Specht] herein, ging nach vorn - sie hatte Tränen in den Augen - und sagte nur: Die Schule ist geschlossen. Schon seit Tagen oder sogar Wochen hatten SA-Männer vor dem Haus patrouilliert und unsere Lehrer haben gewiß mit einer solchen Maßnahme gerechnet - uns jüngeren Kindern war das aber nicht so klar geworden. Nun mußten wir alle wieder nach Hause zu unseren Eltern. Mathias Schwer, der alte Gärtner der Walkemühle, der nicht in der Schule wohnte, schenkte mir und wohl allen Kindern ein winterliches Gesamtbild der Mühle, 6 9 cm, zur Erinnerung. Auf die Rückseite hatte er seinen Namen geschrieben. Ich habe es gut aufgehoben.

Auszug aus: Walter, Nora
Langweilig war es nicht, mein Leben.
Empelde: unveröffentlichtes Typoskript, [2000]. [144 Seiten und Anhänge].

Erinnerung von Minna Specht (1944)

An einem Morgen im März 1933 ergriffen die Nazis von der Walkemühle Besitz. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, von dem aus die Kinder die ungewöhnlichen Vorgänge – Uniformen, Waffen, Kommandos – beobachtet hatten, wurde ich von ihnen mit der bangen Frage empfangen: «Wohin gehen wir nun?» In dieser mißlichen Lage schossen mir verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, und ich sagte dann: «Ich will versuchen, in Dänemark ein neues Heim zu finden.» Mir schwebte ein unklares, aber hoffnungsvolles Bild von einem friedlichen, einfachen Land vor. Die Art, wie die Augen der Kinder aufleuchteten, gab mir das Gefühl, ihnen gegenüber im Wort zu stehen und sie nicht enttäuschen zu dürfen.

Dieser Auszug ist mehrfach erwähnt: Feidel-Mertz, Hildegard [Hrsg.]
Schulen im Exil: die verdrängte Pädagogik nach 1933.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1983. ISBN 3-499-17789-7.
S. 93 ff.

Hansen-Schaberg, Inge
Minna Specht - Eine Sozialistin in der Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951).
Untersuchung zur pädagogischen Biographie einer Reformpädagogin.
Frankfurt a.M.: Peter Lang 1992. ISBN 3-631-44250-5.
S. 69, F. 248

Nielsen, Birgit S.
Erziehung zum Selbstvertrauen.
Ein sozialistischer Schulversuch im dänischen Exil 1933 - 1938.
Wuppertal: Hammer 1985. ISBN 3-87294-265-4.
S. 45 ff.

Bericht des Landrats von Melsungen vom 14. 3. 1933

Der Landrat von Melsungen berichtete ausführlich an den Regierungspräsidenten in Kassel und empfahl u.a. dass

… die Genehmigung zur Aufnahme von grundschulpflichtigen Kindern in der Anstalt wieder zurückgezogen wird, da zweifellos feststeht, dass die geistige Beeinflussung und Erziehung in der Walkemühle im scharfen Gegensatz zu deutschen und christlichen Grundsätzen steht. […] Denn wenn auch die in der Bevölkerung umgehenden Gerüchte über Waffenlager in der Walkemühle, Treffpunkt auswärtiger Kommunisten u.ä. nach dem Ergebnis zweimaliger sorgfältiger Haussuchungen nicht zutreffend sind, so bildet die Walkemühle doch einen sehr unerwünschten Unruheherd. …

Aus: HStAM 180 Melsungen 3729, Blatt 6-8.


Handbuch des Kreises Melsungen 1934

Schon lange war es bekannt, daß das internationale Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen eine kommunistische Brutstätte[22] bildete. Am 14. März erschien staatliche Polizei vor dem Heim, die die Schule mit Unterstützung von Hilfspolizei und SA. besetzte. Die einzelnen Räume der Anstalt wurden durchsucht und mehrere Aktenstücke beschlagnahmt. Nach der Durchsuchung blieb die Walkemühle besetzt. Sie dient jetzt [d.h. 1934] der NSDAP. als politische Führerschule. Die Geschäftsstelle der SA.-Standarte 173 wurde in der Walkemühle untergebracht. Die zahlreichen Räume boten in den ersten Wochen nach der nationalen Erhebung auch Unterkunftsmöglichkeit für politische Schutzhäftlinge, die zu ihrer eigenen Sicherheit gegen die Volkswut hier in Haft genommen wurden.

Kreis Melsungen [Hrsg.]
Handbuch 1934.
Melsungen: Bernecker 1934. Ohne Paginierung.
1934

Eröffnung der Amtswalterschule am 1. Juli 1933

Bericht der Kasseler Post vom 1. 7. 1933

Das Rüstzeug zum Führer bietet die Amtswalterschule in der Walkemühle.
Die Zeitung lobte die auf das „beste eingerichteten Räume“ und bemerkte dann

eine Bibliothek, die mit 5000 Bänden ausgestattet ist. Viel zersetzendes Material, aber auch wertvolle Bücher sind da zu finden.
Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen. Welcher Geist in dieser kommunistischen Schule herrschte, beweist die Aussage eines neunjährigen Jungen, der Standartenführer Wagner auf eine religiöse Frage antwortete, daß Gottesglaube ein Märchen und Irrwahn der Menschheit sei.
Sämtliche Amtswalter des Gaues müssen an den Schulungskursen teilnehmen, ausgenommen die Kreisleiter und Kreisschulungsleiter, die die neugegründete Reichsführerschule in Bernau besuchen.

Lügen in der Presse vom Juni / Juli 1933 - und vom 4. Juli 1933 die Richtigstellung

Überschrift 1. Juli 1933

Der Nachdruck von Artikeln aus der Nazi-Presse von 1933 birgt die Gefahr die dort formulierte Propaganda zu transportieren. Zu dem Ereignis dieser feierlichen Eröffnung liegen aber nicht nur mehrere Artikel aus der lokalen Presse vor, sondern insbesondere eine Richtigstellung, die jedoch damals nicht veröffentlicht werden konnte! Weiterhin enthalten die Zeitungsartikel teilweise – durchaus zutreffende – beachtenswerte Beschreibungen der Räumlichkeiten der Walkemühle und Passagen zur ihrer Geschichte.

Doch auch Sätze wie diese sind zu finden:

Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen.
Wir reichen jedem ehrlichen Deutschen die Hand, aber nicht um uns zu betrügen, sondern um mitzuarbeiten.

Die Texte werden also nebst einigen – hoffentlich das Verständnis erhöhenden – Anmerkungen wiedergegeben. Die sind jeweils in dem betreffenden Einzelnachweis notiert.
Dem Faksimile eines Ausschnitts des Artikels Die Walkemühle bei Melsungen einst und jetzt vom 30. Juni 1933, folgt der leichteren Lesbarkeit wegen eine Abschrift des Textes. In der Abschrift sind jene Stellen grün markiert und durch Markierungen wie [2] bezeichnet, auf die sich jeweils die Absätze in der folgenden Richtigstellung von Hermann Roos vom 4. Juli 1933 beziehen.
Hermann Roos war ein großer Förderer der Philosophisch-politischen Akademie. Durch seine großzügigen Spenden konnten 1922 das Akademiegebäude und das Lehrgebäude der Walkemühle gebaut werden. Als englischer Staatsbürger konnte er es sich im Juli 1933 erlauben, eine Richtigstellung bzgl. des Artikels der Kasseler Neuesten Nachrichten zu fordern.
Von Thomas Schattner gibt es in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, Schwalm-Eder Ausgabe, am 30. Juni 2008 zwei Artikel (pdf)

Kaderschmiede in der Mühle – Ab 1. Juli 1933 schulten die Nazis ihre Funktionäre in der Walkemühle bei Melsungen.
Jeden Morgen gab es Prügel – Im Keller der Mühle wurden Häftlinge gequält.

unter der Überschrift:

Vor 75 Jahren: Nazis eröffneten Funktionärsschule samt Folterkeller bei Melsungen.

Inhalt (Abschriften)

Abschrift: Die Walkemühle bei Melsungen - einst und jetzt. Kasseler Neueste Nachrichten, 30. Juni 1933.
Die Richtigstellung von Hermann Roos vom 4. Juli 1933.
Fußnoten und Hinweise bzgl. dieser Richtigstellung
Abschrift: Die Walkemühle wird Amtswalterschule. Kasseler Post, 29. Juni 1933.
Abschrift: Das Rüstzeug zum Führer, Kasseler Post, 1. Juli 1933.
Abschrift: Die Walkemühle als Amtswalterschule, Melsunger Tageblatt, 30. Juni 1933.
Feierliche Eröffnung der Amtswalterschule. Melsunger Tageblatt, 4. Juli 1933.
Hinweise Hinweise zum Lied Im Hessenland marschieren wir. Kassel, 20. Februar 2017.

UB Marburg 065 2 VIII A 1611.

Die Walkemühle einst und jetzt: 30. Juni 1933.[23]

Überschrift. Freitag, 30. Juni 1933

Die Walkemühle bei Melsungen - einst und jetzt.

Nr. 150 Dreiundzwanzigster Jahrgang Kasseler Neueste Nachrichten Freitag, 30. Juni 1933 / 1. Beilage - Seite 1

br. Bis zum März 1933 bestand der nationalsozialistische Kampf in der Eroberung der Massen. 14 Jahre wurde die Trommel gerührt, wurde Propaganda gemacht, wurden die Massen für die nationalsozialistische Idee gewonnen. Agitation und Propaganda nahmen die Zeit jedes einzelnen Parteigenossen voll in Anspruch. Nur wenige meist führende Parteigenossen hatten Gelegenheit, sich mit den weltanschaulichen Grundlagen und den praktischen Auswirkungen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Diese Lücke gilt es nach Eroberung der Macht, nach der Errichtung des nationalsozialistischen Staates zu schließen.

Der Führer hat angeordnet, daß sämtliche Amtswalter und, Parteigenossen sich einer intensiven Schulung zu unterziehen haben, einer Schulung, die nach der Propaganda der vergangenen Jahre dringend notwendig ist und dazu führen wird, die Organisation zu festigen und stark zu machen für die praktische Durchführung des Nationalsozialismus.

In drei Schulungsgruppen soll den Amtswaltern und Parteigenossen das notwendige Gedankengut vermittelt werden. Die Amtswalter der Gauleitungen und die Kreis - Schulungsleiter werden an drei Schulen unterrichtet, von denen eine die bekannte Reichführerschule in Bernau in der Mark ist. Die Stabswalter der Kreisleitungen, die Ortsgruppenleiter, Zellen- und Blockwarte usw. werden in den Amtswalterschulen in 14tägigen Kursen für ihre Arbeit vorbereitet. Im Gau Kurhessen sind drei Amtswalterschulen vorgesehen, und zwar in Melsungen, in Marburg und in Fulda. Die dritte Schulungsgruppe umfaßt die neu der Bewegung zugeführten Parteigenossen, deren geistige Betreuung und Einführung in den Nationalsozialismus Aufgabe der Ortsgruppenleiter und Stützpunktleiter ist.

Wenn man bedenkt, daß der Gau Kurhessen nicht weniger als 6000 Amtswalter hat, so kann man ermessen, welch ungeheure Arbeit hier in den nächsten Monaten seitens des Gauschulungsleiters Neuburg zu organisieren ist.

Dank dem Entgegenkommen des Gauschulungsleiters Neuburg hatte die Presse gestern nachmittag Gelegenheit, die Gauamtswalterschule I des Gaues Kurhessen, die in der landschaftlich herrlich gelegenen Walkemühle, wenige Kilometer von Melsungen untergebracht ist, eingehend zu besichtigen. Standartenführer Wagner, Besse, und Schulungsleiter Neuburg hatten die Liebenswürdigkeit, uns mit sämtlichen Räumen der vier Gebäude umfassenden Schulungshauses und mit der Geschichte der Walkemühle bekannt zu machen.

Am 28. März wurde die Walkemühle, in der sich bis dahin die Philosophisch-politische Akademie des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes“, der den verstorbenen Göttinger Professor Nelson zu seinem geistigen Führer hat, befunden hatte, von der SA übernommen. Die Philosophisch-politische Akademie[1] war in den rund 10 Jahren ihres Bestehens ängstlich darauf bedacht gewesen, der Oeffentlichkeit jeden Einblick in ihren Schulbetrieb zu verwehren[2]. Was ihr umso leichter war, als sie von den damaligen Regierungen als gemeinnützig anerkannt war.

Unter dem Deckmantel der Fortführung der Kant-Fries’schen Philosophie[3] hatte man hier eine Schule eingerichtet, die junge Menschen bewußt zu kommunistischen Kämpfern heranziehen sollte.

Vielfach waren Findelkinder [4], die von den Jugendämtern westdeutscher Großstädte der Schulleitung zur Ausbildung überlassen wurden; keine Bindung an Heimat und Elternhaus beschwerte diese Kinder, die im Alter von 2–3 Jahren der Schule überwiesen wurden. Umso leichter war es für die Lehrer, jedes vaterländische oder gottesfürchtige Empfinden auszuschalten und so die Kinder zu bewußten Klassenkämpfern heranzubilden.

Die Mittel für die Unterhaltung dieser Schule und Einrichtung von Neubauten notwendig waren, flossen der Schulleitung seitens sogenannter Paten zu.

Einer der eifrigsten Geldgeber war der sich zur Zeit in Schutzhaft befindliche jüdische Seifenfabrikant Viktor Wolff[5] aus Schlüchtern, der nachweislich der vorgefundenen Belege jeden Monat durchschnittlich 1000 RM. zur Verfügung gestellt hat.

Die Geldgeber der Schule waren insbesondere auch im Ausland zu finden, so in England, China, Japan und Australien.

Die Einrichtung dieser rein kommunistischen Zwecken[6] dienenden Anstalt war, das muß offen ausgesprochen werden, eine geradezu vorbildliche. Was man sich nur an schulischen Hilfsmitteln, an technischen Apparaturen denken kann, das war hier dank der großen Geldmittel, die der Schule zur Verfügung standen, in reichem Maße vorhanden. Wir betreten einen Raum, der in Zukunft als Schulungsraum für die Amtswalter gedacht ist, der einst ein chemisch-physikalisches Laboratorium darstellte, in dem jeder Schüler auf seinem Platz eine eigene Gas-, eine eigene Licht- und eine eigene Wasserleitung hatte. In einem Nebenraum wurden Typhus- und Cholera - Bazillen[6] hergestellt und auf ihre Wirksamkeit hin beobachtet. Die Schlosser- und Schreinerwerkstatt, eine Schmiede dienten zur handwerklichen Ausbildung der Schüler und waren mit den feinsten Mechaniker-Drehbänken, Holzbearbeitungsmaschinen, Bohrmaschinen usw. ausgestattet. Ein Turnsaal diente der körperlichen Ertüchtigung; Zeichnungen an den Wänden dieses Saales zeugen davon, daß sich unter den ehemaligen Insassen auch künstlerisch begabte Menschen befanden.

Die Elektrizität wurde für sämtliche vier Gebäude selbst erzeugt, eine Hauptturbine für die Lichtgewinnung, eine kleinere Turbine für die elektrische Heizung sind vorhanden.

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Die Turbine im Akademiegebäude.[24]

War im Sommer mal die Kraft der Pfieffe nicht stark genug, so sorgte ein Rohöl-Motor dafür, daß in der Lichtbelieferung keine Stockung eintrat. Elektrische Brotschneidemaschinen, eine elektrische Waschmaschine, eine elektrische Wäschetrocknungsmaschine, ein Backraum, die vortrefflich eingerichtet Speisekammer, die Ausstattung der Küche, vier Morgen Gärten, ein Musiksaal, die Zimmer der Lehrer und die später eingebauten Kurzimmer für die Paten ließen erkennen, daß diese Anstalt wirklich aufs modernste eingerichtet und in dieser Hinsicht von einer staatlichen Anstalt kaum zu übertreffen war.

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Im Bibliotheksraum der Walkemühle.[25]

Das besondere Interesse des Besuchers lenkt der geräumige Bibliothekssaal auf sich. Bücherregale an sämtlichen Wänden, fast bis zur Decke reichend, gefüllt mit Büchern. Hier finden wir Bücher mannigfaltigen geistigen Ursprungs. Hier sind die Klassiker, die deutschen Romantiker, die Vertreter der Weltliteratur fast vollständig vorhanden,

hier finden wir aber auch ein geistiges Arsenal des Marxismus und Leninismus, hier finden wir ganze Stöße marxistisch-kommunistischer Propagandaschriften[7], die von den Schülern in den Nachbarorten unter der Bauern- und Arbeiterbevölkerung verbreitet wurden.

Wenn diese Bibliothek nicht wäre, wenn sie nicht einen solch geradlinigen Schluß auf den wahren Charakter dieser Anstalt zuließe, so könnte man im Zweifel sein, welcher geistigen Richtung dieses Erziehungsinstitut diente. So aber ist jeder Zweifel ausgeschlossen, so wissen wir, daß dank des Sieges des Nationalsozialismus eine marxistische Brutstätte von staatsgefährlicher Wirksamkeit ausgehoben wurde.

Zur Zeit ist ein Arbeitskommando damit beschäftigt, die Gebäude instand zu setzen. Zimmer- und Schreinerarbeiten, Ausbesserung der Wege, die durch das Hochwasser gelitten haben, gärtnerische Arbeiten werden hier ausgeführt. Standartenführer Wagner, der Schulleiter, hat mit seiner Familie im Gebäude der alten Mühle Wohnung genommen; denn hier sollen nicht nur die Amtswalter unterrichtet werden, sondern eine SA-Führerschule eingerichtet werden, um so das gegenseitige Verständnis zwischen politischer Leitung und SA-Führung, zwischen dem Parteigenossen und dem SA - Mann zu vertiefen. Die Räume werden so hergerichtet, wie sie für eine Amtswalterschule brauchbar erscheinen. Leider war es der ehemaligen Schulleitung gelungen, einen großen Teil des Inventars rechtzeitig vor der Besitzergreifung durch die SA, zu beseitigen[8]. Was an Material noch vorhanden und für die künftigen Schulungszwecke nicht verwertbar ist, wird sorgfältig aufgehoben und vor Vernichtung bewahrt.

Die 5000 Bände umfassende Bibliothek ist zwar nicht mehr vollständig vorhanden, aber birgt doch noch reiche Schätze, die, wie wir hören, unserer Landesbibliothek Marburg zur Verfügung gestellt werden sollen.

Alles in allem empfing der Besucher einen ausgezeichneten Eindruck von der Anstalt, und wir zweifeln nicht daran, daß die Amtswalter der Partei und die SA-Männer, die zu 14tägigen Kursen nach der Walkemühle beordert werden, hier nicht nur eine Fülle geistiger Anregungen empfangen werden, sondern darüber hinaus einen tiefen Einblick von der Schönheit hessischer Landschaft, eine Verinnerlichung ihres Heimatgefühls gewonnen werden. Hoffen wir, daß alle Schüler diese Kurse mit dem Erfolg verlassen, der notwendig ist, um sie zu wahren Führern der Bewegung und damit zu Führern der nationalsozialistischen Deutschlands zu stempeln.

Die feierliche Eröffnung der Amtswalterschule in Anwesenheit des Gauleiters Weinrich ist für Sonntag abend 7 Uhr vorgesehen.

Zu den Bildern:

Oben: Gesamtansicht der Walkemühle Links: Standartenführer Wagner und Gauschulungsleiter Neuburg im Bibliothekssaal Rechts: Hier wird die Kraft für die Beleuchtung der vier Gebäude erzeugt. Sämtliche Bilder sind eigene Aufnahmen der K.R.N.


Die Richtigstellung

Widerlegung einer Auslese von Behauptungen in den „Kasseler Neuesten Nachrichten“ vom 30. Juni 1933, betreffend die Walkemühle.[26]

Zu 1.

Die Philosophisch-politische Akademie[27] ist kein Unternehmen des Internationalen sozialistischen Kampf-Bundes (ISK)[28], sie ist drei Jahre vor der Gründung des ISK entstanden. Sie beruht auf den wissenschaftlichen Grundlagen, die Nelson [29] geschaffen hat, und dient dem Zweck, die sittlichen Forderungen, die die Ethik stellt, in der Erziehung zu verwirklichen. (Siehe Satzung).

Zu 2.

Die Abschliessung der in der Walkemühle geleisteten Erziehungsarbeit vor der Öffentlichkeit beruht allein auf der pädagogischen Erwägung, dass die Erziehungsarbeit in der Stille vor sich gehen muss, und das jede Schaustellung die Bildung des Charakters gefährdet. Die Regierung hatte selbstverständlich vollen Einblick in die Arbeit wie die Akten bezeugen. Ich selber habe – wie viele andere Freunde der Schule – jeder Zeit Zutritt zu ihr gehabt und habe ihre Arbeit kritisch verfolgen können. Aehnlich ging es pädagogisch interessierten Menschen überhaupt, was durch die Tatsache bewiesen wird, dass Kurse mit Lehrern und ähnliche Veranstaltungen stattgefunden haben.

Zu 3.

Die Behauptung, die Kant-Fries’sche Philosophie[30] hätte den politischen Zielen nur als Deckmantel gedient, ist grundfalsch. Diese Schule ist überhaupt nur gegründet worden, um der Verwirklichung der Kant-Fries’schen Philosophie willen. Wer sich diese Weltanschauung zueigen gemacht hat, kann, seiner ganzen geistigen und seelischen Anlage nach, gar nicht darauf eingestellt sein, materialistisch-kommunistische Ideen zu vertreten. Als Beleg hierfür möchte ich hinweisen auf das Vorwort, das von Fräulein Minna Specht [31] und Dr. Grete Hermann[32] zur Einführung in das System der Ethik und Pädagogik[33] geschrieben worden ist.

Zu 4.

Kein einziges Findelkind von Jugendämtern westdeutscher Grossstädte ist der Walkemühle überlassen worden. Ein mehrtägiger Elterntag versammelte in jedem Jahr fast alle Eltern in der Schule und knüpfte das Band zwischen Eltern, Kindern und ihren Lehrern.Religiöses Gefühl ist nicht unterdrückt worden, es herrschte keine gottlose Einstellung.

Zu 5.

Herr Max Wolf[34] hat sich niemals in Schutzhaft befunden. Viktor Wolf war sein lange verstorbener Vater. Ich kenne M.W. persönlich und schätze ihn als einen ernsthaften, der Sache der Fries’schen Schule innerlich verbundenen Mann. Er hat der Schule in grosszügiger Weise den genannten monatlichen Betrag geleistet, und es kennzeichnet ihn, dass er niemals beanspruchte hat, der Schule einen Mitarbeiter oder Schüler zuzuweisen. Ich habe meinerseits die gleiche Scheu empfunden, denn die Leiterin sollte unter keinen Umständen sich unter einem Druck fühlen können.
Geldgeber aus Japan und Australien hat es nie gegeben.

