Beifang

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Eine Schule wird Burg. Die Gauführerschule wird Gauschulungsburg

oder: Eine Führerin ist kein Führer.

Die Bezeichnung Gauführerschule Walkemühle findet sich im Jahre 1933 in etlichen Dokumenten der NSDAP oder in Zeitungen.
Bei der Recherche in der Zeitung Kurhessischer Erzieher wurden bei der Suche nach anderen Artikeln zwei Artikel über Tagungen in der Gauschulungsburg Walkemühle gefunden:

Die Vorgeschichtstagung am 10./11. Dezember 1938 auf der Gauschulungsburg Walkemühle.[1]
Bericht über die volkskundliche Tagung am 17./18. Dez. 1938 auf der Gauschulungsburg Walkemühle.[2]

Wieso wird eine Schule eine Burg?
Einen weiteren Hinweis gibt eine andere Stelle wieder im Kurhessischer Erzieher:

Aus Anordnungen der Reichsleitung wird folgendes bekannt gegeben:
Die Bezeichnung
Der Führer
war für uns Nationalsozialisten immer ein unantastbarer Begriff.
Heute ist der Führer der NSDAP. der Führer des gesamten Volkes und damit der Begriff staats- und weltpolitisch eindeutig festgelegt.
Ich ordne daher für die Oberste Leitung der PO. [Parteiorganisation] an,
daß kein Politischer Leiter, ganz gleich in welcher Stellung innerhalb der Partei oder einer der angeschlossenen Organisationen er tätig ist, das Wort Führer auch nicht in Verbindung mit einem anderen Wort, für sich verwenden darf.
[... ]
gez. Dr. Ley.[3]

War der Standesbeamte in Mörshausen 1941 kein PG? Er notierte nämlich auf einem Totenschein dass

am 6. Dezember 1941 […] der Gärtner Mathias Schwer am 5. Dezember 1941 gegen 8 Uhr 30 in Adelshausen Gauführerschule Walkemühle aufgehängt aufgefunden worden [ist].[4]

In Heft 3 der o.g. Zeitung[5], ist allerdings auch schon 1939 zu lesen:

Das Landjahr braucht Führerinnen.

Für pädagogisch vorgebildete Mädel besteht die Möglichkeit, als Führerin im Mädellandjahr einzutreten.
[…]
Mädel, die sich für diese Aufgabe geeignet fühlen, melden sich bei der Landjahrbezirksführerin im Regierungsgebäude in Kassel.

Die triviale Erkenntnis, dass eine Führerin kein Führer ist, bestand also - wie hier zu lesen ist - auch schon damals.

(Das benutzte Textverarbeitungssystem markiert die Worte Landjahr und Mädellandjahr als möglicherweise fehlerhaft; das Wort Landjahrbezirksführerin erhält keinen derartigen Hinweis.)


Edelkommunisten in der Provinz

oder: Die Brutstätte in der Kontinuität der Literatur.

Im Melsunger Tageblatt vom 15. März 1933 heißt es:

Die Walkemühle durchsucht und besetzt!
Gestern vormittag erschien in dem Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen, in dem man in nationalen Kreisen schon lange eine kommunistische Brutstätte vermutet, eine Abteilung staatlicher Polizei, die mit Unterstützung von Hilfspolizei und einem Kommando SA. die Anstalt besetzte.[6]

Im Handbuch des Kreises Melsungen 1934 [7] findet sich diese Erwähnung:

Schon lange war es bekannt, daß das internationale Erziehungsheim Walkemühle bei Adelshausen eine kommunistische Brutstätte bildete…

In der offiziellen Geschichte der Stadt Melsungen[8] ist zu lesen:

Weiterhin werden politische Schutzhäftlinge in der Walkemühle inhaftiert. Sie war vor der Machtübernahme Schulungsstätte einer sozialistischen Splittergruppe, des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes" (ISK). Sie galt als Brutstätte für Edelkommunisten. Obwohl die Bewohner sich bei der Machübernahme schnellstens entfernten, wird das Anwesen durch SA und Hilfspolizei erstürmt, besetzt, durchsucht und in Besitz genommen. Da man der Bewohner nicht mehr habhaft werden kann, vergreift man sich an den Toten. Die führende Persönlichkeit der Bewegung, Professor Nelson und ein Arbeiter, die hier begraben liegen, werden mit städtischer Assistenz exhumiert und auf den jüdischen Friedhof überführt.

Unterstreichungen und Formatierungen von Ralf Schaper:
Die unterstrichenen Feststellungen sind beweisbar falsch!
So blieben Gustav Heckmann und Hellmuth Rauschenplat noch bis Anfang Mai 1933 in der Walkemühle polizeilich gemeldet
Weiterhin wird der Eindruck erweckt, dass die Exhumierung 1933 vorgenommen wurde im Gegensatz zu vorhandenen Quellen, dass dies nach März 1936 und vor 1939 vollzogen wurde. Über die sonstigen Bewertungen des Autors Schmidt mögen LeserInnen selbst urteilen.