Zu 6.

Die stete Wiederholung der Behauptung, dass die Walkemühle rein kommunistischen Zwecken [35] gedient habe, ist bisher nicht bewiesen worden und kann nicht bewiesen werden. Einer solchen Behauptung steht entgegen: a) die wissenschaftliche Arbeit Nelsons, b) die Schularbeit, die, wie bereits gesagt der Regierung völlig bekannt war, c) das Zeugnis vieler Männer und Frauen, das aus dem Kreise Melsungen beigebracht werden könnte, falls dies gewünscht wird, siehe vor allem auch die Denkschrift der Kasseler Anwälte[36].
„Typhus- und Cholera- Bazillen“. Diese Behauptung würde die Ablehnung mit „too silly for words“ verdienen. Aber ich muss wohl doch davon Notiz nehmen und ausdrücklich erklären, dass solche Bazillen niemals in der Walkemühle hergestellt worden sind.

Zu 7.

Die Bemerkung, in der Bibliothek seien ganze Stösse marxistisch-kommunistischer Propaganda-Schriften gefunden worden, widerstreitet der Feststellung, die ein im März vom Polizeipräsidium in Kassel entsandter Beamter, Herr Kriminalassistent Seyffert, gemacht hat. Das Zeugnis dieses Herrn liegt vermutlich noch bei der Regierung in Kassel. In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass in keinem einzigen Heft des „ISK“[37] eine Stelle zu finden ist, die den Kommunismus vertritt. Die russische Grenze ist gegen den „ISK“ gesperrt.

Zu 8.

Der Teil des Inventars, den die Schulleitung abtransportieren liess, war das Privateigentum der Mitarbeiter und ist, wie ich von Fräulein Specht[38] gehört habe, unter Aufsicht des Kreisleiters der NSDAP, Herrn Wisch aus Melsungen, fortgebracht worden.

Ich habe Fräulein Specht veranlasst, mit mir nach Kassel zu kommen, um angesichts dieses Zeitungsartikels ebenfalls gehört zu werden. Ausserdem äusserte ich die Bitte mit dem Schreiber (br.) des Artikels (vermutlich der Fabrikbesitzer Dr. Braun[39] aus Melsungen) konfrontiert zu werden. In meinem Berliner Protokoll vom 30. Juni habe ich behauptet, dass ein „getrübtes Bild“ betreffs der Walkemühle entstanden sei. Dafür ist der eben behandelte Zeitungsartikel vom 30. Juni ein wohl nicht zu überbietendes Beispiel.

Kassel, 4. Juli 1933.

gez. Hermann Roos[40]


Fußnoten und Hinweise bzgl. dieser „Richtigstellung“ wurden erstmals von Ralf Schaper am 20.2.2017 eingefügt und am 11.12.2017 nochmals überprüft.


Melsungen, 29. Juni

Überschrift, 29. Juni 1933

(g) Als die nationalsozialistische Bewegung am 30. Januar den Staat in Besitz nahm, da war es mit ihr erstes Bestreben, den internationalen Ungeist, der sich im Lande breit machte, und der alles völkische Leben zu überwuchern drohte, mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Zu einer Brutstätte kommunistischer Zersetzungsarbeit hatte sich die Walkemühle bei Adelshausen entwickelt, die in der Inflationszeit aus Privatbesitz in die Hände der „Philosophisch-politischen Akademie“ übergegangen war. Diese wurde von dem Philosophen Nelson, der hier bei der Walkemühle begraben liegt, begründet. Sie wurde zum Sammelbecken aller möglichen geheimnisvollen internationalen Gestalten. Das Gefährlichste war noch, daß dem Lehrer der Anstalt Dr. Wunder, vom Unterrichtsministerium die Erlaubnis zur Unterrichtserteilung an schulpflichtige Kinder erteilt worden war. So konnte man den Geist des Internationalismus ungehindert in jungen Kinderherzen träufeln und eine Seuche verbreiten, die langsam weiterfraß. Überall in den Nachbargemeinden wurden Gottlosenversammlungen abgehalten und Propagandaschriften vertrieben. Es ist kein Zufall, wenn z. B. die Zahl der marxistischen Stimmen noch bei der letzten Reichstagswahl in Adelshausen eine verhältnismäßig hohe war. Von dem Dunkel der Schule ist in die Öffentlichkeit nie viel gedrungen.

Früher hatte die Mühle gewerblichen Zwecken gedient. Hier wurden in den 80er und 90er Jahren die weit und breit bekannten Melsunger Tuche gewebt. 60 bis 70 Arbeiter hatten Beschäftigung und führten mit ihrem kleinen Häuschen ein zufriedenes und auskömmliches Leben. Um die Jahrhundertwende ging die Weberei ein, weil die Fabriken in Melsungen mit ihren maschinellen Einrichtungen in die Höhe wuchsen und sich der mit Handstühlen arbeitende Betrieb nicht mehr halten konnte. Die Mühle wurde zu einer Holzwarenfabrik umgebaut und wechselte mehrmals ihre Besitzer.

Der nahegelegenen Melsunger Stadtwald lieferte das Holz. Hauptsächlich wurden Handleiterwagen fabriziert.

Doch auch dieser Betrieb war für die Dauer nicht zu halten. In den ersten Kriegsjahren wurde die Fabrik stillgelegt. Dann ruhte in ihr jedes schöpferische Leben – bis in der Inflationszeit das internationale Lehrinstitut hier errichtet wurde, das soviel Unheil brachte. Der Hauptgeldgeber war der jüdische Seifenfabrikant Victor Wolff aus Schlüchtern, der laut der noch aufgefundenen Quittungen allmonatlich 1000 Mark gestiftet hat.

Am 28. März wurde die Mühle von SA- und Hilfspolizei besetzt und das Hakenkreuzbanner gehißt. Nachdem die SA den Besitz von der Schule ergriffen hatte, ist sie nun wieder lauteren Zwecken zugeführt worden. Als Amtswalter- und SA-Führerschule soll sie eine Lehrstätte deutschen Führergeistes werden. Auch das Geschäftszimmer der Standarte 178 wurde in der Walkemühle untergebracht. Am Sonntag abend 6 Uhr wird der neue Amtswalter-Kursus, der vom 2. bis 15. Juli dauern soll, festlich eröffnet werden.

Gestern hatte die Kasseler Presse Gelegenheit, die Walkemühle zu besichtigen. Standartenführer Wagner-Besse und Gaugeschäftsführer Neuburg waren den Besuchern liebenswürdige Führer. Die drei Schulen des Gaues, Walkemühle, Marburg und Adelsbeck, die demnächst eröffnet wird, werden im Laufe der Zeit, die 6000 Amtswalter des Gaues in Kursen zusammenfassen. Die Lehrgänge werden 14 Tage dauern und nach eine Pause von acht Tagen werden wieder neue Schüler aufgenommen werden.[41]


2. Blatt der Kasseler Post - Sonnabend, den 1. Juli 1933

Überschrift, 30. Juni 1933

g. Melsungen, 30. Juni.

Bereits gestern teilten wir mit, daß die Walkemühle in der Nähe Melsungens am Sonntag ihrer neuen Bestimmung als Amtswalter- und SA-Führerschule übergeben wird. Wir gaben auch bereits einige Daten über das Schicksal der Walkemühle.

Wie die Besichtigung ergab, ist die Walkemühle für die Schulung der Amtswalter und SA-Führer sehr geeignet. Alle notwendigen Einrichtungen sind vorhanden. Die hier untergebrachten Kinder der

philosophisch politischen Akademie wurden in allen denkbaren Fächern, sogar im Handwerk, unterrichtet.

Da finden sich neben den üblichen auf das beste eingerichteten und mit Warmwasser und elektrischer Kraft versehenen Wirtschaftsräumen eine Schlosser- und Schreinerwerkstatt, ausgerüstet mit den besten Geräten und Maschinen, eine Turnhalle und ein chemisches Laboratorium. Im Unterrichtszimmer befanden sich neben jedem Schülertisch Wasser-, Licht- und Gasleitung. Außerdem hatte man eine Lichtanlage mit mehreren Turbinen angelegt, die von der vorbeifließenden Pfieffe gespeist wurden. 15 Elektromotoren und ein Dieselmotor sorgten für die nötige Kraft. Ein vier Morgen großer Garten schloß sich den Gebäuden an. In dem eigentlich erst 1932 von der Akademie errichteten Wohngebäude, befindet sich neben vielen Einzelzimmern ein großer Musiksaal und eine Bibliothek, die mit 5000 Bänden ausgestattet ist. Viel zersetzendes Material, aber auch wertvolle Bücher sind da zu finden.

Zur Zeit sind in der Walkemühle noch einige Melsunger Schutzhäftlinge untergebracht. Nach ihrer Aussage haben sie über die Unterbringung und Verpflegung nicht zu klagen. Welcher Geist in dieser kommunistischen Schule herrschte, beweist die Aussage eines neunjährigen Jungen, der Standartenführer Wagner auf eine religiöse Frage antwortete, daß Gottesglaube ein Märchen und Irrwahn der Menschheit sei.

Für die Amtswalter beginnt der erste Kurs am 2. Juli.

Alle bisherigen Amtswalter sind vorläufig noch kommissarisch eingesetzt. Ihre endgültige Bestätigung erfolgt erst, wenn sie die Führerschule durchgemacht haben.

Durchschnittlich werden 4 bis 6 Stunden Unterricht täglich erteilt.

Als Lehrer sind gewonnen: Rektor Blume-Melsungen Geschichte, Gaubetriebszellenleiter Stock-Kassel Arbeitsfragen, Dr. Müller-Hofgeismar Bauernfragen, Brühmann-Kassel Kassenfragen, Truppführer Beisner-Walkemühle Staatspolitik, Gauobmann des NS-Lehrerbundes Petersohn-Kassel die deutsche Schule, Kampfbundführer Bernhardt-Großalmerode Wirtschaftspolitik. Dr. R. Braun-Melsungen, Handelskammerpräsident, der kommende Ständestaat, v. Baumbach Selbstverwaltung, v. Dörnberg-Hausen hessische und deutsche Geschichte, Standartenführer Wagner Wesen und Aufgaben der SA., Chefredakteur Beinhauer-Kassel Pressefragen, Gauobmann des NS-Ärztebundes Dr. Harrfeldt Vererbungslehre und Bevölkerungspolitik, Stadtrat Moog-Kassel die Selbstverwaltung der Gemeinden, Propagandaleiter Gerland Propaganda, Ortsgruppenleiter Dr. Reinhardt-Melsungen 1. Kommunalpolitik (Etat, Gemeindeverwaltung usw.) 2. Ethik und Politik, Gauschulungsleiter Neuburg Arbeitsdienst, Kreisleiter Wisch-Melsungen Geschichte der NSDAP, Kreisbetriebszellenleiter Schneider-Melsungen Gewerkschaftsfragen, Landtagsabgeordneter Vetter landwirtschaftlicher Fachberater, Ostpolitik und deutsches Bodenrecht, Gauredner Löwie-Landau Führungsarbeit am Sprechabend.

Sämtliche Amtswalter müssen an den Schulungskursen teilnehmen, ausgenommen die Kreisleiter und die Kreisschulungsleiter, die die neugegründete Reichsführerschule in Bernau besuchen.


30. Juni 1933

Überschrift, 30. Juni 1933

Wie bereits berichtet, wird am Sontag abend 6 Uhr in der Walkemühle der erste Amtswalter-Kursus, der vom 2. Juli bis 15. Juli dauern soll, eröffnet. Somit ist die Walkemühle, die früher eine internationale „philosophisch-politische Akademie“ beherbergte, und die am 28. März von der SA. besetzt wurde, wieder lauteren Zwecken zugeführt. Als Amtswalter- und SA.-Führerschule soll sie eine Lehrstätte neuen deutschen Führergeistes werden. Auch das Geschäftszimmer der Standarte 173 wurde in der Walkemühle untergebracht. Alle bisherigen Amtswalter sind vorläufig nur kommissarisch eingesetzt. Ihre volle Bestätigung erfolgt erst, wenn sie die Führerschule durchgemacht haben. Als Lehrpersonal für den ersten Kursus sind gewonnen:[42]

[Diese längere Liste stimmt fast wortwörtlich mit derjenigen im obigen Artikel Das Rüstzeug zum Führer überein. Daher wird hier auf den Abdruck verzichtet. RS]

3. Juli 1933

Überschrift, 3. Juli 1933

Die feierliche Eröffnung der Amtswalterschule Walkemühle gestern abend, an der auch Landrat Freiherr von Gagern und Bürgermeister Dr. Schmidt teilnahmen, bedeutete einen Markstein in der Geschichte des ganzen Gaues Kurhessen der NSDAP. Nachdem Abordnungen der Stürme des Sturmbannes I/173 sowie der Jägersturm (Forstschule) Spangenberg auf dem Hofe der Walkemühle Stellung genommen hatten, traf Gauleiter Weinreich gegen 7 Uhr ein, und wurde begeistert mit Heilrufen empfangen.

Gauschulungsleiter Neuburg begrüßte den Gauleiter, den Kreisleiter und seine Stabswalter sowie die SA.-Männer und die Schulungsteilnehmer. Der Grund und Boden der neuen Schule sei jahrelang eine Brutstätte des Bolschewismus gewesen. Man habe hier versucht, getarnt den Kommunismus in Deutschland vorzubereiten. Heute wehen über diesem Ort die Hakenkreuzfahnen und morgen wird hier die verantwortliche Arbeit der nationalsozialistischen Amtswalter beginnen.

Eine jahrelange Forderung, ein langer Wunsch, so betonte dann Gauleiter Weinrich, der am Nachmittag die Amtswalterschule in Marburg eröffnet hatte, ist mit dem heutigen Tage in Erfüllung gegangen. Wir haben jahrelang ohnmächtig zusehen müssen, wie in dieser Schule deutsche Jugend unter Führung von Juden mit dem Geist des Marxismus verseucht worden ist, und wie diese aufgehetzte Jugend versuchte, sich unserem Vormarsch entgegen zustellen. Deshalb ist es zu verstehen, daß gleich mit Beginn der nationalen Revolution sofort Hand auf dieses Grundstück gelegt wurde. Viele Pgg. konnte bei dem großen Vormarsch den Nationalsozialismus in seinem ganzen Wesen und Wollen nicht immer richtig erfassen. Deshalb ist es eine Notwendigkeit, die Amtswalter zu schulen und ihnen ein Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Wir wissen, daß die Bewegung nach dem 30. Januar gewaltig gewachsen ist, man kann sagen, daß über 2 Millionen neue Mitglieder hinzugestoßen sind. Alle sind mit reinem Herzen und ehrlichen Willen zur Mitarbeit zu uns gekommen. Das eine ist gewiß, wir haben wohl die Macht, aber das größte Werk steht noch vor uns: Arbeit zu schaffen und das Volk freizumachen. Hierbei werden sehr oft unpopuläre Maßnahmen erforderlich sein. Dann muß der Führer wissen: Ich kann mich auf meine Bewegung verlassen. Meine Amtswalter und meine SA.-Männer gehen hinaus ins Land und versuchen die Massen des Volkes zu überzeugen von der nationalsozialistischen Idee. Heute gebe es nur einen Willen in Deutschland und was der Führer mache, sei richtig. Es gibt heute nur einen Mann in der Welt, der der größte ist, das ist Adolf Hitler. Die Klassen- und Parteiengegensätze seien überwunden und an ihre Stelle sei die Partei des Volkes getreten. Wir reichen jedem ehrlichen Deutschen die Hand, aber nicht um uns zu betrügen, sondern um mitzuarbeiten. Wir wollen versuchen, unserem Führer nachzueifern, denn dieser Mann ist trotz seiner Größe der einfache Mann aus dem Volke geblieben. Seine Rede endete mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer und Volkskanzler.

Die feierliche Flaggenhissung und der Gesang des Horst Wesselliedes beschlossen den offiziellen Eröffnungsakt, der von flotten Märschen der Standartenkapelle umrahmt wurde.

Dann richtete noch Standartenführer Wagner eine Ansprache an die SA.-Leute und brachte auf den Gauleiter ein Sieg-Heil aus. Zum Schluß wurde dem Gauleiter von Horst Wagner, dem Sohne des Standartenführers, ein Bild von der Walkemühle, das von dem SA.-Mann Deisner gezeichnet worden ist, mit einem Blumenstrauß überreicht. Mit dem Bekenntnis für Hitler, das mit dem Kampflied: „Im Hessenland marschieren wir“ zum Ausdruck kommt, klang die Feier aus.[43]

Hinweise zum Lied Im Hessenland marschieren wir

Der Text resp. die Noten des damals wohl allgemein bekannten Liedes Im Hessenland marschieren wir sind im Internet (Suche am 20. 2. 2017) nicht einfach bzw. nur indirekt zu finden:

Hinweise finden sich auf einer Seite www.DeutschesLied.com bzw. im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt[44]

Auf einer Seite von Riscossa Europea (riscossa (ital.): Rückeroberung, Gegenangriff) mit dem Untertitel Canzoniere per la Riscossa Euopea – Liederbuch für das Europäische Erwachen werden Text und Noten präsentiert zu dem Lied S.A. marschiert - Im deutsches Land marschieren wir. Dazu gibt es die Hinweise: Musica originale di Hermann Albert von Gordon, Verlag B. Schott’s Söhne, Mainz“ bzw. „Varianti … Im Hessenland ….

Zu Hermann Albert von Gordon, der Umdichtung des Textes des sog. Argonnerwaldliedes und der Verwendung der Melodie sowohl durch die NSDAP als auch die KPD und den sog. Edelweißpiraten gibt diese Seite von Wikipedia Auskunft

Wer will, kann sich mit diesen Informationen gegebenenfalls den menschenverachtenden Text des „Kampfliedes“ zusammenreimen!


Ein Wehrertüchtigungslehrgang

in der Walkemühle im Herbst 1942.

Der Bernecker-Verlag übergab 2018 der Universitätsbibliothek Kassel eine große Spende mit mehr als 150 Drucken und Zeitungsbänden. Darunter auch

Unser ist der Sieg: Heimatbrief für die Kameraden im feldgrauen Rock
herausgegeben von der NSDAP, Kreisleitung Melsungen.
Vierzehn Ausgaben (24, April 1942, bis 44, Februar 1945) sind von der Bibliothek eingescannt worden.
In der Ausgabe 29/30 vom 1. Dezember 1942, Seite 242-243, gibt es den Artikel Aus der Arbeit der Hitler-Jugend, der ausführlich über einen Wehrertüchtigungslehrgang in der Walkemühle berichtet.
Der Artikel enthält zwei Fotos; ein Bild Ein Lehrgang beim Flaggenhissen und eine Ansicht der Walkemühle ähnlich wie auf diesem Bild. Gemäß einer Bemerkung im Text des Artikels passen in den Saal in dem Zwischentrakt 400 Personen.
Einige Ausschnitte aus dem Text sollen Hinweise geben auf die Struktur derartiger Lehrgänge und Einblicke bieten in die damaligen Denk- und Sprechweisen.
Dazu zuerst als „Kostprobe“ der Text des Leitartikels der Ausgabe 29/30:
Liebe Kameraden!
Zum vierten Male in diesem Völkerringen sende ich Euch die besten Wünsche zur Wintersonnenwende. In Zuversicht wollen wir in das Neue Jahr hineingehen. Wir werden den Sieg erringen und die gute Ordnung in Europa aufrichten zum Segen aller Völker.
Unsere Siegesgewißheit gipfelt aber in der Tatsache, daß Adolf Hitler unser Führer ist, daß wir sein Volk sind, seine verschworene Gemeinschaft, die er formt und prägt, die er zum Siege führt.
Ich gebe Euch allen im Geiste fest die Hand mit den herzlichen Wünschen für Euer Wohlergehen und dereinstige glückliche Heimkehr.
Ich grüße Euch mit unserem alten Kampfruf „Heil Hitler!“
Euer Kreisleiter Dr. H. Reinhardt

Nun Auszüge aus dem Artikel:

Aus der Arbeit der Hitlerjugend

Liebe Kameraden!
Zu einem gewissen Mittelpunkt in der Arbeit der Hitler-Jugend im ganzen Gebiet Kurhessen/14 ist die Walkemühle geworden, die in Eurem Heimatkreis liegt. Viele von Euch haben früher als Verantwortliche in der politischen Führung hier vielleicht erstmalig eine gründliche Ausbildung erfahren. Jüngere Kameraden von Euch sind in letzter Zeit vielleicht selbst schon als Führer 14 Tage oder auch drei Wochen hier gewesen. Allen wird in gleicher Weise die Walkemühle einmal ein Stück Heimat bedeutet haben und darüber hinaus als eine Erziehungsstätte des Nationalsozialismus in Erinnerung sein, die ihm schöne, vielleicht auch einmal harte Stunden gebracht hat. Um Euch nun einmal einen Überblick in unsere derzeitige Arbeit zu geben möchte ich kurz über das unterrichten, was in dem letzten Lehrgang gearbeitet wurde. Unsere Erziehungsaufgabe an der Jugend richtet sich in erster Linie nach den Erfordernissen, welche dem Lehrgang im Augenblick gestellt sind.