Wie sich Formulierungen wie Brutstätte für Edelkommunisten weitervererben, selbst in sich seriös gebenden Publikationen, lässt sich schön an diesem Beispiel erkennen:

Später kaufte der Lehrer Ludwig Wunder die Mühle und richtete eine sozialistische Schule ein, die bald vom Göttinger Professor Leonard Nelson übernommen wurde. Bekannte Pädagogen an der Schule waren Minna Specht, die später an der Odenwaldschule unterrichtete, und Nora Platiel, welche später Landgerichtspräsidentin und Kommunalpolitikerin in Kassel war.
Am 14. März 1933 wurde die Schule als kommunistische Brutstätte besetzt, und in der Folge die Gauführerschule Kurhessen eingerichtet. Noch vor Einmarsch der Amerikaner im Jahre 1945 wurden die Gebäude angezündet und brannten ab.

Aus einer kommunistische Brutstätte wird so eine Brutstätte für Edelkommunisten und dann wieder nur eine kommunistische Brutstätte ohne edel; man zitiert ja nicht wörtlich!

Ein kurzer, leichter Blick in LAGIS, das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde, hätte gezeigt, dass Nora Platiel nie Pädagogin war!!! Außerdem wurden nicht die Gebäude angezündet, sondern nur die südlich der Landstraße liegenden! Diese westlichen Gebäude der Walkemühle wurden direkt vor den aus westlicher Richtung von Malsfeld her anmarschierenden amerikanischen Truppen am 1. April 1945 von – nach mündlichen Überlieferungen – abziehenden HJ-Gruppen angesteckt.
Sind die anderen Informationen des Artikels von Herrn Maurer gleichermaßen fundiert recherchiert?

Quellen

Kreis Melsungen [Hrsg.]
Handbuch.
Melsungen: Bernecker, 1934. [Ohne Paginierung.]

Maurer, Kurt
Melsunger Grenzgänge 2008 – 2010.
Mitteilungen des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde Kassel 1834 e.V.
Jg.52, Juli 2011, S. 27–32; hier S. 31, Digitalisat [htm].

Schmidt, Jürgen
Melsungen – Die Geschichte einer Stadt.
Melsungen: Magistrat der Stadt Melsungen, 1978.


Über die Arbeitsmoral von Belasteten

oder: PG.s bei Ordnungsarbeiten im Juni 1945

Abschriften:[9]

Der Bürgermeister Melsungen, den 13. Juni 1945
als Ortspolizeibehörde
Herrn
...................
hier
..................Str.Nr...

Auf Anordnung des Herrn Landrat sind ab Donnerstag, den 14.6. (morgen) für die Dauer von 1- 2 Wochen in der Walkemühle Ordnungsarbeiten durchführen. Sie sind zur Teilnahme an diesen Arbeiten bestimmt worden und haben sich morgen früh um 7.15 Uhr pünktlich an der Nürnbergerlandstrasse bei der Lederfabrik in Arbeitskleidung einzufinden. Verpflegung wird in der Walkemühle gewährt.

Die Herren: [Es folgen 14 Namen.]

Der Bürgermeister Melsungen, den 22. Juni 1945
als Ortspolizeibehörde

Analoger Brief wie oben mit [handschriftlich angeführten ca.] 10 Namen;
umseitig:

Durchdruck
Herrn Meier
Walkemühle

zur Kenntnisnahme.

Die am Freitag eingesetzte Gruppe von HJ-Angehörigen soll am Sonnabend wieder aufhören. Dafür sollen die im umseitigen Schreiben genannten HJ-Führer am Montag eine Woche arbeiten. Weitere Ablösung wird im Laufe der nächsten Woche bestimmt werden.

Melsungen,den 22. Juni 1945
Der Bürgermeister

Heinrich Meyer
Walkemühle Den 26. Juni 1945

An den
Herrn Bürgermeister
der Stadt Melsungen

Sehr geehrter Herr Bürgermeister  !

Nachdem gestern statt der bestellten 10 Hitler-Jungens nur 5 zu den Ordnungsarbeiten erschienen sind, ist heute überhaupt keiner erschienen. Um ein pünktliches Erscheinen zu gewährleisten, schlage ich vor, dass die von Ihnen bestimmten Personen sich jeweils um 7,15 Uhr bei der Polizei in Melsungen stellen.
Ich lasse sie dann durch einen Mann abholen. Auf diese Weise hat die Polizei eine unmittelbare Kontrolle, wer sich der Aufforderung entzogen hat. Die Alt-Pg. waren vorbildlich pünktlich und fleissig, was ich hiermit ausdrücklich hervorheben möchte.

Hochachtungsvoll
gez. H. Meyer

Der ISK auf der documenta 14

Der Internationale Sozialistische Kampfbund ISK gab von 1926 bis 1933 eine monatlich erscheinende Zeitschrift heraus.

Der Pathenon der verbotenen Bücher von Marta Minujin war das herausragende Objekt auf der documenta 14 2017 in Kassel.
Anlässlich des Aufrufs verbotene Bücher zu spenden, suchte ich bewusst diese zwei ISK-Hefte aus dem umfangreichen Nachlass meines Vaters heraus:

ISK 2. Jahrgang, 7. Heft, Juli 1927.
Otto Alpers Ein großer Tag. „Antidemokratische Illusionen“? S. 113-120.
Willi Eichler Die „Diktatur der Intellektuellen“. Eine „ernstliche Auseinandersetzung“. S. 121-130.
Zum Nachdenken: Friedlicher Klassenkampf!

Scan Deckblatt ISK-Heft



ISK 2. Jahrgang, 8. Heft, August 1927.
Rudolf Küchemann Freie Entwicklungsmöglichkeit – für wen? Zum deutschen Reichsschulgesetz. S. 131-146.
Nora Block[10] Kirchenaustritt und Kirchensteuern. Die gesetzlichen Regelungen in den deutschen Ländern. S. 147-153.
Henriette Danneil[11] Esperanto. S. 153-154.

Scan Deckblatt ISK-Heft



Alle am Parthenon der Bücher ausgestellten Druckschriften wurden vorher überprüft, ob, wann und wo sie verboten waren. Dazu gibt es eine Liste von Listen of banned books mit Links zu kurzen und langen Listen. Eine Langliste (Stand Juli 2017, 17 MB) braucht etwas Ladezeit.
Mit der Überprüfung wurde ein Forschungsprojekt an der Universität Kassel unter Leitung von Prof. Nikola Roßbach beauftragt. Um den BearbeiterInnen den Entscheidungsprozess bei den ISK-Heften zu erleichtern, erhielten sie diesen Link zu den Fotos auf der Seite des Projektes Widerstand in Göttingen, auf denen ISK-Hefte deutlich auf dem Scheiterhaufen am 10. Mai 1933 in Göttingen zu erkennen sind. 2008 gab es in Göttingen dazu eine Ausstellung. Weitere Informationen zur dortigen Bücherverbrennung finden sich auf dieser Seite.

Auf dem Friedrichs-Platz in Kassel, auf dem der Parthenon der Bücher errichtet wurde, fand am 19. Mai 1933 eine Bücherverbrennung statt. Am 8. Septembe1941 brannten hier Bücher der Hessischen Landesbibliothek beim Bombenangriff auf Kassel. Die Seite zeigt dazu einige Bilder, z.B. dieses, auf dem noch Bücher im Schutt zu erkennen sind.

Doch nun endlich zu den ISK-Heften am Parthenon der Bücher:
An der Südseite

Ansicht Süd

auf der linken Säule

Ansicht Süd 1

wurde in prominenter Nachbarschaft etwas höher als Augenhöhe das Heft 7 vom Juli 1927 angebracht

Ansicht Süd 2

neben dem Kapital von Karl Marx.

Auf den sehenswerten Seiten von Universes in Univers zur documenta 14 ist die Säule[12] mit dem ISK-Heft auch zu sehen.

Das Heft 8 vom August 1927

Ansicht Nord

wurde an der Nordseite direkt an der Eingangsrampe an der zweiten Säule von links angebracht.

Ansicht Nord 1

Da hängt das Buch die Geschichte der russischen Revolution von Leo Trotzki direkt neben dem ISK-Heft.

Ansicht Nord 2


Ob diese beachtenswerten Hängungen bewusst oder durch Zufall entstanden sind, ist nicht bekannt.


Einzelnachweise

  1. Kurhessischer Erzieher, 83 (1) 1939, S. 10.
  2. Kurhessischer Erzieher, 83 (2) 1939, S. 58.
  3. Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront.
  4. Standesamt Mörshausen (Spangenberg), Sterbenebenregister 1941, Blatt 4. HStAM Bestand 920 Nr. 5205.
  5. Kurhessischer Erzieher, 83 (2) 1939.
  6. Melsunger Tageblatt, Mittwoch, 15. März 1933, 2. Blatt, Nr 63; Neues aus Stadt und Kreis. UB Kassel 38 ZA 2211.
  7. Kreis Melsungen
  8. Schmidt, S. 233.
  9. Hessisches Staatsarchiv Marburg: HStAM 330 Melsungen B Nr 2434
  10. Nora Block hieß später Nora Platiel.
  11. Henriette Danneil hieß später Henriette Ith.
  12. Das Heft hängt ein wenig höher als der Kopf der Frau rechts.