Der Lehrgang der Führerschule der Hitler-Jugend dauert drei Wochen und es nehmen in erster Linie Führer der Gefolgschaften, Fähnlein und dessen Stellvertreter teil. Das Durchschnittsalter hat sich natürlich im Vergleich zu früheren Lehrgängen ganz herabgesenkt und liegt etwa bei 16½ Jahren.
Als Ziel des Lehrganges haben wir uns gesetzt, einmal die Führer mit dem notwendigen Grundwissen nationalsozialistischer Weltanschauung vertraut zu machen und darüber hinaus ihm Rüstzeug für seine verschiedenen Aufgaben zu geben, also die vormilitärische Wehrertüchtigung, die Schulungsarbeit, Kulturarbeit, der Sport und Dinge der praktischen Dienstgestaltung. Weltanschauliche Schulung und Kulturarbeit machen etwa ein Drittel der Zeit aus, ein weiteres Drittel der Stundenzahl hat die Wehrertüchtigung und die Schießausbildung zur Verfügung und das letzte Drittel der Sport und der Fachunterricht. Neben dieser Ausbildung läuft eine Formung des Charakters und eine planmäßige Ausbildung vorhandener Führeranlagen. Genau so wie Euch draußen ist es auch uns in der Erziehungsaufgabe der Hitler-Jugend jetzt erst recht klar, was es heißt, Führerpersönlichkeiten zu besitzen, und zwar in einer möglichst großen Anzahl im Gesamtvolk.
[…]
Friedensmäßige Lehrkräfte der Führerschule des Gebietes Kurhessen/14 haben bis auf den damaligen Schulführer ihre Treue zum Führer mit dem Tod auf dem Schlachtfeld besiegelt.
[…]
Zur Zeit stehen mir zur Seite drei ehemalige Hitler-Jugend-Führer, welche durch schwere Verwundungen D.U. [d.h. dienstunfähig; R.S.] entlassen wurden. Dazu kommen noch einige Kameraden, die noch den grauen Rock tragen, ebenfalls fast ausschließlich ehemalige Hitler-Jugend-Führer, die von der Wehrmacht für die Wehrertüchtigung abgestellt sind. Sechs Ausbilder haben also die Aufgabe, sich mit 110-120 Jungens, das ist die Stärke des Lehrganges, zu beschäftigen.
[…]
Die Begeisterung kannte keine Grenzen, als ich dem Lehrgang nach zwei Tagen mitteilen konnte, daß Ritterkreuzträger Oberleutnant Henz von einem Kradschützenbatl. aus Stalingrad kommend bei uns weilen würde.
[…]
Als sichtbares Zeichen des Erfolges erhielten die Teilnehmer den K.-Schein, der Zeugnis über die vormilitärische Ausbildung gibt, das Hitler-Jugend-Leistungsabzeichen, das Schießabzeichen, oder aber auch den besten von ihnen die Berechtigung, für die Leistungsabzeichen Prüfungen abzunehmen. Mit neuer Kraft mögen in jedem Lehrgang immer wieder 100 kurhessische Hitler-Jugend-Führer in ihre Heimatorte gehen, um mit einer Gläubigkeit, einem Fanatismus ohnegleichen Künder nationalsozialistischen Lebens zu werden. Möge in ihrem Geist, der der Geist des politischen Soldaten ist, die Jugend immer wieder zum Kampf antreten, in dem Ihr jetzt in vorderster Linie steht, bis der Sieg unser ist.
Euch gebührt der Dank der Jugend, den wir in der Heimat durch unermüdlichen Einsatz nur zum geringen Teil abstatten können. — Nicht um einer Anerkennung wegen, sondern weil Eure Leistungen unvergleichlich sind. Weil Ihr diejenigen seid, die den Söhnen Eures Volkes, Euren eignen Kindern den Weg in eine schöne und starke Zukunft öffnet. So grüße ich Euch aus der Führerschule des Gebietes Kurhessen/14 Walkemühle.

Erich Bischofs, Bannführer.[45]

Ein Desiderat: Aus der HJ in die NSDAP

Willi Schaper benutzte 1946 die leere Rückseite dieses Formulars für den Durchschlag eines Briefes.[46]

Formular der Hitler Jugend im Gebiet Kurhessen.

Zur besseren Lesbar gegebenenfalls Grafik anklicken; dann erscheint das Formular größer.
Formular der Hitler-Jugend im Gebiet Kurhessen (14) als Empfehlung zum Eintritt in die NSDAP.

Nur ein Exemplar des Formulars wurde aufgefunden. Es stammt offensichtlich aus der Hinterlassenschaft der Hitler-Jugend in 'ihrer' Gebietsführerschule Walkemühle.

Die Formulierung

Es wird versichert, daß der Antragsteller freiwillig erklärt hat, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei beitreten zu wollen.

erinnert an Aussagen in der Debatte von 2007 um sog. un / freiwillige Eintritte in die NSDAP 1944. Mehrere Prominente, die HJ-Mitglieder gewesen waren, waren jedoch 2007 der Meinung, niemals in die NSDAP eingetreten zu sein.

Dazu gab es in der überregionalen Presse etliche Artikel:

Die FAZ veröffentlichte am 02.07.2007 die Meldung: Walser, Lenz und Hildebrandt: All diese Karteikarten der NSDAP.

Der Spiegel reagierte ebenfalls am 02.07.2007 auf die Debatte mit dem Bericht über NSDAP-Mitgliedschaft – Hildebrandt attackiert "Focus".

Die Welt brachte am 03.07.2007 den Artikel: Wann war ein Mitglied ein Mitglied?.

Die Welt veröffentlichte einen Tag später ein längeres Interview mit dem Historiker Armin Nolzen unter der Überschrift Wie kam man denn nun in die NSDAP?.

Der Deutschlandfunk berichtete schließlich ausführlich am 30.08.2009 unter der Überschrift NSDAP-Mitglied wider Willen? über ein Fischer Taschenbuch Wie wurde man Parteigenosse?, 2009 herausgegeben von Wolfgang Benz.
Dieses Buch mit dem Inhaltsverzeichnis enthält insbesondere auch einen Artikel von Armin Nolzen Vom »Jugendgenossen« zum »Parteigenossen« – Die Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP; (S. 123-150).
In der TAZ reagierte am 12.03.2009 auch Christian Semler auf das Buch mit seinem Artikel Wie wurde ich Parteigenosse?.
Bald danach berichtet Die Zeit: Und viele Fragen offen – konnte man Mitglied der NSDAP sein, ohne es zu wissen? Ein neues Buch bleibt die klaren Antworten schuldig, die es verspricht.

Ich konnte bisher nicht eruieren, wie der aktuelle (November 2018) wissenschaftliche Kenntnisstand bzgl. dieser Fragen ist. Insbesondere: Konnte ein HJ-Mitglied ohne weiteres eigenes Zutun allein auf Grund der Meldung mit dem o.g. - oder einem ähnlichen - Formular 'Mitglied' der NSDAP werden?

Hinweise sind willkommen.

[Diese Texte zum „Ereignis“ Wehrertüchtigungslehrgang wurden im November 2018 eingefügt.]

Die Walkemühle von Mitte Mai bis Juli 1945

Vier Augenzeugenberichte aus unterschiedlichen Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeiten aufgeschrieben nebst dreier dazu passender Fotos

Heinrich Meyer

Wiedersehen mit der Walkemühle - Mai 1945

Aufgeschrieben im November 1976.

Ich kam in Tages- und Nachtmärschen nach Melsungen. Am 20. April habe ich abgerüstet, irgendwo im Wald südlich von Hamburg die Uniform ausgezogen, bin mit zivilen Brocken ohne Ausweis nach Süden gewandert.
Der Übergang über Werra und Fulda war schwierig. Auf den Brücken standen US-Soldaten - auch befreite polnische Kriegsgefangene - die vermuteten in jedem männlichen Zivilisten einen getarnten SS oder SA-Mann.
Auf dem Wege nach Adelshausen besah ich mir erst die Trümmer der neuen Schule. Später erfuhr ich, dass von der Strasse bezw. der Brücke her US-Panzer auf das grosse Gebäude geschossen haben.
Bei dem neuen Bürgermeister stellte ich mich vor als alter IJB- und ISK-Freund. Der Mann war skeptisch. Es begann bereits das „Zeitalter der Persilscheine“. Er holte einen alten Textil-Arbeiter, Gewerkschafter und SPD-Mann - Gen. Franke. Beiden erzählte ich dann von Minna Specht, von der ich wusste, dass sie mit den Kindern nach Dänemark - flüchten konnte. Weitere Erinnerungen - Zusammentreffen mit Rauschenplat bis 1937/38, ein Besuch in London 1938 bei Maria Hodan. Als ich noch erzählte, dass Erich Graupe in Adelshausen begraben sein müsste, glaubte man mir.
Zunächst besorgte mir der Genosse Bürgermeister einen Ausweis für den Landkreis Melsungen. Mein Plan war, das Anwesen wieder herzurichten und vielleicht als Erholungsheim für die Kinder und Angehörige von KZ-Genossen einzurichten. Zunächst machte ich eine Bestands-Aufnahme.
Die Walkemühle war - wie man mir sagte - zuletzt von einer H-J-Einheit besetzt als Ausbildungslager. Mit dem Näherkommen der US-Truppen setzte man sich ab. In den ersten Tagen nach der Besetzung des Landkreises Melsungen wurden die Räume der Walkemühle von einem Teil der Bevölkerung ausgeplündert Und zwar von den aus dem Ruhrgebiet und Kassel evakuierten Flüchtlingen, die ja nichts hatten und bei den Bauern auf dem Lande notdürftig in Schulen und Scheunen untergebracht waren. Betten, Schränke, Stühle, Textilien auch Öfen wurden regelrecht geplündert.
Ich versuchte bei dem U.S.A.-Ortskommandanten in Melsungen vorsprechen zu dürfen, um mein Anliegen vorzutragen. Nach mehrtägigem Warten wurde ich vorgelassen. Da die verschiedenen Grossobjekte und Betriebe einen Treuhänder zugeteilt bekamen, erbat ich als Treuhänder, für die Walkemühle eingesetzt zu werden. Die Unterhaltung war erst sehr kühl. Ich wurde über meine Vergangenheit befragt. Als ich mich als Anti-Hitler vorstellte, nahm der Offizier die Füsse vom Tisch, schlug mit dem Revolver sehr hart auf den Schreibtisch und schrie laut, dass ich einen Schreck bekam.
Der Interpreter [d.h. Übersetzer] sagte mir:
99,9 % haben für Hitler gestimmt, heute kommen täglich Dutzende von Menschen und erklären. dass sie Anti-Hitler waren, er möchte doch endlich mal einen richtigen, leibhaftigen Nazi kennen lernen. Ich sei doch so einer und soll es doch zugeben.
Der Ortskommandant war - wie ich nachhinein sagen muss, für US-Verhältnisse gebildet. Als ich dann etwas von der Walkemühle als internationale Schule mit humanistischen Zielen erzählte und dass die Schule deswegen aufgelöst wurde, Lehrer und Kinder nach England flüchten mussten, wurde die Situation entspannt, zumal der von dem gleichen Kommandanten eingesetzte Bürgermeister von Adelshausen alle meine Angaben bestätigte.
Ich bekam ein Dokument als Treuhänder und einen Reise­Ausweis nach Ffm, um meine Frau zu holen.
An Pfingstsamstag 1945 kam ich nach Neu-Isenburg. Am anderen Tag holte ich mein zugemauertes Auto aus der Garage. Politische Freunde in Offenbach beschafften mir einen Akku, sowie Zulassung und Benzin sodass ich nach drei Tagen nach Adelshausen fahren konnte.
In Melsungen beschaffte ich mir eine Liste von ehemals aktiven SA-Leuten, etwa 18 Mann. Diese Männer mussten 6 Wochen täglich 8 Stunden Aufräumungsarbeiten auf der Walkemühle leisten.
Die Tagesrationen im Sommer 1945 beliefen sich für den Normal-Verbraucher auf 750 Kalorien. Die ehemaligen SA-Männer mussten für die Trümmer-Beseitigung sich immerhin sehr anstrengen. Ich erhielt für die Trümmer-Beseitiger Sonder-Zuteilungen. Meine Frau kochte täglich einen Schlag Einheits-Suppe für jeden Mann.
Mitte Juli etwa klopfte es eines abends recht laut an der Tür. Da das Türschloss beim Plündern beschädigt wurde, mussten wir die Tür zu unserer provisorischen Wohnung verbarrikardieren. Am Eingang des Hauses war ein Schild " OF LIMITS " angebracht. Soldaten konnten es also nicht sein. Immerhin, von dem Mann der vor der Tür stand, wurden wir sehr energisch angebrüllt - „Wann wir Nazi endlich die Schule räumen wollten.“ So ungefähr wurden meine Frau und ich begrüsst.
Es war René Bertholee und seine Frau Hanna sowie ein Schweizer (1), in diplomatischem Rang, die uns so begrüssten. Das Missverständnis klärte sich schnell. Wir sollten bald Hilfe bekommen. Es kamen eine Woche später Hans (2) Mayr und Grete Mayr-Eichenberg aus Kassel.
Einige weitere Wochen später kamen Willi Schaper und Frau, die in Hannover und Kassel (3) ausgebombt waren und sich bereit erklärten, den Wiederaufbau der Walkemühle vorzunehmen.
Über die Errichtung der Erholungsstätte mit Unterstützung von Colis Suisse (4) wird Willi Schaper besser berichten können.

Den 9.11.1976 gez. Heini Meyer[47]


Anmerkungen von Ralf Schaper

1) Nach dem nun folgenden, schon im Juni 1945 aufgeschriebenen Brief von Hanna und René Bertolet, war es ein Amerikaner.

2) Es war Max Mayr.

3) Beide stammten aus Hannover und waren in Kassel am 3. Oktober 1943 ausgebombt.

4) Zu „Colis Suisse“ siehe etwa ab S. 207 bei

Kägi-Fuchsmann, Regina
Das gute Herz genügt nicht. Mein Leben und meine Arbeit.
Zürich: Verlag Ex Libris 1968.

Briefe von Hanna und René Bertholet an Willi Eichler, 14.6.1945 bzw.am 14. 7. 1945.

Aufgeschrieben im Juni und Juli 1945.

Melsungen
In der Mühle erlebten wir eine große Überraschung: Es war schon jemand da und mit dem Wiederaufbau beschäftigt, nämlich Heini Meyer aus Frankfurt. Die alte Mühle, das Lehrgebäude und der Verbindungsteil sind ausgebrannt (von den Nazis selber), die Akademie hat einen Artillerietreffer, der aber nicht allzu schwer zu reparieren ist. Außerdem ist sie vollkommen ausgeplündert (war verständlich, da sie ja eine Nazieinrichtung geworden war) und völlig verwohnt, weil zuletzt nicht mehr Führerschule, sondern so etwas wie vormilitärische Drillanstalt.
Meyer hatte sich zum Treuhänder einsetzen lassen und jagt jetzt hinter den gestohlenen Sachen her, die er sich z.T. bezahlen läßt, um mit dem Geld die notwendigen Reparaturen machen zu können, das andere will er tragen, soweit es ihm reicht. Ihm schwebte vor, und für diesen Zweck bekam er auch wohl die Verfügungsgewalt, ein Heim für Kinder von Opfern des Naziterrors darin aufzumachen. Und er wartete täglich auf das Eintreffen Minnas [Specht]. Natürlich war er auch schon froh, daß wir erst mal kamen. Er faßt die Sache außerordentlich aktiv an, hat ein sehr gutes Verhältnis zur Bevölkerung in Adelshausen, die Minna in sehr guter Erinnerung haben und sich sehr deutlich der Abschiedsworte Minnas erinnern: „Entweder sind wir in ein paar Jahren wieder hier, oder wir haben den Krieg, auf den die Nazis zutreiben.“ Da sie recht behalten hat, steht sie nun besonders hoch im Kurs dort. Und alle haben sehr gebeten, die Freunde von der Schule sehr zu grüßen. Sie wollen sehr zum Wiederaufbau helfen. Und Heini Meyer hofft, Einrichtungsgegenstände etc. für den Heimbetrieb herbeischaffen zu können. Natürlich hätte er gern gesehen, daß wir blieben, aber wir hatten nur kurz Zeit. Aber unser amerikanischer Begleiter ging mit zum Kommandanten in Melsungen und bestätigte die Treuhänderschaft von Heini Meyer, so daß er vielleicht es etwas leichter haben wird für den Aufbau. Die Besatzungsbehörden sind selber am Aufbau interessiert, weil sie die Gebäude zunächst brauchen, um Zivilisten dort unterzubringen, die ihre Wohnungen zugunsten der Besatzungstruppen räumen mußten. Man hat aber unserem Freund versprochen, daß diese Benutzung nur von kurzer Dauer sein würde und wir dann über die Gebäude verfügen könnten. Es ist also möglich, daß wir in nicht allzu langer Zeit dort das fragliche Heim einrichten werden. Damit seid Ihr sicherlich einverstanden. Vielleicht werden wir es in Verbindung mit dem hiesigen Arbeiterhilfswerk machen, evtl. mit ein paar Schweizer Sozialfürsorgerinnen. Es wäre natürlich schon gut, wenn auch von dort jemand dazu kommen könnte."
Heinrich und Leonard Nelson hat man auf dem Judenfriedhof in Melsungen beigesetzt. Das werden wir wieder ändern.

14 .7. 1945
Lieber Willi! [Eichler]

Hier also die Fortsetzung unseres Berichts. Wir waren in Kassel. Die Gewerkschaftsvorbereitungen scheinen dort im Verhältnis zu anderen Orten noch weit zurück zu sein. Es existieren erst in ganz geringem Maße Betriebsausschüsse. Alles Nähere darüber wirst Du aus einem Bericht entnehmen, den die Genossen für Dich bis zu Renés nächstem Kommen machen wollen.
In Kassel hörte ich, daß Willi Schaper seit einigen Tagen in der Walkemühle sei, um Heini Meyer beim Aufbau zu helfen. Auch Grete Eichenberg fährt einmal pro Woche zum Helfen hin. Als ich in die Walkemühle kam, war ich erstaunt, wie weit vorgeschritten die Arbeiten bereits waren. Das große Loch in der Bibliothek ist wieder geflickt, und zwar sehr geschickt. Durch Vermittlung des Landrats wurden Heini Meyer zehn Nazis zugewiesen, die Aufräumungsarbeit leisten. Ich sah sie in der alten Mühle und im Lehrgebäude arbeiten. Gemäß den Plänen des Bauunternehmers soll das Lehrgebäude bis Ende August wieder aufgebaut und gedeckt sein, was angesichts der heutigen Verhältnisse eine tüchtige Leistung sein würde. Es wird Euch interessieren, daß das Grundstück erweitert ist durch Hinzukaufen (durch die Nazis) von Land von der Domäne. So ist ein großer Platz hinter der alten Mühle, der sich sehr gut für die Anlage eines ordentlichen Sportplatzes eignet. Der Garten hinter der Akademie ist über die Pfieffe hinaus vergrößert worden und ist sehr gut in Ordnung. Da der jetzige Gärtner nicht ehrlich zu sein scheint, wollen die Freunde versuchen, Hildegard Zerbst zu bekommen. Willi Schaper wird jetzt die Aufbauarbeiten weiter leiten, da Heini Meyer zunächst nach Frankfurt zurückgeht. Aber er wird - je nachdem die Verkehrsverhältnisse es zulassen - hin und wieder nach dem Rechten sehen. Willi nimmt diese Aufgabe mit großer Begeisterung auf. Er ist dort mit Frau (Else Schlüter aus Hannover) und seinen beiden Kindern. Heini Meyer hat erreicht, daß die Mühle vorläufig nicht belegt wird mit Zivilisten (u.a. wegen technischer Schwierigkeiten). Durch Vermittlung von Grete Eichenberg sind sie dabei, mit der Stadt Kassel ein Abkommen zu schließen, um in der Walkemühle Kinder unterzubringen, die unter der Obhut der städtischen Fürsorge sind. Drei dieser Kinder sind schon dort, weitere sollen schon in absehbarer Zeit kommen. Die Zimmer oben in der Akademie sind für diesen Zweck bereits hergerichtet, sauber getüncht und mit Betten etc. versehen.
(Die von den Leuten in Adelshausen z.T. gestohlenen Decken hat Heini Meyer dadurch wiederbekommen, daß er die Kinder selber mitgenommen hat zu den betreffenden Leuten, soweit er sie wußte. Außerdem hat er auch von den Einwohnern welche gespendet bekommen.) Bei der Suche nach Hilfskräften für Küche und Haus haben Grete und Heini an unsere Anna [Kothe] gedacht und sie gefragt, ob sie kommen wolle. Die Antwort steht noch aus; sie wird sich mit Jupp [Kappius] darüber beraten. Übrigens würde das Abkommen mit der Stadt Kassel nicht hindern, den ursprünglichen Plan zu verwirklichen, Kinder von Opfern des Nazismus in die Schule zu nehmen und ihnen dort ein wirkliches Heim zu bereiten. Aber da es zur Zeit noch nicht gelingt, diese Kinder zu bekommen (wegen der schlechten Post- und Reiseverbindungen ist es sehr schwer, mit den entsprechenden Menschen und Stellen Fühlung zu nehmen), scheint die jetzige Ausnutzung gegeben.

Aufgeschrieben im Juli 1945.[48]

Handschriftliche Aufzeichnungen von Else Schaper

Aufgeschrieben im Juli 1945.[49]

Im Garten ernten wir die ersten Radieschen und den ersten Schnittsalat als wir [in Waldkappel; RS] Besuch bekommen im Juni. Knut im Hemd und kurzer Bux läuft den Papa holen und dann wird gepackt, gepackt; nachdem wir vorher noch die 'Wohnung' gekündigt gekriegt haben durch’s Bürgermeisteramt. Früh am Montagmorgen starten wir; Ralf auf dem Schoß und Knut neben mir, Aufwiedersehen Waldkappel !!! Auf in die Walkemühle! Hochbepackt ist der Wagen; durch Hessisch-Lichtenau geht’s über Spangenberg, Mörshausen. Und dann halten wir Einzug, und es beginnt ein ganz neues Leben.
Der Papa arbeitet im Haus und Knut muss immer „draussen bleiben“, weil so wichtige Besprechungen sind. Und der Papa und die Mama haben so wenig Zeit, obgleich Marianne im Haushalt hilft. Die ersten Kinder kommen, Gertrud, Christa und Hermann!(1) Und Höhndorfs Kinder werden Spielgefährten. Der Peter ist ganz fein, aber Michel krettet Knut oftmals und es gibt manche Träne. Mit den „Anstaltskindern“ – wer hat den Ausdruck wohl geprägt? geht es öfter in den Wald, nach Malsfeld zu Zahnarzt und zum Baden in die Pfieffe. Wenn er [gemeint ist Knut, 6½ Jahre; RS] mit den Mädchen zusammen badet, zieht er jetzt die Hose an, die Mädel sind katholisch, daher der Zwickel! Aber an einem Nachmittag läßt Knut lange auf sich warten, er badet nackend mit der Dorfjugend in der Pfieffe. Dazu braucht er die Buxe nicht.

1) Dies ist eine der seltenen Stellen, an denen Namen von Kindern überliefert sind.
Daher auch die Zuordnung bei den folgenden Fotos, die im Juni 1945 von Else Schaper aufgenommen wurden.


Willi Schaper mit dem unten erwähnten DKW.

Willi Schaper mit dem unten erwähnten DKW.[50]

Die Kinder Christa, Gertrud und Hermann mit Hete und Heinrich Meyer.

Die Kinder Christa, Gertrud und Hermann mit Hete und Heinrich Meyer.[51]

Hete und Heinrich Meyer mit Willi Schaper in der Mitte.

Hete und Heinrich Meyer mit Willi Schaper in der Mitte.[52]

Aus den Lebenserinnerungen von Willi Schaper

Aufgeschrieben 1991.[53]

Eines Tages kam Knut dahin und sagte mir: „Da sind Leute da aus Kassel. Du mußt mal kommen.“ Es waren da Grete Eichenberg aus Kassel und Heinrich Meyer aus Neu-Isenburg. Heinrich Meyer war von Hamburg, wo er vom Militär entlassen war, über Melsungen gekommen und hatte sich erinnert, daß da in der Nähe wohl die Walkemühle sei. Er ist ausgestiegen, ging in den Trümmerhaufen der Walkemühle und erreichte von den Amerikanern die Treuhänderschaft dafür.
Unsere Adresse hatte er so bekommen: Er wußte die Anschrift von Grete Eichenberg in Kassel, und sie hat Meyer auf uns aufmerksam gemacht. Vorher war noch eines Tages Bertholet in der Walkemühle erschienen und stellte sich vor als Vertreter der früheren Besitzer. Heinrich Meyer hatte darauf gemeint: „Es wird aber höchste Zeit, daß sich hier jemand sehen läßt.“ Bei Meyers Besuch hatten Else und ich uns dann innerhalb einer Viertelstunde kurz entschlossen, in die Walkemühle zu gehen.
[...]
Mit Heinrich Meyer, der einen DKW zur Verfügung hatte, sind wir dann in die Mühle gefahren und hatten noch ein etwas unangenehmes Erlebnis: Vor Spangenberg war eine Kontrolle.
[...]
In der Mühle sah ich dann den Trümmerhaufen. Das alte Mühlengebäude war verbrannt, das Lehrgebäude war ausgebrannt, in der Akademie war das Dach beschädigt und in der früheren Bibliothek war ein ziemlich großes Einschußloch von einer Granate.
[...]
Nachdem wir eine Transportmöglichkeit bekommen hatten, sind wir ungefähr Ende Juni 1945 in die Walkemühle gezogen.


Richtfeste

Über die Gefahren des Alkohols und andere Glaubensbekenntnisse.

Das Richtfest mit Apfelwein, 20. Oktober 1945.

Richtfest für das Dach. Foto aus Privatbesitz.

Richtfest des teilweise wiederaufgebauten Lehrgebäudes am 20. Oktober 1945.[54]

Zur Einstimmung: Berta Rode: Über die Walkemühle (1928):

Selber Verantwortung zu übernehmen und sich nicht einfach gängeln zu lassen von Meinungen, Sitten, Gewohnheiten oder auch von äußeren Gewalten, das ist in der Tat das Ziel und der Erfolg dieser Art von Erziehung. Kein Fleisch mehr zu essen, weil es auch ein Recht der Tiere gibt; die Kirche zu bekämpfen, weil sie das Recht des Menschen, zu einem selbständigen geistigen Leben zu erwachen, mit Füßen tritt; also gegen die Ausbeutung jeglicher Art die Kräfte anzuspannen, das ergibt sich für den in dieser Weise Erzogenen als eine unabweisbare Forderung.

Neben dem erwähnten Vegetarismus und dem Kampf gegen die Kirchen gehörten Abstinenz von Alkohol und Nikotin zu den unabdingbaren Forderungen an ISK-Mitglieder; diese Forderungen sind in dem Artikel von Berta Rode nicht explizit erwähnt. Der Artikel konnte nicht ohne das Placet von Willi Eichler und Minna Specht als Führern des ISK in einer Gedenkbroschüre zum Tode von Leonard Nelson erscheinen.

Grete Eichenberg an Willi Schaper am 19. September 1945:

Apfelmost bekomme ich 10 Liter für die Mühle. Anfang nächster Woche will ich sie holen.

Anna Beyer an Willi Schaper 19. Oktober 1945.

Willi Eichler hat mich gebeten, Dir ein Telegramm zu schicken, um Dir zu sagen, Du solltest keinen Alkohol zum Richtfest ausgeben. Apfelsaft und Kaffee würden genügen. Durch einen Brief von Willa [Eichenberg; RS] hatte er erfahren, dass ihr die Absicht habt, am Richtfest Wein auszuschenken. Es liegt ihm viel daran, dass das nicht geschieht. Leider sind im amerikanisch-besetzten Gebiet noch keine Telegramme erlaubt, ich versuche es deshalb mit einem Brief und hoffe, dass er Euch noch rechtzeitig erreichen wird.

Willi Schaper an Heinrich Meyer am 21. Oktober 1945:

Gestern haben wir das erste Richtfest gefeiert. Leider haben wir noch keine Dachziegeln.

Willi Schaper an Anna Beyer am 26. Oktober 1945:

ich erhielt Deinen Brief leider einen Tag zu spät. Am Tage vorher war das Richtfest und wir haben zwar kein Gelage veranstaltet, aber Obstwein ausgegeben. Ich will das nicht entschuldigen, möchte aber trotzdem dir die Situation schildern, in der wir waren. Wir hatten nach langem Bemühen etwas zu essen aufgetrieben. Durch einen Unglücksfall ist uns das aber am Tage des Richtfestes verloren gegangen, und wir standen vor der Tatsache, den Teilnehmern nichts anderes bieten zu können, als Kartoffelsalat und Gemüse, an dem wir aber nicht die geringste Menge Fett bringen konnten. Das Richtfest ist dann trotzdem gut verlaufen. Für mich selbst hat es allerdings einen unangenehmen Beigeschmack behalten.

Else Schaper, geschrieben im Herbst 1945.

Das Richtfest wird gefeiert mit wunderbar gedeckten Tafeln und Salat, Salat … Knut [mein Bruder, sechs Jahre; RS] trinkt von dem bitteren Wein, er meint, er würde gut schmecken. […] und er geht allein zu Weber [Bauer in Adelshausen; RS] um Milch zu holen und die schöne Sahneflasche zum Richtfest landet auf der Landstraße. „Mama, ich hätte sie bestimmt mitgebracht, aber sie ist mir hingefallen“.

Willi Eichler (Welwyn Garden City) an Willi Schaper am 11. November 1945:

Ich bekam, kurz ehe ich Deutschland wieder verliess einen Brief von Villa Eichenberg, in dem er etwas altklug-zynisch mitteilte, dass Ihr für das Richtfest, das damals in einigen Tagen stattfinden sollte, einige Flaschen nicht-alkoholfreien Weins gekauft hättet, die dann ausgeschenkt werden sollten. Ich liess Euch durch Anna B. telegraphieren, dass wir das keineswegs tun könnten, weil nicht einzusehen ist, warum gerade heute eine Schule sich mit solchen toerichten Angewohnheiten behaften sollte, die sie schon nicht mitmachte, als es in Deutschland weniger schlimm war als heute.

Willi Schaper an Willi Eichler am 29. November 1945:

Bei dem Richtfest hab ich tatsächlich einen Fehler gemacht, wie Dir Anna wohl schon mitgeteilt hat. Leider kam Ihr Brief einen Tag zu spät, weil er durch die Zensur ging. Das Fest ist allerdings in ganz bescheidener Weise gefeiert worden und selbstverständlich ist dabei auch niemand aus der Rolle gefallen. Ich werde mit Dir darüber noch sprechen. Nun fehlen noch die Dachpfannen. Augenblicklich will ich versuchen Blech zu bekommen und daraus Dachpfannen pressen zu lassen.

Willi Schaper in seinen Lebenserinnerungen, diktiert ca. 1990:[55]

Das Lehrgebäude war ausgebrannt und ich war froh, daß ich in Kirchhof einen alten Genossen fand, einen Zimmermeister, der uns den Dachstuhl aufbaute und etwas später habe ich dann noch von Mauser in Waldeck Blechplatten bekommen, um das Haus abzudecken. Für das übliche Richtfest hatten wir leider keinen Apfelsaft oder irgendwelchen anderen Fruchtsaft bekommen, aber ich habe irgendwo Apfelwein aufgetrieben. Damit und mit Kartoffelsalat mit etwas Schmand, den Else in Adelshausen aufgetrieben hatte, wurde das Richtfest gefeiert. Das veranlaßte Anna Beyer, das an Eichler zu berichten und wir bekamen dann einen schriftlichen Rüffel, daß wir da Apfelwein getrunken hatten.

Ein Richtfest von welthistorischer Bedeutung
Willi Eichler, Mitglied des Parteivorstandes der SPD, am 9.10.1958:

Mit dem Tode Pius XII. verliert die katholische Kirche einen ihrer größten Päpste und die Menschheit eine ihrer größten Persönlichkeiten.
... Die ungewöhnliche Größe Pius XII. liegt darin, daß er ein Höchstmaß an Strenge ein seinem hohen Priesteramt verband mit einem Höchstmaß an Bereitschaft politische Realitäten richtig, das heißt illusionslos einzuschätzen und mit ihnen um zugehen. ...

Eichler, Willi
Zum Tode Pius XII.
Bonn: Sozialdemokratischer Pressedienst, 9. Oktober 1958, S. 1.[56]


Causa Die Nelson Gräber

Versteckt hinter einer hohen, dichten Hecke befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof in Melsungen drei Grabstellen mit einer einzigartigen, teils verstörenden Geschichte.

Links hinten die hohe Hecke, dahinter die drei Grabstellen.

Links hinten die hohe Hecke, dahinter die drei Grabsteine.

Die drei Grabstellen. Aufgenommen am 29.10.2017, dem 90sten Todestag Leonard Nelsons..

Die drei Grabstellen. Aufgenommen am 29.10.2017, dem 90sten Todestag Leonard Nelsons.

Das sollen die Gräber seien für Professor Dr. Leonard (1882–1927) Nelson, seinen Vater, dem Justizrat Dr. Heinrich Nelson (1854–1929), und für Erich Graupe (1903–1931).

Zu diesem Bericht existieren als Quellen teils detaillierteste Texte und viele Dokumente in mehreren Archiven. Es gibt Aussagen und Vermutungen von Betroffenen und berührende Bemerkungen in Briefen und Lebenserinnerungen, aber auch verstörende Gerüchte, die wohl leider einen wahren Kern enthalten. Offensichtlich sind auch Dokumente bisher unbekannt oder nicht mehr existent. Trotz intensiver Recherchen in diversen Archiven und weiterer Bemühungen ist es wahrscheinlich, dass einige Quellen und Hinweise bisher nicht gefunden wurden. Doch es lässt sich ein umfangreicher Überblick erstellen. An hier nicht erwähnten, belegten einschlägigen Mitteilungen bzw. Kenntnissen besteht also ein großes Interesse. Die hier gezeigten Farbbilder wurden soweit nicht anders vermerkt - von Ralf Schaper aufgenommen.

Inhalt:

Der Jüdische Friedhof in Melsungen

Blick auf den Friedhof an der Fritzlarer-Straße.

Blick auf den Friedhof an der Fritzlarer-Straße.

Tafel am Eingang des Friedhofs. Jüdischer Friedhof für Melsungen und Umgebung Erste Bestattung 1861. Letzte Bestattung 1941.

Tafel am Eingang des Friedhofs: Jüdischer Friedhof für Melsungen und Umgebung. Erste Bestattung 1861. Letzte Bestattung 1941.

Nach 1948 fand aber noch eine Urnenbestattung resp. „Urnenumbettung“ statt. Urnenbestattungen sind auf jüdischen Friedhöfen unüblich.[57]

Auf der informativen Seite zu diesem Friedhof bei Alemannia Judaica werden die Nelson-Gräber ausführlich erwähnt.

In dem Buch Jüdische Friedhöfe in Nordhessen – Bestand und Sicherung[58] wird neben detaillierten Angaben und vielen Fotos vom Friedhof in Melsungen auf den Seiten 136–138 gleich zweimal auf eine Familiengrabstätte der Familie Nelson hingewiesen.

Dieter Hoppe aus Melsungen und Otto Günther von der Friedhofsverwaltung der Stadt Melsungen haben einen detaillierten Plan der Gräber des Friedhofes erstellt.

Links unten ist der Bereich (ca. 6,5 m × 5 m) mit den Grabstellen von Heinrich und Leonard Nelson (146, 147) sowie von Erich Graupe (148) mit der umgebenden Hecke eingezeichnet.

Links unten ist der Bereich (ca. 6,5 m × 5 m) mit den Grabstellen von Heinrich und Leonard Nelson (146, 147) sowie von Erich Graupe (148) mit der umgebenden Hecke eingezeichnet.

Die Nummerierungen des Planes folgen dem Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs in Melsungen, aufgenommen im August 1938. Auf der letzten Seite 35 finden sich unten diese Eintragungen:

Grabstelle 146 und 147

Die drei Toten

Leonard Nelson (11.7.1882–29.10.1927) entstammt einer Berliner Familie des wohlhabenden, liberalen Bildungsbürgertums mit jüdischen Vorfahren aus den Familien Mendelssohn und Lejeune-Dirichlet.[59] [60]

Der Vater, Dr. Heinrich Nelson (s.u.), hatte jüdische Vorfahren, die Mutter, Elisabeth Nelson, geb. Lejeune Dirichlet (1860–1920), war evangelisch.[61] Leonard Nelson wurde mit fünf Jahren am 13.6.1887 evangelisch getauft.[62] Am 22. August 1907 heiratete er Elisabeth Schemmann (1884–1954).[63]
Bzgl. der kirchlichen Trauung schrieb er an den Schwiegervater, einen Major:

ich habe eine Bitte an Dich über die Wahl des Geistlichen. Ich kann nämlich eine kirchliche Trauung mit meinem Gewissen u. mit meinen Überzeugungen durchaus vereinigen, falls sie von einem entschieden liberalen Geistlichen vollzogen wird, aber auch nur in diesem Falle.[64]

1909 lehnte es Nelson ab, seinen Sohn Gerhard taufen zu lassen. Die Ehe wurde am 5. April 1912 geschieden.[65] Das Sorgerecht für Gerhard wurde der Mutter übertragen.[66] Im Herbst 1919 trat Leonard Nelson aus der evangelischen Kirche aus.[67]

Er kämpfte gegen den gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen und propagierte daher Kirchenaustritte. Es wird berichtet:

Nelson hatte während eines Kirchenkonzertes sich lange vergeblich bemüht, seine Beine zwischen den engen Kirchenbänken bequem unterzubringen.
Diese Bänke sind nicht für so lange Beine eingerichtet. – Schon ein Grund, um aus der Kirche auszutreten!

Zum seinem Tod am 29.10.1927 erscheinen zum 50.Geburtstag am 11. Juli 1932 in der Tageszeitung des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), Der Funke, auf drei Seiten einige Gedenkartikel aus der Sicht enger ISK-Genossen:
von Willi Eichler: Die Not der Zeit. - Zwei falsche Deutungen und eine richtige,
von Gustav Heckmann: Die Wissenschaft des Sozialismus – eine Charakterfrage,
von Arthur Kronfeld: Warum ist uns Leonard Nelson zum Vorbild geworden und
von Chi yin Chen: Leonard Nelson und Konfuzius.

Weiterhin erscheint in der Ausgabe des Funken vom 13.7.1932 ein Artikel von Rpt [das ist das Kürzel für Hellmuth von Rauschenplat] über eine Gedenkfeier in Berlin anlässlich Nelsons 50. Geburtstages: Wir setzen Nelsons Kampf fort.
Ein Artikel Ernst und Heiterkeit. Zu Leonard Nelsons Todestag am 29. Oktober 1927 von Minna Specht erscheint im Funken am 29.10.1932.
Sowohl bei der Philosophisch-Politischen-Akademie gibt es eine Seite zu Leonard Nelson als auch bei den Proceedings of the Friesian School.

Zur Philosophie und Pädagogik Leonard Nelsons existiert umfangreiche Literatur. Jörg Schroth hat eine detaillierte Liste von und zu Nelsons Schriften zusammengestellt.

Über die Beteiligung Nelsons an den Gründungen des Internationalen Jugendbundes (IJB) bzw. des ISK liefern ausführlichere Darstellungen die Dissertation von Werner Link (1964)[68] und der längere Aufsatz von Karl-Heinz Klär (1982).[69]. Im Archiv der sozialen Demokratie (Bonn) gibt es dazu einen umfangreichen Aktenbestand.

Das Buch mit dem Titel Um etwas zu erreichen, muss man sich etwas vornehmen, von dem man glaubt, dass es unmöglich sei: Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund (ISK) und seine Publikationen. von Heiner Lindner (2006) umfasst 270 Seiten (pdf).

Zentraler Ort des IJB und des ISK war die Walkemühle.

Walkemühle bei Adelshausen bei Melsungen.

Walkemühle bei Adelshausen bei Melsungen.[70]
Der Fachwerkbau links war die alte Mühle; dahinter verdeckt das sog. Lehrgebäude; rechts das sog. Akademiegebäude.

Während eines Aufenthaltes dort im Herbst 1927 erkrankte Leonard Nelson schwer. Er wurde in die Universitätsklinik Göttingen eingeliefert, wo er am 29. Oktober starb; wie es hieß, an Lungenentzündung und Überarbeitung. Willi Eichler, als bisheriger Sekretär von Leonard Nelson, berichtete am 8. November 1927 den Ortsvereinen (OV) des ISK in dem Monatsbericht J/10/27:[71]

Am Dienstag, den 1. November haben wir Leonard Nelson auf dem Friedhof in der Walkemühle begraben. Wir haben von einer Feuerbestattung abgesehen, da diese infolge Fehlens einer dahingehenden ausdrücklichen letztwilligen Verfügung zu kostspielig geworden wäre, und da Nelson in seinem Testament besonders gewünscht hat, die Bestattung so wenig kostspielig wie möglich zu halten. Dieser Versuch – wie überhaupt das Bestreben, die Bestattung im Sinne des Verstorbenen zu halten, – hat uns auch veranlasst, von allen besonderen Begräbnis-Feierlichkeiten Abstand zu nehmen. Und wir haben deshalb auch keine besondere Mitteilung an Euch gelangen lassen.
Natürlich wollen wir aber in den OV eine Gedenkstunde für Nelson abhalten.
Die Nachfolgerin Nelsons ist Minna Specht.

Entsprechend dem Wunsch des Verstorbenen wurde das Grab am oberen, nord-östlichen Rand des Geländes der Walkemühle eingerichtet und mit einem einfachen Stein aus Granit versehen. Die Inschrift auf der Vorderseite enthält nur den Namen; auf der Rückseite sind die Lebensdaten (1882-1927) eingemeißelt. Der Grabstein existiert noch.

Die Gräber von Heinrich und Leonard Nelson auf dem kleinen Friedhof auf der Walkemühle.  Fotomontage

Die Gräber von Heinrich und Leonard Nelson auf dem kleinen Friedhof auf der Walkemühle. Fotomontage.[72]

Rücklauf des Wassers in die Pfieffe aus der Turbine im Akademiegebäude der Walkemühle.  Ein schwarzer Zaun mit einer Pforte ist am rechten Rand des Bildes auf ca. 1/3 der Höhe zu sehen. Das muss die Umzäunung für die dahinterliegenden Gräber gewesen sein. Foto: Dank an Frau Ingrid Treskow, Hamburg.

Rücklauf des Wassers in die Pfieffe aus der Turbine im Akademiegebäude der Walkemühle. Ein schwarzer Zaun mit einer Pforte ist am rechten Rand des Bildes auf ca. 1/3 der Höhe zu sehen. Das muss die Umzäunung für die dahinterliegenden Gräber gewesen sein.[73]

Leonard Nelsons Wohnsitz war in Göttingen im Nikolausberger Weg 61.[74] Er war in der Walkemühle nie polizeilich gemeldet.[75]

Von Kaspar Greb stammt ein Gedicht Zu Nelsons Tod.

Totenmaske von Leonard Nelson.

Die Totenmaske von Leonard Nelson.[76]

Eine Plastik der Totenmaske Leonard Nelsons ist abgebildet in einem Artikel über eine Göttinger Ausstellung Euch zum Trotz im Jahre 2008 zum Gedenken an die nationalistische Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933.
Diese Plastik war während der Nazi-Zeit von den ISK-Genossen Anni und Richard Schmidt in ihrem Garten vergraben worden. Die Plastik ist jetzt Teil der der Sammlung von Politiker-Porträts im Willy-Brandt-Haus wie dankenswerter Weise die Kuratorin der Sammlung berichtete.

Totenmaske von Leonard Nelson. Kunstsammlung Willy-Brandt-Haus, Berlin.

Plastik der Totenmaske von Leonard Nelson.
Kunstsammlung Willy-Brandt-Haus, Berlin.[77]

Heinrich und Leonard Nelson. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie.

Heinrich und Leonard Nelson.[78]


Heinrich Nelson (geb. 9.3.1854) war in Berlin Justizrat und siedelte 1923 in die Walkemühle über, wo er vom 30.7.1923 bis zu seinem Tode am 25.4.1929 polizeilich gemeldet war.
[79]

Zur Geschichte und Herkunft der Familie Nelson liefern Franke[80] und Hieronimus[81] wie auch schon oben bei den Hinweisen zu Leonard Nelson erwähnt, detaillierte Informationen.

Vier Wochen (22.3.1929) vor Heinrich Nelsons Tod schickte Willi Eichler aus Göttingen einen Brief in die Walkemühle und bat Julie Pohlmann[82]

Bitte, gib den beiliegenden Entwurf zu einer Anleitung für die Abfassung von Testamenten an Vater Nelson; er möchte es auf seine Brauchbarkeit hin durchsehen und mir gelegentlich zurückschicken.[83]

Willi Schaper hat am Todestag, 25.4.1929, die gesetzlichen Formalitäten auf dem zuständigen Standesamt in Mörshausen erledigt.[84]

Die Sterburkunde.

Die Abschrift der Sterbeurkunde:

Mörshausen am 25. April 1929.
Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, / der Persönlichkeit nach bekannt, / der Schlosser Wilhelm Schaper / wohnhaft in Walkemühle bei Adelshausen / und zeigte an, daß der Justizrat Doktor / Heinrich Nelson, verheiratet gewesen / mit der verstorbenen Elisabeth Nelson / geborene Lejeune-Dirichlet, 75 Jahre alt, / wohnhaft in Walkemühle bei Adelshausen / geboren zu Berlin am 9. März 1854, / zu Walkemühle bei Adelshausen / am fünfundzwanzigsten April des Jahres / tausend neunhundert zwanzig und neun / Vormittags um drei Uhr / verstorben sei. Der Anzeigende erklärte / daß er aus eigener Wissenschaft / von dem Sterbefall unterrichtet sei.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
Wilhelm Schaper
Der Standesbeamte.
Jakob.
Die Übereinstimmung mit dem Hauptregister beglaubigt
Mörshausen am 25ten April 1929.
Der Standesbeamte.
Jakob.

Heinrich Nelson verfasste den Roman „Ahasvers Wanderung und Wandlung“.[85]
Auf der 2. Umschlagseite der Monatszeitschrift ISK (ISK, 2. Jg., Heft 4 April 1927) findet sich diese Anzeige

Umschlagseite der Monatszeitschrift ISK (ISK, 2. Jg., Heft 4 April 1927) findet sich diese Anzeige

[86]

Das ISK, 3.Jg. Heft 2, Februar 1928, enthält eine lose Beilage des dem ISK nahestehenden Verlag „Öffentliches Leben“:
Darin gibt es auf Seite 6 eine längere „Leseprobe“ mit diesen Sätzen aus einem Dialog mit einem Papst:

Kann ich, der ich gern meine Irrtümer, sobald ich sie entdecke, ablege, Glied einer Vereinigung [d.h. der katholischen Kirche] werden, deren Lebensprinzip die Verewigung des Irrtums ist? Du wirst zugeben, daß solches für mich ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Heinrich Nelson übersetzte Dichtungen von Michelangelo. Ab 1909 erschien der über 300-seitige Band in mehreren Auflagen bei Diederichs in Jena.[87]

Michelagniolo Buonarroti. Dichtungen.

In einem antiquarisch erworbenen Exemplar enthält die Titelseite eine handschriftliche Anmerkung zu Heinrich Nelson gestorben am 25.4.29, 3h früh in der Walkemühle. Diese Anmerkung stammt wahrscheinlich von Theo Hüpeden,[88] der das Exemplar auf der ersten Umschlagseite am 7.2.1928 seiner Frau Grete gewidmet hat.

In dem dem ISK nahestehenden Verlag „Öffentliches Leben“ erschien 1927 von Heinrich Nelson die Übersetzung des Berichtes von Henri Barbusse „Die Henker“ über den seinerzeitigen Faschismus in Rumänien.[89]

Beilage zu ISK 3.Jg. Heft 2. Februar 1928. S.4.

[90]

Weiterhin übersetzte Heinrich Nelson: Ku Hung-Ming: Vox clamantis. Betrachtungen über den Krieg und anderes.[91]

Einige Aufsätze von Heinrich Nelson sind in „ISK“, der Zeitschrift des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, erschienen:

  • ISK, 1. Jg., 1926.
    • Die europäische Hölle, S. 129–137, Heft 8.
  • ISK, 2. Jg., 1927.
    • Der Faszismus im Selbstbildnis, S. 10–20, Heft 1,
    • Das wahre Gesicht des Faszismus, S. 35–46, Heft 2,
    • Ein neues Bild von Jesus, S. 163–165, Heft 9.

Heinrich Nelson war ein Kenner der Werke Beethovens und spielte wohl sehr gut Klavier. Die Rede Beethoven, der Mensch gehalten auf dem siebenten Bundestag des Internationalen Jugend-Bundes 1925 in der Walkemühle ist 1927 veröffentlicht als Broschüre.[92] [93]

Verweis auf Beilage zu ISK, 3.Jg. Heft 2, Februar 1928. [S. 7].

Ein Manuskript der Rede ist vorhanden für den geplanten Tagungsband über den Ausbildungskurs 1925 des Internationalen Jugendbundes in der Walkemühle.[94] [95]

Heinrich Nelson besaß eine umfangreiche, sehr wertvolle Bibliothek.

Heinrich Nelsons Zeichnung eines Zimmers seiner Wohnung in der Walkemühle (ca. 1925). Signatur HN rechts unten. Foto. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 6/FOTA030342

Heinrich Nelsons Zeichnung eines Zimmers seiner Wohnung in der Walkemühle (ca. 1925), Signatur HN rechts unten.[96]

Über Erich Graupe ist nur wenig bekannt. Er war ISK-Mitglied und lebte zeitweilig in der Walkemühle, wo er vom 24.5.1924 bis 20.6.1927 polizeilich gemeldet war.[97]

Erich Graupe. Foto: Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA029912. Foto ca. 1920.

Erich Graupe.[98] Foto ca. 1920.

Er verfasste mehrere Artikel für der Monatszeitschrift des ISK:

  • ISK, 1. Jg., 1926.
    • Beobachtungen aus dem Reichstag, S. 71–73, Heft 4.
  • ISK, 2. Jg., 1927.
    • Was kostet uns der Bürgerblock? S. 64–68, Heft 4,
    • Stresemann gegen Stresemann, S. 85–87, Heft 5,
    • Leonard Nelson zum Gedächtnis, S. 221–222, Heft 12.
  • ISK, 3. Jg., 1928.
    • Kapitalismus über Afrika. S. 179–182, Heft 11.

Im ISK, 2. Jg., Heft 4, April 1927, 4. Umschlagseite, befindet sich eine Anzeige zu der Broschüre „Notwendigkeits-Aberglaube oder Klassenkampf?“, die auch in der schon erwähnte Verlagsbeilage abgedruckt ist.[99]

Aus dem Inhalt der Anzeige: „

Der sozialistische Kulturkampf soll nicht nur dem Aberglauben an die Dreieinigkeit, er soll auch dem Aberglauben an die historische Notwendigkeit gelten.[100] [101]

Das genaue Datum des Todes von Erich Graupe im Jahr 1931 ist nicht bekannt; auch über die Einäscherung und die Bestattung der Urne auf der Walkemühle fehlen Dokumente.


Da der dauernde Anblick dieser Gräber nichtarischer Toten unerträglich sei.

Am 14. März 1933 wurde die Walkemühle von Polizei und SA besetzt. Am 1. Juli 1933 eröffnete die NSDAP ihre Amtswalterschule.

Über etliche Formulierungen in den Dokumenten bzgl. der im Folgenden geschilderten „Umbettung“ der Gräber auf der Walkemühle kann wohl nur spekuliert werden. Einige Hinweise dazu lassen sich jedoch ableiten aus der damaligen formaljuristischen Lage. Diese wird geschildert bei Wirsching in dem Aufsatz „Jüdische Friedhöfe in Deutschland 1933-1957“ [102] und mit übereinstimmenden Argumenten bei Heinemann in Die jüdischen Friedhöfe in Hessen.[103]

1938 […] resümierte der Oberbürgermeister von Erfurt, was er mit einer Vielzahl von Amtskollegen für ein vordringliches Anliegen hielt: „Dem Streben, den Juden im öffentlichen Leben nicht mehr in Erscheinung treten zu lassen, ist auf einem Gebiet noch nicht Rechnung getragen: dem Friedhofswesen. Wohl in fast allen größeren und mittleren Städten haben die jüdischen Kultusgemeinden eigene Friedhöfe. Diese liegen z, T. an hervorragenden Stellen des Stadtgebietes oder doch an wichtigen öffentlichen Wegen, so daß sie von Vorübergehenden eingesehen werden können. [...]
Dieser Zustand, der für viele andere Städte ähnlich sein wird, ist nicht mehr länger zu ertragen. Der Einzelne muß es als eine Belästigung empfinden, an dem Friedhof vorbeizugehen und während einer nationalsozialistischen Feierstunde auf jüdische Gräber und vielleicht sogar Trauerfeiern blicken zu müssen. Die bisherigen Bestrebungen, diesem offensichtlich unerträglichen Mißstand durch eine Verlegung des Friedhofs zu begegnen, mußten an der Unzulänglichkeit der derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen scheitern. Ich halte nunmehr den geeigneten Zeitpunkt für eine den heutigen Anschauungen angepaßte gesetzliche Regelung für gekommen und bitte, darauf hinzuwirken. daß die erforderlichen Maßnahmen schon jetzt – wenn nötig im Verordnungswege – getroffen werden.
[…] So oft von kommunaler Seite die Schließung eines jüdischen Friedhofs angeregt wurde, so regelmäßig mußte die Geschäftsstelle des Deutschen Gemeindetages dies abschlägig beantworten.
[…]
Nach geltendem Recht war die Schließung eines Friedhofs, sofern sie nicht vom Träger selbst gewünscht wurde, nur aus gesundheitspolizeilichen Gründen möglich.[104]


Ähnliche Ausführungen bzgl. der Einebnung des Jüdischen Friedhofs in Fulda finden sich auch bei Nadine Freund.[105]

Im Folgenden wird mehrfach auf die Akte 180 Melsungen Nr. 3729 im Hessischen Staatsarchiv Marburg verwiesen
Titel: Landerziehungsheim Walkenmühle bei Adelshausen. Laufzeit: 1932-1938. Enthält: Schließung des Heims wegen kommunistischer Tendenz sowie Beschlagnahme der Mühle für die Neueinrichtung als Führerschule.

Deckel der Akte HStAM 180 Melsungen Nr. 3729.

Deckel der Akte 180 Melsungen 3729, Bl. 1-319.[106]
In den folgenden Zitaten wird jeweils die Blattnummer aus der Akte angegeben; bei Transkriptionen wurden einige Schreibfehler korrigiert. Durch die teils ausführlichen Zitate soll insbesondere auf die Diktionen der damaligen „Verwaltungen“, also Ortsbürgermeistern, dem Pfarrer von Mörshausen, dem Gemeindeältesten der Synagogengemeinde Melsungen, dem Landrat von Melsungen, dem Regierungspräsidenten von Kassel, preußischen Ministerien und Führern der SA bzw. NSDAP-, hingewiesen werden. Es gibt unterschiedliche Sprechweisen, je nachdem, wer mit wem korrespondiert.


Blatt 4[107] der Akte ist ein Brief von Minna Specht vom 15. Juni 1932 an den Regierungspräsidenten Friedensburg in Kassel:

Sie werden verstehen, dass die politische Entwicklung uns in mehr als einer Hinsicht mit Sorge um die ruhige Weiterentwicklung der Schule [in der Walkemühle] erfüllt.

Schon am folgenden Tag antwortet [108] der Regierungs-Präsident:

teile ich mit, daß mir von irgendwelchen Schwierigkeiten des Landerziehungsheims Walkemühle nichts bekannt geworden ist. Ich kann mir auch nicht recht vorstellen, worin diese Gefahr bestehen sollte.

Die Dokumente der Akte präzisieren eine Formulierung von Hieronimus:[109]

Nach der Übernahme der Schule durch die Nationalsozialisten 1933 wurden die Leichen auf den jüdischen Friedhof in Melsungen gebracht.

Diese Formulierung ist zwar formal richtig, doch sie gibt leider leicht zu Missverständnissen Anlass, wie es sich deutlich bei Franke[110] mit Bezug auf Hieronimus zeigt:

1933 wurde der Leichnam Nelsons von den Nationalsozialisten, die die Walkemühle besetzt hatten, auf den Jüdischen Friedhof in Melsungen gebracht.

Am 23.5.1934 wird die Philosophisch-Politische Akademie enteignet. Zu Gunsten des Landes Preußen wird das Gelände der Walkemühle eingezogen mit Ausnahme einer Parzelle 74.[111]

Am 6.4.1934 schreibt der Landrat von Melsungen, Freiherr von Gagern, u.a. an den Regierungspräsidenten in Kassel, an die „Verwaltung der Walkemühle“ und an das Amtsgericht Melsungen:

Ich bitte, besonders darauf zu achten, dass von der Parz. 74 nur der westliche Teil enteignet wird, da der östliche Teil in Grösse von etwa 3 ar als Friedhof für die früheren Besitzer der Walkemühle dient. Der Friedhof ist s.Zt. durch Verfügung vom 13. April 1927 –A.II.Nr.2294/27- landespolizeilich genehmigt worden.[112]

Der Regierungspräsident, Konrad von Monbart [113] in Kassel, verlangt vom Landrat in Melsungen am 25.1.1935:

Hinsichtlich der in Frage kommenden Grundstücke ist mir ein Grundbuchauszug einzureichen. Da ich den Friedhof nicht zu enteignen beabsichtige, ersuche ich diesen besonders kenntlich zu machen.[114]

September 1935

Am 16. September 1935 werden die sog. Nürnberger Gesetze verkündet. Am 4. Oktober 1935 berichtet der Landrat an den Regierungspräsidenten in Kassel:

Der Leiter der Gauführerschule I, Gauinspekteur und Standartenführer Wagner, in der Walkemühle bei Melsungen, hat beantragt, die auf Parzelle 74 Abtl. I, Gemarkung Adelshausen beigesetzten Toten, Justizrat Nelson und Prof. Nelson umzubetten,da es für die Gauführerschule und die Lehrgangsteilnehmer der dauernde Anblick dieser Gräber {staatsfeindlicher} nichtarischer Toter unerträglich sei.
[…]
Die Restparzelle mit den Gräbern von Vater und Sohn Nelson verbleiben grundbuchamtlich im Eigentum der Phil.pol.Akademie. Durch Verfügung des Geheim.Staatspolizeiamts Berlin vom 18.2.35 – II 1 a II Nr. 31333/213/35 – ist die phil.-pol.Akademie e.V. mit sofortiger Wirkung aufgelöst und verboten worden. Das Vermögen der Organisation wurde beschlagnahmt. Danach ist das Eigentumsrecht an der Parzelle 74 nunmehr auch auf den Preuss.Staat übergegangen. Der Umbettung stehen gesundheitspolizeiliche Bedenken nicht entgegen.
Ich bitte um Entscheidung, ob dem Antrag stattgegeben werden soll. Gegebenenfalls bitte ich um Zurverfügungstellung der erforderlichen Mittel.[115]
HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 265.


Weiterhin schreibt Landrat von Gagern an Herrn Gau-Inspekteur Wagner, Walkemühle:

Unter Bezugnahme auf Ihren fernmündlichen Antrag vom 2.10. d.J. wegen Umbettung der beiden Toten auf Parzelle 74 der Liegenschaften der Walkemühle teile ich ergebenst mit, dass ich beim Herrn Regierungspräsidenten um Entscheidung gebeten und Bereitstellung der erforderlichen Mittel beantragt habe. Sobald die Entscheidung bekannt ist, werde ich weitere Nachricht geben.[116]

Am 21.11.1935 kommt eine Antwort aus dem Preußischen Innenministerium an den Regierungspräsidenten in Kassel:

Ich erkläre mich bereit, die für die Umbettung erforderlichen Mittel aus Kap.39 Tit. 30 des Haushalts der allgemeinen Finanzverwaltung für das Rechnungsjahr 1935 zur Verfügung zu stellen, und ersuche ergebenst, mir die Höhe des Betrages demnächst anzuzeigen.[117]


Am 12.12.1935 zitiert der Landrat von Melsungen den Bürgermeister der Dorfes Adelshausen, auf deren Gebiet die Walkemühle liegt, zu sich aufs Amt:

Es ist beabsichtigt, die auf dem Friedhof der Walkemühle beerdigten Personen nach dem Friedhof in Adelshausen zu überführen. Ich ersuche, deswegen im Laufe der nächsten Woche hier vorzusprechen.[118]

Ein Vermerk vom 23.12.1935 stellt daraufhin fest:

Die Gemeinde Adelshausen lehnt es ab, die beiden Nelsons auf ihren Friedhof umzubetten.[119]

Es war also im Dezember 1935 offensichtlich noch möglich, dass ein Bürgermeister eines kleinen Dorfes dem vorgesetzten Landrat widersprach!
Die intensiven Vorbereitungen laufen dessen ungeachtet weiter; zuerst zur Kostenübernahme: Das Jährlichkeitsprinzip der Haushalte bereitet Probleme: RP Kassel am 20.12.1935 an das Preussische Innenministerium in Berlin:

Die Verhandlungen wegen der Umbettung der Toden auf der Friedhofsparzelle der Walkemühle nehmen voraussichtlich noch geraume Zeit in Anspruch. Auch ist vor dem Eintritt frostfreien Wetters die Umbettung unmöglich. Ich bitte daher um stillschweigende Befristung bis zum 1.4.1936.[120]

Der Landrat Melsungen an den Bürgermeister Adelshausen am 23.12.1935:

Ich ersuche um Bericht, ob der Justizrat Nelson und der Professor Nelson dort verstorben sind. Wenn nicht ist festzustellen, wo sie gestorben sind. Gegebenenfalls ist anzugeben, ob sie an einer ansteckenden Krankheit verstorben sind. Die Unterlagen müssen beim Leichenbeschauer oder dem zuletzt behandelnden Arzt eingesehen werden.[121] [122]

Januar 1936

Am 16.1.1936 geht der Schriftwechsel weiter: der Landrat in Melsungen an die Polizeidirektion in Göttingen:

Die Leiche Nelsons soll ausgegraben und auf einem anderen Friedhof beigesetzt werden. Zu diesem Zwecke bitte ich um Mitteilung, ob Nelson an einer ansteckenden Krankheit gestorben ist oder welches die Todesursache war.
Soweit hier bekannt, hat Nelson noch einen Bruder. Ist dessen Anschrift dort festzustellen? Evtl. bitte ich diese anzugeben. Falls sonstige Verwandte ermittelt werden können, bitte ich deren Anschrift ebenfalls anzugeben. Ich möchte ihre Wünsche für die Umbettung der Leiche des ehem. Prof. Nelsons und des auf den Grundstücken der „Walkemühle“ gleichfalls beerdigten Justizrats Nelson, der in Adelshausen verstorben ist, berücksichtigen.[123]

Ein handschriftlicher Vermerk des Einwohnermeldeamtes Göttingen vom 24.1.1936:

Prof. Leonard Nelson, geb. 11.7.82 in Berlin, ist laut Auskunft des hies. Standesamts vom 29.10.27 an Lungenentzündung, Pneumonia verstorben.
Verwandte des Verstorbenen mit Namen Nelson sind hier nicht gemeldet. Die geschiedene Frau Elisabeth Nelson, geb. Schemmann, geb. 16.7.84 in Spatten [?, unleserlich], u. Gerhard Nelson, geb. 7.5.09 in Göttingen (Sohn der Eheleute Nelson) gelangten am 10.6.1910 nach Westend bei Berlin, Branitzerstr. 1, zur Abmeldung.[124]

Februar 1936

Mittlerweile hat der Landrat eine Entscheidung getroffen, am 12.2.1936 schreibt er:

1) An Herrn Med.-Rat Dr. Schurian in Melsungen.
Auf dem Friedhof der Walkemühle sind 3 Personen
1) Justizrat Nelson,
2) Professor Leonard Nelson,
3) Erich Graupe(?).
beerdigt.
[…]
Die Leichen zu 1) und 2) sollen ausgegraben und auf dem jüdischen Friedhof in Melsungen beigesetzt werden. Bei der zu 3) genannten Person soll es sich um die Asche handeln, die nach dem Friedhof in Adelshausen überführt werden soll.
Justizrat Nelson ist an Altersschwäche, Leonard Nelson an Lungenentzündung, Pneumonie verstorben.
Unter Bezugnahme auf die Polizeiverordnung über das Leichenwesen vom 18. April 1933 Ministerialblatt für die preuß. innere Verwaltung I Seite 497- bitte ich um Übersendung eines Zeugnisses darüber, ob und unter welchen Bedingungen die Ausgrabung und Überführung der Leichen gestattet werden kann.
Da die Umbettung der Toten im Interesse des Staates vorgenommen werden soll, dürften Kosten für die Ausstellung des Zeugnisses nicht in Betracht kommen.
2.) An Herrn Pfarrer Sauer in Mörshausen.
Auf dem Friedhof der Walkemühle sind 3 Personen beerdigt. Die Leichen sollen ausgegraben und nach anderen Friedhöfen überführt werden.
Bei einem der Toten soll es sich um die Asche eines Erich Graupe handeln. Es ist beabsichtigt, diese nach dem Friedhof in Adelshausen zu überführen. Die entstehenden Kosten werden auf die Staatskasse übernommen.
Ich bitte, mir spätestens bis zum 25.Februar 1936 mitzuteilen, ob gegen die Überführung der Asche nach dem Friedhof in Adelshausen Bedenken bestehen.[125]


Das folgende Dokument[126] hinterlässt Zweifel und Bedenken.

HStAM 180 Melsungen Nr. 3729. Blatt 275

Eine Abschrift:

Melsungen, den 10. Januar Februar 1936.
275
Vorgeladen erscheint der Gemeindeälteste der Synagogengemeinde Melsungen, Kaufmann Julius Levy Melsungen und erklärt:
Ich habe keine Bedenken dagegen, wenn die auf dem Friedhof der Walkemühle beerdigten beiden Juden
1) Justizrat Nelson,
2) Professor Nelson
auf den jüdischen Friedhof in Melsungen überführt und dort begraben werden. Ich setze jedoch voraus, daß der Synagogengemeinde Melsungen dadurch keine Kosten entstehen. Weiter bitte ich zu gestatten, daß nach der Überführung der Toten auf dem jüdischen Friedhof in Melsungen das sogen. rituelle Gebet gesprochen werden darf. Irgendwelche anderen Bemerkungen kämen nicht in Frage. Das Gebet würde entweder der hiesige jüdische Religionslehrer Löwenstein oder der Landrabbiner aus Kassel sprechen.
Da auf dem jüdischen Friedhof jedes Grab mit einem Gedenkstein versehen ist, bitte ich zuzulassen, daß auch die beiden Gräber Nelson mit einem für uns kostenlosen Stein versehen werden, auf denen nur die Namen, die Geburts- und Sterbedaten einzuhauen sind.
Die Überführung der Leichen bitte ich nicht an Samstagen oder jüdischen Feiertagen vorzunehmen.
v.g.u.unterschrieben:
Julius Levy
Aufgenommen:
Steinbrecher.

Soweit die Abschrift.

Am 17.2.1936 meldet sich das für den Adelshäuser Friedhof zuständige Evangelische Pfarramt der Nachbargemeinde Mörshausen:

Auf das dortige Schreiben v.12. ds.Ms. wegen der Überführung der Aschenurne des verstorbenen Erich Graupe von der Walkemühle nach dem Friedhof Adelshausen teile ich mit, daß an sich [!!!] gegen die Überführung keine Bedenken bestehen.
Doch zuvor bitte ich um Mitteilung, wer die Pflege und sonstige Unterhaltung der Grabstätte übernimmt, da um der Ordnung willen, entsprechend den anderen Gräbern, eine ordentliche Grabstätte hergerichtet werden muß.
Ebenso bitte ich mir von dem Zeitpunkt der Überführung Mitteilung zu machen.[127]

Daraufhin der Landrat Melsungen am 20.Feb.1936:

1.) An den Herrn Bürgermeister in Adelshausen.
Die Urne mit der Asche des auf dem Friedhof der Walkemühle beigesetzten Erich Graupe soll demnächst nach dem Friedhof in Adelshausen überführt werden.
Es ist notwendig, diese Grabstätte in würdiger Weise zu unterhalten, damit Friedhofsbesucher an einer sonst eintretenden Verwahrlosung keinen Anstoß zu nehmen brauchen. Ich nehme an, daß dort eine geeignete Person vorhanden ist, die das Grab von Zeit zu Zeit entsprechend instand setzt. Zweckmäßig wird der Ortsdiener damit zu beauftragen sein. Irgendwelche Ehrenzeichen oder eine Grabeinfassung kommen nicht in Frage. Kosten werden also nicht erwachsen.
Ich ersuche, mir die Bereitwilligkeit der Gemeinde zur Unterhaltung der Grabstätte bis zum 5.März 1936 zu berichten.
[…]
2.) An das Evgl. Pfarramt in Mörshausen.
Auf das Schreiben vom 17. d.Mts. Tgb.Nr.623.
Der Kirchengemeinde werden Kosten für die Grabstätte des Erich Graupe nicht entstehen.
Den Zeitpunkt der Umbettung werde ich Ihnen demnächst noch mitteilen.
[128]





Das Staatliche Gesundheitsamt an den Landrat: 21.2.1936:

Zum Schreiben vom 12.2.1936 -L I- betr. Ausgrabung von Leichen.
Ich halte es für notwendig, dass mir noch mitgeteilt wird, woran und wann die zu 1 und 2 in Frage kommenden Personen gestorben sind. Wenn möglich, bitte ich ferner noch um Mitteilung der Bodenverhältnisse des Platzes, an dem die Leichen liegen.
Vorbehaltlich dieser noch fehlenden Unterlagen halte ich die Ausgrabung für unbedenklich, wenn ein Desinfektor die Ausgrabungen mitüberwacht und Leichenreste, falls sie noch nicht völlig verwest sind, nach sachlichen Gesichtspunkten (evtl. Einschlagen in desinfizierte Tücher) transportieren lässt.
Der Amtsarzt:
gez. Dr. Schurian
Medizinalrat
[129]


Der Landrat: An das Staatliche Gesundheitsamt in Melsungen: 28.2.1936:

Auf die Zuschrift vom 21.Februar 1936.
Leonard Nelson ist am 29.Oktober 1927 verstorben. Der Todestag des Justizrats Nelson ist aus den hiesigen Vorgängen nicht ersichtlich, fällt aber in die Jahre nach 1927. Die Todesursache beider Personen ist aus Abs.2 meines Schreibens vom 12.Februar 1936 -L.I.- ersichtlich.
Bei dem Friedhof der Walkemühle handelt es sich um tiefgründigen Lehmboden.
Ich bitte, mir nunmehr die an die Ausgrabung und Überführung der Leichen zu stellenden Bedingungen baldigst mitzuteilen. Die Umbettung soll noch im Laufe des Monats März 1936 vorgenommen werden.[130]


März 1936

Der Landrat von Melsungen an mehrere Adressaten am 13.3.1936:

1.) An den Herrn Bürgermeister in Adelshausen.
Die Leichen folgender auf dem Friedhof der Walkemühle beerdigten Personen sollen ausgegraben und nach anderen Friedhöfen überführt werden:
1. a) Justizrat Nelson, nach dem jüdischen Friedhof in Melsungen
1. b) Prof. Leonard Nelson nach dem jüdischen Friedhof in Melsungen
2.) Erich Graupe nach dem Friedhof in Adelshausen.


Als Termin zur Ausgrabung und Überführung der Leichen bestimme ich Dienstag, den 31.März 1936.[131] [132]
Unter Hinweis auf die Polizeiverordnung über das Leichenwesen vom 18.April 1933 –MbliV.I S.491- ersuche ich dabei folgendes zu beachten:
1.) Die Ausgrabung ist so frühzeitig zu beginnen, daß die Überführung der Leichen noch am gleichen Tage möglich ist.
2.) Mit der Ausgrabung der Leichen ist der Totengräber oder eine andere geeignete und bereite Person zu beauftragen. Evtl. wollen Sie sich mit dem Arbeitsamt in Melsungen wegen Vermittlung solcher Personen in Verbindung setzen.
3.) Die Ausgrabung der Leichen ist durch den Desinfektor Seitz-Melsungen mit zu überwachen. Dieser ist von mir benachrichtigt und ferner ersucht, Desinfektionsmittel in ausreichenden Mengen zum Waschen der Hände usw. der beteiligten Personen mitzubringen.
4.) Leichenreste sind, falls sie noch nicht völlig verwest sind, in desinfizierte Tücher einzuschlagen.
5.) Wenn die alten Särge schon schadhaft sind, wollen Sie die zur Beförderung notwendigen Särge anfertigen lassen, jedoch ohne irgendwelchen Anstrich oder Verzierungen u. dergl. In diesem Falle kommen nur feste, gut abgedichtete Holzsärge, deren Böden mit einer reichlichen, etwa 5-10 cm hohen Schicht aufsaugender Stoffe versehen sind, in Frage.
6.) Zur Beförderung der Leichen nach Melsungen ist ein Leichenwagen zu benutzen (in Melsungen vorhanden). Die Beförderung der Aschen-Urne des Erich Graupe (nach dem Friedhof Adelshausen) dürfte ohne Schwierigkeiten möglich sein.
7.) Die Leichen sind bei der Beförderung durch eine zuverlässige Person zu begleiten. Diese ist dafür verantwortlich, daß die Beförderung möglichst ohne Unterbrechung bis zum Ziele durchgeführt wird, daß die Leiche von dem Gefährt, auf dem sie befördert wird, ohne triftigen Grund nicht abgeladen wird, daß das Gefährt bei einem unvermeidlichen Aufenthalt möglichst schnell auf einem abgesonderten Platze im Freien aufgestellt und am Bestattungsort selbst unmittelbar nach der Ankunft zu der Bestattungsstelle (Friedhof) geführt wird.
8.) Sämtliche entstehenden Kosten, die sich selbstverständlich nach tariflichen oder ortsüblichen Sätzen zu richten haben, werden auf die Staatskasse übernommen.-Die Rechnungen sind mir bis zum 5. April 1936 vorzulegen.
9.) Für die ordnungsmäßige Durchführung aller in Betracht kommenden Maßnahmen usw. sind Sie verantwortlich. Etwaige Schwierigkeiten würden hier rechtzeitig zur Sprache zu bringen sein.
10.) Die Herrichtung der beiden Grabstätten in Melsungen wird von mir veranlaßt. Für die Grabstätte des Erich Graupe ist das Erforderliche von Ihnen zu veranlassen.
11.) Die würdige und kostenlose (laufende) Unterhaltung der Grabstätte des Graupe ist mir demnächst noch anzuzeigen. Auf meine Verfügung vom 20.Februar 1936 -L.I.- nehme ich Bezug.
Das Pfarramt in Mörshausen, die israelitische Gemeinde in Melsungen und die Gauführerschule „Walkemühle“ sind benachrichtigt. Rechtzeitig vor Beginn der Ausgrabungsarbeiten wollen Sie den Leiter der Gauführerschule (nochmals) in Kenntnis setzen.
2.) An Herrn Kreisdesinfektor Seitz in Melsungen.(Brauerei). […]
Ich gebe hiervon Kenntnis und ersuche, die Ausgrabung usw. mit zu überwachen. Leichenreste sind, falls sie noch nicht völlig verwest sind, in desinfizierte Tücher einzuschlagen. Die erforderlichen Desinfektionsmittel, auch zum Waschen der Hände usw. der Beteiligten, wollen Sie mitbringen.
Die Ausgrabung usw. leitet der Bürgermeister[133]
in Adelshausen. Diesem ersuche ich Ihre Kostenrechnung nach Erledigung des Auftrages zuzuleiten.


3.) An Herrn Pfarrer Sauer in Mörshausen.

Zum Schreiben vom 17.Februar 1936 -Tgb.Nr.623.-

Die Leiche des auf dem Friedhof der Walkemühle beerdigten Erich Graupe soll am Dienstag, den 31.März 1936 ausgegraben und nach dem Friedhof in Adelshausen überführt werden.
Ich gebe Ihnen hiervon Kenntnis.


4.) An die Herren Gemeindeältesten, z.Hd. des Herrn Gemeindeältesten Julius Levy in Melsungen.
Unter Bezugnahme auf die mündliche Besprechung vom 10.Februar 1936 gebe ich Ihnen davon Kenntnis, daß die auf dem Friedhof der Walkemühle beerdigten Leichen des
1.) Justizrat Nelson,
2.) Prof. Leonard Nelson,
am Dienstag, den 31.März 1936 ausgegraben und nach dem jüdischen Friedhof in Melsungen überführt werden sollen.
Ich bitte, zu veranlassen, daß die Gräber rechtzeitig hergerichtet werden, damit die Beisetzung der Leichen nach ihrer Ankunft unverzüglich erfolgen kann.
Die Überführung nach Melsungen wird der Bürgermeister in Adelshausen veranlassen.
Bis zum 5.April 1936 sind mir die Rechnungen über die auftretenden Kosten vorzulegen.


5.) An die Gauführerschule „Walkemühle“ in Adelshausen.
[…]
Ich gebe hiervon Kenntnis und bitte, den Beteiligten das Betreten der Grundstücke der Gauführerschule zu gestatten.
Die Ausgrabungsarbeiten leitet der Bürgermeister in Adelshausen.

[…] [134]


Minna Specht schreibt aus Haastrup, Dänemark, am 24.3.1936:

An das Landratsamt Melsungen zu Händen Herrn von Gagern.
Durch Zufall höre ich von dem Gerücht, dass eine Ueberführung der Särge von Professor Nelson und seinem Vater von der Walkemühle nach Melsungen beabsichtigt ist. Eine solche ansich schon unerklärliche Massnahme wäre mir umso unverständlicher, als ich durch Sie persönlich in einem Schreiben vom 30. August 1934 (JG 13a) davon unterrichtet worden bin, dass der Herr Regierungspräsident in Kassel auf eine Anfrage von mir ausdrücklich erklärt hat: „Der Friedhof ist von der Enteignung ausgenommen.
Ich bitte höflich, mir umgehend eine aufklärende Antwort zuteil werden lassen.
Hochachtungsvoll.[135]
Minna Specht. Brief


Die Antwort zu diesem Brief vom 28.3.1936, siehe Blatt 284f, weiter unten.

Ohne dass die Gründe für den Stopp der Aktion nachvollziehbar sind, schreibt der Landrat am 26. März 1936:

1.) An a) den Herrn Bürgermeister in Adelshausen,
b) Herrn Kreisdesinfektor Seitz-Melsungen (Brauerei),
c) Herrn Pfarrer Sauer in Mörshausen,
d) Herrn Gemeindeältesten Julius Levy in Melsungen,
e) die Gauführerschule „Walkemühle“ in Adelshausen.


Im Nachgang zu meinem Schreiben vom 13. März 1936-L.I.1337- gebe ich davon Kenntnis, daß die Ausgrabung der auf dem Friedhof „Walkemühle“ beerdigten Personen und ihre Überführung nach den Friedhöfen in Adelshausen bezw. Melsungen am Dienstag, den 31.März 1936 nicht stattfindet. Etwa eingeleitete Vorarbeiten sind sofort einzustellen.
Weitere Nachricht wird zu gegebener Zeit folgen.

[136]


Der Landrat von Melsungen: 28.3.1936.

An Fräulein Minna Specht, Haastrup (Fyn), Dänemark
Auf Ihr Schreiben vom 24.3. teile ich mit, dass die Phil.Pol. Akademie mit Wirkung vom 18.2.1935 aufgelöst ist. Danach ist das Eigentum an Parz. 74, auf der sich die Gräber befinden, auf den Preuss. Staat übergegangen. Eine Umbettung nach dem israelit. Friedhof in Melsungen ist beabsichtigt, weil ein Verbleiben auf der Walkemühle schon im Interesse der Gräber nicht angebracht erscheint [handschriftliche Einfügung; mehrzeilig: Gräber außerhalb der öffentlichen Friedhöfe können überhaupt nur unter ganz besonderen Umständen, die hier nicht vorliegen, im öffentlichen Interesse geduldet werden.] und auf dem Friedhof in Melsungen eine Pflege der Gräber stattfinden wird.
Ich bitte um Mitteilung ob Sie mit [handschriftlich: gegen] dieser Regelung einverstanden sind. [handschriftlich: Einwendungen geltend machen haben.]
2.) V.W. nach Abg. (Bericht an Reg.Präs.)
30. März 1936
Paraphe des Landrats von Gagern

[Die handschriftlichen Änderungen stammen wohl vom Landrat;
durchgestrichene handschriftliche Bemerkung am Rand der Seite:]
aber auch aus ansonderen Gründen
[137]

286.jpg


April 1936

Am 1. April trifft beim Landrat ein Schreiben vom 31.3.1936 der Rechtsanwälte Hilmer Wicker, A. Kunath, Dr. Emmalene Bulling und Kurt Müller aus Bremen ein:

Fräulein Minna Specht, Østrupgaard p. Haarstrup, Fünen, hat mich gebeten, Ihnen das Folgende vorzutragen.
Auf dem zum Grundstück der Walkemühle gehörenden Friedhof befinden sich die Gräber von Herrn Professor L. Nelson, Justizrat Heinrich Nelson und ein Urnengrad von Herrn Erich Graupe.
Meine Auftraggeberin hat nun gehört, dass die Leichen und die Urne exhumiert werden sollen, weil man sie auf dem Friedhof der Stadt Melsungen überführen will. Sie bittet mich, bei Ihnen anzufragen, ob und aus welchem Grunde die Exhumierung erforderlich ist.
Fräulein Minna Specht, als der langjährigen Mitarbeiterin von Professor L. Nelson, ist es ein unerträglicher Gedanke, dass die Ruhe dieser Gräber gestört werden soll.
Ich darf darum höflich bitten, mir Bescheid über den Sachstand geben und mitteilen zu wollen, ob diese Veränderungen nicht unterbleiben können.
Die Rechtsanwältin:
gez. Dr E Bulling
Freiumschlag.[138]


HStAM 180 Melsungen Nr. 3729. Blatt 286.


Schon (!) am nächsten Tag antwortet der Landrat von Gagern:

1.) An Frau Rechtsanwältin Dr.E.Bulling in Bremen, Langenstraße 133 II.
Freiumschlag verwenden!
Auf Ihre Zuschrift vom 31. März 1936.
Beiliegend übersende ich Abschrift eines inzwischen an Frl. Minna Specht gesandten Schreibens zur Kenntnis. Daraus sollen Sie das Nähere ersehen. Die Aschen-Urne des Erich Graupe soll nach dem Friedhof in Adelshausen überführt werden.
Nachdem auch der Friedhof die Friedhofsparzelle zu Gunsten des Landes Preußen eingezogen und auf den Grundstücken der Walkemühle eine Lehrstätte der NSDAP (Gauführerschule) eingerichtet ist, ist die Umbettung der Toten angebracht [handschriftlich: aus den verschiedensten Gründen geboten] erwünscht. Die Pflege und Unterhaltung der Gräber [unleserlicher und durchgestrichener Text] auf den angegebenen Friedhöfen ist m.E. auch [handschriftlich: sehr viel] besser gewährleistet. [139]


Minna Specht. Blatt 288


Die Antwort von Minna Specht aus Østrupgaard (Dänemark) vom 9.4.1936:

An den Landrat des Kreises Melsungen
Herrn v. Gagern
Gegenüber dem Schritt, die Stille eines Friedhofs zu stören und den Freunden der Toten das ruhige Andenken an diese Stätte zu rauben, steht mir nach Ihren Mitteilungen ein juristisches Recht nicht mehr zu.
Aber es bleibt mir das Recht, daran zu erinnern, daß sich die Herren in Melsungen bei meinem Weggang mit ihrer persönlichen Ehre dafür eingesetzt haben, den Friedhof zu schützen. Ein solches Versprechen sollte um so mehr binden, je wehrloser derjenige ist, dem es gegeben wurde.
Wenn Sie auf die Schwierigkeiten aufmerksam machen, die mit der Pflege des Friedhofs verbunden waren, so habe ich Verständnis dafür erwartet, daß ich den schlichten Ort, an dem sich die Gräber befanden, der Natur anvertraut habe, die sicher ein wohltuenderer Wärter ist als die Menschen mit ihrem Streit und Hader.
[gez.] Minna Specht.[140]


HStAM 180 Melsungen Nr. 3729. Blatt 289.


Mai 1936

Der Regierungspräsident an den Landrat von Melsungen, Kassel, den 4.5.1936:

Auf Ihr Schreiben vom 26. März ds. Js. teile ich ihnen hiermit mit, daß ich von einer Umverlegung der Grabstätte des Professors Leonhard Nelson und seines Vaters von dem Friedhof der Walkemühle nach Melsungen Abstand nehme.
Der Landrat in Melsungen ist von mir benachrichtigt.


An Fräulein Minna Specht in Haastrup /Dänemark
durch die Kurierabfertigung des Auswärtigen Amtes in Berlin, Wilhelmstr.75
Abschrift zur gefl. Kenntnisnahme.
[gez.] von Monbart
[141]


Einen Tag später ergeht dieses Schreiben:

Preuss. Geh. Staatspolizei Kassel,den 5.5.36
Staatspolizeistelle
f.d. Reg. Bez. Kassel. Eilt sehr!
Abtl. II/1 Tgb. Nr. 1039/36


An den
Herrn Landrat
in Melsungen.


Betrifft: Oberlehrerin Minna Specht, 22.12.79 in Adelshausen geb., zuletzt in Walkemühle Kr. Melsungen wohnhaft gewesen.
Die Oberlehrerin Minna Specht ist auf Antrag des Herrn Regierungspräsidenten in Kassel dem Herrn Reichs- und Preuss. Minister des Innern zur Ausbürgerung vorgeschlagen worden. Es wird beabsichtigt, die Aberkennung der Reichsangehörigkeit ggf auch auf den Ehegatten und auf die ehelichen oder an Kindes- statt angenommenen Kindern, ggf. auch auf unehelichen Kindern zu erstrecken, wenn aus deren Verhalten nach aussenhin ersichtlich ist , dass sie dem Staatsinteresse zuwiderlaufende Tätigkeit der Auszubürgernden billigen. Dies ist dann anzunehmen, wenn sie den Wohnsitz des Auszubürgernden im Auslande teilen. Leben sie im Auslande, so muss ihr Einverständnis mit der Handlungsweise der Auszubürgernden anderweit erwiesen sein. Die minderjährigen Kinder sind dem Elternteil gleichzustellen, bei dem sie leben.
Ich ersuche daher festzustellen, ob Minna Specht verheiratet ist bezw. war und ob Kinder aus der Ehe hervorgegangen sind. Zutreffendenfalls ist über die in Frage kommenden Personen, insbesondere über ihre Personalien, Staatsangehörigkeit, Rassezugehörigkeit, Konfession, den derzeitigen Aufenthaltsort, sowie über ihre frühere politische Betätigung und die Einstellung zum nationalsozialistischen Staat eingehend zu berichten und abschliessend zur Frage der Ausbürgerung Stellung zu nehmen. Etwa erforderliche Ermittlungen bei anderen Staatspolizeistellen bezw. Politischen Parteien der Länder sind von dort aus vor- zunehmen. Sollten sich die Familienangehörigen z.Zt. im Auslande aufhalten, so ersuche ich, den Bericht darauf zu beschränken, ob nach ihrem bisherigen Verhalten im Inlande eine Aberkennung der Reichsangehörigkeit angebracht erscheint.
Da die Erstreckung der Ausbürgerung auf Familienangehörige in nächster Zeit durchgeführt werden soll, ersuche ich, die Ermittlungen mit möglichster Beschleunigung, bis spätestens 15.5.36, vorzunehmen.
[Siegel] Staatspolizeistelle in Kassel Im Auftrag:
[gez. Unterschrift, unleserlich]

[142]

HStAM 180 Melsungen Nr. 3729. Blatt 296



Warum und aus welchen Motiven sowohl der Landrat von Gagern bzw. der Regierungspräsident von Monbart die „Aktion Umbettung“ im Frühjahr 1936 abbrachen bzw. richtiger unterbrachen, ist unbekannt ebenso wie das weitere Vorgehen. Was dann bis spätestens August 1938 passierte, als zwei der „Gräber“ in dem Verzeichnis der Gräber des Jüdischen Friedhofs Melsungen aufgeführt sind, ist nach den weiter unten zu lesenden Hinweisen von Willi Schaper wahrscheinlich kriminell.
Die restlichen Blätter der Akte 180 Melsungen 3729 behandeln die sog. Ausbürgerung von Minna Specht.

Akte 180 Melsungen 3729



April 1942

Ein wertvoller Hinweis[143] lenkte im November 2017 die Aufmerksamkeit auf diese Akte mit dem Titel Leichen- und Bestattungswesen mit der Laufzeit: 1940-1953.
Zwischen originalen Leichen- bzw. Todesscheinen enthält die Akte umfangreiche Vorschriften zum Verbot, an der Ostfront Gefallene auf heimatlichen Friedhöfen zu bestatten, Regeln über die Bestattung von Juden und sog. Gottgläubigen, bzw. sowjetischen Kriegsgefangenen, auf christlichen Friedhöfen, über den Umgang mit Leichen nach Bombenangriffen und Ähnliches. Eingestreut zwischen diesen teils bedrückenden Unterlagen taucht dann das Stichwort Eigentum an Parzelle 74 resp. Friedhof auf der Walkemühle auf!

Am 2. April 1942 schreibt der Regierungspräsident in Kassel an den Landrat in Melsungen:

Der Gauschatzmeister der NSDAP teilt mir mit, daß er Wert darauf legt, daß die beim Erwerb der Walkemühle bisher unberücksichtigt gebliebene Parzelle 74 (Friedhof) im Grundbuch auf den Namen der NSDAP umgeschrieben wird. Ich ersuche daher um Bericht ob,
1.) Das erwähnte Grundstück seinerzeit zu Gunsten des Pr. Staates und ggf. auf Grund welcher Verfügung eingezogen worden ist, oder ob die Einziehung noch später erfolgt ist.
2.) ob die Grabstätte auf dieser Parz. noch besteht oder die Umbettung bereits vorgenommen worden ist. Eine Bescheinigung des Gesundheitsamtes ist beizufügen.

2.4.1942: Wem gehört die Parzelle 74?

2.4.1942: Wem gehört die Parzelle 74?[144]

Am 20. Mai ergeht eine erste Mahnung an den Landrat in Melsungen mit der Aufforderung auf Antwort innerhalb von 8 Tagen; die zweite Mahnung folgt dann am 1. Juni mit Aufforderung auf sofortige Antwort; beide Mahnungen werden auf Postkarten verschickt!

20.5.1942: 1. Mahnung.

20.5.1942: 1. Mahnung.[145]

6.6.19442: 2. Mahnung.

6.6.1942: 2. Mahnung.[146]

Im Archiv folgt dann ein durchgestrichenes Blatt vom 12. Juni 1942 mit der rot unterstrichenen Überschrift: Sofortsache!
Weiter heißt es:

Die Grabstätte besteht nicht mehr; die Umbettung ist im Jahre 1938 erfolgt. Ob das erwähnte Grundstück zu Gunsten des Pr. Staates eingezogen ist, kann ich nicht angeben, da die diesseitigen Akten z.Zt. nicht festzustellen sind. M. E. sind s.Zt. die Akten dem stellv. Landrat, Kreisleiter Dr. Reinhart in Melsungen überlassen worden, der sie vermutlich [handschriftlich eingefügt] an die Gauleitung weitergeleitet hat. Ich bitte diesbezüglich gelegentlich mit dem Gauschatzmeister der NSDAP. in Verbindung zu treten.

2.6.1942: Entwurf einer Antwort: Sofortsache!

12.6.1942: Entwurf einer Antwort: Sofortsache![147]

16.6.1942: Einziehung an das Deutsche Reich.

16.6.1942: Einziehung an das Deutsche Reich.[148]

Die abgeschickte Antwort enthält dann u.a. diesen Text:

Das erwähnte Grundstück soll, wie ich festgestellt habe, seinerzeit auf ausdrücklichen Wunsch der Gauleitung nicht mitübernommen worden sein, weil der Friedhof noch belegt war. Es handelt sich um die verstorbenen Juden Justus [149] Nelson und Professor Leonhard Nelson sowie Erich Graupe. Die Leichen der beiden Nelsons sind im Jahre 1936 nach Benehmen mit dem Staatlichen Gesundheitsamt auf den Judenfriedhof in Melsungen umgebettet worden. Bei Graupe handelt es sich lediglich um Aschenreste, die nach dem Friedhof in Adelshausen überführt worden sind. Da der Friedhof bereits seit Mitte 1936 nicht mehr seiner Zweckbestimmung dient, habe ich von der Einziehung einer Bescheinigung des Gesundheitsamtes abgesehen.
Trotz intensiven Suchens konnten die diesseitigen Akten über die Walkemühle nicht mehr ermittelt werden. Es besteht die Vermutung, dass die Akten seinerzeit der Kreisleitung überlassen und nicht mehr zurückgegeben worden sind.[150]Nach dem beigebrachten Grundbuchauszug ist als Eigentümer noch die Philosophisch-Politische Akademie e.V. Berlin-Charlottenburg als eingetragen. Die Überschreibung dieser Parzelle auf den Preuss. Staat dürfte seinerzeit deshalb unterblieben sein, weil die Gauleitung zunächst auf die Überschreibung dieses Grundstückes verzichtete. Ich nehme an, dass dies aus den dortigen Vorgängen festgestellt werden kann.

April 1943

8.4.1943: Der Oberpräsident soll entscheiden!

8.4.1943: Der Oberpräsident soll entscheiden![151]

8.4.1943: Der Oberpräsident soll entscheiden! S. 2.

8.4.1943: Der Oberpräsident soll entscheiden! S. 2.[152]

Der Regierungspräsident schreibt dann am 8. April 1943 [153] an die Gauleitung Kurhessen der NSDAP. – Gauschatzmeister – Kassel Adolf Hitler Haus.:

Die Leichen der beiden Nelsons sind nun im Jahre 1938 auf den Judenfriedhof in Melsungen überführt worden. Ebenso hat man die noch weiter auf dem Grundstück beigesetzt gewesenen Aschenreste eines gewissen Erich Graupe nach dem Friedhof in Adelshausen umgebettet, sodaß die Parzelle 74 seither nicht mehr Friedhofszwecken dient. Ich habe daher meine landespolizeiliche Genehmigung vom 13.4.27 zur Anlage einer privaten Begräbnisstätte auf ihr heute zurückgenommen.
Die eingezogenen Grundstücke der Walkemühle sind auf Grund eines Vertrages vom 9.11.1936 von Preußen an die NSDAP. für 6000 RM verkauft und aufgelassen worden. Wenn die Partei heute auf den Erwerb der ehemaligen Friedhofsparzelle 74 Wert legt, so kann die Übereignung an sie erst nach Einziehung des Grundstückes geschehen. Ich habe ihre Einziehung daher heute verfügt.

8.4.1943: Zur gefl. weiteren Veranlassung.

8.4.1943: Zur gefl. weiteren Veranlassung.[154]

8.4.1943: Zur gefl. weiteren Veranlassung, S. 2

8.4.1943: Zur gefl. weiteren Veranlassung, S. 2.[155]


Die Kurhessische Friedhofsordnung

Zwei Dokumente in der Akte mit dem Titel Leichen- und Bestattungswesen befassen sich mit der Problematik der Neuregelung des Friedhofsrechtes während des Krieges bzw. der Benutzung der konfessionellen Friedhöfe durch Personen. die nicht der betreffenden Konfession angehören.[156]
Die Dokumente stehen zwar nicht im direkten Zusammenhang mit der „Umbettung“ der „Nelson-Gräber“, zeigen jedoch gut den „Geist der damaligen Zeit“ bzgl. der Thematik Friedhöfe.

Regelung des Friedhofsrechts. Die Kurhessische Friedhofsordnung

Die Kurhessische Friedhofsordnung.[157]

Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis.

Geheim! 1. Dies ist ein Staatsgeheimnis.[158] [159]

Der Regierungspräsident Kassel,

A II 24. April 1940

672/40 g.
Betrifft: Neuregelung des Friedhofsrechtes.

Das Kurhessische Friedhofsrecht ist, wie von mir seit langem anerkannt ist, in hohem Maße reformbedürftig. Es ist mit der Auffassung einer nationalsozialistischen Staatsführung nicht vereinbar, dass unter der Herrschaft des Kurhessischen Friedhofsrechts im wesentlichen die Gemeinden alle Lasten, die Kirchengemeinden dagegen alle Rechte haben. Nach mir gewordenen Mitteilungen von besonderer Stelle ist aber mit dem Erlass des dringend notwendigen einheitlichen Friedhofsgesetzes während der Dauer der Kriegsverhältnisse nicht zu rechnen. Der Stellvertreter des Führers hat die Absicht, folgende Regelung vorzuschlagen:
1. Die Friedhöfe stehen für alle beantragten und im Gemeindegebiet erforderlich werdenden Bestattungen einschl. einer angemessenen und würdigen Bestattungsfeier zur Verfügung. Die Bestattung von Juden kann verweigert werden, wenn im Gemeindegebiet oder in Bezirk der unteren Verwaltungsbehörde, der die Gemeinde angehört, ein jüdischer Friedhof vorhanden ist.
2. Die dürfen die Gebühren Friedhofseigentümer für die Benutzung ihrer Friedhöfe und Friedhofseinrichtungen für Angehörige ihrer Gemeinde oder Kirchengemeinde und anderer Personen nicht verschieden bemessen.
3. Findet auf dem Friedhof einer Religionsgemeinschaft eine Bestattung ohne eine von dieser Religionsgemeinschaft veranstaltete Bestattungsfeier statt, oder wird neben der Trauerfeierlichkeit der Religionsgemeinschaft noch eine Feier von anderer Seite veranstaltet, so steht die Aufsicht über die Bestallung allein der Ortspolizeibehörde zu. Die der Religionsgemeinschaft gehörenden und zur Aufbewahrung und Aufbahrung der Leichen dienenden Räumlichkeiten mit Ausnahme der zum Gottesdienst bestimmten Räume, sind zur Verfügung zu stellen.
[…]
Jedenfalls ist gerade jetzt im Kriege unbedingt dafür zu sorgen, dass unliebsame Vorkommnisse bei Bestattungsfeiern, die nicht von der Religionsgemeinschaft veranstaltet werden. unter allen Umständen unterbleiben.
Soweit es sich um die Beerdigung von Juden handelt verweise ich auf meine Rdverfg. vom 15.6.1940 Nr. A II über die Judenfriedhöfe. Danach wird es sich im Reg.Bez. m.E. grundsätzlich vermeiden lassen, dass Juden auf nicht rein jüdischen Friedhöfen beigesetzt werden.
Geheime Staatspolizei Staatspolizeistelle Kassel
B.Nr. II B – 1598/41.

24. April 1941

Zum Thema Benutzung der konfessionellen Friedhöfe durch Personen. die nicht der betreffenden Konfession angehören äußert sich der Regierungspräsident Kassel so:

Benutzung der konfessionellen Friedhöfe. Der Erlass des Reichsministers

Benutzung der konfessionellen Friedhöfe.[160]

Benutzung der konfessionellen Friedhöfe.
Der Erlass des Reichsministers
Betrifft: Benutzung der konfessionellen Friedhöfe durch Personen. die nicht der betreffenden Konfession angehören.
[…]
Verschiedentlich haben Pfarrämter auch verlangt, dass alle Grabmale, also auch die Grabmale von Gottgläubigen, Zeichen des christlichen Glaubens tragen sollen. Ein derartiges Verlangen steht im Widerspruch zu dem Friedhofserlass des Reichministers es Innern vom 31. 10. 1940.[161]
Die Friedhöfe haben grundsätzlich der Allgemeinheit zu dienen und sind als öffentliche Einrichtungen zu betrachten; den Toten der Volksgemeinschaft gegenüber aber gibt es für den deutschen Menschen nur die Haltung der Ehrfurcht.
Soweit künftig Pfarrer gegen diese Grundsätze verstossen, ersuche ich um sofortigen Bericht, gegebenenfalls mündlich voraus, damit von hier aus weitere Massnahmen getroffen werden können.

Den Friedhof wieder so herstellen, wie er war.

Hanna und René Bertholet besuchten im Juni 1945 auf ihrer Rundreise durch die deutsche Trümmerlandschaft auch die teilweise zerstörte Walkemühle, wo sie selber vor 1931 längere Zeit gelebt hatten. In einem ausführlichen Bericht[162] schreiben sie am 14.6.1945 an Willi Eichler:

Heinrich und Leonard Nelson hat man auf dem Judenfriedhof in Melsungen beigesetzt. Das werden wir wieder ändern.

Ein nächster Hinweis findet sich in einem Brief von Willi Schaper aus der Walkemühle an Fritz Eberhard am 5.1.1946:

Der Friedhof ist von den Nazis zerstört worden. Vater Nelsons und Nelsons Grab sind nach Melsungen auf den jüdischen Friedhof gebracht. [Die Urne von] Erich Graupe ist in einer Ecke des Adelshäuser Friedhofes verscharrt worden. Ich hoffe, dass wir in diesem Jahre den Friedhof wieder so herstellen, wie er war.[163]

Am 25.3.1946 fragt dann Willi Schaper bei Willi Eichler an:

Kannst Du mir die frühere Lage der Gräber auf dem Friedhof angeben? Ich hoffe, dass wir die Umbettung bald vornehmen können, wenn der Friedhof etwas in Ordnung ist.[164]


Die Antwort von Willi Eichler kommt am 1.4.1946 aus Köln:

Ich wäre gern dabei, wenn die Umbettung geschieht. Wenn ihr es also nicht unbedingt sofort machen müsst, dann würde ich gern warten, bis Minna [Specht] und ich dabei sein könnten.[165]

Eine weitere Antwort von Willi Schaper an Willi Eichler vom 8.4.1946:

Den Friedhof lasse ich erst in nächster Zeit in Ordnung bringen. Er soll planiert und mit Rasen besät werden. Dann kann erst die Umbettung erfolgen. Es wird also noch einige Zeit dauern. Minna [Specht] und Du, ihr könnt dann einen Zeitpunkt festsetzen, wann sie stattfinden soll. Im Herbst will ich dann eine Rabatte anlegen und einige Sträucher pflanzen lassen, damit der Friedhof wieder ein würdiges Aussehen bekommt.[166]


Aus den Lebenserinnerungen von Willi Schaper stammen die folgenden Ausschnitte:[167]

Vater Nelson starb im Frühjahr 1929. Specht und alle Schüler waren außerhalb der Mühle, ich glaube, die meisten waren in England. Ich mußte alle bürokratischen Sachen erledigen, und wir stellten dabei mit Bedauern fest, daß für den Feuerbestattungsverein, in dem Vater Nelson war, nicht die nötigen Beiträge bezahlt worden waren. Das zuständige Standesamt war damals in Mörshausen.
[…]
Wegen der Erledigung für die Bestattung wußte ich auch von Nelsons Abstammung von dem Mathematiker Dirichlet und andererseits von Moses Mendelssohn.[168]
Unser Gärtner, Matthias Schwer, hatte das Grab ausgehoben, und wir haben Vater Nelson dann oben auf dem eigens für die Walkemühle eingerichteten Friedhof, auf dem Leonard Nelson schon beerdigt war, begraben. Leonard und Heinrich Nelson wurden von den Nazis exhumiert und, nachdem die Skelette wahrscheinlich ziemlich elend zertrümmert wurden, auf dem israelitischen Friedhof in Melsungen beigesetzt. An dieser Beisetzung in Melsungen mußte der Stadtbaumeister, namens Zamsow glaube ich, teilnehmen. Als wir nach 1945 erwogen hatten, die Gräber wieder auf dem Walkemühlenfriedhof einzurichten, sagte mir der Sohn dieses Mannes, Gustav Zamsow, der Bauunternehmer in Melsungen war, und für uns gearbeitet hat: „Herr Schaper, können Sie das nicht verhindern? Wenn Sie das machen könnten, wäre das gut. Mein Vater hat gesagt, wenn das gemacht wird, nimmt er sich das Leben.“ Der Vater wußte also, was dort geschehen ist. Es wurde mir gesagt, daß aus den Schädeln die Goldplomben ausgebrochen wären, und daß ein SA-Mann dafür eine KDF-Reise gemacht hat. Endgültig könnte das natürlich nur festgestellt werden, wenn eine Umbettung auf irgendeine andere Grabstätte vorgenommen würde. Die Urne von Erich Graupe, die auch oben auf dem Friedhof beerdigt war, haben die Nazis unter den Schutt auf dem Friedhof in Adelshausen gebracht. Ich habe sie dann dort ausgegraben und sie ist auch auf den Friedhof nach Melsungen gekommen.[169] [170]


Und weiter auf Seite 45 heißt es in den Lebenserinnerungen von Willi Schaper:[171]

Ich weiß jetzt nicht, hat das Land Hessen oder die Stadt Melsungen die Pflege der Gräber übernommen. [172] [173]
Da die Schrift inzwischen ziemlich verwittert war, haben ein Göttinger Freund und ich dieselbe vor einigen Jahren wieder nachgezogen, sodaß sie jetzt wieder lesbar ist.[174]

Die Schilderungen von Willi Schaper zu diesen Begebenheiten finden sich mit ähnlichen Worten auch in den „Geschichten von der Walkemühle bei Melsungen in Nordhessen“ von Rudolf Giesselmann.

Der Schriftwechsel zur beabsichtigten, aber nicht vollzogenen Wiederherstellung des Friedhofs auf der Walkemühle befindet sich im Hessischen Staatsarchiv in Marburg in einer Akte mit dem überraschenden Titel Instandsetzung jüdischer Friedhöfe.[175]
Willi Schaper beantragt am 19.4.1948 im Namen des Landerziehungsheims Walkemühle beim Bürgermeister der Stadt Melsungen, Christian Bitter, die „Umbettung der Graeber“:

Die Graeber der beiden Erstgenannten [Heinrich und Leonard Nelson] befinden sich jetzt auf dem juedischen Friedhof in Melsungen, das Grab Graupe’s auf dem Friedhof in Adelshausen. Wir beantragen hiermit, den Friedhof Walkemuehle in seinen alten Zustand zurueckzufuehren. Da sich hartnaeckig das Geruecht erhaelt, dass bei der Umbettung der Graeber Leichenfledderung vorgenommen wurde, bitten wir, dass wir bei der Oeffnung der Graeber zugegen sind.


HStAM 330 Melsungen Nr B 940.

19.4.1948: W. Schaper an Bürgermeister Bitter.[176]

Bürgermeister Bitter fordert daraufhin endlich nach zwei Monaten am 11. Juni seinen Vorgänger, Dr. Otto Schmidt, zur Stellungnahme auf.

HStAM 330 Melsungen Nr B 940.

11. Juni 1948: Bürgermeister Bitter an Bürgermeister a.D. Schmidt.[177]

Schmidt antwortet am 17. Juni an Bitter u.a.:

Die Umbettung der genannten Leichen ist s.Zt. auf Ersuchen einer oberen Parteidienststelle vom Landratsamt Melsungen angeordnet. Die Stadt wurde gebeten, Arbeitskräfte zur Ausführung zur Verfügung zu stellen, da der Kreis eigene Arbeitskräfte nicht hatte.
Ich habe s.Zt. den Stadtbauführer Zamzow gebeten, mit einigen städtischen Leuten die Umbettung vorzunehmen; sie wurde in den frühen Morgenstunden ausgeführt; m.E. sind die entstandenen Überstundenkosten der Stadt erstattet worden. Dies muß in den Akten irgendwo nachgewiesen sein.
Die Grabherstellung auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ist, wie mir Stadtbauführer Zamzow mitteilte, von der jüdischen Gemeinde veranlasst worden.
Die Stadtverwaltung hatte von sich aus keine Veranlassung aus der Gemeinde Adelshausen die Leichen zu holen; sie konnte sich aber dem gestellten Ersuchen zur Amtshilfe nicht entziehen. Eine Verpflichtung zur Zurückführung der Leichen auf städt. Kosten kann m.E. nicht begründet sein, wenn überhaupt kann die veranlassende Stelle hierzu verpflichtet sein.
Unterschrift Schmidt.
HStAM 330 Melsungen Nr B 940.

Friedhof der Walkemühle.[178]

Dann weiter ein Stadtobersekretär:

…Der Antrag des Landerziehungsheim Walkemühle auf Wiederherrichtung des Friedhofs auf der Walkemühle durch die Stadt Melsungen wird abgelehnt und dem Antragsteller anheimgegeben, entsprechenden Antrag beim Landrat in Melsungen zu stellen.

Die Antwort kommt dann allerdings erst am 24. Juli:

HStAM 330 Melsungen Nr B 940.

24. Juli 1948: Antwort an die Walkemühle..[179]

Meine Ermittlungen haben ergeben, daß die Verlegung des früheren Friedhofs auf der Walkemühle auf Ersuchen einer oberen Parteidienststelle der NSDAP vom Landratsamt Melsungen angeordnet wurde. Eine entsprechende Stellungnahme des früheren Bürgermeisters Dr. Schmidt füge ich in der Anlage abschriftlich bei.
Der Magistrat kann sich auf Grund dieses Sachverhalts nicht dazu bereit erklären, den früheren Zustand auf städtische Rechnung wieder herzustellen.
Ich stelle Ihnen anheim, einen entsprechenden Antrag beim Herrn Landrat in Melsungen zu stellen.[180]

Falsch ist die Aussage des Bürgermeister a.D. Dr. Schmidt: „Die Grabherstellung auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ist, wie mir Stadtbauführer Zamsow mitteilte, von der jüdischen Gemeinde veranlasst worden.“[181]

Weiterhin ist falsch: „sie konnte sich aber dem gestellten Ersuchen zur Amtshilfe nicht entziehen.“ Der Bürgermeister des Dorfes Adelshausen hatte es aber 1936 „erfolgreich“ abgelehnt, dass die Gräber auf den dortigen Friedhof kamen.[182]

Beachtenswert ist auch, dass auf das Gerücht der „Leichenflederrung“ mit keinem Wort eingegangen wird! Dies kann als eine implizite Bestätigung der Leichenschändung, resp. der Störung der Totenruhe, interpretiert werden.

Ob ein entsprechender Antrag bzgl. einer Umbettung zurück auf die Walkemühle gemäß des Hinweises des Bürgermeisters beim Landrat gestellt wurde, ist nicht bekannt. Ebenso sind keine Unterlagen bekannt, wie und wann genau die Grabstelle für die Urne von Erich Graupe auf dem Jüdischen Friedhof in Melsungen angelegt wurde. Willi Schaper muss daran wohl beteiligt gewesen sein.



Was übrig bleibt: Resignation, Trauer und Gedenken.


Gedenken Zum Tod von Mathias Schwer
Heinrich Nelson starb im Frühjahr 1929. Unser Gärtner, Matthias Schwer, hatte das Grab ausgehoben, und wir haben Vater [d.h. Heinrich] Nelson dann oben auf dem eigens für die Walkemühle eingerichteten Friedhof, auf dem Leonard Nelson schon beerdigt war, begraben.[183]

Foto. AdsD. Nachlass Leonard Nelson 6/FOTA030385. ca. 1930

Mathias Schwer in der Gärtnerei der Walkemühle, ca. 1930. [184]
Rechts ist der Bogen der alten Pfieffebrücke zu erkennen, über die damals die Landstraße führte. Von der Brücke ist dieses Foto gemacht worden, auf dem im Vordergrund rechts die Gärtnerei zu sehen ist.

In einem Brief an Fritz Eberhard schreibt Willi Schaper am 5.1.1946

Unser alter Schwer, den die Nazis zwangsweise wieder in die Mühle geholt hatten, hat sich vor vier Jahren angeblich hier in Vater Nelsons Haus erhängt. Nach Angaben seines Sohnes scheint die Sache aber nicht ganz zu stimmen, denn man hat einige Tage gebraucht, um ihn dort aufzufinden.[185]

Gemäß der schriftlichen Anzeige der Ortspolizeibehörde zu Adelshausen beim Standesbeamten Kördel in Mörshausen am 6. Dezember 1941 ist der Gärtner Mathias Schwer am 5. Dezember 1941 gegen 8 Uhr 30 in Adelshausen Gauführerschule Walkemühle aufgehängt aufgefunden worden.[186]

Willi Eichler schreibt am 2. März 1946 noch an Willi Schaper

ich habe Dir vor einigen Monaten die Kopie von dem Bild der Walke-Mühle gesandt, das wir damals im August von den Verwandten von Schwer mitgenommen hatten. Ich lege Dir hier das Bild von ihm selbst bei, von dem ich allerdings keine Kopien habe anfertigen lassen, weil auf der Rückseite noch die große Widmung mit »Heil Hitler« steht.[187]

Mathias Schwer, 1.4.1939.[188]
Text auf der Rückseite des Fotos: Unserem Opa, dem Betreuer des Gartens, zum 70. Geburtstag! Heil Hitler! harald haach, 47.DAF. Lehrgang. 1.4.39.

Wo und wie Mathias Schwer beerdigt wurde, ist nicht bekannt. Nach Auskunft [189] der jetzigen Pfarrerin der früher für den Adelshäuser Friedhof zuständigen Pfarrei Mörshausen sind Unterlagen über den Friedhof in Adelshausen aus der fraglichen Zeit nicht mehr vorhanden.
Auch im Landeskirchlichen Archiv Kassel konnten keine Unterlagen gefunden werden.

Resignation Briefe zu Jahrestagen
Resignierend schreibt am 24.10.1950 Minna Specht an Nora Platiel im Zusammenhang mit den Verkaufsverhandlungen bzgl. der Walkemühle:

Heute kommt Willi [Eichler] und ich spreche mit ihm die Mühle durch. Ich bin sicher, er ist mit jedem Verkauf einverstanden. Auf 50 000 M würde ich raufgehen, das ist dann schon ein Nachlass. Ob kath. Schwestern oder ein kap. Unternehmer – das verändert die Grundfrage nicht, daß die Mühle verbrannt ist. Sie ist für mein Gefühl durch die Nazizeit geschändet, daß ich selbst den Einzug der Falken nicht froh begrüßte. Es gibt Erlebnisse, die nicht zu verlöschen sind – und das ist hier mit der Mühle und dem Friedhof geschehen. 1933 hörte der Friede auf und wenn müssen wir doch anders anfangen.[190]

Beachtenswert ist die Formulierung Ob kath. Schwestern oder ein kap. Unternehmer; schließlich kämpfte der ISK vor 1933 gegen die Kirchen und den Kapitalismus!

Zum 25sten Todestag Leonard Nelsons am 29.10.1952 schreibt am 24.10.1952 wiederum Minna Specht an Nora Platiel:

Meine geliebte Nora, willst Du – ich hoffe ohne Mühe – durch einen Gärtner in Melsungen oder Kassel ein paar rote Rosen auf das Grab unseres N legen lassen? 1927 dachte ich, was wird in 25 Jahren sein?[191]

Auch Willi Eichler schreibt dann am 9.11.1952 an Nora Platiel:

Ich danke Dir sehr für das Efeublatt von Nelsons Grab. Es ist wohl ausgemacht, dass wir ihn nicht nochmal umbetten.[192]

Trauer Besuche an den Gräbern
In den folgenden Jahren kommt es mehrfach zu Besuchen z.B. von ehemaligen ISK-Genossen auf dem Friedhof, so etwa zu einer Kranzniederlegung für Leonard Nelsons anlässlich des 80. Geburtstages am 11.7.1962:[193]

Personen v.l.n.r.: Siehe Text

Personen v.l.n.r.: Grete Mayr-Eichenberg, Heinz-Joachim Heydorn, Nora Platiel-Block, Herta Lewinski, Lola Reitz, Hedwig Urbann, Hermann Platiel, Erna Blencke.
Meiner Meinung nach ist die Frau in der Mitte nicht Herta Lewinski, der ich – wie auch vier Anderen auf dem Foto – persönlich begegnet bin.

1968 besucht der bulgarische Philosoph Zeko Torbov den Friedhof. Er war einige Zeit 1925 in der Walkemühle.

Zeko Torbov am Grab von Leonard Nelson.

Zeko Torbov am Grab von Leonard Nelson. [194]
Wie zu sehen ist, war 1968 die Hecke um die Gräber ca. 1,5m hoch.

Im Sommer 1997 besuchten eine Enkelin Leonard Nelsons, Maria Nelson, und ihre Tochter Rachel Urban, den Friedhof in Melsungen.

Sommer 1997 besuchten eine Enkelin Leonard Nelsons. Maria Nelson und ihre Tochter Rachel Urban den Friedhof in Melsungen.

Darüber erschien in der Lokalausgabe Melsungen der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen am 3.6.1997 ein Bericht.[195]

Gedenken Zwei Fotos
Im Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn finden sich noch diese beiden Fotos:

Die Grabstelle. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie

Die Grabstelle.[196]

Die steinerne Bank steht gegenüber der Nelson-Grabstelle

Die steinerne Bank[197]
steht gegenüber der Nelson-Grabstelle innerhalb des durch die Hecke umgrenzten Areals. Zu sehen ist die Rückseite des Grabsteines für Erich Graupe. Das Aufnahmedatum des Fotos ist unbekannt. Die Hecke hat hier eine Höhe von ca. 1,2 m.

Gedenken Ein aktueller Zeitungsartikel
Anläßlich des 90sten Todestages von Leonard Nelson am 29.10.2017 erschienen in der Melsunger Ausgabe der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen am 28.11.2017 zwei Artikel von Judith Féaux de Lacroix:

Fast vergessener Philosoph - Vor 90 Jahren starb der politische Denker - Grabstätte in Melsungen

Kinder sollten Selbstvertrauen lernen - Das Landerziehungsheim Walkemühle in Adelshausen war ein reformpädagogisches Projekt

Aktuelle Fotos vom Jüdischen Friedhof in Melsungen

Die folgenden Aufnahmen hat Ralf Schaper aufgenommen.

Aufgenommen am 29.10.2017 dem 90sten Todestag Leonard Nelsons.

Aufgenommen am 29.10.2017, dem 90sten Todestag Leonard Nelsons.

Blick auf das Grab von Erich Graupe in dem von der hohen Hecke abgetrennten Bereich. 6,5 m × 5 m.

Blick auf das Grab von Erich Graupe in dem von der hohen Hecke abgetrennten Bereich, ca. 6,5 m × 5 m.

Einige alte Gräber. links die Hecke. Blickrichtung Nordwest

Einige alte Gräber. links die Hecke. Blickrichtung Nordwest.

Einige alte Gräber. links die Hecke. Blickrichtung Südwest.

Einige alte Gräber; links die Hecke. Blickrichtung Südwest.

Hinten rechts ist links von der Friedhofsmauer die Hecke zu erkennen. Blickrichtung Ost.

Hinten rechts ist links von der Friedhofsmauer die Hecke zu erkennen, Blickrichtung Ost.

Schmiedeeisernes Gitterchen. Grulms Kleibl S. 137 das der Entschrottung entgangen ist

„Schmiedeeisernes Gitterchen, das der Entschrottung entgangen ist“.[198]

Ein alter Grabstein mit segnenden Priesterhänden.

Ein alter Grabstein mit segnendenPriesterhänden.[199]


Offene Fragen


Wann wurde die „Umbettungen“ zwischen Mai 1936 und August 1938 vorgenommen? Was geschah dabei?

Wann nach 1948 wurde die jetzige Gestaltung (steinerne Umfriedungen, Hecke) der Grabstellen auf dem Jüdischen Friedhof vorgenommen? Insbesondere, wann wurde das Grab mit dem Grabstein von Erich Graupe hinzugefügt?

Was liegt unter den Grabstellen für Leonard und Heinrich Nelson?

Wie kann eine Biografie Erich Graupes vervollständigt werden?

Hinweise

Hinweise zu

Einzelnachweise

  1. Nachlass Willi Schaper, Scann eines Originalabzugs,10,5 cm x 7,5 cm.
  2. Philosophisch-Politischen Akademie, 1987
  3. Behrens-Corbet, S. 19.
  4. Fischer
  5. Hertkorn
  6. Archiv der sozialen Demokratie: fünf Exemplare mit den Signaturen 6/FOTA006300, 6/FOTA007803, 6/FOTA007804, 6/FOTA029814, 6/FOTA030317.
  7. Hertkorn
  8. Feidel-Mertz, 1996.
  9. Schaper, [1992], S.28.
  10. BArch N 2210/257, fol. 1.
  11. BArch N 2210/256, fol. 137.
  12. BArch N 2210/256, fol. 11 – 14.
  13. BArch N 2210/258, fol. 1, 2.
  14. BArch N 2210/256, fol. 1, 2.
  15. BArch N 2210/256, fol. 5.
  16. BArch N 2210/256, fol. 5.
  17. Torbov, 2005, S. 61; Torbov, 1985, S. 70.
  18. Siehe auch die Ausgabe des Funken
  19. Torbov, 2005, S. 47-60, Torbov, 1985, S. 53-69.
  20. Foto: Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA030376.
  21. BArch N 2210/256, fol. 26-28.
  22. Siehe ausführlich Edelkommunisten in der Provinz.
  23. UB Marburg 065 2 VIII A 1611; Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Minna Specht: MSAE000068.
  24. UB Marburg 065 2 VIII A 1611; Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Minna Specht: MSAE000068.
  25. UB Marburg 065 2 VIII A 1611; Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Minna Specht: MSAE000068.
  26. Abschrift nach Kopien aus dem Bundesarchiv Berlin: BArch R 1501 fol. 640; bzw. dem Archiv der sozialen Demokratie Bonn, AdsD, Nachlass Minna Specht 1MSAE000068.
  27. Philosophisch-politische Akademie
  28. https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Sozialistischer_Kampfbund Internationaler sozialistischer Kampf-Bund]
  29. L. Nelson
  30. Kant-Fries’sche Philosophie
  31. [ https://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/newsletter/newsletter/NL%202006/NL%2001%202006/html12006/specht.html Minna Specht] war bis zum 19. 4. 1933 in der Walkemühle polizeilich gemeldet.
  32. Grete Hermann war bis zum 20. 4. 1933 in der Walkemühle polizeilich gemeldet. Das mehrfach reproduzierte Foto Minna Specht und Grete Henry-Hermann bringen Dokumente aus der Walkemühle in einen Bank-Safe, Kassel 1933 ist sowohl hier, als auch hier, zu sehen. Die Formulierung Leider war es der ehemaligen Schulleitung gelungen, einen großen Teil des Inventars rechtzeitig vor der Besitzergreifung durch die SA, zu beseitigen. ist falsch! In einem Vermerk (HStA Marburg 223/32) vom 7. 11. 1934 im Zusammenhang mit der „Verbringung“ der Bibliothek aus der Walkemühle in die Landesbibliothek Kassel heißt es: In der Walkemühle seien noch nachträglich in einer Kammer (ca. 20 Ctr.) schriftliches Material vorgefunden worden. Ein weiterer Vermerk vom Februar 1936: Auf Veranlassung des Geh. Staatspolizei-Amtes in Berlin wurden durch die Staatspolizeistellen Kassel die handschriftlichen Bestände der ehemalig kommunistischen Walkemühle-Bücherei, die mit den Buchbeständen in die Landesbibliothek überführt waren, beschlagnahmt und sichergestellt. Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um die Unterlagen (7,5m Akten), die jetzt im Bundesarchiv Berlin als Nachlass Nelson einzusehen sind.
  33. Einführung in das System der Ethik und Pädagogik
  34. Max Wolf Im März 1934 wurde Max Wolf in „Schutzhaft“ genommen.
  35. rein kommunistischen Zwecken
  36. Heussner
  37. „ISK“
  38. 5
  39. Fabrikbesitzer Dr. Braun:
    In Melsungen gibt es zwei Familien Braun, die Fabrikbesitzer sind. Der hier erwähnte Dr. Braun ist wohl der NSDAP-Gauwirtschaftsberater Dr. Rudolf Braun. Als Inhaber der Uzara-Werke in Melsungen wird R. Braun auch „Uzara-Braun“ genannt.
    Der „andere Fabrikbesitzer Braun“, Otto Braun, war 1933 nicht promoviert.
  40. Hermann Roos, Schweizer Fabrikant, „geborener Deutscher und seit 1890 englischer Staatsuntertan“, hat 1922 durch enorme Spenden den Bau des Akademie- und des Lehrgebäudes der Walkemühle ermöglicht und auch weiterhin die Philosophisch-politische Akademie finanziell und ideell unterstützt. Die hier wiedergegebene Richtigstellung ist eine Anlage zu diversen Schreiben und Unterlagen, die Roos der Geheimen Staatspolizei Berlin, Dezernat 7, direkt übergeben hat und die auch am 4. Juli an den Regierungspräsidenten in Kassel geschickt wurden (AdsD, Nachlass Minna Specht, 1MSAE000068).
  41. UB Kassel 37 2º HZ 47.
  42. UB Kassel 38 ZA 2211.
  43. UB Kassel 38 ZA 2211.
  44. HStAD Bestand R 4 Nr. 3259/1-2.
  45. Bann bezeichnete eine Gliederungsebene in der Hitlerjugend. Demgemäß gab es Bannführer bzw. Ober-, Haupt-bannführer.
  46. Nachlass Willi Schaper im AdsD: 1/WSAQ; Brief vom 25.07.1946 an Heinrich Meyer.
  47. Meyer
  48. Rüther, S. 75 ff.
  49. Schaper, Else
  50. Foto Else Schaper, Nachlass Schaper.
  51. Foto Else Schaper, Nachlass Schaper.
  52. Foto Else Schaper, Nachlass Schaper.
  53. Schaper, Willi
  54. Foto: Nachlass Schaper; auch UB Kassel.
  55. Schaper, Willi
  56. Vollständig nachzulesen unter: http://library.fes.de/spdpd/1958/581009.pdf
  57. Grulms, Kleibl, S.9 ff.
  58. Grulms, Kleibl, S. 136-138.
  59. Franke, S. 51 ff.
  60. Hieronimus, S. 91 ff.
  61. Hieronimus, S. 93.
  62. Franke, S. 53.
  63. Franke, S. 89, F. 477.
  64. Franke, S. 90, F.483.
  65. Franke S. 91, F. 491.
  66. Hieronimus, S. 100.
  67. Franke S. 153, F. 868.
  68. Link
  69. Klär, S. 310–360
  70. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) 6/FOTA030337
  71. Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Bestand IJB/ISK 4/IJBISK0018
  72. Fotomontage aus zwei kleinen Bildern.
  73. Foto: Dank an Frau Ingrid Treskow, Hamburg.
  74. Franke, S. 91.
  75. Mayr.
  76. Nachlass Nelson im Archiv der sozialen Demokratie FA029484.jpg.
  77. Trotz intensiver Recherche konnte nicht ermittelt werden, wer die Rechte am Bild hat.
  78. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie 6/FOTA029701.
  79. Mayr, S. [2].
  80. Franke, S. 51 ff.
  81. Hieronimus, S. 91 ff.
  82. Julie Pohlmann war zu der Zeit bei Abwesenheit von Minna Specht die Leiterin des Landerziehungsheims.
  83. Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) 4/IJBISK0028.
  84. HStAMR Bestand 920 Nr. 5192 Standesamt Mörshausen (Spangenberg) Sterbenebenregister 1929, S. 7
  85. H. Nelson, 1922
  86. "In dem vorliegenden Buch wird die alte Legende vom ewigen Juden neu umgestaltet. Mit einem enormen Wissen, ohne irgend welchen Gelehrtendünkel, schildert der Verfasser verschiedene Momente der Weltgeschichte, in denen seine Phantasie Ahasver eine Rolle spielen läßt. Mehr als literarische Bedeutung hat deshalb dieses Werk mit seinen scharfsinnigen, originellen historischen Auffassungen, meines Erachtens wissenschaftlichen Wert .... Unbeirrt von den Wertungen der modernen Kultur tilgt Nelson die Sitten und Prinzipien unserer Zeit, von aufrichtiger Wahrheitsliebe und den edelsten sittlichen Beweggründen geleitet. In dieser Hinsicht hat das Werk eine Tendenz, die mutig verteidigt wird: 'Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit auf Erden unzerstörbar zu erhalten.'" ("Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande" vom 16. November 1924.)
  87. [http://www.worldcat.org/title/michelangeolo-dichtungen/oclc/257961947&referer=brief_results Michelagniolo Buonarroti, Dichtungen.
  88. Rüther, S. 589.
  89. Barbusse
  90. Beilage, [S.4].
  91. Ku Hung-Ming
  92. Auch: ISK, 2. Jg., Heft 12, Dezember 1927, 4. Umschlagseite
  93. Verweis auf Beilage zu ISK, 3.Jg. Heft 2, Februar 1928, [S. 7].
  94. Bundesarchiv Berlin, Nachlass Leonard Nelson, Ordner BArch N 2210/256, S. 100–136.
  95. Siehe dazu Der Ausbildungskurs des IJB 1925 in der Walkemühle.
  96. Foto: Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 6/FOTA030342
  97. Mayr, S. [3].
  98. Foto: Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie: 6/FOTA029912
  99. Siehe Beilage, [S.5].
  100. Erich Honecker hing am 5.8.1989 dem Aberglauben immer noch an: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“
  101. Honecker, 5.8.1989.
  102. Wirsching, S. 8–11.
  103. Heinemann, S. 38.
  104. Wirsching, S. 8–11.
  105. Freund, S. 279.
  106. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729.
  107. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 4.
  108. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 4v.
  109. Hieronimus, S. 113.
  110. Franke S. 224, F. 1334.
  111. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 265.
  112. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 95.
  113. Siehe ausführlich: Freund, S.80 ff.
  114. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 84.
  115. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 265.
  116. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 265.
  117. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 267.
  118. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 268.
  119. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 268.
  120. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 268.
  121. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 269.
  122. 2015 konnte ich vom mittlerweile zuständigen Standesamt von Spangenberg ohne Mühe die Bestätigung bekommen, dass mein Vater 1929 beim damals zuständigen Bürgermeisteramt des Nachbardorfes Mörshausen die standesamtlichen Formalitäten bzgl. des Todes von Heinrich Nelson erledigt hat. Siehe auch oben den Auszug aus dem Sterberegister.
  123. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 270.
  124. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 271.
  125. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 274.
  126. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 275.
  127. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 276.
  128. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 277.
  129. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 278.
  130. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 279.
  131. Die Gelder für die Kosten der „Umbettung“ waren bis zum 1.April 1936 genehmigt.
  132. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 268.
  133. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 281, weiter auf Blatt 282.
  134. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 282.
  135. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 284. Ein Durchschlag des Briefes liegt auch im Nachlass Minna Specht im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn, 1/MSAE 000069.
  136. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 283.
  137. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 284v.
  138. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 286.
  139. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 288.
  140. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 289, auch AdsD Nachlass Minna Specht 1/MSAE000069.
  141. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 291.
  142. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 296.
  143. Frau Dr. Freund wies mich dankenswerter Weise auf Herrn Dr. Friedrich hin, der die Akte HStAM Bestand 180 Melsungen Nr. 5090 genau kannte und den überaus wertvollen Hinweis darauf gab.
  144. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  145. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  146. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  147. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  148. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  149. Aus Justizrat wird Justus!
  150. Nun wird klar, warum die Akten 2017 auch nicht im HStAM auffindbar sind !!!
  151. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  152. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  153. Man fühlt sich an das Sprichwort erinnert: gut Ding will Weile haben!
  154. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  155. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  156. Diese Thematiken werden detailliert behandelt bei Wirsching, S. 17-19.
  157. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  158. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  159. Geheim!
    1. Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne des § 88 von RStGB. in der Fassung vom 24.4.1934 (RGBl. I. S. 341ff.).
    2. Weitergabe nur verschlossen, bei Postbeförderung als „Einschreiben“.
    3. Empfänger haftet für sichere Aufbewahrung.
  160. HStAM 180 Melsungen Nr. 5090, ohne Paginierung.
  161. Siehe Wirsching, S. 24.
  162. Rüther, S. 76.
  163. Nachlass Willi Schaper im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn.
  164. Nachlass Willi Schaper im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn.
  165. Mein Vater Willi Schaper schilderte mir die Lage des Friedhofs an der oberen nordöstlichen Grenze des Geländes der Walkemühle. Dies wird auch bestätigt auf dem Foto (s.o.) der Gräber durch den Staketenzaun. Ein weiterer Hinweis ist die Formulierung „oben auf dem Friedhof“ in den Lebenserinnerungen meines Vaters. (siehe unten…)
  166. Nachlass Willi Schaper im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn.
  167. Willi Schaper, Lebenserinnerungen. Teil I, S. 42.
  168. Siehe oben die Seite aus dem Sterberegister Mörshausen.
  169. Vergleiche dazu die schon oben zitierten Ausführungen des Evangelischen Pfarramts Mörshausen vom 17.2.1936:
    Doch zuvor bitte ich um Mitteilung, wer die Pflege und sonstige Unterhaltung der Grabstätte übernimmt, da um der Ordnung willen, entsprechend den anderen Gräbern, eine ordentliche Grabstätte hergerichtet werden muß.
    Ebenso die prompte Antwort des Landrat Melsungen vom 20.Feb.1936 an den Herrn Bürgermeister in Adelshausen mit Kopie „An das Evgl. Pfarramt in Mörshausen“:
    Die Urne mit der Asche des auf dem Friedhof der Walkemühle beigesetzten Erich Graupe soll demnächst nach dem Friedhof in Adelshausen überführt werden.
    Es ist notwendig, diese Grabstätte in würdiger Weise zu unterhalten, damit Friedhofsbesucher an einer sonst eintretenden Verwahrlosung keinen Anstoß zu nehmen brauchen. Ich nehme an, daß dort eine geeignete Person vorhanden ist, die das Grab von Zeit zu Zeit entsprechend instand setzt. Zweckmäßig wird der Ortsdiener damit zu beauftragen sein. Irgendwelche Ehrenzeichen oder eine Grabeinfassung kommen nicht in Frage. Kosten werden also nicht erwachsen.
    Ich ersuche, mir die Bereitwilligkeit der Gemeinde zur Unterhaltung der Grabstätte bis zum 5.März 1936 zu berichten.**
  170. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 277.
  171. Willi Schaper, Lebenserinnerungen. Teil II S.45.
  172. Nach Auskunft (17.10.2017) des Leiters des Friedhofsamts der Stadt Melsungen, Herrn Otto Günther, werden die drei Grabstellen seit langem von Bediensteten der Stadt gepflegt und regelmäßig mit Blumen bepflanzt.
  173. Siehe auch: Grulms, Kleibl, S. 14 ff., S. 136; Maiwald, S. 318 f.
  174. Willi Schaper, Lebenserinnerungen. Teil II S.45.
  175. HStAM 330 Melsungen, B 940. Instandsetzung jüdischer Friedhöfe
  176. HStAM 330 Melsungen Nr. B 940, ohne Paginierung.
  177. HStAM 330 Melsungen Nr. B 940, ohne Paginierung.
  178. HStAM 330 Melsungen Nr. B 940, ohne Paginierung.
  179. HStAM 330 Melsungen Nr. B 940, ohne Paginierung.
  180. Vergleiche dazu Wirsching, S. 31 ff.
  181. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 265..
  182. HStAM 180 Melsungen Nr. 3729, Blatt 268.
  183. Willi Schaper, Lebenserinnerungen. Teil I, S. 42.
  184. Foto: AdsD, Nachlass Leonard Nelson 6/FOTA030385, ca. 1930.
  185. AdsD, Nachlass Willi Schaper, 1/WSAQ.
  186. HStAMR Bestand 920 Nr. 5205, Standesamt Mörshausen (Spangenberg) Sterbenebenregister 1941, S. 4.
  187. AdsD, Nachlass Willi Schaper, 1/WSAQ.
  188. Foto: Nachlass Schaper.
  189. Mail vom 25.11.2017.
  190. Nachlass Minna Specht im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 1/MSAE000065.
  191. Nachlass Minna Specht im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 1/MSAE000064.
  192. Nachlass Willi Eichler im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 1/WEAA000079.
  193. Foto: Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn, 6/FOTA029605
  194. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) 6/FOTA189815.
  195. Siehe Stier; leider konnte von der HNA keine bessere Kopie bekommen werden.
  196. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 6/FOTA029485.
  197. Nachlass Leonard Nelson im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) Bonn 6/FOTA029486.
  198. Grulms,Kleibl, S. 137.
  199. Siehe dazu: Priesterhände.